Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: Literatur Seite 1 von 35

James Fenimore Cooper, Der letzte Mohikaner

Als Kind hatte ich den einen oder anderen Klassiker gelesen, in der Regel dürften es „Jugendversionen“ gewesen sein, jedenfalls war mein Robinson Crusoe damals deutlich kürzer als die Fassung, die ich Jahre später gelesen habe.

Cooper hat mich als Kind seltsamerweise nie recht gefesselt. Ich bin mir nicht sicher, ob mir die Schilderungen einfach zu kompliziert waren im Vergleich zur Winnetou-Welt (die ich zugegebenerweise eher aus Fernsehen und Filmfestspielen kannte, weil ich Mays Bücher auch furchtbar fand – wenn auch anders als Cooper).

Im Nachhinein muss ich mich aber fast fragen, ob das bei Cooper nicht vielleicht ein Glück war. Denn dadurch, dass ich ihn erst spät zu lesen angefangen habe, konnte ich ihn ganz anders und wie ich glaube: tiefgreifender genießen, als es mir als Kind/Jugendlicher hätte möglich sein können.

Zurück zum Titel: Der letzte Mohikaner ist ein enorm kurzweiliges Stück, in dem eigentlich nur wenige Szenen eine eigentlich überschaubare Handlung unglaublich spannend schildern.

Und ja: Ich bin dank Ticonderoga mal wieder auf die Fährte gestoßen worden, die ich allerdings schon vor Jahren anhand der Schmidt’schen Übersetzungen aufzunehmen begonnen hatte.

Cooper ist auch in diesem Fall eine Lektüre wert!

Haruki Murakami, Die Ermordung des Commandatore

Zu Silvester 2018/2019 war mir von diesem Buch erzählt worden. Der Erzähler hatte es noch nicht zu Ende gelesen, aber so positiv davon berichtet, dass ich mehr als neugierig wurde.

Der Zweibänder erreichte mich dann als Leihgabe und die Leihgeberin bat mich, ihr den Schluss zu erklären, sollte ich ihn verstehen.

Ich fing schon bald mit der Lektüre an. Vor allem zu Beginn war ich schnell in die Geschichte vertieft, aber je mehr ich mich dem Ende näherte, desto beknackter fand ich sie ehrlich gesagt. Und wo ich zu Beginn der Lektüre noch dachte: „Wird ja wohl ein Klacks, den Schluss später zu erklären!“, verlor ich Seite um Seite die Lust, den Schluss überhaupt noch verstehen zu wollen. Die Verschachtelung in sprachliche Stilmittel ist mir einfach zu aufgesetzt – aber vielleicht bin ich auch nicht in der Lage, daraus die rechte Freude zu entwickeln, um dort die Pointen zu begreifen.

Karl Wezel, Hermann und Ulrike

Irgendwie unglückliche Gestalten gibt es in der Literaturgeschichte ohne Frage mehr als genug. Von der einen Gestalt hat kaum jemand etwas gehört, von anderen hat zumindest irgendetwas überlebt.

Wezel gehört eher zur zweiten Gattung. Zum Teil weil er zu seiner Zeit schon bekannt war, es sich aber mit seinen Zeitgenossen verscherzte – oder die es sich mit ihm. Zum Teil aber natürlich auch, weil er von Multiplikator Arno Schmidt ausgegraben und im Rahmen von dessen Radioessays präsentiert wurde.
Der konzentrierte sich allerdings auf Wezels Belphegor, ein zwar lesenswertes, aber milzsüchtiges Buch.

Amüsanter ist dagegen Hermann und Ulrike. Das präsentiert zwar eine ähnlich bösartige Welt. Aber um die Hauptfiguren entwickelt sich insgesamt eine positivere Geschichte, wenn auch mit mehrfachen Redundanzen.

In der aktuellen Ausgabe der Anderen Bibliothek sollte man als Leser allerdings die Bereitschaft mitbringen, nicht auf moderne Rechtschreibung zu bestehen. Dann macht der Doppelband auf jeden Fall Freude.

Karl-Ove Knausgård, Kämpfen

Es ist nur wenige Rezensionen her, da erwähnte ich etwas über die Korrelation zwischen Buchqualität und meinen Markierungen im Text. Damals merkte ich an, wenige Markierungen seien ein untrügliches Zeichen für eher maue Qualität und vice versa. Ganz so klar ist es leider doch nicht immer.

Bei Kämpfen von Knausgård hatte ich nämlich einige Darts gesetzt. Dabei handelte es sich selten um stilistisch besonders gelungene Formulierungen. Öfter waren es Ähnlichkeiten oder aber das totale Gegenteil, die ich zwischen Knausgårds und meinem Leben ausmachte, und seine Gedanken dazu.

Das ist für mich der eigentliche Witz Knausgårds, wie mir hier erst wirklich bewusst wurde: Sein Kampf fesselt mich nicht aufgrund des Stils oder des scheinbar ungehörigen Ansatzes. Nein, er fesselt mich durchs Wiedererkennen von Handlungsmustern, Gefühlen, Erfahrungen, Reaktionen darauf.

Deshalb war Kämpfen, in dem Knausgård über Hunderte Seiten über Hitler, Celan etc. (!) essayiert, über weite Strecken echt nervig. Besonders schlimm war es, weil er seine Interpretation von Celangedichten mit dem Geständnis einleitet, Gedichte nicht interpretieren zu können. Er hat recht. Er kann es nicht und sollte es dringend lassen.

Eine Empfehlung möchte ich angesichts des Seitenbergs und meines vielleicht etwas speziellen Zugangs daher nicht aussprechen.

Herman Melville, Typee

So sehr ich Geschichten rund um die Seefahrt mag, so hadere ich ja auch ein wenig mit Melville, gerade wegen seines Monstrums. Als ich diese Ausgabe von Typee in die Finger bekam, konnte ich aber nicht nein sagen. Ich kaufte, las und amüsierte mich.

Hier schreibt ein unbekümmerter Autor ohne jede Last, auch wenn er sich teilweise anderer Schriften bedient. Die Geschichte mag insgesamt recht belanglos sein. Die Atmosphäre von Nuku Hiva zur Mitte des 19. Jahrhunderts fängt er aber so gekonnt ein, dass ich mich während und auch noch nach der Lektüre immer wieder dabei ertappte, in den Gedanken in die Südsee abzuschweifen.

Das gelang in dieser Art eigentlich nur Stevenson.

Rundum zu empfehlen, insbesondere Leuten, die gern in Gedanken in die Ferne schweifen (auch ein Beitrag zur Klimaverbesserung).

Frank Witzel, Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

Ich finde es nach der Lektüre eines Buchs immer schlagend, mir den Schnitt anzuschauen. Vor vielen Jahren hatte ich damit begonnen, mir beim Lesen Notizen zu machen. Ich begann, mir Sätze und Absätze zu notieren, die ich besonders schön formuliert fand, die einen Gedanken enthielten, über den weiter nachzudenken ich für sinnvoll erachtete oder die mir schlicht und einfach gefielen.

Schrieb ich zu Beginn die Sätze meist direkt ab, entwickelte ich über die Jahre eine alternative Technik. Dazu verwende ich diese Bookdarts, mit denen ich während der Lektüre schnell markiere, was ich später notieren möchte.

Daher, um zum Anfang zurückzukommen, ist es leicht, nach dem Ende einer Lektüre zu erkennen, wie sehr mir ein Buch gefallen hat: Stecken im Schnitt viele Bookdarts, ist viel Notierenswürdiges auf den Seiten. Finde ich nach der Lektüre keinen einzigen Marker, war das Buch irgendwas zwischen belanglos und Zeitverschwendung. So z.B. beim dritten Subutex.

Der Witzel, an dem ich zugegebenerweise lange gelesen habe, auch weil aufgrund äußerer Umstände immer wieder Unterbrechungen der Lektüre notwendig wurden, ist dagegen am Ende meiner Reise durch das Jahr 1969 gespickt mit Bookdarts. (Ich rechne damit, dass mich die Niederschrift meiner Notizen noch eine Reihe von Abenden kosten wird, aber die Sätze, die ich notieren werde, sind diese Abende wert.)

Zum Buch: Witzel schildert in einer grandiosen Tapisserie, die in den verschiedensten Mustern und Farben gestaltet ist, eine herrliche Geschichte. Wirken Teile zunächst verworren, geht das nicht zulasten des Lesers, sondern löst sich an anderer Stelle. Dabei geht es um eine Figur, die selbst ordentliche Probleme mit der Trennung zwischen Realität und Vorstellung hat – und diese Probleme zwangsläufig weitergibt. An die Obrigkeiten, an die Therapeuten, aber eben auch an den Leser. Dennoch kristallisieren sich auf clevere Weise Themen heraus, mit denen die Figur auf die ein oder andere Weise kämpfen muss: der gottgleiche Vater, der Bruder als Ziel der Eifersucht, die Fehlstelle der kranken Mutter, die von einer verhassten Pflegerin von der Caritas nicht aufzufüllen ist,  falsche und mehr oder weniger wahre Freunde, die prägenden Erfahrungen durch die katholische Kirche und ihre Pfarrer und, und, und. Gleichzeitig präsentiert Witzel ein im positivsten Sinne fast schon enzyklopädisches Sammelsurium an Kindheitserinnerungen der Spätsechziger in Hinblick auf Musik, Naschzeug, dessen Preise und Spielzeug. Kurz: Das Ganze ist einfach köstlich.

Das freut mich umso mehr, als ich noch erinnere, dass mich die ersten Rezensionen, die ich beim Erscheinen las, sofort elektrisierten. Ich kam lediglich nicht dazu, mir das Buch zügig zu besorgen und irgendwann fiel es etwas in Vergessenheit, bis ich es zufällig in einer Buchhandlung liegen sah – und mitnahm. Das war definitiv die richtige Entscheidung!

Adelbert von Chamisso, E.T.A. Hoffmann, Karl Wilhelm Salice-Comtessa, Friedrich de la Motte Fouqué, Der Roman des Freiherrn von Vieren

In der Romantik ist ja einiges experimentiert worden. Manches zum Glück, auf anderes hätte man auch verzichten können. Ein schönes Beispiel fürs Glück ist der zerbrochene Krug, den Kleist im Wettstreit mit Wem-noch-gleich? aus einem Kupferstich entwickelt hat. Sprich, jeder nahm sich das Bild und erfand um die Szene eine Geschichte.

Einen anderen Ansatz wählten die Serapionsbrüder Chamisso, Hoffmann, Salice-Comtessa und de la Motte Fouqué. Sie schrieben einfach einen kurzen Roman in Arbeitsteilung. Der eine begann, der andere setzte fort und so weiter. Die Idee fand ich enorm amüsant, die Autoren gut bis spannend. Aber leider, leider muss ich sagen, ist dieses Experiment gescheitert. Die Geschichte, die die vier hier zusammengebraut haben, hinkt auf allen Beinen. Besser wird es erst, als Salice-Comtessa und Hoffmann Teile und Szenen des Experiments nehmen und daraus eigene Geschichten entwickeln (Das Bild der Mutter bzw. Die Doppeltgänger). Allerdings muss man sagen, dass auch diese Geschichten nicht auf dem höchsten Niveau sind. Schade.

Virginie Despentes, Vernon Subutex (3)

Was hatte ich auf das Erscheinen des dritten Bandes gewartet! Schon der erste Band hatte mich ziemlich angefixt, Band zwei kam mir dann zwar bereits schwächer vor, hielt aber eine gewisse Spannung fürs Erscheinen des Abschlusses. Das galt umso mehr, als breit angekündigt war, Despentes würde in diesem Band auch die Anschläge in Paris zum Thema machen.

Und dann das. Die Geschichte ist so mau-flau, dass ich zwar gut von Kapitel zu Kapitel kam, mich aber ständig gefragt hatte, was da kommen soll. Inhaltlich jedenfalls nicht viel. Denn die eigentliche abschließende Subutex-Geschichte wäre problemlos und ohne ästhetischen Verlust in einem Absatz erzählbar.

Blieb also noch das, was mich zusätzlich interessiert hatte. Doch auch hier: Bei der ersten Erwähnung, die so indirekt und schon im Nachklapp stattfand, wunderte ich mich über die Perspektive (die Sorge von Frauen, abends in Paris auf hohen Hacken rauszugehen, weil sie vielleicht schnell rennen müssten). Dann kam lange erst mal gar nichts. Und schließlich die ein oder andere Anspielung auf Paris, Berlin und anderes. Aber praktisch nie viel mehr als ein Sätzlein.

Mit einigermaßen guten Willen kann man dann ein zum Ende hin gesetztes Ereignis so verstehen, dass Despentes hier dem Thema gerecht werden wollte. Aber um ehrlich zu sein, finde ich auch das gescheitert.

Kurz: Das äußerst lahme Fazit aus Band drei hat mir insgesamt die Lektüre der Trilogie etwas versaut. Danach möchte ich die Trilogie ehrlich gesagt nicht mehr empfehlen.

Hanns Dieter Hüsch, Der Fall Hagenbuch

Der Umzug neulich hatte verschiedene Vorzüge. Unter anderem den, dass ich viel unterwegs war, um Sachen zu besorgen, herumzufahren oder sonstwie mobil zu sein. Dabei hörte ich viel Radio, an einem Abend lief dazu eine wunderbare Aufzeichnung von Hanns Dieter Hüsch, der ein Theaterstück vorlas, in dem ein Hagenbuch Shakespeare gab (oder zumindest Teile davon).

Hüsch war mir natürlich weder neu noch überraschend, Hagenbuch dagegen kam mir zum ersten Mal in die Gehörgänge. Und ich amüsierte mich so köstlich, dass ich nach der Ankunft im Wagen sitzen blieb, um die Aufzeichnung zu Ende zu hören.

Es war ein permanentes Wiederholen und scheinbar unsinniges Hin und Her, das aber so vorzüglich und vor allem dermaßen amüsant von Hüsch vorgetragen, dass ich zu Hause augenblicklich nach dem Buch suchte und ein gebrauchtes Hagenbuch-Exemplar bei Booklooker bestellte. Alas! Natürlich wählte ich ein Buch aus, in dem AUSGERECHNET dieser Text nicht vorkam, in dem Hagenbuch zu Rosenohr von Tisch zu Bett und in oder aus dem Schrank jedenfalls Hagenbuch zu Rosenohr Auf Wiedersehn! rief, wir sehn uns wieder beim Walzertakt im Totenhemdn und nich das Hemd für uns zu knapp Ade und ab Rosenohr wiederum kam sogar überhaupt nicht in meinem erstandenen Buch vor, dagegen vielerlei Amüsantes.

Lesetipp für den vielleicht nicht ganz so gewöhnlichen Geschmack!

John Williams, Stoner

Williams war für mich Anfang 2017 eine sehr erfrischende Entdeckung. Im Nachwort von Augustus war u.a. das Buch Stoner empfohlen worden. Mit kleiner Verzögerung hatte ich mir das Buch nun besorgt und recht zügig durchgelesen.
In diesem Werk, das (auch) autobiographische Züge enthält, schildert Williams das Leben eines Mannes, der aus einfachen Verhältnissen kommt und dem – von außen betrachtet – eine akademische Karriere gelingt, bis er in ein seltsames Intrigenspiel gerät. Ähnlich ergeht es ihm privat: Er heiratet eine Tochter aus gutem Hause, beide finden aber nie recht zusammen. Obwohl sie sogar eine Tochter bekommen, führen sie eine sehr unschöne Ehe, die zeitweise sogar in eine Affäre mündet.
Williams schreibt hier wunderbar. Ganz schlicht und unprätentiös. Die Erzählung wirkt teilweise unbeteiligt objektiv und erzeugt gerade durch diesen Trick eine tiefe Sympathie für den Helden.

Das Buch möchte ich uneingeschränkt empfehlen.

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