Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Raoul Schrott

Raoul Schrott (Hrsg.), Gilgamesh

Seit zig Jahren hatte ich das Gilgamesh-Epos auf meiner ewigen Leseliste. Es war zugegebenerweise immer tiefer gerutscht, bis ich neulich durch einen dummen Zufall darauf gestoßen wurde. Also beschloss ich, jetzt sei die Zeit, das Langverschobene nachzuholen und mehr über die Wurzeln auch aller europäischen Schriftkultur zu erfahren. Zum Glück ist der Heilige Raoul Schrott zu uns Menschen auf die Erde herniedergefahren, um uns mit wundervollen Texten, Übersetzungen, Übertragungen und Nachdichtungen zu beglücken. So auch im Fall Gilgamesh.

Unter Hinzuziehung diverser Fachgelehrter sammelte, begutachtete und verband der Komparatist Schrott bekannte Fragmente über das Epos zusammen und schuf daraus das, was man nicht anders als die wunderbar heutige Form des Gilgamesh nennen kann. (Zusätzlich finden sich Vorworte und Nachworte rund um das Thema Mesopotamien, denen man schlimmstenfalls ankreiden kann, dass die Fachleute nicht über ihren Tellerrand gucken. Aber das ist ja nun wirklich nichts Neues auf der Welt.)

Die Geschichte von Gilgamesh ist wirklich toll, sowohl der Inhalt als auch die Darstellung durch Schrott. Ich bin dem Österreicher wirklich einmal mehr dankbar für eine Reihe schöner Momente in meinem Leben!

PS: Im Zuge der Beschäftigung bin ich auch noch einmal über die gewagten Thesen Schrotts gestolpert, nach denen Homer womöglich aus Mesopotamien stammt, zumindest aber die dortigen Epen kannte. Nach den höchstvergnüglichen Stunden im literarischen Mesopotamien werde ich mir sicher bald auch Schrotts Neuübersetzung der Ilias zu Gemüte führen. Und ja, nach meiner früheren Lektüre der Voss’schen Fassung sind meine Erwartungen an das, was Schrott daraus gemacht hat, sehr hoch gesteckt.

Raoul Schrott, Das schweigende Kind

Dieser kleine Roman – fast eher schon eine Erzählung – ist mir nur zufällig in die Hand gefallen. Eigentlich sollte ich einer Freundin ein Buch besorgen und wollte mir bei dieser Gelegenheit ein anderes mitbringen (auch das wird schon bald besprochen). Es geht um einen Vater, der seiner Tochter erklärt, wie es dazu gekommen ist, dass beide früh voneinander getrennt wurden.

Schrott versammelt im Buch interessante Gedanken über Schicksal und freien Willen. Und dazu nutzt er einmal mehr seine pointierte Sprache und eine Wortwahl, die zeigt, dass er jeden Satz auf die Waage legt, bevor er ihn niederschreibt. Ja, ich schätze Schrott sehr und halte ihn für einen, der aktuell am feinsten mit der deutschen Sprache umgehen kann.

Übrigens erfuhr ich heute nebenbei, dass Schrott eine Zeit lang Sekretär bei Philippe Soupault war. Das erklärt für mich einiges.

Raoul Schrott, Die Erfindung der Poesie. Gedichte aus den ersten viertausend Jahren

Bekanntlich bin ich ein Schrott-Fan, das gestehe ich, ohne rot zu werden. Es kommt zwar vor, dass mich die leicht österreichische Einfärbung seiner Texte (oder Aufnahmen) etwas stört, aber im Großen und Ganzen bin ich begeistert darüber, wie er mit Sprache und Sprachen umzugehen weiß.

Dieser Band ist ein besonderer Brummer. Er ergeht sich hier in Gedichten aus zig Epochen. An den Übertragungen war Schrott stets beteiligt (bzw. wenn ich mich recht entsinne, hat er einiges direkt selbst übertragen). Die Gedichte selbst sind unter anderem aus dem Griechischen, aus dem Lateinischen, aus dem Arabischen, aus dem Walisischen. Mir persönlich fehlten lediglich isländische Gedichte, aber glücklicherweise kenne ich die ja ohnehin.

Zu dem Buch gibt es übrigens auch ein gutes „Hörbuch“. Er stellt darin die jeweiligen Autoren vor und spricht die Texte in der Übertragung und zum Teil im Original. Beides ist für den Lyrikfan extrem empfehlenswert!

Raoul Schrott, Tristan da Cunha

Auf den Punkt: ein toller Roman! Tristan da Cunha ist – mancher wird es wissen – eine Insel nahe St. Helena. Die Insel faszinierte schon so viele Menschen. Nicht zuerst (und nicht zuletzt) Arno Schmidt, der hier eine geologische Vorlage für die Insel Felsenburg sah und sich seinerseits mehrfach mit diesem Vulkankegel im Südatlantik beschäftigte. Nun also auch Schrott. Er konstruiert um mehrere Protagonisten Bezüge, Geschichten, Ereignisse um die Insel, die einfach nur hochinteressant sind. Der Wortarbeiter Schrott zeigt bei dieser Gelegenheit, dass er auch Roman kann.
Besonders feine Erinnerung: Ich war bei einer Lesung durch Schrott persönlich in Kiel. Eine sehr angenehme Veranstaltung, eine wunderbare Lesung eines tollen Buchs und eine nette Widmung. Nebenbei erfuhren die Anwesenden, dass Schrott (zu diesem Zeitpunkt) noch nicht auf Tristan da Cunha gewesen ist. Das liegt hauptsächlich daran, dass nur zweimal im Jahr ein Postschiff die Insel anfährt und es im Falle von Stürmen nicht ganz leicht ist, wieder da wegzukommen.

Raoul Schrott, Tropen

Als ich das erste Mal von Raoul Schrott hörte, dachte ich: Was für ein dämliches Pseudonym. Um dann natürlich erfahren zu müssen, dass der Mann tatsächlich so heißt. Begonnen habe ich mit seiner Erfindung der Poesie – und war begeistert. Ich halte ihn derzeit für einen der geistreichsten und im Wortsinne wortgewandtesten deutschsprachigen Lyriker. Er weiß einfach, wann er was wie schreiben oder sagen muss, um auf den Punkt zu treffen. Sicher, als jemand, der eher dem west- bzw. norddeutschen Sprachraum angehört stolpere ich bisweilen über seine Austriazismen, aber sie gehören auch wieder zu ihm. Doch halt! Jetzt habe ich fast ausnahmslos von ihm, aber nicht von den Tropen geschrieben! Natürlich meint er damit weniger die Landschaft, sondern die rhetorische Figur.

Tja, viel kann ich zu diesem Band gar nicht mehr sagen. Er war sehr wohl interessant, ist aber meines werten Erachtens das Schwächste, was ich von ihm gelesen habe. Es gilt freilich schärfste Lyrikgefahr!

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