Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Arno Schmidt, Griechisches Feuer

Erinnerungen sind schon eine ungewöhnliche Sache. Das eine ist abgespeichert wie in Stein gemeißelt und Bernstein gegossen. Das andere ist so flüchtig wie ein mikrosopischer Tropfen Spiritus auf einem Glastisch.

Die „13 historische Skizzen“, wie das vorliegende Büchlein untertitelt ist, waren tatsächlich mein erster richtiger Schmidt. Ich hatte damals zwar schon einiges Schmidt-Namedropping und den ein oder anderen kurzen Auszug in den Fingern gehabt. Aber erst als ich dieses Hafmanns-Bändchen bekam, in dem dreizehn kurze Essays versammelt sind, die sich mit historischen Begebenheiten beschäftigen, konnte ich richtig reinschnuppern. Ich fand die Ausgabe in einem Antiquariat in Kiel, das ich wiederholt besuchte, wenn ich mittags Zeit hatte. Nach dem stolzen Kauf marschierte ich zu einer Dönerbude in einer Parallelstraße. Die Bude war wie ein langer Schlauch gestaltet, ganz hinten nahm ich Platz und ließ mich hier von TRT Int oder irgendeinem anderen mir unverständlichen Quark beschallt. Dann packte ich die Beute aus, und verliebte mich auf Anhieb in diese Sprache. Ich weiß nicht, ob es jetzt eher überheblich oder verstörend wirkt, aber ich erkannte meine Gedankengänge und -sprünge in diesen verschachtelten, verwurstelten Sätzen wieder.

Männern wird gern nachgesagt, dass sie des Multitaskings nicht fähig seien. Ich möchte nicht beurteilen, wie das in offensichtlicher Hinsicht bei mir ist. Aber ich weiß, dass meine Gedanken eben genau das tun: wildestes Multitasking. Das geht so weit, dass ich bei Alltagsgeplapper meist über ganz andere Dinge nachdenke, als ich gerade rede – und zwar nicht nur über ein ganz anderes Ding, sondern über zig andere Dinge. Deshalb macht es manchmal auch den Eindruck, dass ich stottere, wenn ich nur so nebenher nuschle. Es ist kein Stottern im eigentlichen Sinne, nein, mein Mund kommt nur meinen Gedanken absolut nicht hinterher. Und während ich in Gedanken schon fünf Kapitel weiter bin, verbiegt sich die Zunge noch bei den einleitenden Sätzen.

Ich schweife aus. Aber vielleicht erklärt dieser Kleinversuch meiner verkorksten Gedankenwelt, warum ich dermaßen entzückt war, während ich mir diesen verbrannten Haufen toten Tiers einverleibte. Nur kurz darauf besorgte ich mir eine stärkere Dosis Schmidt.

Zurück

Biutiful

Nächster Beitrag

Der Name der Leute

  1. Deswegen halte ich nichts vom Multitasking und denke, man sollte sich lieber richtig auf eine Sache konzentrieren. Es reicht mir schon, wenn Personen, die vorgeben, sich mit mir unterhalten zu wollen, nebenher noch zig Dinge mit ihrem Handy erledigen. Statt gedanklich abzuschweifen, ist es mir lieber, wenn jemand sagt, dass er gerade keine Zeit z.B. für ein Gespräch hat, weil er über etwas anderes nachdenken muss bzw. an etwas anderem arbeitet. Allerdings kann ich Dir sagen, dass auch diese Einstellung nicht überall gut ankommt.

    Bei Texten kann ich mir Ausschweifungen, Gedankensprünge und wildes Schlüsse ziehen jedoch gut vorstellen. Das ist irgendwie ehrlich, denn so gradlinig, wie Figuren in Texten, denkt wohl im wirklichen Leben niemand.

    • Genau deswegen wirkt dieser Effekt bei mir am ehesten, wenn man mich mit Alltagsgeplapper zutextet. Wenn es wichtig ist, bin ich auch konzentriert bei der Sache und verhaspele mich weniger.

      • Na, dann hoffe ich mal für Dich, dass es nicht allzu häufig vorkommt, dass man Dich zutextet und Du in Ruhe Gedankenspringen kannst. 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén

%d Bloggern gefällt das: