Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: 2019 gelesen

Frank Witzel, Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

Ich finde es nach der Lektüre eines Buchs immer schlagend, mir den Schnitt anzuschauen. Vor vielen Jahren hatte ich damit begonnen, mir beim Lesen Notizen zu machen. Ich begann, mir Sätze und Absätze zu notieren, die ich besonders schön formuliert fand, die einen Gedanken enthielten, über den weiter nachzudenken ich für sinnvoll erachtete oder die mir schlicht und einfach gefielen.

Schrieb ich zu Beginn die Sätze meist direkt ab, entwickelte ich über die Jahre eine alternative Technik. Dazu verwende ich diese Bookdarts, mit denen ich während der Lektüre schnell markiere, was ich später notieren möchte.

Daher, um zum Anfang zurückzukommen, ist es leicht, nach dem Ende einer Lektüre zu erkennen, wie sehr mir ein Buch gefallen hat: Stecken im Schnitt viele Bookdarts, ist viel Notierenswürdiges auf den Seiten. Finde ich nach der Lektüre keinen einzigen Marker, war das Buch irgendwas zwischen belanglos und Zeitverschwendung. So z.B. beim dritten Subutex.

Der Witzel, an dem ich zugegebenerweise lange gelesen habe, auch weil aufgrund äußerer Umstände immer wieder Unterbrechungen der Lektüre notwendig wurden, ist dagegen am Ende meiner Reise durch das Jahr 1969 gespickt mit Bookdarts. (Ich rechne damit, dass mich die Niederschrift meiner Notizen noch eine Reihe von Abenden kosten wird, aber die Sätze, die ich notieren werde, sind diese Abende wert.)

Zum Buch: Witzel schildert in einer grandiosen Tapisserie, die in den verschiedensten Mustern und Farben gestaltet ist, eine herrliche Geschichte. Wirken Teile zunächst verworren, geht das nicht zulasten des Lesers, sondern löst sich an anderer Stelle. Dabei geht es um eine Figur, die selbst ordentliche Probleme mit der Trennung zwischen Realität und Vorstellung hat – und diese Probleme zwangsläufig weitergibt. An die Obrigkeiten, an die Therapeuten, aber eben auch an den Leser. Dennoch kristallisieren sich auf clevere Weise Themen heraus, mit denen die Figur auf die ein oder andere Weise kämpfen muss: der gottgleiche Vater, der Bruder als Ziel der Eifersucht, die Fehlstelle der kranken Mutter, die von einer verhassten Pflegerin von der Caritas nicht aufzufüllen ist,  falsche und mehr oder weniger wahre Freunde, die prägenden Erfahrungen durch die katholische Kirche und ihre Pfarrer und, und, und. Gleichzeitig präsentiert Witzel ein im positivsten Sinne fast schon enzyklopädisches Sammelsurium an Kindheitserinnerungen der Spätsechziger in Hinblick auf Musik, Naschzeug, dessen Preise und Spielzeug. Kurz: Das Ganze ist einfach köstlich.

Das freut mich umso mehr, als ich noch erinnere, dass mich die ersten Rezensionen, die ich beim Erscheinen las, sofort elektrisierten. Ich kam lediglich nicht dazu, mir das Buch zügig zu besorgen und irgendwann fiel es etwas in Vergessenheit, bis ich es zufällig in einer Buchhandlung liegen sah – und mitnahm. Das war definitiv die richtige Entscheidung!

Adelbert von Chamisso, E.T.A. Hoffmann, Karl Wilhelm Salice-Comtessa, Friedrich de la Motte Fouqué, Der Roman des Freiherrn von Vieren

In der Romantik ist ja einiges experimentiert worden. Manches zum Glück, auf anderes hätte man auch verzichten können. Ein schönes Beispiel fürs Glück ist der zerbrochene Krug, den Kleist im Wettstreit mit Wem-noch-gleich? aus einem Kupferstich entwickelt hat. Sprich, jeder nahm sich das Bild und erfand um die Szene eine Geschichte.

Einen anderen Ansatz wählten die Serapionsbrüder Chamisso, Hoffmann, Salice-Comtessa und de la Motte Fouqué. Sie schrieben einfach einen kurzen Roman in Arbeitsteilung. Der eine begann, der andere setzte fort und so weiter. Die Idee fand ich enorm amüsant, die Autoren gut bis spannend. Aber leider, leider muss ich sagen, ist dieses Experiment gescheitert. Die Geschichte, die die vier hier zusammengebraut haben, hinkt auf allen Beinen. Besser wird es erst, als Salice-Comtessa und Hoffmann Teile und Szenen des Experiments nehmen und daraus eigene Geschichten entwickeln (Das Bild der Mutter bzw. Die Doppeltgänger). Allerdings muss man sagen, dass auch diese Geschichten nicht auf dem höchsten Niveau sind. Schade.

James Baldwin, Von dieser Welt

Es gibt gehypte Bücher, die sind gut. Und es gibt gehypte Bücher, die nur für einen bestimmten Leserkreis geeignet sind. Baldwins Welt ist definitiv nicht für mich geeignet.

Von Anfang an nervte mich dieses dauernde Mittelmaß: Die Figuren waren nicht uninteressant, aber absolut auch nicht interessant. Die Schreibe war nicht schlecht, aber absolut auch nicht gut. Die Erzählweise war größtenteils nicht überragend, an einzelnen Stellen aber richtig nervig.

Zum Beispiel wenn zwischen Figuren, über die gerade erzählt wird, dermaßen hin- und hergesprungen wird, dass man nicht mehr weiß, wer was sagt und wer wessen Vater ist oder nicht. Wenn ich so einen Absatz zwei-, dreimal lesen muss, ohne nachvollziehen zu können, was der Erzähler mir mitteilen möchte, fühle ich mich gelinde gesagt verarscht.

Und wenn das Buch schließlich mehr und mehr den Stil einer Predigt annimmt, bin ich schlicht nicht das Publikum.

Stephen Crane, Das offene Boot und andere Erzählungen

Als ich die schön gestalteten mare-Bändchen im letzten Jahr zum ersten Mal entdeckt hatte, hatte ich mich sehr gefreut. Als jemand, der gern Geschichten rund um die Seefahrt konsumiert, war es ein interessantes Konzept für mich. Als Leser, der gern Neues entdeckt, erst recht.

Auf diese Weise bin ich an Crane geraten. Klappentext und Nachwort klingen sehr verheißungsvoll und berichten von einem Frühvollendeten, der u.a. Hemingway Wegweiser gewesen sei. Was, so dachte ich, will ich da mehr? Und freute mich schon im Voraus sehr auf die Lektüre.

Leider, und da will ich gar nicht lange um den Brei herumreden, umsonst.

Wenn man etwas in Übersetzung liest, weiß man freilich nicht immer ganz genau, wie es im Original lautet. In vorliegenden Fall kann man aber ausschließen, dass der Übersetzer der Übeltäter ist.

Crane hatte zwar in der Tat vor allem mit einem Schiffbruch in der Karibik und dem Versuch, in einem kleinen Boot zu überleben, einiges erlebt. Dieses Erleben hat er sogar mindestens zweimal ausführlich geschildert. Aber dieses Erleben allein macht noch keinen guten Autor. Sein Stil ist ein seltsamer Mix aus dümmlichen Wiederholungen, wirklich nervigen Übertreibungen (und anders als die Beatniks und Gonzo-Autoren Jahrzehnte später vergisst Crane das zugehörige Augenzwinkern) und dümmlichen Wiederholungen. Die dümmlichen Wiederholungen sollte man übrigens nicht oft genug ansprechen.

Kurz: Crane war eine ziemliche Enttäuschung und somit ein echter Fehlkauf.

Michael Bordt, Die Kunst sich selbst auszuhalten. Ein Weg zur inneren Freiheit

Man mag über die Jesuiten denken, was man möchte (und ich finde ihren Ordensansatz mit absolutem Gehorsam bis hin zur Lüge gelinde gesagt: kritisch). Mit diesem kleinen Büchlein hat Michael Bordt aber einen interessanten Ansatz geliefert.

Er scheint mir vergleichbar mit der Idee Eckhart Tolles, die ich persönlich im Alltag leider nicht umsetzbar fand. Tolle empfiehlt, sich die ganze Zeit selbst zu beobachten, räumt gleichwohl ein, dass das nicht einfach ist.

Bordt verkürzt diesen Schritt, indem er empfiehlt, diese Beobachtung auf die Zeiten zu beschränken, in denen man von extremen Gefühlen angetrieben wird. Hier könne man sich dann gezielt fragen, was das überhaupt für Gefühle sind, woher sie kommen und warum man sie (jetzt) hat. Auch das ist nicht immer einfach, aber deutlich einfacher als die dauernde Selbstbeobachtung.

Wie dauerhaft hilfreich Bordts Ansatz dabei ist, mit sich selbst zufriedener zu werden und andere so zu lassen, wie sie sind, steht allerdings noch auf dem Prüfstein.

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