Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Literatur Seite 1 von 28

James Fenimore Cooper, Der letzte Mohikaner

Als Kind hatte ich den einen oder anderen Klassiker gelesen, in der Regel dürften es „Jugendversionen“ gewesen sein, jedenfalls war mein Robinson Crusoe damals deutlich kürzer als die Fassung, die ich Jahre später gelesen habe.

Cooper hat mich als Kind seltsamerweise nie recht gefesselt. Ich bin mir nicht sicher, ob mir die Schilderungen einfach zu kompliziert waren im Vergleich zur Winnetou-Welt (die ich zugegebenerweise eher aus Fernsehen und Filmfestspielen kannte, weil ich Mays Bücher auch furchtbar fand – wenn auch anders als Cooper).

Im Nachhinein muss ich mich aber fast fragen, ob das bei Cooper nicht vielleicht ein Glück war. Denn dadurch, dass ich ihn erst spät zu lesen angefangen habe, konnte ich ihn ganz anders und wie ich glaube: tiefgreifender genießen, als es mir als Kind/Jugendlicher hätte möglich sein können.

Zurück zum Titel: Der letzte Mohikaner ist ein enorm kurzweiliges Stück, in dem eigentlich nur wenige Szenen eine eigentlich überschaubare Handlung unglaublich spannend schildern.

Und ja: Ich bin dank Ticonderoga mal wieder auf die Fährte gestoßen worden, die ich allerdings schon vor Jahren anhand der Schmidt’schen Übersetzungen aufzunehmen begonnen hatte.

Cooper ist auch in diesem Fall eine Lektüre wert!

Karl Wezel, Hermann und Ulrike

Irgendwie unglückliche Gestalten gibt es in der Literaturgeschichte ohne Frage mehr als genug. Von der einen Gestalt hat kaum jemand etwas gehört, von anderen hat zumindest irgendetwas überlebt.

Wezel gehört eher zur zweiten Gattung. Zum Teil weil er zu seiner Zeit schon bekannt war, es sich aber mit seinen Zeitgenossen verscherzte – oder die es sich mit ihm. Zum Teil aber natürlich auch, weil er von Multiplikator Arno Schmidt ausgegraben und im Rahmen von dessen Radioessays präsentiert wurde.
Der konzentrierte sich allerdings auf Wezels Belphegor, ein zwar lesenswertes, aber milzsüchtiges Buch.

Amüsanter ist dagegen Hermann und Ulrike. Das präsentiert zwar eine ähnlich bösartige Welt. Aber um die Hauptfiguren entwickelt sich insgesamt eine positivere Geschichte, wenn auch mit mehrfachen Redundanzen.

In der aktuellen Ausgabe der Anderen Bibliothek sollte man als Leser allerdings die Bereitschaft mitbringen, nicht auf moderne Rechtschreibung zu bestehen. Dann macht der Doppelband auf jeden Fall Freude.

Karl-Ove Knausgård, Kämpfen

Es ist nur wenige Rezensionen her, da erwähnte ich etwas über die Korrelation zwischen Buchqualität und meinen Markierungen im Text. Damals merkte ich an, wenige Markierungen seien ein untrügliches Zeichen für eher maue Qualität und vice versa. Ganz so klar ist es leider doch nicht immer.

Bei Kämpfen von Knausgård hatte ich nämlich einige Darts gesetzt. Dabei handelte es sich selten um stilistisch besonders gelungene Formulierungen. Öfter waren es Ähnlichkeiten oder aber das totale Gegenteil, die ich zwischen Knausgårds und meinem Leben ausmachte, und seine Gedanken dazu.

Das ist für mich der eigentliche Witz Knausgårds, wie mir hier erst wirklich bewusst wurde: Sein Kampf fesselt mich nicht aufgrund des Stils oder des scheinbar ungehörigen Ansatzes. Nein, er fesselt mich durchs Wiedererkennen von Handlungsmustern, Gefühlen, Erfahrungen, Reaktionen darauf.

Deshalb war Kämpfen, in dem Knausgård über Hunderte Seiten über Hitler, Celan etc. (!) essayiert, über weite Strecken echt nervig. Besonders schlimm war es, weil er seine Interpretation von Celangedichten mit dem Geständnis einleitet, Gedichte nicht interpretieren zu können. Er hat recht. Er kann es nicht und sollte es dringend lassen.

Eine Empfehlung möchte ich angesichts des Seitenbergs und meines vielleicht etwas speziellen Zugangs daher nicht aussprechen.

Virginie Despentes, Vernon Subutex (3)

Was hatte ich auf das Erscheinen des dritten Bandes gewartet! Schon der erste Band hatte mich ziemlich angefixt, Band zwei kam mir dann zwar bereits schwächer vor, hielt aber eine gewisse Spannung fürs Erscheinen des Abschlusses. Das galt umso mehr, als breit angekündigt war, Despentes würde in diesem Band auch die Anschläge in Paris zum Thema machen.

Und dann das. Die Geschichte ist so mau-flau, dass ich zwar gut von Kapitel zu Kapitel kam, mich aber ständig gefragt hatte, was da kommen soll. Inhaltlich jedenfalls nicht viel. Denn die eigentliche abschließende Subutex-Geschichte wäre problemlos und ohne ästhetischen Verlust in einem Absatz erzählbar.

Blieb also noch das, was mich zusätzlich interessiert hatte. Doch auch hier: Bei der ersten Erwähnung, die so indirekt und schon im Nachklapp stattfand, wunderte ich mich über die Perspektive (die Sorge von Frauen, abends in Paris auf hohen Hacken rauszugehen, weil sie vielleicht schnell rennen müssten). Dann kam lange erst mal gar nichts. Und schließlich die ein oder andere Anspielung auf Paris, Berlin und anderes. Aber praktisch nie viel mehr als ein Sätzlein.

Mit einigermaßen guten Willen kann man dann ein zum Ende hin gesetztes Ereignis so verstehen, dass Despentes hier dem Thema gerecht werden wollte. Aber um ehrlich zu sein, finde ich auch das gescheitert.

Kurz: Das äußerst lahme Fazit aus Band drei hat mir insgesamt die Lektüre der Trilogie etwas versaut. Danach möchte ich die Trilogie ehrlich gesagt nicht mehr empfehlen.

Jonas Lüscher, Kraft

Kraft war für mich in mehrerlei Hinsicht ein überraschendes Werk. Eigentlich hatte ich es wegen seiner erwarteten Kürze vorgezogen. Die ersten Seiten waren da fast unangenehm: zurzeit ungewohnt sperrige Sätze, eng verbaut, streng verschachtelt – daran erkannte ich vieles, wie ich selbst früher formulierte.

Nach ein paar Seiten hatte ich mich eingelesen, wunderte mich nur selten über das ein oder andere Komma, das irgendwo zu viel oder zu wenig war (der Nachteil bei solchen Sätzen: Sie verleiten zur Unüberschaubarkeit auch beim Autor).

Im Großen und Ganzen aber kam ich stilistisch sehr schnell sehr gut klar. In all diese Schachteln ist zudem eine wirklich interessante, bisweilen amüsante, immer aber unterhaltsame Geschichte um einen etwas unangepassten Professor, seine Familie und Geschichte gelegt, die im Wortsinne bis zur letzten Seite spannend blieb.

Kurz: für jeden Leser empfehlenswert, der Lust auf eine erfrischende Geschichte hat und keine Furcht vor sperrigen Sätzen.

Michail Ossorgin, Eine Straße in Moskau

Ein hübscher Band aus der Anderen Bibliothek, ein Schmuck im Regal und ein Schmuck an geschilderter Beobachtung. Ossorgin erzählt ausgehend von Bewohnern einer Moskauer Straße, wie es ihnen und einigen Verwandten und Freunden in einer Zeit ergeht, die Moskau und Russland vollständig umkrempeln sollte.

Begonnen am Vorabend des ersten Weltkriegs trudeln die Figuren durch Krieg und Revolution. Dabei bedient Ossorgin sich eines Tricks, indem er vor allem im ersten Teil alles im Ausschnitt und leicht distanziert betrachtet.

Sehr deutlich für diese Erzählweise ist das Kapitel, in dem er von den Schilderungen eines Ameisenhaufens in einem schwindelerregenden Schwenk auf die zaristische Armee im Aufmarsch wechselt.

Diese oft verdichtete Sicht durchs Brennglas hat den Vorteil, zahllose Facetten des damaligen Lebens detailliert wiedergeben und doch ein Panorama schaffen zu können. Es hat aber zugleich den Nachteil, dass er praktisch zu keiner Figur eine echte Nähe herzustellen vermag. Alles bleibt Distanz, trotz der genauen und meistenteils sympathischen, fast nie aber lächerlich machenden Schilderungen.

Der zweite Teil des Romans beschäftigt sich mit der Zeit der Wirren direkt nach der Revolution. Mangelwirtschaft, Diebstahl, Hunger, erste Terrorwellen kennzeichnen diese Zeit. Sie liegt, und das drückt auch das Lesevergnügen nachhaltig, wie Blei auf den Seiten, denn jede Figur erleidet eigentlich nur noch Widrigkeiten, selbst die, denen es im System „eigentlich“ gut gehen sollte, führen genau genommen ein furchtbares Leben.

Im Ganzen auf jeden Fall ein empfehlenswertes Buch, wenn auch eher für einen kleinen literarisch interessierten Kreis.

Übrigens erinnerte Ossorgins mich vielfach an die Darstellung in Georges Perecs „Das Leben. Gebrauchsanweisung“, wobei Perec wesentlich mehr Sympathien zu den Figuren erzielen kann.

Georges Perec, Die Dinge

Perec, der Artist der Aufzählung, der Satzspieler, der Worte wie feinste Pinselstreiche punktgenau auch auf größten Leinwänden verteilt, dieser George also hat mit diesem Debüt seinen Durchbruch gefeiert. In den Dingen erzählt er vom jungen Paar Jerome und Sylvie, einem französischen Pärchen, das in den 60ern in Paris und der Provinz und Tunesien lebt. Im engeren Sinne bleibt das Paar furchtbar blass, im weiteren Sinne skizziert Perec es mit dem, was das Paar gern hätte, was es sich erträumt, wie es sich vorstellt, leben zu können, wenn es denn endlich richtig leben könnte und sich nicht mit Marktforschungsjobs und Quereinsteigerjobs und Agenturjobs doof über Wasser hielte, um eine kleine, eine viel zu kleine Bude in Paris zu finanzieren und später erst in die nordafrikanische und dann in die französische Provinz zu ziehen, als sie längst aufgegeben und sich endgültig selbst verkauft haben, also sozusagen zu Dingen geworden sind, die käuflich sind.

Perec hat es nicht nötig, solche Figuren schlecht zu machen. Er erzählt einfach. Er zählt auf und schildert und berichtet und fasst zusammen und erklärt und stellt dar. Und anhand dieser Striche zeichnet sich ein Bild ab, das so detailliert wie erschreckend ist, so zeitlos wie aktuell. Lesen.

Truman Capote, In Cold Blood

Es war ein hochinteressanter Vergleich, nach » Hemingway einen Truman Capote in die Hand zu nehmen, den ich im Hinterkopf schon länger angepeilt hat (was für ein schiefes Bild, ich werde seekrank). Die Wahl fiel nicht auf den Frühstücksklassiker, sondern auf – tja, wie soll man es nennen? Die Reportage in Buchform? Den längeren Essay? – In Cold Blood.

Das Buch schildert die Vorkommnisse um den vierfachen brutalen Mord an einer Farmerfamilie in Kansas durch zwei vorbestrafte Betrüger und Gewalttäter in den späten 60ern. Beide waren unter der Fehleinschätzung eingebrochen, bei einem Einbruch viel Geld zu kassieren, hatten sich jedoch schon im Vorfeld darauf verständigt, keine Zeugen zu hinterlassen.

Capote schildert mit einer sehr pointierten Sprache und einer vor allem in den ersten zwei Dritteln immer spannender werdenden Schnitttechnik. Er erzählt, wie es zu der Tat kam, wie die Lebensklingen der zwei Täter den Lebensfäden der vier Opfer immer näher kamen und diese schließlich zerschnitten. Er erklärt das Vorgehen der Ermittler und die erfolgreiche Verhaftung der lange Zeit Flüchtingen. Und schließlich beschreibt er das Verfahren und die Zeit in den Todeszellen bis zum Galgen. Obwohl die Schreibe ab dem Verfahren kaum anders ist als vorher, verliert er meiner Meinung nach allerdings hier etwas Verve. Nach dem sich immer schneller drehenden Rad bis zur Festnahme schien Capote nicht den rechten Rhythmus zu finden, den er für die Schilderung des Verfahrens brauchte. Hier verfängt er sich leider auch eher in Seitenstränge, deren Dasein für den Gesamttext eher unerheblich ist. Gleichwohl schafft er es, ein Sittengemälde des Mittleren Westens in den späten 50ern und frühen 60ern anzufertigen, das im Ganzen wirklich faszinierend ist – selbst angesichts der furchtbaren Tat, die der Erschaffung des Gemäldes zugrundeliegt. Wirklich sehr zu empfehlen, auch und gerade im Original.

Ernest Hemingway, Der alte Mann und das Meer

Es gibt ja so eine populäre Dichotomie in der Literatur, nach der es den Genius-Schriftsteller und den arbeitenden Autor gibt. Ersterem fließt jedes Wort direkt druckreif aus der Feder. Letzterer feilt an Worten, Sätzen und Absätzen, bis auch jedes überflüssige Gran entfernt ist (oft fallen die Resultate hier quantitativ etwas schmaler aus).

Obwohl ich selbst so manchen Genius wie Döblin oder Balzac schätze, gebe ich gern zu, dass ich vor den Feilern (ja, richtig, mit F) doch eine ganz andere Art der Hochachtung hege, insbesondere wenn das Ergebnis stimmt. Denn aus eigener Erfahrung weiß ich, wie mühselig dieses Finden eines Worts ist, das noch passender ist, eines Ausdrucks, der noch treffender ist.

Hemingway ist so ein Fall. Er hat an seinen Texten gearbeitet und obwohl man die Arbeit an sich nicht sieht, merkt der aufmerksame Leser doch, dass hier jemand wirklich jedes unnötige Beiwerk weggekürzt hat.

Das ist mir bereits hier aufgefallen, beim alten Mann und dem Meer ist es noch deutlicher – vermutlich auch angesichts der Gesamtlänge des Texts.
Die Novelle ist insgesamt sehr schlicht, aber nicht simpel. In ihrer Schlichtheit ist sie zugleich bestechend.

Wie ein Foto, auf dem Motiv, Ausschnitt, Proportionen und Farbgebung einfach perfekt sind. Klar, es ist „nur“ ein Foto und kein hyperrealistisches Ölgemälde. Aber auch beim Foto gibt es ästhetische Vorgaben, die ein Motiv gut aussehen lassen.
Beim alten Mann und dem Meer hat Hemingway diese Vorgaben definitiv erfüllt. Großartig!

Haruki Murakami, Von Männern, die keine Frauen haben

Vorrede

Man mag sich wundern, aber die aktuelle Murakami-Phase hat Gründe: Ein Murakami-Care-Paket erreichte mich von einer lieben Freundin. Dass es länger ungelesen lag, hatte leider auch Gründe. Genau wie es jetzt Gründe gibt, endlich Muße für die Lektüre zu finden.

Butter bei die Fische

Von Männern, die keine Frauen haben ist eine Sammlung von sieben in sich abgeschlossenen Erzählungen. Rein inhaltlich vereint sie nichts, dafür eint sie die Qualität Murakamis – und natürlich der eponyme rote Faden, dass es also um Männer geht, die keine Frau (mehr) haben. Dabei führen verschiedenste Wege zu diesem, ich sage mal, Ergebnis.

Seien es Männer, die keine Frauen mehr haben, seien es Männer, die noch nie eine Frau hatten. So verschieden die Wege sein mögen, allen fehlt etwas, sie sind ohne ihren Westwind. Murakami löst dieses Thema aber bei jeder Geschichte individuell und bei einigen sogar höchst einfallsreich. So amüsiert mich z.B. Murakamis Kniff, Kafkas Verwandlung zurückzuspiegeln (Samsa erwacht bei Murakami plötzlich vollkommen orientierungslos in seinem Menschenkörper in der leeren Wohnung der Samsas und versucht, sich in dieser Rolle zurechtzufinden.)

Insgesamt ein kurzweiliger Spaß mit etlichen Beobachtungen und Einfällen.

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