Mein Vater war selten beim Einkaufen dabei. Aber ich bin als Kind gern zum Einkaufen mitgegangen, zum Markt, zum Deutschen Supermarkt, an dem der Papst beim Besuch des Bistums vorbeigefahren worden war, zum Karstadtsupermarkt im Keller, bei dem die Brathähnchen schon lächerlich, aber immer noch um ein Vielfaches besser waren als in der Ranzbude von einem Wiener Wald. Wenn mein Vater mit einkaufen kam, dann eher samstags. Oft begann der Einkauf dann mit einem Gang zur Post. Das Gebäude steht heute noch, wird aber hauptsächlich zur Lagerung von Paketen genutzt. Früher musste man die Alfredstraße überqueren, benannt nach einem Krupp, wie so vieles in Essen. Man trat auf der rechten Seite ins Gebäude ein, hier im Eingangsbereich musste man erst ein paar flache Stufen überwinden, um zu einem Absatz zu gelangen, der über weitere Stufen nach links in den Schalterraum führte. Auf dem Absatz stand, was das Einkaufen mit Postbesuch besonders spannend machte: eine große Waage. Man brauchte lediglich einen Groschen einzuwerfen, stellte sich drauf und das Gerät zeigte an, was man wog. Obwohl wir auch zu Hause eine Waage hatten, war das Postungetüm für meine Schwester und mich ungemein spannender, vermutlich weil es Geld kostete. Es hatte fast etwas von Jahrmarkt. Wie oft haben wir zwei unseren Vater um Groschen für diese Waage angebettelt? Der Schalterraum daneben, mit seinen muffligen Postbeamten hinter ihren rechteckigen Glaswaben, gegenüber die wandschrankgleichen Telefonzellen und dazwischen wie reingestopft allerlei Tische und Ständer für Formulare, an der Kopfseite die Paketannahme, die vermutlich 50 Jahre unverändert geblieben war, an den Wänden und Säulen Fahndungsplakate, die ab den Spätsiebzigern immer massiver wurden und die für uns frisch alphabetisierten Kinder anfangs für Rätsel sorgten, weil wir den Unterschied zwischen Touristen und Terroristen kaum greifen konnten.

Statt mit uns einkaufen zu gehen, organisierte unser Vater eher irgendwas, was wir am Wochenende unternehmen konnten. Mal waren wir in der Messe Essen und schauten uns Autos, Pferde oder anderen Blödsinn an. Mal fuhren wir zu Instrumentehändlern, weil meine Schwester eine Zeit lang Klavier lernen wollte, während ich damals schon zur Geige neigte. Das lobte mein Vater, weil er meinte, ich sei schlau: Die Geige könnte ich immer unterm Arm mitnehmen, ein Klavier nicht. Ich glaube, das ist auch ein unbewusster Grund für mein heutiges Schreiben: Ein Notizbuch und einen Bleistift kann man immer ohne großen Aufwand mitnehmen.