Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Herman Melville

Herman Melville, Typee

So sehr ich Geschichten rund um die Seefahrt mag, so hadere ich ja auch ein wenig mit Melville, gerade wegen seines Monstrums. Als ich diese Ausgabe von Typee in die Finger bekam, konnte ich aber nicht nein sagen. Ich kaufte, las und amüsierte mich.

Hier schreibt ein unbekümmerter Autor ohne jede Last, auch wenn er sich teilweise anderer Schriften bedient. Die Geschichte mag insgesamt recht belanglos sein. Die Atmosphäre von Nuku Hiva zur Mitte des 19. Jahrhunderts fängt er aber so gekonnt ein, dass ich mich während und auch noch nach der Lektüre immer wieder dabei ertappte, in den Gedanken in die Südsee abzuschweifen.

Das gelang in dieser Art eigentlich nur Stevenson.

Rundum zu empfehlen, insbesondere Leuten, die gern in Gedanken in die Ferne schweifen (auch ein Beitrag zur Klimaverbesserung).

Nathaniel Philbrick, Im Herzen der See. Die letzte Fahrt des Walfängers Essex

Den meisten Lesern dürfte – zumindest grob inhaltlich – Moby Dick bekannt sein. Der Kreis der Leser, die das zugrundeliegende Unglück kennen, fällt höchstwahrscheinlich deutlich kleiner aus. Ja, man mag es kaum glauben, aber Melville hat das Hauptereignis in Moby Dick nicht erfunden. Drei Dekaden vor der Niederschrift geschah im Pazifik etwas, das dem Walfang einen neuen Mythos bescherte: Ein Wal griff das Walfängerschiff an und versenkte es.

Der Autor Nathaniel Philbrick, standesgemäß auf Nantucket beheimatet, untersucht im vorliegenden Werk nun die Geschichte um diese Fahrt. Dabei liegt sein Hauptaugenmerk gar nicht mal so sehr, wie man meinen könnte, auf der Versenkung durch den Wal, sondern vielmehr auf der Katastrophe danach. Windet Melville sich noch geschickt dadurch heraus, dass alle Mann ertrinken – notwendigerweise bis auf den Erzähler –, so macht Philbrick deutlich, dass erst nach dem Sinken des Walfängers die Not der Mannschaft beginnt. Ausgesetzt mitten im Pazifik in den kleinen Walfängerbooten kämpfen sie ums nackte Überleben. Zunächst meiden sie noch aus Furcht vor Kannibalismus die Gesellschaftsinseln, doch als der erste an Bord eines der Boote stirbt, tritt genau diese Frage auf: Kann man, darf man in der Not Menschen essen? Noch dazu einen Kameraden? Doch die Lage verschlimmerte die Not noch. Denn ist diese Grenze erst überschritten, während die Verzweiflung weiter andauert, kommt die nächste Frage auf: Darf das Los darüber entscheiden, wer als nächster Nahrung für die anderen bietet?

Ein gutes Buch, gespickt mit zahlreichen Details um die Seefahrt. Es ist die perfekte Ergänzung zu Moby Dick und verdient es, weiter bekannt zu sein.

Herman Melville, Mardi

Ein weiteres Monstrum aus dem Hause Melville. Mardi ist allerdings lange nicht so bekannt wie der weiße Wal. Das wundert einerseits angesichts des interessanten Südseeinhalts, andererseits wundert es auch wiederum nicht. Denn Melville hat in Mardi etwas versucht, was zur Zeit der Niederschrift schon länger aus der Mode war: Satiren über die eigene Zeit im Kostüm anderer, womöglich erfundener Kulturen. So beschreibt Melville in Mardi die damals wichtige Welt aus Europa und den kommenden USA anhand verschiedener Südseekönigreiche. Und genau der Teil ist ihm nicht gelungen – im Gegensatz zu den Schilderungen eines Weltteils, den damals nur sehr wenige kannten und von dessen Exotentum noch heute viele Vorstellungen des Garten Eden geprägt sind. (Dazu braucht man sich ja nur auf den Webseiten verschiedenster Reiseanbieter herumzutreiben.)
Sei es, wie es sei. Der Roman blieb lange unübersetzt und wurde vor 15 Jahren von der Achilla-Presse-Verlagsbuchhandlung erstmals in Deutschland herausgegeben in der Übersetzung von Rainer G. Schmidt. Für diese schöne Ausgabe auch heute noch meinen Dank!

Herman Melville, Moby-Dick oder Der Wal

Es gibt wohl nur wenige Bücher, die so aussehen und sind wie ihr Thema. Moby-Dick gehört definitiv dazu. Was uns Deutschen Goethe mit seinem ewig besserwisserischen Salbadern scheint dem US-Amerikaner Melvilles Meisterwerk. Ich erinnre nur an den Grundgag in Woody Allens Zelig, der zum menschlichen Chamäleon wurde, weil er in der Schule nicht zugeben wollte, Moby-Dick nicht gelesen zu haben.
Nicht immer, aber in diesem Fall macht dieses Merkmal den Text so spannend. Er ist wie ein 8000er, den man einfach mal erklimmen muss. Klar, die Geschichte kannte ich längst in einer Kinderversion, auch die tolle John-Huston-Verfilmung mit Gregory Peck als Captain Ahab (Peck spielte nebenbei in der tollen TV-Verfilmung von 98 ebenfalls mit, diesmal allerdings als Prediger).
Lange ist’s her, da hatte ich es auf englisch probiert und bin kläglich im Basislager meiner Penguin-Ausgabe gescheitert. Jahre später hörte ich dann davon, dass sich Friedhelm Rathjen, seines Zeichens ein Satellit im Universum Schmidt-Joyce-Wollschläger, einer Neuübersetzung verschrieben hatte, weil ihm die bisherigen deutschen Übersetzungen zu verstümmelt und/oder zu frei übersetzt waren.
Irgendwann im Verlauf der Arbeit gab es ein Probekapitel in einer Zeitung zu lesen (war es die Frankfurter Rundschau? Ich glaube, sie war es), das mir durchaus gefallen hat. Zu der Zeit war ich im Rahmen eines Saga-Seminars selbst mit dem Thema Übersetzungen beschäftigt, in dem es um die Frage ging: so nah wie möglich am Original oder so nah wie möglich an der aktuellen Sprache? Dialekte übertragen? Damals war ich noch der Meinung, möglichst textnah sei am besten – Rathjen ausweislich der Probearbeit ebenfalls. Vermutlich fand ich seine Arbeit wegen dieser gleichen Herangehensweise so spannend. Gut, leider gab es Zores zwischen Rathjen und dem ursprünglichen Verlag, das Werk blieb zunächst liegen, bis sich Zweitausendeins der Sache annahm. Als es erschien, war ich natürlich elektrisiert und besorgte mir die schön gestaltete Ausgabe sofort. Der Neuübersetzung wurden wunderbare Holzschnitte von Rockwell Kent zur Seite gestellt.
Und dann las ich. Und las. Ich kämpfte mich durch die Seiten, erfuhr vielerlei interessante, aber auch belanglose Details über Wale, den Walfang, vor allem aber über das überdimensionierte Wissen des Unnützen, das Melville nicht nur angehäuft, sondern auch wie einen Popanz vor sich herträgt. Und je mehr Seiten ich las, desto mehr nahm ich Abschied von der Übersetzerphilosophie, nah am Original zu bleiben. Oder um mit einer meiner Professorinnen zu sprechen: „Wenn Sie die Sagas nah am Original übersetzen wollen, müssen Sie sie ins Mittelhochdeutsche übersetzen. Das wäre nämlich nah am Original.“
Kurzum: Ich weiß nicht, ob ich Moby-Dick jemals wieder lesen werde, vor allem in dieser Übersetzung; aber ich weiß, dass mir der Text sehr vieles sehr nahe gebracht hat, über das ich mir zuvor nur wenig Gedanken gemacht habe. Das Buch bleibt eben ein 8000er, ich habe ihn ohne Sauerstoff bestiegen und bin glücklich über die Leistung, habe aber ein paar Erfrierungen davongetragen.

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