Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Bram Stoker

Bram Stoker, Dracula. Ein Vampirroman

Bereits bei der Meinung zu Frankenstein äußerte ich mich zu der Problematik, der diese beiden Bücher unterliegen: ihre Fehlwahrnehmung in der Populärkultur. Auch wenn die Darstellung beim Frankenstein fraglos falscher ist, ärgert sie mich bei Stokers Meisterwerk umso mehr, weil es das bessere Buch ist. Dabei ist der Witz, dass es bereits sämtliche Elemente enthält, die es schon zur Zeit seiner Entstehung zu einem Werk der Populärkultur machen musste: Stoker bedient sich Methoden, die sowohl klassische Elemente aufnahmen, aber auch solcher, die zu seiner Zeit topmodern waren. So ist der gesamte Text eine Zusammenstellung unterschiedlicher „Quellen“, die aus Tagebucheinträgen, Briefen, aber auch aus Aufnahmen der Edison’schen Tonwalze bestehen. Ein besonderes Schmankerl war aber natürlich die im viktorianischen England unerhörte Erotik, die sich in mancherlei zwischenmenschlichem Miteinander abzeichnet. Von den filmischen Umsetzungen erscheint mir die Version von Coppola diesem Tonfall noch am nächsten zu kommen, wenngleich ich natürlich genauso die urheberrechtlich problematische Version von Friedrich Wilhelm Murnau mit Max Schreck in der Hauptrolle ikonographisch äußerst wertschätze.

Zuletzt möchte ich folgendes Aquarell empfehlen.

Und zuallerletzt möchte ich darauf hinweisen, dass es gerade zwei neue Ausgaben gibt. Mehr darüber im Freitag 16.

Mary W. Shelley, Frankenstein oder Der neue Prometheus

Frankenstein ist vermutlich mit Stokers Dracula eins der bekanntesten und zugleich ungelesensten Bücher der Geschichte. Jeder kennt es – oder glaubt es wenigstens aufgrund einer oder mehrerer der zahllosen Verfilmungen zu kennen. Dass die wenigsten Leinwandstreifen etwas mit den zugrundliegenden Originalen zu schaffen haben, interessiert nicht. Warum auch? Man müsste das Original ja erst mal kennen und wer macht sich die Mühe schon?
Bei beiden Büchern ist die Mühe es wert. Zum Stoker werde ich mich demnächst äußern, daher liegt das Interesse hier zunächst auf Shelleys Text.

Das Missverständnis beginnt schon da, dass eine Verkürzung stattgefunden hat. Selbst der größte Teil der Leute, die die Geschichte kennen, sprechen von dem erschaffenen Wesen als Frankenstein. Leser, die geflissentlich mit Worten umzugehen verstehen, hängen wenigstens das konzisere Monster an den Namen. Aber auch das trifft es nicht ganz. Natürlich musste eine so unbändige Gestalt, die laudanumgezeugte Elemente des nietzscheianischen Übermenschen vorwegnimmt, den Zeitgenossen als ein Monster vorkommen. Aber deutet nicht schon Shelley selbst mit dem Beisatz „der neue Prometheus“ mehr an? Geht es nicht eher um eine Art Weiterentwicklung? Und zudem um das Problem des Schöpfers von Bewusstsein?

Der Text, vorgeblich einem Traum erwachsen, den Shelley hatte, als sie zusammen mit ihrem späteren Mann Percy Bysshe Shelley, Lord Byron und Dr. Polidori einen Sommer nahe des Genfersees verbrachte, ist auf seine Weise visionär. Unsere modernen Frankensteins wirken allerdings weniger an Leichen als vielmehr an Stammzellen und Klonen, oft unbedacht und skrupellos, oft glauben sie aber auch die gute Sache. Was immer sie aber antreibt, dieser Roman bleibt eine Warnung für jede Wissenschaft. Und genau deshalb bleibt er als Buch interessant, so romantisch verkleistert er an vielen Stellen auch ist.

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