Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

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Ror Wolf, Die plötzlich hereinkriechende Kälte im Dezember

Irgendwie hatte ich meinen Leib- und Magendichter Wolf ein wenig aus den Augen verloren. Umso mehr freute ich mich, als ich bei der Buchmesse in Wien dieses Bändchen entdeckte. Leider schaute ich es mir nicht näher an und wollte auch gepäckbedingt kein Buch vor Ort kaufen. Ich merkte mir den Titel und wollte den Kauf zu Hause nachholen. Bei der Gelegenheit entdeckte ich Schmachvolles: Es gab längst ein paar Bändchen, die mir die letzten Jahre durch die Lappen gegangen waren!

Wie dem auch sei – zunächst blieb ich bei der Dezemberkälte und war bei der Lektüre sehr vergnügt. Der Band enthält neben einer Vielzahl von Gedichten, auch aus dem Waldmann-Gedichtekreis, wunderschöne Collagen vom Meister selbst.
Und wie nie zuvor ist mir hier bei den Gedichten bewusst geworden, dass er auch bei den Texten mit Collagen arbeitet, indem ähnliche Vokabeln und Fragmente immer wieder Verwendung finden, und zwar ohne langweilig zu werden!

Dem vergnügten Leser stets zu empfehlen!

Frank Witzel, Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

Ich finde es nach der Lektüre eines Buchs immer schlagend, mir den Schnitt anzuschauen. Vor vielen Jahren hatte ich damit begonnen, mir beim Lesen Notizen zu machen. Ich begann, mir Sätze und Absätze zu notieren, die ich besonders schön formuliert fand, die einen Gedanken enthielten, über den weiter nachzudenken ich für sinnvoll erachtete oder die mir schlicht und einfach gefielen.

Schrieb ich zu Beginn die Sätze meist direkt ab, entwickelte ich über die Jahre eine alternative Technik. Dazu verwende ich diese Bookdarts, mit denen ich während der Lektüre schnell markiere, was ich später notieren möchte.

Daher, um zum Anfang zurückzukommen, ist es leicht, nach dem Ende einer Lektüre zu erkennen, wie sehr mir ein Buch gefallen hat: Stecken im Schnitt viele Bookdarts, ist viel Notierenswürdiges auf den Seiten. Finde ich nach der Lektüre keinen einzigen Marker, war das Buch irgendwas zwischen belanglos und Zeitverschwendung. So z.B. beim dritten Subutex.

Der Witzel, an dem ich zugegebenerweise lange gelesen habe, auch weil aufgrund äußerer Umstände immer wieder Unterbrechungen der Lektüre notwendig wurden, ist dagegen am Ende meiner Reise durch das Jahr 1969 gespickt mit Bookdarts. (Ich rechne damit, dass mich die Niederschrift meiner Notizen noch eine Reihe von Abenden kosten wird, aber die Sätze, die ich notieren werde, sind diese Abende wert.)

Zum Buch: Witzel schildert in einer grandiosen Tapisserie, die in den verschiedensten Mustern und Farben gestaltet ist, eine herrliche Geschichte. Wirken Teile zunächst verworren, geht das nicht zulasten des Lesers, sondern löst sich an anderer Stelle. Dabei geht es um eine Figur, die selbst ordentliche Probleme mit der Trennung zwischen Realität und Vorstellung hat – und diese Probleme zwangsläufig weitergibt. An die Obrigkeiten, an die Therapeuten, aber eben auch an den Leser. Dennoch kristallisieren sich auf clevere Weise Themen heraus, mit denen die Figur auf die ein oder andere Weise kämpfen muss: der gottgleiche Vater, der Bruder als Ziel der Eifersucht, die Fehlstelle der kranken Mutter, die von einer verhassten Pflegerin von der Caritas nicht aufzufüllen ist,  falsche und mehr oder weniger wahre Freunde, die prägenden Erfahrungen durch die katholische Kirche und ihre Pfarrer und, und, und. Gleichzeitig präsentiert Witzel ein im positivsten Sinne fast schon enzyklopädisches Sammelsurium an Kindheitserinnerungen der Spätsechziger in Hinblick auf Musik, Naschzeug, dessen Preise und Spielzeug. Kurz: Das Ganze ist einfach köstlich.

Das freut mich umso mehr, als ich noch erinnere, dass mich die ersten Rezensionen, die ich beim Erscheinen las, sofort elektrisierten. Ich kam lediglich nicht dazu, mir das Buch zügig zu besorgen und irgendwann fiel es etwas in Vergessenheit, bis ich es zufällig in einer Buchhandlung liegen sah – und mitnahm. Das war definitiv die richtige Entscheidung!

John Williams, Stoner

Williams war für mich Anfang 2017 eine sehr erfrischende Entdeckung. Im Nachwort von Augustus war u.a. das Buch Stoner empfohlen worden. Mit kleiner Verzögerung hatte ich mir das Buch nun besorgt und recht zügig durchgelesen.
In diesem Werk, das (auch) autobiographische Züge enthält, schildert Williams das Leben eines Mannes, der aus einfachen Verhältnissen kommt und dem – von außen betrachtet – eine akademische Karriere gelingt, bis er in ein seltsames Intrigenspiel gerät. Ähnlich ergeht es ihm privat: Er heiratet eine Tochter aus gutem Hause, beide finden aber nie recht zusammen. Obwohl sie sogar eine Tochter bekommen, führen sie eine sehr unschöne Ehe, die zeitweise sogar in eine Affäre mündet.
Williams schreibt hier wunderbar. Ganz schlicht und unprätentiös. Die Erzählung wirkt teilweise unbeteiligt objektiv und erzeugt gerade durch diesen Trick eine tiefe Sympathie für den Helden.

Das Buch möchte ich uneingeschränkt empfehlen.

John Williams, Augustus

Bis ich dieses Buch geschenkt bekam, war Williams mir ehrlich gesagt unbekannt. Offenbar eine Lücke, die ich in den kommenden Jahren mal schließen sollte, um Stoner und Butcher’s Crossing von ihm zu lesen.

Denn was er hier im Augustus präsentiert – eine kluge Zusammenstellung, schön erzählt und trotz aller Zeitsprünge sauber miteinander verzahnt –, macht wirklich Lust auf mehr Williams.

Da stört es nicht, dass er mit Mitteln des Brief- und Tagebuchromans leicht anachronistisch aus einer so anderen, aber doch so ähnlichen Epoche erzählt. Gleichzeitig stellt er mit der Antike um die Zeitenwende kundig ein Panorama einer Zeit und einer Region vor, die unsere Zivilisation bis heute so sehr prägen.

Ich möchte aber auch nicht verschweigen, dass die zweite Hälfte dramaturgisch ein wenig schwächelt – wenn nämlich der erste Kaiser rückblickend merkt, was er alles nicht vermochte.

Meine Empfehlung für den intelligenten Leser, nicht nur für Menschen, die sich für die Antike interessieren!

Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein

Der eigentliche Trick dieses Buches besteht darin, dass jeder, der etwas dagegen zu sagen wagt, wie ein doofer Spielverderber aussieht, der keinen Spaß versteht. Allein diese Tatsache macht mich sauer. Denn eigentlich bin ich gut gelaunt an die Lektüre gegangen. Ich war sogar überzeugt davon: Hey, dieses Buch (ein Geschenk, Anm. DocTotte) ist genau das richtige Buch für dich. Und das, obwohl ich die Anwesenheit eines Buchs auf Bestsellerlisten gerade nicht als Ausweis für Qualität erachte.

Gut, ich begann die Lektüre, fand den Ansatz zu Beginn auch durchaus unterhaltsam. Aber schon bald musste ich feststellen, dass diese verquarkte Verbindung alter und – schlimmer! – flacher Witze mit pseudophilosophischen Überlegungen, die sogar noch flacher als die Witze sind, auf die Dauer die Hirnmuskeln erschlaffen lassen. Schade, eine gute Idee, leider flau umgesetzt.

Thomas Buchsteiner, Otto Letze (Hrsg.), Weegee – The Famous. Fotografien von 1935–1960

Der grandiose Bildband war ein toller Überraschungsfund, als ich mir neulich in Oberhausen die angenehme Warhol-Ausstellung angeschaut habe. Eigentlich hatte ich nur ein wenig im Museumsshop stöbern wollen, amüsierte mich dabei über den ganzen Museumsshoptand, der feilgeboten wurde. Aber schließlich stolperte ich über den Weegee-Band und schleppte ihn gleich zur Kasse.

Ich kann nicht beurteilen, wie bekannt oder unbekannt Weegee heute in Deutschland ist. Ich habe ihn – zugebenerweise – erst recht spät über den Umweg Kubrick kennengelernt, der zeitlebens ein großer Weegee-Fan war. Weegee hat sich lange als Polizeifotograf durchgeschlagen, bis die künstlerischen Qualitäten seiner Bilder (an)erkannt wurden.

Schade finde ich eigentlich nur, dass ich damals nicht bei der Ausstellung war, sondern jetzt lediglich diesen Ausstellungskatalog besitze. Aber immerhin wenigstens den.

Elsbeth Wolffheim, Hans Henny Jahnn (Rowohlt-Biographie)

Jahnn betrachte ich als einen sehr ungewöhnlichen, um nicht zu sagen außergewöhnlichen Autor. Als vor Jahren bei Zweitausendeins eine günstige Ausgabe seiner Werke erschien, griff ich – zugegebenerweise aus Dämlichkeit – nicht zu, sondern erstand nur ein einzelnes Buch. So ungewöhnlich wie seine Schreibe ist, waren auch Jahnns Leben und Leidenschaften. Sein Faible für Orgeln kann ich nicht nachvollziehen, auch seine intensiven Gefühle (ich denke, man darf es so nennen) für Pferde sind nicht meine Welt. Und trotzdem reizt es mich, mehr von ihm zu lesen. Eine Notlösung war es daher, als ich die Gelegenheit bekam, wenigstens in dieser informativen Kurzbiographie ein wenig über den Norwegenfan Jahnn zu erfahren.

Ror Wolf, Die heiße Luft der Spiele

Von allen Büchern, die ich von Wolf besitze, ist das hier dasjenige, das ich – mit Abstand! – am wenigstens leiden mag. Genau genommen habe ich auch mehr nur darin gestöbert als gelesen, einfach weil Fußball meine Welt nicht ist. Ich finde es schnarchlangweilig, halte es für schrecklich überhöht in unserer Gesellschaft und kann mit Kusshand darauf verzichten.

Und wenn ich ehrlich bin, verstehe ich bis heute nicht, wie Menschen mit einem gewissen intellektuellen Anspruch sich daran delektieren können, wenn ich auch innerhalb meines Freundeskreises selbst unter den größten Geistern noch Fußballfreunde weiß.

Dennoch möchte ich ein Sätzchen zum Inhalt verlieren: Wolf hat hier Texte, Reportagen, Aussagen und vieles anderes aus den Jahren 1969 bis 1979 rund um den Fußball gesammelt und daraus ein Spektrum an Beschreibungen, Erklärungen, Vorstellungen des Fußballs dieser Zeit geschaffen.

Nebenbei: Hier handelt es sich um ein klassisches Buchtauschkreisbuch.

Ror Wolf, Aussichten auf neue Erlebnisse. Moritaten, Balladen & andere Gedichte

Ein Band, den ich entdeckte, als ich ein Geschenk für eine Freundin suchte. Insgesamt ein Wolf bester Qualität. Allerdings muss ich einräumen, dass ich vieles davon bereits in anderen Büchern versammelt hatte und für mich nur wenig Neues dabei war. Aber, auch das sei eingeräumt, Wolf gehört eben auch zu den Autoren, die nach der ersten Lektüre nicht gleich erledigt sind. Sie spornen zum mehrmaligen Lesen an, immer wieder entdeckt man neue Kleinigkeiten, die das Ganze so rund machen.

Ror Wolf, Danke schön. Nichts zu danken

Die hiesigen Leser mögen sich wundern, in welcher Reihenfolge Titel angesprochen werden. In der Hauptsache geht es ja Regal um Regal und Reihe um Reihe. Ausnahmen habe ich lediglich gemacht, wenn ich etwas Frisches gelesen habe oder wenn ich nicht zwei Wochen lang nur einen Autor besprechen wollte (zwei weitere Ausnahmen werden später noch genauer erklärt, aber das möchte ich jetzt hier nicht vorwegnehmen). Wie, so nun womöglich die Folgefrage, verfahre ich jetzt aber innerhalb eines Œuvres? Oft, aber nicht immer!, wurden die Titel in einer chronologischen Reihe vorgestellt. Das „nicht immer!“ ist nun der Grund, warum an dieser Stelle Wolfs „Danke schön. Nichts zu danken“ das heutige Thema sein soll.

Gefunden habe ich es in einer Unibuchhandlung in Bochum, die allein an mir einiges verdient haben dürfte. Und ich hoffe, der Laden ist nach meinem Magister und Weggang aus Bochum nicht pleite gegangen. (Das könnte ich mir nie verzeihen.) Dementsprechend lang ist das Buch in meinem Besitz – und entsprechend lang ist die Lektüre her. Anders als bei waldmann, den ich auch später sehr regelmäßig wieder in die Hand nahm, habe ich dieses Buch sicher nur einmal gelesen. Es amüsierte mich, so viel weiß ich noch sicher, aber ich muss gestehen, dass ich mich kaum an Inhaltliches erinnre. Insofern kann ich es als Wolf-Fan dank des erinnerten Gefühls empfehlen, muss zum Inhalt aber schweigen, bis ich Zeit für eine erneute Lektüre finde.

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