Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Robert Louis Stevenson

Björn Larsson, Long John Silver

Vor der Idee, die Larsson hatte, kann man nur den Hut ziehen: Er nimmt sich eine der profiliertesten Gestalten der Literaturgeschichte und lässt sie die eigene Biographie schildern. Da es sich bei der Figur um Long John Silver handelt, ist die Aufmerksamkeit jedes Treasure-Island-Fans gewiss. So auch meine.

Silver erzählt also in diesem Roman, wie er zur Seefahrt und schließlich zur Piraterie gekommen ist. Er berichtet (in Kürze) von seiner Zeit unter Captain Flint und wie er auf Madagaskar seine Ruhe gefunden hat.

Die Anfänge sind passend zur Lebenszeit Silvers vergleichbar mit den für seine Zeit populären Bildungsromanen, wenn man vom modernen Rahmen absieht, in dem der Erzähler durch die Zeiten springt. Wer diese Literatur mag, kommt hier voll auf seine Kosten. Larsson kombiniert Silver dazu mit anderen echten oder erfundenen Gestalten. Er lässt ihn Bekanntschaft mit Defoe schließen, mit verschiedenen anderen bekannten Piraten fahren und an berüchtigten Kaperfahrten teilnehmen.

Erst zum Ende hin scheint Larsson nicht recht gewusst zu haben, wie er den Bogen schlagen soll zu der Zeit, die für die Treasure-Island-Fans am interessantesten sein dürfte: die Zeit unter Flint.

Dazu bedient er sich eines Tricks, der meines Erachtens übertrieben ahistorisch ist. Er lässt Jim Hawkins selbst Autor werden und schiebt diesem die Niederschrift der Abenteuer in Bristol, auf der Hispaniola und auf Treasure Island zu. Silver bekommt dieses Buch in die Finger und schreibt Hawkins einen langen Brief, in dem er aus der Zeit mit Flint erzählt.

Das Merkwürdige ist: Nachdem Flint zu Beginn kurz vorkommt, wartete ich viele Seiten lang darauf, dass Silvers Abenteuer mit Flint geschildert werden. Als es dann so weit war, zeigte sich, dass der McGuffin, also der Verzicht auf diese Darstellung, dramaturgisch besser gewesen wäre. Larssons Schilderung macht den Erzpiraten nämlich dermaßen langweilig, dass ich mir gewünscht hätte, die letzten 50 Seiten nicht mehr gelesen zu haben. Davon abgesehen ist das Buch aber wirklich jedem Schatzinselfan zu empfehlen!

Robert Louis Stevenson, Der Strandräuber

Stevenson, Spross des bekannten schottischen Leuchtturmbauers, ist vor allem für Schatzinsel sowie Jekyll und Hyde bekannt. Dass er auch darüber hinaus andere gut erzählte Stile beherrschte, war mir bereits länger bekannt. Der Strandräuber, eine Verschmelzung aus Kriminal- und Künstlerroman, war mir dagegen bis vor kurzem unbekannt.

Nach der sehr befriedigenden Lektüre, während der ich Seiten & Kapitel wie schon lange nicht mehr verschlungen habe, bin ich mehr als froh, diese Lücke nun geschlossen zu haben.

Stevenson serviert ein detailliertes Panoptikum amerikanischer, schottischer und Pariser Schilderungen, die er gekonnt mit einer komplexen Mischung aus Südseeerlebnissen würzt.

Alles ist so lebendig, so farbenfroh geschildert, dass man den Hunger der Kunststudenten nahezu genauso spürt wie man den Salzgeruch der Meere schmeckt oder Möwen wie Eisenbahnen kreischen sowie Taue und Masten knarzen und ächzen hört. Zudem präsentiert er einen Krimi, der im Ergebnis kaum vorhersehbar ist und trotzdem auf einen Deus ex machina verzichtet.

So gelungen ich andere Werke Stevensons finde, so sehr sticht dieses Werkt noch einmal heraus, bei dem an auch den enormen Spaß mitlesen kann, den Stevenson bei der Abfassung gehabt haben muss.

Wirklich uneingeschränkte Leseempfehlung für sämtliche Fans von Abenteuer- und Kriminalromanen!

Robert Louis Stevenson, Treasure Island

Eins meiner absoluten Lieblingsbücher. Obwohl es sich dabei eigentlich literarisch um ein recht einfaches Stück handelt. (Werfe ich eigentlich gerade etwas über den Haufen oder hatte Stevenson die Schatzinsel nicht für einen kranken Neffen oder so geschrieben?)

Das Buch gehört zu den wenigen Stücken, die ich nicht nur ein- oder zweimal, sondern mittlerweile drei- oder viermal gelesen habe. Auf Deutsch, auf Englisch. Außerdem kenne ich mehrere Verfilmungen (ja, Tim Curry ist der beste Long John Silver) und habe als Junge natürlich davon geträumt, in dieser Welt leben zu dürfen und nicht in dieser langweiligen, öden-schnöden Realität herumwursteln zu müssen.

Ist es ein Zeichen von Schwäche, lieber in der Fantasie zu leben? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich gerade dort meine Kraft tanken kann. Und Treasure Island gehört dazu. Die Schatzinsel ist keine Leseempfehlung, sie ist ein Lesemuss.

Robert Louis Stevenson, Das Flaschenteufelchen

Eine sehr nette kleine Geschichte über ein Teufelchen in einer Flasche, die mitsamt Inhalt immer weitergegeben werden muss. Das Teufelchen ist wie in Tausendundeiner Nacht Wunscherfüller. Aber wer stirbt, ohne die Flasche vorher verkauft zu haben, muss in die Hölle. Die Geschichte hat zwei besonders interessante Gesichtspunkte: Stevenson schrieb sie nicht nur in der Südsee, wo er die letzten Jahre seines Lebens verbrachte, sondern schrieb sie sogar in der Sprache der Samoaner.

Zudem krame ich seit Tagen in meinem Gedächtnis herum, wo ich eine weitere Geschichte mit einem Flaschenteufelchen hatte. Diese andere Geschichte spielt meiner trüben Erinnerung zufolge im Norditalien des 17. oder 18. Jahrhunderts.

Edit: Ha! Gefunden! Es ist natürlich die Fouqué-Geschichte „Das Galgenmännlein“. Stilistisch nicht ganz so gut wie der Stevenson, gehört aber sicherlich zu den besseren Fouqué-Arbeiten.

Friedrich de la Motte-Fouqué, Rittergeschichten und Gespenstersagen

Okay, natürlich hab ich Fouqué wegen Arno gesucht, gefunden und gelesen. Und da ich den ein oder anderen Romantiker durchaus zu schätzen weiß (später mehr zu Hoffmann), freute ich mich zunächst auf die Lektüre von Texten des preußischen Militärs Fouqué. Im Buch enthalten sind die Undine (selbstverständlich), Sintram, das Galgenmännlein, der unbekannte Kranke, der Siegeskranz, Adler und Löwe sowie Rosaura und ihre Verwandten.
Abgesehen von wenigen interessanten Aspekten in der Undine haben mich lediglich Sintram und das Galgenmännlein etwas amüsiert. Dabei ist das Galgenmännlein besonders interessant, weil es Gemeinsamkeiten mit Stevensons Flaschenteufel hat (auch dazu irgendwann mehr). Insgesamt glaube ich aber, dass Schmidt Fouqué als Schriftsteller weit überschätzt hat. Leider.

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