Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

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Alles, was möglich ist

Es gibt Dinge, die regen mich auf. Genauer: die regten mich auf. Denn ein Mix aus Resignation und beginnender Altersmilde beginnt die Aufregung zu verschütten. Eins dieser Dinge betrifft Menschen und ihre Möglichkeiten.

Vielen Menschen bleiben zahllose Möglichkeiten zeitlebens verwehrt. Diese Erkenntnis kann man unschön finden oder man kann ihr auch neutral gegenüber stehen. Aber seien wir ehrlich, sie wird sich nicht ändern lassen.

Einigen Menschen dagegen bietet sich ein breites Spektrum an Möglichkeiten. Nicht alle nutzen sie. Oft entscheiden sie sich für einen Weg, der nur scheinbar der einfachste ist.

Diese Diskrepanz ärgerte mich. Sie kollidiert mit meinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ich finde, die Nichtnutzung eigener Möglichkeiten grenzt an Verschwendung, die ich nicht anders als degoutant bezeichnen kann.

Als Beispiel möchte ich von einem Interpreten erzählen, den ich musikalisch zwar nicht sonderlich wertschätze. Ich anerkenne aber, dass er handwerklich sauber arbeiten kann und Ideen hat. Dagegen gutheiße ich nicht, dass er sich mit Weichspülgedöns und billigen Effekten einen leichten Lenz macht, statt die Qualität bieten, die abzuliefern er meiner Meinung nach locker imstande wäre. Das Nichtgutheißen geht so weit, dass ich mich unter Einfluss hochgeistiger Getränke einmal sehr darüber echauffiert habe, was er da vergeudet. Anwesende Freunde blickten irgendwie pikiert; ich ahne, wie sie sich später über mich gewundert haben mögen.

Es brauchte eine Zeit, bis mir bewusst wurde, dass es eigentlich eine nach außen projizierte Selbstwut war.

Ja, ich weiß, was ich für Möglichkeiten habe. Eigentlich. Und ja, ich weiß, dass ich sie seit Jahren nicht nutze (was für Eingeweihte offensichtlich ist). Für mich persönlich besteht leider das Problem, dass ich sie nicht nutzbar zu machen verstehe.

Vielleicht liegt hier der Denkfehler. Vermutlich wissen viele nicht, welche Möglichkeiten sie hätten. Und selbst wenn sie es wissen, vermögen sie sie wahrscheinlich einfach nicht zu nutzen.

Ein Trauerspiel. Denn wie könnte eine Welt aussehen, in der jeder seine Möglichkeiten umzusetzen vermöchte? Das meine ich nicht im kommunistischen Sinne, sondern eher in einem psycho-emanzipatorischen Sinne. Hier läge die eigentliche Befreiung des Menschen. Aber leider krankt die Idee eben daran, dass Menschen eingerissene Schranken nur dann als solche wahrnehmen, wenn sie sie selbst eingerissen haben. Und diesen Schritt muss man sich eben zu gehen trauen. Denn was jenseits der Schranke lauert, das weiß man nicht oder bestenfalls – nur eingeschränkt: wenn man es nämlich mal geschafft hat, über die Grenze zu linsen.

Möglichkeiten (Symbolbild) / pexels.com

Glück gehabt (mit mir in einer tragenden Nebenrolle)

Mir ist neulich, im Nachklapp zum Münchner Amoklaufs, etwas aufgefallen, das mir zu denken gibt.

Ich hab eine Bekannte in München, die ich leider schon länger nicht mehr gesehen habe und mit der ich auch nur noch sehr sporadisch in Kontakt stehe. An dem besagten Abend hatte ich dennoch das Bedürfnis zu erfahren, wie es ihr geht. Sie meldete sich leider nicht. Als später Alter und Nationalität der Opfer durch die Presse gingen, wusste ich zumindest, dass sie nicht darunter war. Mich hatte aber an den Bildern stutzig gemacht, dass ich glaubte, dass sie nahe dem Einkaufszentrum wohnte und auch der McDonalds kam mir bekannt vor – was ich zunächst beiseite schob nach dem Motto: Sehen sowieso alle gleich aus.

Wochen später meldete sie sich zurück und schrieb mir, sie sei im Urlaub gewesen. Den Amoklauf hatte sie allerdings noch mitbekommen. Mein Gedächtnis war nämlich besser, als ich es ihm hatte zugestehen wollen: Das Einkaufszentrum bei ihr um die Ecke ist tatsächlich das betroffene Zentrum, wir waren sogar miteinander bei dem McDonalds gewesen, um einen Kaffee trinken.

Schlimmer: Am besagten Tag selbst war sie keine Stunde vor dem Amoklauf im Einkaufszentrum gewesen, später war ihre Straße vom SEK und ähnlichen Einheiten besetzt, niemand durfte in den umgebenden Straße die Wohnung verlassen. Das war vor allem deshalb doof, weil meine Bekannte an dem Abend in Urlaub fahren wollte und erst spät nachts samt Gepäck zu Fuß zu ihrer Mitfahrgelegenheit laufen durfte.

Im Großen und Ganzen hatte sie also dennoch Glück im Unglück. Und darauf möchte ich hinaus. Als ich mit Kollegen darüber sprach, wurde mir ein wiederkehrendes Phänomen bewusst: Einmal mehr kannte ich jemanden, der – aus welchen Gründen auch immer – knapp an einer Katastrophe vorbeigeschlittert ist. Ich zähle auf:*

1998 beim Zugunglück in Eschede hatte der Sohn einer früheren Nachbarin Glück gehabt: Er hatte ein Ticket für den ICE, musste dringend nach Hamburg, hatte aber den Zug verpasst.

Als 2000 die Concorde abstürzte, war ich auf einer Ausgrabung in Norddeutschland. Eine Mitarbeiterin war geschockt, als sie die Nachrichten sah. Denn sie wusste, dass eine Cousine an dem Tag mit der Concorde fliegen sollte – die den Flug aber ebenfalls verpasst hatte, wie wir im Laufe des Tages erfuhren.

2001 waren im New Yorker WTC zwei Cousins einer Straubinger Bekannten. Beide sind mit dem Leben davongekommen, wobei dem einen ein Arm amputiert werden musste (ich weiß nicht mehr, ob wegen einer Quetschung oder einem Trümmerteil).

In Bonn scheiterte 2006 ein Kofferbombenanschlag. Eine Freundin war zu der Zeit zufällig am Bonner Hauptbahnhof, weil sie die U-Bahn nahm. Sie selbst betont noch heute, dass sie sonst nie mit der U-Bahn fährt.

Als 2011 am Flughafen Moskau-Domodedowo eine Bombe explodiert, hatte die Mutter derselben Freundin dort kurz zuvor den Flieger gewechselt.

Als als jetzt 2016 der Lkw-Fahrer durch Nizza walzte, hatte die Freundin einer Kollegin kurz zuvor die Promenade verlassen.

Und nun eben – München.

Nun kann man davon halten, was man möchte. Schließlich gilt auch, dass man über sechs Ecken jeden Menschen kennt (ein älterer Kommiliton von mir kannte sogar Haile Selassie, Kaiser von Abessinien, König der Könige, siegreicher Löwe Judas, noch persönlich). Man könnte diese Reihung daher als puren Zufall abtun. Man könnte aber auch sagen, dass es in solchen Situationen hilfreich ist, mich direkt oder über eine Ecke zu kennen.

Nebenbei: Ich bin gern bereit, gegen kleine Geld- oder Sachspenden neue Bekanntschaften einzugehen. Sozusagen gegen eine kleine *räusper* Schutzgebühr. Ansonsten hoffe ich, dass ich mit dieser Liste keinen Verdacht beim Verfassungsschutz errege.

Update: Ich brauche kaum zu erwähnen, dass ich auch zum Fall Berlin zwei indirekte Kontakte habe. A hat den Weihnachtsmarktbesuch kurz zurvor abgesagt, B hat den Markt keine Stunde vorher verlassen.

* Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Falls einer meiner Leser weitere überzeugende Fälle für meine schützende Hand beisteuern kann, beteilige ich ihn gern am Erlös der angeführten Spendenaktion.

Über das Wissen der AfD-Jünger

Anhänger der AfD beklagen sich vielfach über Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, die schlecht ausgebildet als Wirtschaftsflüchtlinge oder per Familiennachzug nach Deutschland kommen, hier in Drogengeschäfte verwickelt sind und sich, so gut sie können, vor ihren staatlichen Pflichten (Steuern, Gebühren, Zwangsdienste) drücken. Stattdessen ziehen sie sich in ihre Ghettos zurück, hüten zu Hause illegale Waffen und stellen so eine Gefahr für die Gesellschaft dar.

Ich kenne so einen AfD-Wähler.1 Als ich mit ihm vor über 20 Jahren über Migration parlierte, versuchte ich, ihm zu erklären, dass Deutschland langfristig natürlich Migration braucht. Dass für Staat und Gesellschaft zwangsläufig vornehmlich gut ausgebildete Menschen gebraucht würden oder wenigstens solche, die sich hier gut ausbilden lassen und dann ihren Beitrag zu Staat und Gesellschaft leisten. Damals wollte er das nicht gelten lassen. Denn er kam selbst über so ein Ticket nach Deutschland.

Genauer gesagt, kam er Anfang der 90er schlecht ausgebildet aus dem Nahen Osten.2 Er war einerseits ein Wirtschaftsflüchtling, kam aber offiziell über (sehr verspäteten) Familiennachzug nach Deutschland.3 Er drückte sich während seines sehr, sehr ausgedehnten Larifari-Studiums an der FH vor dem Wehr- bzw. Zivildienst, solange es ging. Lieber nutzte er die Zeit zum Anbau, Schmuggel und Konsum von allerlei Drogen.4 Er weigerte sich, zahlreiche Gebühren oder Beiträge zu leisten.5 Meist hängt er in seinem Ghetto ab.6 Zuhause pflegt er, auf seiner Couch herumlungernd und durch Drogen und der Lektüre der Deutschen Wirtschaftsnachrichten betäubt, seine Butterfly-Messer7, Totschläger8 und einen Schlagring9.

AfD-Wähler wissen offenbar, wovon sie reden. Sie sind aber nicht in der Lage, in den Spiegel zu gucken.

Nachtrag: Je länger ich darüber nachdenke, desto passender ist der Vergleich. Denn natürlich erfüllt er auch die Nahostklischees, mit einem dicken BMW über die Straßen zu brettern und seine Verwandtschaft – insbesondere die Frauen – durch bundesstaatliche Sozialleistungen zu versorgen. Seine Freunde mit ähnlichem Migrationshintergrund belästigen seit Jahren unter Drogeneinfluss nachts in den Innenstädten an Rhein und Ruhr deutsche Frauen. Andere Freunde gelten im weiten Umkreis als Könige der Schwarzarbeit. Seine mehr oder weniger religiösen Buddys aus dem Ghetto hängen zudem einem Glauben aus dem anderen Nahen Osten an (die katholische Kirche) und veranstalten nach ihrem Sonntagsgebet illegale Märkte mit geschmuggelten Produkten aus der Heimat.

Da erübrigen sich wohl weitere Erklärungen.

1 Genauer: kannte.
2 Schlesien.
3 Seine Oma väterlicherseits kannte mal jemanden, der jemanden kannte, dessen Schäferhund deutsche Befehle verstand oder so ähnlich. Außerdem lebten seine Vorfahren in der Nähe des Senders Gleiwitz, der ja auch irgendwas mit Deutschland zu tun hatte.
4 Vornehmlich Marihuana, aber auch Kokain, Speed und Ähnliches sowie in größeren Mengen Bier und Schnaps.
5 Er zahlte keine GEZ-Gebühren, motzte aber permanent über die öffentlich-rechtlichen Sender. Er besorgte sich wiederholt gecrackte Decoder, um Premiere und ähnliche Sender gratis zu gucken, und saugte per Torrent über Jahre Abertausende von Gigabyte an Filmen und Musik.
6 Seine gesellschaftliche Kontakte beschränken sich auch nach einem Vierteljahrhundert weitgehend auf andere Flüchtlinge aus demselben Nahen Osten.
7 In Deutschland verboten.
8 Ebenfalls verboten.
9 Sowas von verboten.

DocTotte liest: Das Spukschiff (Sigurd Mathiesen), Teil 3

​So als richtiger Deutscher fühlt man sich ja schon als unfassbar durchgeknallter Querkopf, wenn man sich selbst dabei ertappt, eine Millisekunde zu überlegen, eine offizielle Petition zu unterstützen, die dazu aufruft, öffentlich Schabernack zu treiben.

Total verrückt.

Also nichts für mich.

DocTotte liest: Das Spukschiff (Sigurd Mathiesen), Teil 2

DocTotte liest: Das Spukschiff (Sigurd Mathiesen), Teil 1

Maxim Senff, Scherbenhaufen

Ein unverhofftes Ostergeschenk hatte mich neulich in meinem Mail-Kasten erwartet. Der hochverehrte » Kater Murr, seines Zeichens Bibliophiler Berliner, hatte mich damit überrascht, meinen » Scherbenhaufen in ein Smartphone-taugliches PDF umzuwandeln.

Langjährige Leser wissen, dass ich vor Ewigkeiten schon Ähnliches plante, leider aber aus grob geschätzt viertausendachthundertzweiundneunzig Gründen nicht recht dazu gekommen bin. Und ja, das da auf meinem Haupt ist Asche.

Nun möchte ich aber den lieben Kater nicht nur loben und mich artig bedanken, sondern euch, meine lieben Leser, natürlich gern an diesem Glück teilhaben lassen. Wer also in Zukunft von Maxim Senff lesen möchte, kann ab sofort im » PDF-Scherbenhaufen stöbern.

Zeit

Es ist erschreckend still geworden hier. Das mag ich nicht. Ich möchte es wieder ändern, bin aber leider ein wenig von äußeren Umständen abhängig.
So wie ich mir für das neue Jahr mehr Zeit wünsche, so wünsche ich euch allen ein erfolgreiches, gesundes neues Jahr.

Meine Mutter (10)

Obwohl ich nur wenige Bilder im Kopf habe, wie meine Mutter Fernsehen guckt, muss sie das erstaunlicherweise oft getan haben. Gerade im Ferienhaus habe ich mit ihr etliche Klassiker im Fernsehen gesehen und hinterher mit ihr darüber gesprochen (zum Beispiel über Scarface mit Edward G. Robinson). Von Filmen, von guten Filmen war sie so fasziniert wie mein Vater und ich. Noch heute schwärmt sie von ihrer Lieblingseinstellung: Claudia Cardinale auf dem Bett in Spiel mir das Lied vom Tod, gefilmt von oben.

Als es in den 80ern modern wurde, Seifenopern zu gucken, schaute sie mit, aber nicht sehr konzentriert. Dallas, Denver Clan, Falcon Crest – schon bald warf sie zum Vergnügen meiner Schwester die Figuren und Handlungsstränge der verschiedenen Serien durcheinander und stellte Fragen wie „Ist das jetzt der verlorene Sohn von XY?“

An einem Abend – auf den ich absolut nicht stolz bin – saß ich mit meiner Mutter nach irgendeinem Film noch im Wohnzimmer unseres Ferienhauses. Da muss ich so 13 gewesen sein. Meine Schwester lag schon im Bett, schlief aber noch nicht. Meine Mutter rekapitulierte die letzte Folge irgendeiner Seifenoper und stellt desillusioniert fest, dass ihr Leben (bzw. das unserer Familie) ebenfalls seifenopertauglich wäre – wie natürlich jedes Leben, wenn man es verdichtet, das ist ja der Witz am Erfolg der Seifenopern.

Wir blödelten herum, welche Schauspieler die einzelnen Mitglieder unserer Familie spielen sollten und in einem grausamen Scherz meinte ich, dass Joan Collins nicht meine Mutter spielen könnte, weil die Darstellerin hässlicher sein müsste. Sie verstummte zunächst, wurde dann traurig. Ich wusste nicht recht, wie ich reagieren sollte, einerseits weil es die entsprechende Herzlichkeit, jemanden in den Arm zu nehmen, in unserer Familie einfach nicht (mehr) gab, andererseits weil mich ihre Reaktion so überraschte. Ich verabschiedete mich, ging ins Bett im Kinderzimmer, in dem meine Schwester bereits lag. Sie hatte alles mitgehört und als das Schluchzen meiner Mutter aus dem ansonsten geräuschlosen Wohnzimmer zu uns drang, pfiff meine Schwester mich an, ich sollte mich entschuldigen. Wie ein räudiger Hund, der wusste, was er verbrochen hatte, schlich ich ins Wohnzimmer zurück und entschuldigte mich kleinlaut, aber ehrlich gemeint.

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