Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Vom Abenteuer im Einzelhandel

Der Einzelhandel klagt inzwischen seit Jahren, wie Onlineshops ihm das Geschäft versauen. Kunden, so heißt es, informierten sich ausführlich im Ladenlokal, verglichen dort womöglich die Preise mit denen im Internet und bestellten schlussendlich ebendort.

Die Argumentation klingt schlüssig, und wenn ich selbst als Auch-im-Internet-Bestellender mich fraglos nicht zu 100% für den lokalen Einzelhandel einsetze, achte ich doch gewöhnlich darauf, vor Ort zu kaufen, was ich auch vor Ort erhalten kann.

Heute hatte ich nach einigen Wochen des Haderns mir vorgenommen, eine neue Kamera zu erstehen. Ein paar Eckpunkte hatte meine Auswahl bereits, aber ich hatte auch noch eine Reihe von Fragen, die ich dem versierten Fachverkäufer stellen wollte.

Ich fuhr also in die Stadt, voller Vorfreude darauf, den inländischen Konsum anzukurbeln, und trat in den ersten Laden, ein Geschäft, das den Fokus voll auf die Fotografie setzt. Hier stöberte ich zunächst auf eigene Faust durch die Reihen der Produktpräsentation, war jedoch alsbald an einen Punkt angelangt, an dem ich Beratung bedurfte, und wartete. Die Verkäufer, die sich gerade angeregt unterhielten bei vollkommener Missachtung sämtlicher dreier Kunden, traute ich mich in ihrem Privatgespräch nicht zu stören. Zumal ich ohnehin wusste: „Ha, da gibt es noch mehr Geschäfte. Erkundige dich doch einfach im nächsten!“

Also ließ ich Laden N° 1 Laden sein und kehrte ihm den Rücken. Im nächsten Geschäft angekommen (ein mittelgroßes Elektronikfachgeschäft, bei dem ich glaube, dass es keiner Kette angehört) schaute ich mich wieder zunächst um, entdeckte eine deutlich interessantere Auswahl und sammelte im Kopf bereits Fragen zu den ausgestellten Stücken. Als ein Verkäufer ein anderes Beratungsgespräch beendet hatte, bot er sich an zu helfen. Dummerweise hatte aber weder er noch irgendeiner der ansonsten anwesenden Verkäufer Ahnung von Kameras. Dumme Sache, denn ich brauche weder Tablet noch Computer noch Smartphone oder wozu ich sonst hätte beraten werden können. Immerhin wurde ich vertröstet: Morgen, so hieß es, sei ein Fachmann vor Ort (ich aber wahrscheinlich nicht).

Ich wollte nach Hause, meine Laune wurde schlecht. Mehr aus Frust entschied ich mich zur Kurzschlussreaktion, eine Elektrokette heimzusuchen, die ich eigentlich schon länger meide. Nun weiß ich neue Gründe für diesen Spleen. Zwei spackige Teenager nervten, sich gegenseitig mit den ausgestellten Kameras knipsend. Die Verkäufer lungerten dagegen an einer Ecke, unterhielten sich lautstark über den Bruder einer Kollegin und gähnten dazu im Kanon. Ich hatte genug. Fast. Noch einen winzigen Fotoladen hatte ich auf dem Nachhauseweg inpetto, also steuerte ich den an. Doch was musste ich entdecken? In der Auslage gab es gar keine Kameras mehr, nur noch Rahmen und Kopien! Ein Trauerspiel. Ich fragte dennoch, auch um ganz sicher zu gehen, ob sie noch Kameras verkauften. Als Antwort erhielt ich die Empfehlung, zu Laden N° 1 zu gehen.

Ich verabschiedete mich und werde nun das Internet befragen. Danke für gar nix.

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The Road

  1. Warum müssen eigentlich Innenstädte überleben?

    • Weil da selten jemand wohnt und sie ohne Läden zu einem Zentrum des Todes verwahrlosen. Dabei sollten sie eher ein Zentrum des Lebens sein, inklusive Restaurants, Cafés, Bistros und vor allem – inklusive einladender Plätze.

  2. Lieber Doctotte, das waren bittere Erfahrungen, ja.
    Aber, bitte, bitte, nicht aufgeben. Nur wenn wir den lokalen Handel weiter stützen, wird er überleben (und mit ihm unsere Innenstädte); und nur wenn er Überlebenschancen bekommt, kann er auch Fachleute einstellen, die Kunden wirklich beraten. (Ein Teufelskreis!!)
    Dennoch ein schönes Wochenende, Ihnen.
    lg_jochen

    • Du wirst lachen (sind nicht alle eingefleischten Leser per du? 😉 ), aber schon bevor ich deinen Kommentar gelesen hatte, hatte ich mir überlegt, dem mittleren Laden, in dem der Verkäufer mit Ahnung für heute angekündigt worden war, noch eine Chance zu geben. Zu Recht, wie ich inzwischen zugeben muss. Für die Beratung hat sich sogar das Warten auf den nächsten Tag gelohnt: Unaufgeregt, freundlich, auf einer sehr angenehmen Augenhöhe, trotzdem fundiert, aber ohne mit seinem Wissen anzugeben. Die Mischung aus Freundlichkeit und Nicht-aufschwatzen-Wollen sowie die Tatsache, dass er mir letztlich mit guten Argumenten die Kamera empfehlen konnte, die ich ohne sein Wissen sowieso in die engste Wahl genommen hatte, haben mich schließlich überzeugt.
      Übrigens ein Tipp, wie man den lokalen Handel zumindest bei Büchern sogar übers Web stützen kann: In meinem Viertel haben sich leider auch schon weitgehend die großen Buchhandelsketten ausgebreitet. Um in kleinen Buchläden etwas zu bestellen, muss ich dann schon ein Stückchen laufen, was ich zu regulären Öffnungszeiten oft leider nicht schaffe.
      Deshalb nutze ich, falls ich mal aus Zeitgründen den bequemeren Lieferservice übers Internet brauche, kleine Buchläden, die ihr Sortiment über Booklooker anbieten. Dauert nicht länger als Amazon, ist gewöhnlich nicht teurer, und man kann sich sogar gezielt einen kleinen Laden auspicken. Da zumindest für privat die Provisionen bei Booklooker verschwindend gering sind, gehe ich zudem davon aus, dass die Läden hier ebenfalls weniger abdrücken müssen, als es ein Laden bei Amazons Marketplace machen müsste.

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