Obwohl Onkel Heinz ein paar Jahre älter als mein Vater war, hat er auch viel Unsinn zusammen mit meinem Vater erlebt. So schlief Onkel Heinz als Kind einmal unter einem Bus ein und der fuhr los. Und Heinz lernte bei meinem Opa Schreiner. Und als er 18 war, war Krieg und Heinz musste nach Russland, Unternehmen Barbarossa, seine Einheit war ZBV, zur besonderen Verwendung, und ich weiß nicht, was genau das bedeutet, möchte es vermutlich auch nicht wissen, aber ich weiß, dass der junge Heinz zwei Eiserne Kreuze hatte und einen Kopfschuss. Und ein Kreuz bekam er für einen Sturmangriff der Kosaken zu Pferde, der MG-Schütze war tot und Heinz sah die säbelschwingenden Kosaken kommen und sprang in Todesangst ans MG – „die oder ich!“ – und schoss, was das Magazin hergab, bis die Leiber der Pferde und Menschen übereinanderlagen. Das erzählte er mir beim 50. Geburtstag meiner Mutter, während er einen Schnaps nach dem anderen trank. Und mit dem Kopfschuss kam er ins Lazarett, aber später trotzdem in Gefangenschaft, wo er etwas Russisch lernte, von dem er meiner Schwester und mir manchmal Kostproben gab zu Geburtstagsfeiern, wenn er sein Schnäpschen getrunken hatte. Und er sagte dann irgendwas mit „kak“ und meine Schwester und ich lachten, weil wir nicht glaubten, dass das „wie“ heißt, sondern dass Onkel Heinz einen Spaß macht. Und mein Opa, der war auch in Gefangenschaft gewesen, der väterlicherseits. Von ihm habe ich ein kleines dünnes Heft, das er im Lager hatte. Offenbar hatte er eine Art Tagebuch führen wollen. Aber die Einträge sind extrem kurz, oft nur ein Wort. Und schon nach wenigen Seiten steht da nur noch ein verzweifelt geschriebenes „HUNGER!“. Als er aus der Gefangenschaft nach Hause kam, lag er erst mal nur auf der Couch, wochenlang. Er sprach kein Wort. Weder mit seiner Frau, meiner Oma, noch mit seinem Sohn. Und auch wenn ich es nicht hundertprozentig weiß, hat er auch später mit niemandem über Front und Lager gesprochen. Ähnliches gilt für meinen anderen Opa. Der war Ende 44 von der Ostfront desertiert, allein schlug er sich zu Fuß nach Baden-Württemberg durch, wo seine Familie untergebracht war, Frau und Kinder, nur sein ältester Sohn, der war da schon tot, gestorben in einem Kinderheim in Mönchengladbach, an Lungenentzündung. Genau wie es ein Kinderarzt meiner Oma vorhergesagt hatte („Machen Sie sich keine Hoffnungen, Frau Bergmann!“). Und sie machte sich keine Hoffnungen, eher im Gegenteil, sie war schon kurz davor gewesen, sich aus dem Fenster zu stürzen, als sie zum dritten Mal schwanger war, mit einem Sohn, der diesmal nicht behindert werden sollte. Diesmal war aber auch der Arzt bei der Entbindung nicht besoffen gewesen und hatte diesmal das Kind nicht mit der Zange verkrüppelt. Meine Mutter erzählte ein bisschen von der Zeit nach der Desertion ihres Vaters. Wie sie von Fliegern beschossen wurde. Wie ihr Vater im Wald sich versteckte. Wie er in der Scheune sich versteckte. Wie sie nichts sagen durfte davon, dass ihr Vater wieder zurück war. Und auch nichts davon Engländern gegenüber, als die kamen. Wie sie von russischen Kriegsgefangenen von Waggons aus mit Briketts beworfen wurde, als diese wieder in ihre Heimat durften. Mein Vater erzählte sowas nie. Ich weiß nicht genau, wo er während des Krieges als Kind war, was er gemacht hat und wie er nach dem Krieg gelebt hat. Seine Kindheit beginnt für mich mit wenigen Ausnahmen wie der Sicherheitsnadel in der Stirn erst später. Zusammen mit Baldur zum Beispiel.