Ich finde es nach der Lektüre eines Buchs immer schlagend, mir den Schnitt anzuschauen. Vor vielen Jahren hatte ich damit begonnen, mir beim Lesen Notizen zu machen. Ich begann, mir Sätze und Absätze zu notieren, die ich besonders schön formuliert fand, die einen Gedanken enthielten, über den weiter nachzudenken ich für sinnvoll erachtete oder die mir schlicht und einfach gefielen.

Schrieb ich zu Beginn die Sätze meist direkt ab, entwickelte ich über die Jahre eine alternative Technik. Dazu verwende ich diese Bookdarts, mit denen ich während der Lektüre schnell markiere, was ich später notieren möchte.

Daher, um zum Anfang zurückzukommen, ist es leicht, nach dem Ende einer Lektüre zu erkennen, wie sehr mir ein Buch gefallen hat: Stecken im Schnitt viele Bookdarts, ist viel Notierenswürdiges auf den Seiten. Finde ich nach der Lektüre keinen einzigen Marker, war das Buch irgendwas zwischen belanglos und Zeitverschwendung. So z.B. beim dritten Subutex.

Der Witzel, an dem ich zugegebenerweise lange gelesen habe, auch weil aufgrund äußerer Umstände immer wieder Unterbrechungen der Lektüre notwendig wurden, ist dagegen am Ende meiner Reise durch das Jahr 1969 gespickt mit Bookdarts. (Ich rechne damit, dass mich die Niederschrift meiner Notizen noch eine Reihe von Abenden kosten wird, aber die Sätze, die ich notieren werde, sind diese Abende wert.)

Zum Buch: Witzel schildert in einer grandiosen Tapisserie, die in den verschiedensten Mustern und Farben gestaltet ist, eine herrliche Geschichte. Wirken Teile zunächst verworren, geht das nicht zulasten des Lesers, sondern löst sich an anderer Stelle. Dabei geht es um eine Figur, die selbst ordentliche Probleme mit der Trennung zwischen Realität und Vorstellung hat – und diese Probleme zwangsläufig weitergibt. An die Obrigkeiten, an die Therapeuten, aber eben auch an den Leser. Dennoch kristallisieren sich auf clevere Weise Themen heraus, mit denen die Figur auf die ein oder andere Weise kämpfen muss: der gottgleiche Vater, der Bruder als Ziel der Eifersucht, die Fehlstelle der kranken Mutter, die von einer verhassten Pflegerin von der Caritas nicht aufzufüllen ist,  falsche und mehr oder weniger wahre Freunde, die prägenden Erfahrungen durch die katholische Kirche und ihre Pfarrer und, und, und. Gleichzeitig präsentiert Witzel ein im positivsten Sinne fast schon enzyklopädisches Sammelsurium an Kindheitserinnerungen der Spätsechziger in Hinblick auf Musik, Naschzeug, dessen Preise und Spielzeug. Kurz: Das Ganze ist einfach köstlich.

Das freut mich umso mehr, als ich noch erinnere, dass mich die ersten Rezensionen, die ich beim Erscheinen las, sofort elektrisierten. Ich kam lediglich nicht dazu, mir das Buch zügig zu besorgen und irgendwann fiel es etwas in Vergessenheit, bis ich es zufällig in einer Buchhandlung liegen sah – und mitnahm. Das war definitiv die richtige Entscheidung!