Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: as Seite 2 von 11

Stefan Schwarz, Ich kann nicht, wenn die Katze zuschaut

Es hat mal eine Zeit gegeben, da habe ich – so würde ich es heute nennen – recht bescheuert geschrieben. Kein Satz kam ohne wenigstens einen Neologismus aus, und der wurde noch so zwischen die anderen Satzteile geschwurbelt, dass Schnelllesern bisweilen schwindelig geworden sein muss.

Irgendwann wird man gesetzter; spätestens wenn man einen ordentlichen Hintergrund hat, um zu verstehen, dass gute Literatur mehr bietet als Spielereien und intelligente Witzchen. Man schreibt klarer, eindeutiger und ja, ich verzichte bewusst in meiner aktiv genutzten Sprache auf viele Wörter, die wohl nur ein Bruchteil der Deutschen anzuwenden weiß – vom Verstehen ganz zu schweigen.

Und da kommt mir diese Kolumnensammlung von Stefan Schwarz in die Quere. Ich muss gestehen, bevor mir dieses Buch geschenkt wurde, kannte ich ihn überhaupt nicht. Den Klappentext fand ich in Kombination mit dem Buchtitel lahm, aber ich dachte: Lass dich mal drauf ein. Und dann amüsierte ich mich. Text um Text. Satz um Satz und Wort um Wort.

Es wäre vermessen, Schwarz der Hochliteratur zuzurechnen. Aber die Art, wie er auch eigentlich uninteressante Ereignisse aus seinem Familienleben schildert, hat mich auf jeden Fall für zwei Stündchen aus dem Alltag gerissen. Wer weiß, vielleicht sollte ich auch mal wieder etwas mehr aufdrehen – und sei es nur als Ausgleich für die meist zu Monotonie gezwungenen Schreibe meines Berufslebens.*

* Bedanken möchte ich mich bei meinen Hirnwindungen für den heutigen Ohrwurm „Monotonie in der Südsee“.

Willy Steputat, Reimlexikon

Im klassischen Sinne passt das Buch eigentlich nicht in die hiesige Reihe. Aber wer wie ich mit Worten sein Geld verdient, der weiß jedes Werk zu schätzen, das die Arbeit vereinfacht. Und angesichts der Jahre, die ich inzwischen mit dem Reimlexikon verbracht habe, möchte ich sogar behaupten, es quasi komplett durchgeblättert zu haben. (Dass ich wirklich jedes „Stichwort“ gelesen habe, möchte ich dagegen nicht behaupten.)

Für Wortarbeiter immer brauchbar!

Art Spiegelman, Maus

Wie viele andere Menschen auch hat Art Spiegelmanns Vater den zweiten Weltkrieg überlebt. Wie deutlich weniger Menschen hat er auch die KZs überlebt. Er wanderte in die USA aus und lebte fortan mit der Erinnerung an eine Zeit, für die es meiner Meinung nach kaum adäquate Wörter gibt.

Diese Zeit, diese Erinnerung prägte nicht nur Art Spiegelmanns Vater, sie prägte über die Familienerinnerung auch Art Spiegelmann selbst. Er begann, seinen Vater zu interviewen, dessen Geschichte zu notieren und aufzubereiten. Dazu wählte er aber eine Weise, die bis dahin beispiellos war. Er schrieb die Geschichte nicht einfach herunter, sondern er gestaltete daraus einen ernsten Comic. Er packte all das Grauen in eine Geschichte um Mäuse, die von Katzen verfolgt werden in einem Land, das von lauter Schweinen bewohnt ist.

Mit dieser Umsetzung ist Spiegelmann etwas ganz Besonderes gelungen. Einerseits mildert er bestimmte Dinge ab, andererseits kann er Dinge abbilden, die man kaum in Worte fassen kann.

Maus ist nicht nur Lektüre für Jugendliche. Die beiden Bände (I: My Father Bleeds, II: And Here My Troubles Began) sind auch jedem Erwachsenen zu empfehlen.

Gilbert Shelton, Famous Tales of Fat Freddy’s Cat

Wer die Fabulous Fury Freak Brothers kennt, kennt auch Fat Freddy’s Cat. Das launige Pelztier, das zwischen Kakerlaken und Dope seinen Tag schlafend und fressend verbringt und seinem Herrchen mit Vorliebe in die Pantoffeln kackt oder auf die Matratze schifft, erlebte als Sidekick zahlreiche amüsante Abenteuer. In diesem amüsanten Band sind sie (weitgehend) zusammengestellt, sodass man sich bei der Lektüre über Truthähne, Katzenenkel und Walderlebnissen einer Stadtkatze auf diesen Kater konzentrieren kann.

Arno Schmidt, Deutsches Elend

Mein letzter kleiner Arno-Schmidt-Band umfasst „13 Erklärungen zur Lage der Nation“, also wiederum eine Reihe von Essays, in denen Schmidt sich diesmal über den Adenauerstaat auslässt, und was es daran auszusetzen gab (ich setze als bekannt voraus, dass es da einiges gab; der Interessierte google zum Anfang einfach mal nach „Die schwarzen Kassen der CDU“; dieses System geht nämlich weit über Flick und Kohl hinaus).

Wie bei den anderen kleinen Bändchen kann ich daher auch dieses hier sehr empfehlen, wobei es in dieser Ausgabe nur mit Glück antiquarisch erhältlich sein dürfte.

Arno Schmidt, Der Platz, an dem ich schreibe. 17 Erklärungen zum Handwerk des Schriftstellers

Ein weiteres kleines lustiges Bändchen aus der praktischen Haffmans-Reihe. Hier sind Schmidts Essays versammelt, in denen er sich mit seiner Rolle als Schriftsteller in der (frühen) Bundesrepublik auseinandersetzt. Oft ist es ein seltsamer Mix aus Anspruchsdenken und Verachtung des Staats, von dem er sich wünschte, durchgefüttert zu werden, um Kultur zu erschaffen. Der Band ist ein angenehmer Einstieg in Schmidts Werk, weil man Einblicke in die Eigensicht des Autors bekommt, die beim Verständnis mancher Texte gut weiterhilft. Für den Anfänger ist dieser Band also durchaus zu empfehlen – vorausgesetzt, man findet das Buch noch irgendwo im Antiquariat.

Arthur Schopenhauer, Eristische Dialektik – oder die Kunst, Recht zu behalten

Ein Buch, das schon im Titel Freude macht. Ja, die Beschäftigung mit der eristischen Dialektik ist nicht nur theoretisch ein amüsanter Spaß. Man kann sie darüber hinaus auch selbst aktiv anwenden oder bei – zumindest rhetorisch besser geschulten – Politikern beobachten. Putin zum Beispiel macht sich hin und wieder gegenüber Journalisten den Spaß, genau so mit ihren Fragen umzugehen, wie es Schopenhauer vor bald 180 Jahren für Diskussionen geraten hat.

So gesehen ist es also auch ein praktischer Ratgeber für den Fall, dass man sich hin und wieder argumentativ mit anderen Menschen auseinandersetzen muss. Es sei allerdings nicht verschwiegen, dass es dabei weniger darum geht, wirklich das Richtige zu sagen, sondern einen bestimmten Disput, eine einzelne Diskussion zu gewinnen. Aber dafür ist es wirklich ein empfehlenswerter Spaß!

Arno Schmidt, Griechisches Feuer

Erinnerungen sind schon eine ungewöhnliche Sache. Das eine ist abgespeichert wie in Stein gemeißelt und Bernstein gegossen. Das andere ist so flüchtig wie ein mikrosopischer Tropfen Spiritus auf einem Glastisch.

Die „13 historische Skizzen“, wie das vorliegende Büchlein untertitelt ist, waren tatsächlich mein erster richtiger Schmidt. Ich hatte damals zwar schon einiges Schmidt-Namedropping und den ein oder anderen kurzen Auszug in den Fingern gehabt. Aber erst als ich dieses Hafmanns-Bändchen bekam, in dem dreizehn kurze Essays versammelt sind, die sich mit historischen Begebenheiten beschäftigen, konnte ich richtig reinschnuppern. Ich fand die Ausgabe in einem Antiquariat in Kiel, das ich wiederholt besuchte, wenn ich mittags Zeit hatte. Nach dem stolzen Kauf marschierte ich zu einer Dönerbude in einer Parallelstraße. Die Bude war wie ein langer Schlauch gestaltet, ganz hinten nahm ich Platz und ließ mich hier von TRT Int oder irgendeinem anderen mir unverständlichen Quark beschallt. Dann packte ich die Beute aus, und verliebte mich auf Anhieb in diese Sprache. Ich weiß nicht, ob es jetzt eher überheblich oder verstörend wirkt, aber ich erkannte meine Gedankengänge und -sprünge in diesen verschachtelten, verwurstelten Sätzen wieder.

Männern wird gern nachgesagt, dass sie des Multitaskings nicht fähig seien. Ich möchte nicht beurteilen, wie das in offensichtlicher Hinsicht bei mir ist. Aber ich weiß, dass meine Gedanken eben genau das tun: wildestes Multitasking. Das geht so weit, dass ich bei Alltagsgeplapper meist über ganz andere Dinge nachdenke, als ich gerade rede – und zwar nicht nur über ein ganz anderes Ding, sondern über zig andere Dinge. Deshalb macht es manchmal auch den Eindruck, dass ich stottere, wenn ich nur so nebenher nuschle. Es ist kein Stottern im eigentlichen Sinne, nein, mein Mund kommt nur meinen Gedanken absolut nicht hinterher. Und während ich in Gedanken schon fünf Kapitel weiter bin, verbiegt sich die Zunge noch bei den einleitenden Sätzen.

Ich schweife aus. Aber vielleicht erklärt dieser Kleinversuch meiner verkorksten Gedankenwelt, warum ich dermaßen entzückt war, während ich mir diesen verbrannten Haufen toten Tiers einverleibte. Nur kurz darauf besorgte ich mir eine stärkere Dosis Schmidt.

Klaus Schröter, Heinrich Mann (Rowohlt-Biographie)

Es wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben, warum die beiden Brüder Thomas und Heinrich qualitativ so verschieden geschrieben haben – und warum ausgerechnet die Schlaftablette höher geschätzt wird. Sei es wie es sei, ich lese lieber Heinrich und daher hab ich auch lieber eine Biographie über ihn gelesen als über Thomas.

In diesem Fall war es ein angenehmer kleiner Einblick in Heinrichs Leben und die Umstände der Entstehung seines Werks.

Uwe Schulz, Montaigne (Rowohlt-Biographie)

Es gibt so zwei, drei Ecken in Frankreich, die ich bereits bereist habe. Manche, wie die Provence, sogar mehrfach. Leider hat es mich bislang noch nie nach Montaigne verschlagen. Und das, obwohl ich natürlich gern mal da vorbeischauen würde. Insbesondere den Turm, in dem er geschrieben hat, würde ich gern mal eigenäugig in Betracht nehmen. Nun, bis dahin muss ich mich von hier aus darauf beschränken, mich durch Montaignes Texte, aber eben auch durch Biographien wie diese hier aus der rororo-Reihe diesem Denker anzunähern.

Wie üblich bei den rororos gilt auch hier: hübscher schneller Einstieg, aber die Vertiefung sollte dann doch mit anderen Werken erfolgen. (Und wer mir eine gute Montaigne-Biographie empfehlen kann, gebe mir bitte einen Tipp. Ich freue mich darüber!)

Seite 2 von 11

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén