Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Literatur Seite 2 von 27

Anne T. Clune (Hrsg.), Der lebendige irische Rabe

Wer sich hier ein wenig umschaut, wird merken, dass ich irischer Literatur (und anderen Dingen aus Irland) durchaus aufgeschlossen bin. Deshalb gab es für mich auch keinen Moment des Zweifels, Raben Nr. 46 zu erwerben. Ich sollte dazu sagen: Es gibt einen weiteren irischen Raben, den ich leider nicht besitze; dieser hier konzentriert sich auf Autoren, die zur Zeit der Drucklegung unter den Lebenden weilten.

Nun soll man ja nie sagen: Früher war alles besser. Aber ehrlich, die früheren Iren gefallen mir besser. In diesem lebendigen Raben ist so vieles so schrecklich bemüht darin, geistreich zu sein, erfrischend, tiefgründig oder spielend leicht witzig. Und diese Mühen ermüden umgemein – mich zu sehr. Da lese ich dann doch lieber O’Brien oder Wilde oder Joyce oder Behan oder die Blume in einem ordentlichen Glas Kilkenny.

Flann O’Brien, Aus Dalkeys Archiven

Ein Text – die Bezeichnung Roman lehnte O’Brien selbst ab – der sich mit allerlei Kuriosem beschäftigt, darunter dem Einfrieren der Zeit, dem Wiederauffinden des noch lebenden James Joyce (der leugnet, mit Ulysses etwas zu tun zu haben) und einigen Verschränkungen mit dem dritten Polizisten wie Figuren und Motiven.

Erneut amüsanter Spaß, aber ich sage jetzt schon voraus, dass ich in zwei Monaten kaum noch etwas über das Buch werde sagen können.

Habt ihr eigentlich schon mal über die Verschwörung der Fahrräder nachgedacht?

Flann O’Brien, Durst

Ja, ich meckere oft darüber, was aus dem Haus Zweitausendeins geworden ist, weil das Angebot längst viel zu viel Mist auf Weltbild-Niveau bietet. Aber ich gestehe auch, dass es hin und wieder Perlen gibt, die zum Kauf mehr als einladen.

Aktuell ist diese Perle die achtbändige Ausgabe der gängigen Werke O’Briens (im Schuber). Leider ist sie nicht vollständig, wie selbst ich als O’Brien-Laie weiß, da die Myles-na-gCopaleen-Kolumnen „Trost und Rat“ bis heute nur bruchstückhaft in Deutschland bekannt und erhältlich sind.

Sei es, wie es sei. Dieses Paket ist eine wunderbare Gelegenheit, die derzeit auf Deutsch erhältlichen O’Briens zu einem günstigen Preis geschlossen zu erhalten, daher habe ich sie auch sofort bestellt, obwohl ich die Hälfte der Texte längst besaß (interessanterweise wirklich jedes Buch in einer eigenen Ausgabe, die nichts mit den anderen zu tun hatte).

Kommen wir zum eigentlichen Thema: Durst. Durst ist nicht nur ein amüsanter Text, in dem O’Brien mit einer sehr trockenen Geschichte einen Sergeant dazu bringt, über die Polizeistunde hinwegzusehen, sondern auch der Name einer Sammlung kürzerer Texte und Fragmente. Darunter Slatterys Sago-Saga, Die Krone des Märtyrers, John Duffys Brüder, Faustus Kelly und der Essay Wie man im Tunnel ein Faß aufmacht.

So manches enthält lustige Ideen und zeigt die typischen O’Brien-Schrullen. Anderes wie Faustus Kelly machte mir deutlich, dass der Mann zwar so einiges konnte, aber keine Bühnenstücke.

Aber unabhängig davon, was O’Brien konnte oder nicht konnte, sei an dieser Stelle noch einmal die Werksausgabe empfohlen. Günstiger geht zurzeit nicht und es ist für jeden Irlandfan ein wunderbares Weihnachtsgeschenk.

Ernest Hemingway, For Whom the Bell Tolls

Ich glaube, es war ein Fluch, dass ich als Kind die Verfilmungen von „Schnee auf dem Kilimandscharo“ und „Der alte Mann und das Meer“ gesehen und wirklich sehr, sehr gemocht habe. Ich möchte nicht beschwören, dass ich damals den Kilimandscharo überhaupt begriffen habe, aber der Kampf mit dem Marlin ist dermaßen auf das Grundprinzip des Lebens gekürzt, dass ihn jeder verstehen kann. Obwohl ich nun Hemingway als Erzähler von Geschichten also schon früh sehr schätzte, hatte ich tatsächlich bis neulich keine einzige Zeile von ihm gelesen. Das musste geändert werden, also erstand ich „For Whom the Bell Tolls“, auch weil ich mich angesichts aktueller Krisen auf der Welt ein wenig über den spanischen Bürgerkrieg informieren wollte.

Was soll ich sagen? Ich war vorher bereits über Hemingway als Erzähler hocherfreut. Jetzt – da ich ihn zum Glück im Original gelesen habe – muss ich auch noch einräumen, dass er wirklich schreiben konnte. Okay, er nutzt auch unnötige Tricks (so lässt er die Spanier ein altertümliches Englisch reden, das vorgeblich einen kastilianischen Dialekt imitieren soll), verhüllt Unflätigkeiten in Fremdsprachen, die bei der Veröffentlichung keinem Zensor aufgefallen sein dürften, oder tauscht sie aus gegen Wörter wie „obscenity“ („I obcenity in your milk!“). Aber er weiß auch sehr genau mit Literatur umzugehen. Sätze wie „An onion is an onion is an onion … a stone is a stein is a rock is a boulder is a pebble“ zeigen z.B. recht deutlich, was und wen Hemingway kannte. Andere Szenen wiederum nutzen so intensiv den Rhythmus der Sprache, dass Hemingway gar nicht erst zu schildern braucht, was da genau gerade zwischen zwei Menschen passiert (ja, so eine Szene). Außerdem sind Hemingways Wechsel von reiner Erzählung zu den Gedanken der erzählten Person einfach genial elegant und gelungen. Gerade das schafft er deutlich weniger bescheuert als Joyce.

Leider ist mein Bücherberg immer noch viel zu hoch, weshalb ich mir ungern neue Bücher anschaffe zurzeit. Aber wenn ich mich ein wenig weiter durchgearbeitet haben werde, wird dieses Buch sicher nicht mein letztes von Hemingway gewesen sein.

Uwe Johnson, Jahrestage

Es ist lange her, dass ich kurz angesprochen hatte, die Jahrestage zu lesen. Nun konnte ich die Lektüre beenden, die überraschend fast genau ein Jahr in Anspruch genommen hat.

Hauptthema des Buchs ist ein Jahr im Leben der Gesine Cresspahl, von August 67 bis August 68. Gemeinsam mit ihrer Tochter befindet sie sich in den USA (meist New York). Sie schildert, Tagebucheinträgen ähnlich, was in New York passiert, was die N.Y. Times (die alte Tante) so berichtet und erzählt darüber hinaus ihrer Tochter die Geschichte ihrer Familie „für wenn ich tot bin“.

Johnson, der als Genosse Autor sogar leibhaftig in Gesines Erzählung angesprochen wird, verknüpft so auf sehr geschickte Weise Ereignisse wie die Unruhen in den USA, die Kämpfe in Vietnam und den Prager Frühling samt Niederschlagung mit der Rezession der Zwanziger- und Dreißigerjahre in Norddeutschland, dem Aufstieg der Nazis, dem zweiten Weltkrieg, der Besatzungszeit in Mecklenburg und der Gründung wie den ersten Jahren in der DDR.

Das Buch ist in vier Großteile gegliedert; vor allem die Niederschrift des letzten Teils scheint für Johnson schwierig gewesen zu sein. Einerseits hat er sehr lange gebraucht, um diesen Teil (und somit das Buch) zu beenden, andererseits merkte man es dem Buch meines Erachtens auch bei der Lektüre an. In den vorhergehenden Teilen glänzt Johnson mit einem Füllhorn an Informationen, eigenen, aber doch sehr exakten Wortverbindungen und einer Vielzahl wunderbarer Formulierungen. Das lässt zum Ende leider etwas nach; der Inhalt scheint immer gedrängter präsentiert, die Fabulierlust verliert sich etwas. Und doch war ich nun ein Jahr lang gefesselt an der Seite Gesine Cresspahls.

Die Lektüredauer war ursprünglich nicht so geplant, wurde aber durch verschiedene äußere Einflüsse erzwungen. Schon bald ergab sich daraus aber eine amüsante jahreszeitliche Parallelität zum Inhalt. Fror Gesine im New Yorker Winter, befand auch ich mich auch bei der Lektüre im Winter. Litten die Menschen unter sommerlichen Temperaturen an der Ostküste, brannte auch hier der Lorenz (also im Prinzip, nicht tagesaktuell).

Dadurch und durch die nahezu tägliche Lektüre schlich sich Gesine Cresspahls Familie auf eine ganz ungewöhnliche Weise in meine Gedankenwelt. Es war oft fast, als würde mir eine Freundin häppchenweise ihre (Familien-)Geschichte erzählen; bei einem Treffen diesen Teil, bei einem anderen Treffen jenen Teil. Und genau wie man durch diese Teilerzählungen langsam eine Vorstellung von der Person entwickelt und diese Person immer besser kennenlernt, so lernte ich in diesem Jahr Gesine kennen. Gerade die Abschweifungen, die Splitter, was sie selbst erlebt hat, was ihr erzählt worden war, was sie aktuell erlebt – all das machte gerade die Figur aus. Hierin sehe ich die besondere Qualität des Buchs. Denn mir ist auf Buchseiten selten ein Charakter so persönlich vorgestellt worden wie hier.

Alles in allem halte ich es bei allen Schwierigkeiten daher für ein wichtiges und gutes Stück deutscher Literatur. Trotz der Gesamtqualität bin ich jedoch realistisch genug zuzugeben, dass es keine Lektüre für jedermann ist.

Nebenbei empfehle ich den Farblinolschnitt von Valentino.

Jack London, König Alkohol

Vor Jahren schon hatte mir ein guter Freund diesen Text empfohlen (ich möchte betonen, dass es kein Wink mit dem Zaunpfahl war, sondern allein um den Inhalt ging!). Als ich nun neulich in meiner Stammpapierwarenhandlung war, um Briefumschläge zu kaufen, sah ich an der Kasse das Buch und packte es ohne zu zögern zu den Umschlägen (Kommentar des Verkäufers: „König Alkohol – der muss sein!“).

Ich war so unfassbar gespannt, dass ich das Buch bei der erstbesten Gelegenheit in die Finger nahm und nicht mehr aufhören konnte mit der Lektüre. London schildert hier nicht einfach die Geschichte seiner Sucht. Er präsentiert über die verknappte Darstellung seines Lebens ein pessimistisch geprägtes Weltbild in einer amüsant-spritzigen Weise, dass es auch dem größten Optimisten gefallen dürfte – und der Pessimist feiert wie Onkel Dagobert, wenn der vor lauter Freude sich die Entenfüße hält und sitzend im Kreise hopst.

König Alkohol ist wahrlich beste Lektüre mit zahlreichen klugen Gedanken und Überlegungen!

Ernst Jünger, In Stahlgewittern

Ich kann mich an die Nachrichten erinnern, als Jünger 100 wurde. Die Titanic amüsierte sich über den Drogenopa und ich erntete wenig Verständnis, als ich der Mutter einer Exfreundin anlässlich dieses Geburtstags erzählte, dass ich In Stahlgewittern mal lesen wollte. Für mich ging es dabei ums Prinzip: Auch wenn Jünger als Blut-und-Boden-Autor verschrien war, wollte ich einfach wissen, was dahintersteckt.

Es lang nicht am fundamentalen Unverständnis dieser Dame, dass ich Jünger aus den Augen verloren hatte. Irgendwie ergab es sich einfach nicht. Nun, da Hundert Jahre verstrichen sein werden, seit die moderne Urkatastrophe Europa verwüstete, nahm ich mir die Gelegenheit einfach.

Ich kann sagen, ich war positiv überrascht. (Und muss insofern mit vieljähriger Verspätung die Ex-Schwiegermutter in spe einmal mehr der Ahnungslosigkeit zeihen.) Denn in den Stahlgewittern gelingt Jünger etwas auf faszinierende Weise.

Er verherrlicht nicht den Krieg, wie landläufig getan wird, im Gegenteil, er schildert ihn im Grundsatz recht nüchtern, wenn er dem Leser gerade in den ersten Kapiteln auch so manches Detail erspart. Er schlendert beinah wie ein neugieriger Naturforscher durch dieses vermatschte Panorama des Todes. Diese Art sorgt dafür, dass Jünger die Zeiten, die er als angenehm empfunden hat, nüchtern schildert. Er parliert also wie beiläufig, wie er in ruhigeren Tagen durch die Natur spaziert und Landschaften genießt. Er lässt sich in einem Bombentrichter ein Sonnenbad einrichten, in dem er sich bisweilen von Granaten gestört fühlt. Er beschreibt aber genauso unaufgeregt, wie er mit seinem Zug gegen indische Einheiten kämpft, wie ihn in der Schlacht die Angst beschleicht oder wie seine besten Freunde im Trommelfeuer laute Lieder singen, um sich selbst zu beruhigen.

Jünger schreibt dabei stilistisch sicher nicht besonders ausgefeilt. Aber es ist doch ein sauberer Stil, oft mit einem interessanten, manchmal etwas gestelzten Vokabular gewürzt. In Stahlgewittern ist weniger ein Roman – schon aufgrund der Basis, nämlich Tagebuch-Einträge Jüngers selbst –, sondern vielmehr eine Art Bericht, die Einblick in die Psyche derjenigen gewährt, die vor Hundert Jahren mit Hurra in die Schlachten zogen, bis sie spät, oft zu spät merkten, welch bitterer Illusion sie da verfallen gewesen waren.

Letztlich leidet das Buch unter einem ähnlichen Problem wie Nabokovs Lolita. Beide werden von vielen Lesern abgelehnt, weil sie sich vor lauter schwerem Gepäck an Vorurteilen gar nicht an die Bücher trauen. It’s their loss.

Karl Ove Knausgård, Sterben

Ich muss gestehen, dass ich überhaupt nicht abschätzen kann, wie bekannt das Phänomen Knausgård inzwischen in deutschsprachigen Leserkreisen ist. Ich selbst bin durch einen längeren Artikel von Mikael Krogerus auf Knausgård aufmerksam geworden. Krogerus wies bereits ausführlich auf die Ursachen hin, die für die Sonderstellung Knausgårds Großwerk in Skandinavien verantwortlich sind. Spätestens jetzt sollte ich aber die Leser ins Boot holen, die Knausgård bislang noch nicht kennen.

Knausgård hat ein literarisches Experiment durchgeführt, das es in dieser Form wohl eher selten geben wird. Er schrieb in sechs Bänden unter dem Titel „Min kamp“ (richtig, mein Kampf), einen Großteil seines Lebens nieder, und zwar möglichst ungeschönt. Das betrifft ihn selbst, das betrifft aber auch Familie, Freunde, Freundinnen, Frauen und eigene Kinder. Wenn man sich die Rechtsstreitigkeiten der letzten Jahre in Deutschland anschaut, dürfte klar sein, dass so eine Schilderung hier klagewürdig wäre. In einem so kleinen Land wie Norwegen aber, in dem über zwei Ecken jeder jeden kennt, kann es eine Katastrophe für manchen Betroffenen sein.

Trotz dieses inhaltlichen Kniffs dürften sich die meisten Leute fragen: Ja und? Wer ist schon dieser Knausgård und warum soll mich sein Leben interessieren?

Tja, Knausgård mag für jeden Nichtnorweger uninteressant sein. Interessant wird die Schilderung meines Erachtens aber durch die Echtheit. Natürlich bezweifle ich nicht, dass auch diese Echtheit gefiltert ist. Kein Mensch erträgt seine Biografie ohne subjektiven Filter. Die Frage ist nur, wie ehrlich ist man zu sich selbst – und wie viel dieser Ehrlichkeit traut man sich nach außen zu tragen? Und in dieser Mutprobe dürfte Knausgård neue Maßstäbe setzen.

Vielleicht braucht man eine voyeuristische Ader, um so etwas interessant zu finden. Auf jeden Fall empfand ich eine Leseprobe aus Band drei interessant. So unerheblich der Inhalt war, so atemlos empfand ich die Lektüre. Ich konnte nicht aufhören, die Probe zu lesen, obwohl sie faktisch nichts enthielt, was ich im üblichen Sinne interessant finde. Schließlich kaufte ich Band eins, der in Deutschland unter dem Titel Sterben erschienen ist. Darin befasst Knausgård sich in zwei Teilen mit seinem Vater und dessen Tod. Im ersten Teil erzählt Knausgård aus der eigenen Kindheit und vom schwierigen Verhältnis zu seinem Vater. In zweiten Teil ist der Vater gestorben. Knausgård schildert, wie er sich gemeinsam mit seinem Bruder um die Beerdigung und die damit zusammenhängenden Probleme kümmert.

Das Buch spaltet mich. Ja, ich wollte immer weiterlesen und immer mehr wissen über Knausgårds Leben. Aber immer wieder bricht Knausgård solche Lesestrudel mit irgendwelchen manchmal tiefsinnigen, häufiger aber auch nervigen Überlegungen über die Welt, die Menschen, die Musik, die Kunst und – die Literatur. Über Dutzende Seiten habe ich mich gefragt, wann es endlich mit dem Kindheitstratsch weitergeht.

Eine von Knausgårds Quatschüberlegungen war besonders bemerkenswert. Da sinniert er darüber, was in der Literatur wichtiger sei: die Form? Der Stil? Der Inhalt? Knausgård meint: die Form. Sie regiere über alles. Stil und alles andere machten dagegen Literatur kaputt, wenn sie sich zu sehr in der Vordergrund drängten. Nun möchte ich an dieser Stelle nicht ausschließen, dass Knausgård und ich (oder Übersetzer/Lektorin und ich, aber dazu später mehr) unter Form verschiedene Dinge verstehen. Denn für mich ist sicher, dass Form garantiert nicht das Wichtigste ist bei guter Literatur. Im Gegenteil: Autoren, die die Form sich vordrängeln lassen, folgen gewöhnlich lediglich irgendwelchen dämlichen Moden, die spätesten nach ein paar Jahren so spannend sind, wie ein Millionen Jahre geschliffener Kiesel Spitzen hat.

Übrigens ist die Form bei Sterben noch nicht einmal besonders. Knausgård erzählt – wie auch sonst? – aus der Ich-Perspektive, springt natürlich ein bisschen durch die Zeiten, stellt sich aber größtenteils als sensibler Außenseiter dar, der zum Glück geworden ist, was er geworden ist. Also sind Form und Inhalt eigentlich wenig originell. Und um gleich weiterzumotzen: Auch der Stil ist so aufregend wie der erwähnte Kieselstein. Ehrlich, Knausgård ist in Sterben und auch in der Leseprobe aus Band drei als Autor furchtbar langweilig – und zu meinem Erstaunen funktionierte das Buch trotzdem bei mir. Ich wollte es lesen. Aktuell kann ich mich aber nicht dazu durchringen, mir einen weiteren Band zu kaufen. Aber vielleicht ändert sich das ja noch.

So, und jetzt noch ein Wörtchen zum Gespann Paul Berf (Übersetzer) und Regina Kammerer (Lektorat). Im Großen und Ganzen enthielt das Buch angenehm wenig Fehler (z.B. „langam“ statt „langsam“). Aber in Details musste ich mich über eine Reihe von Fehlern wundern, die ich einfach nur ärgerlich finde. Leider kann ich in Teilen nicht sicher sagen, ob sie eher dem Übersetzer oder eher dem Lektorat anzulasten sind, daher bin ich leider genötigt, mit der Schrotflinte der Wut breit gestreut in beider Richtung zu schießen.

Trotz der insgesamt geringen Fehlerquote fiel u.a. auf, dass einige Kommata und Anführungszeichen eher kreativ verteilt sind. „Jedesmal“ war jedes Mal falsch geschrieben, außerdem sollten Übersetzer/Lektorin sich bei Gelegenheit intensiv mit dem Unterschied zwischen Oh und O und der damit verbundenen Kommasetzung befassen! Enorm nervig fand ich ferner, wie norwegische Wendungen oder Wortbildungen Eingang in die deutsche Übersetzung fanden: Auf Deutsch fährt man in und nicht auf ein Trainingslager. Die Schreibweise von Straßennamen hat mich aber schließlich zur Weißglut gebracht. Natürlich kann man sich bei einer Übersetzung darüber streiten, wie man fremdsprachige Straßennamen schreibt. Aber für die Schreibung von fremdsprachigen Namen gibt es eben auch Regeln, und die kann man auch beachten. In Sterben missbrauchen Übersetzer und Lektorin dagegen für die deutsche Fassung zig mögliche norwegische Formen und Schreibweisen, die im Deutschen entweder falsch oder aber schwachsinnig sind – vor allem sind sie aber eins nicht: einheitlich.

Mal wird das norwegische Wörtchen für Straße (vom Wortstamm eigentlich „Gasse“) groß-, mal kleingeschrieben. Mal ist es vom Straßennamen getrennt-, mal zusammengeschrieben (und ja, das gibt es im Deutschen ebenfalls, aber auch dazu gibt es Regeln). Mal übernimmt die deutsche Fassung den norwegischen bestimmten Artikel nicht, mal schon, und das, obwohl zusätzlich der deutsche bestimmte Artikel da steht.

Ich erwarte ja nicht, dass die Lektorin genau wie der Übersetzer des Norwegischen mächtig ist, um sowas beurteilen zu können.* Aber sie hätte in jedem Fall darauf pochen müssen, dass solcher Blödsinn wenigstens einheitlich gelöst wird und nicht auch noch innerhalb eines Satzes wechselt!

Genug der Erbsenzählerei. Zusammenfassend kann ich keine eindeutige Leseempfehlung geben. Vieles am Buch war sehr interessant, vieles hat mich aber auch unendlich genervt. Wer meinem Geschreibsel ansatzweise Interesse abgewinnen kann, sollte wenigstens einmal bei Knausgård hineinschnuppern.

* Nebenbei, mein Norwegisch ist ebenfalls bescheiden; aber mit diesen bescheidenen Kenntnissen und einer kleinen Recherche war klar, dass hier Unsinn steht.

Arno Schmidt, Der Platz, an dem ich schreibe. 17 Erklärungen zum Handwerk des Schriftstellers

Ein weiteres kleines lustiges Bändchen aus der praktischen Haffmans-Reihe. Hier sind Schmidts Essays versammelt, in denen er sich mit seiner Rolle als Schriftsteller in der (frühen) Bundesrepublik auseinandersetzt. Oft ist es ein seltsamer Mix aus Anspruchsdenken und Verachtung des Staats, von dem er sich wünschte, durchgefüttert zu werden, um Kultur zu erschaffen. Der Band ist ein angenehmer Einstieg in Schmidts Werk, weil man Einblicke in die Eigensicht des Autors bekommt, die beim Verständnis mancher Texte gut weiterhilft. Für den Anfänger ist dieser Band also durchaus zu empfehlen – vorausgesetzt, man findet das Buch noch irgendwo im Antiquariat.

Arno Schmidt, Griechisches Feuer

Erinnerungen sind schon eine ungewöhnliche Sache. Das eine ist abgespeichert wie in Stein gemeißelt und Bernstein gegossen. Das andere ist so flüchtig wie ein mikrosopischer Tropfen Spiritus auf einem Glastisch.

Die „13 historische Skizzen“, wie das vorliegende Büchlein untertitelt ist, waren tatsächlich mein erster richtiger Schmidt. Ich hatte damals zwar schon einiges Schmidt-Namedropping und den ein oder anderen kurzen Auszug in den Fingern gehabt. Aber erst als ich dieses Hafmanns-Bändchen bekam, in dem dreizehn kurze Essays versammelt sind, die sich mit historischen Begebenheiten beschäftigen, konnte ich richtig reinschnuppern. Ich fand die Ausgabe in einem Antiquariat in Kiel, das ich wiederholt besuchte, wenn ich mittags Zeit hatte. Nach dem stolzen Kauf marschierte ich zu einer Dönerbude in einer Parallelstraße. Die Bude war wie ein langer Schlauch gestaltet, ganz hinten nahm ich Platz und ließ mich hier von TRT Int oder irgendeinem anderen mir unverständlichen Quark beschallt. Dann packte ich die Beute aus, und verliebte mich auf Anhieb in diese Sprache. Ich weiß nicht, ob es jetzt eher überheblich oder verstörend wirkt, aber ich erkannte meine Gedankengänge und -sprünge in diesen verschachtelten, verwurstelten Sätzen wieder.

Männern wird gern nachgesagt, dass sie des Multitaskings nicht fähig seien. Ich möchte nicht beurteilen, wie das in offensichtlicher Hinsicht bei mir ist. Aber ich weiß, dass meine Gedanken eben genau das tun: wildestes Multitasking. Das geht so weit, dass ich bei Alltagsgeplapper meist über ganz andere Dinge nachdenke, als ich gerade rede – und zwar nicht nur über ein ganz anderes Ding, sondern über zig andere Dinge. Deshalb macht es manchmal auch den Eindruck, dass ich stottere, wenn ich nur so nebenher nuschle. Es ist kein Stottern im eigentlichen Sinne, nein, mein Mund kommt nur meinen Gedanken absolut nicht hinterher. Und während ich in Gedanken schon fünf Kapitel weiter bin, verbiegt sich die Zunge noch bei den einleitenden Sätzen.

Ich schweife aus. Aber vielleicht erklärt dieser Kleinversuch meiner verkorksten Gedankenwelt, warum ich dermaßen entzückt war, während ich mir diesen verbrannten Haufen toten Tiers einverleibte. Nur kurz darauf besorgte ich mir eine stärkere Dosis Schmidt.

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