Mein Vater war Beamter, Architekt bei der Stadt. Anders als seine Studienkollegen hatte er sich nicht selbständig gemacht, sondern auf die Sicherheit des Staates gesetzt, als der noch Sicherheit bot. Und dank dieser Sicherheit bekommt meine Mutter heute noch eine Witwenrente, von der andere Frauen nur träumen können, denn mein Vater hatte sich im Amt hochgearbeitet. Es gab, so behauptet es jedenfalls meine Mutter, nur noch eine mögliche Beförderungsstufe, die mein Vater mit seiner Ausbildung erreichen konnte, und angeblich hatte es zum Zeitpunkt seines Todes bereits festgestanden, dass er diese Beförderung erhalten sollte, im folgenden Jahr, was ich nicht beurteilen kann, was aber gut sein kann, denn mein Vater war im Amt ein geachteter Mann, um nicht zu sagen, ein Mann, vor dem die Kollegen und Untergebenen Schiss hatten, denn mein Vater achtete sehr genau darauf, wer wann kam und ging und welche Arbeit der Einzelne leistete. So gesehen war da vermutlich der ein oder andere froh gewesen, als mein Vater gestorben war, obwohl bei der Beerdigung natürlich jeder lautstark das Gegenteil behauptete, aber da hatte ja auch jeder versprochen, meiner Mutter zu helfen, wenn sie mal Unterstützung brauchte. Das hat aber natürlich so gut wie niemand gemacht, wenn es darauf ankam, nur auf die Familie war Verlass und auf einen sehr kleinen Kern an Freunden, ja vielleicht ist das einer der Ursprünge meines permanenten Misstrauens, denn ich weiß, dass die Leute viel versprechen, wenn ihnen danach ist, sich aber nicht daran halten, wenn sie es sich wieder anders überlegen.

Das Amt, in dem mein Vater zuletzt arbeitete, war ein flacher einstöckiger Bau in der Art eines großen Bungalows. Rechts hinter dem Eingang hatte er sein Büro, da hatte er genau im Blick, wer wann kam und ging. Gegenüber von diesem Büro war ein Raum, in dem allerlei zeichentechnisches Zeug war, mein Lieblingsspielzeug war die große Papierschneidemaschine mit dem Messer, das fast so lang wie ich groß war. Die war wirklich mordsgefährlich, deshalb durfte ich sie auch nicht allein bedienen. Mit hundertpozentiger Sicherheit bekomme ich das vereinfachte Labyrinth des Amtes nicht mehr zusammen, aber ich meine, dass man nach links zur Werkstatt kam, in der Onkel Heinz als Schreiner arbeitete. Er war hauptsächlich für die schönen Modelle zuständig, die von den Plänen gefertigt wurden. Ein toller Job und weit weniger gefährlich als seine Schreinertätigkeit bei meinem Opa, die Onkel Heinz nämlich eine Fingerkuppe gekostet hatte (natürlich die Kreissäge). Meine Schwester und ich waren immer ganz aufgekratzt, wenn er uns erzählte, wie er diese Kuppe verloren hatte, fast als sähen wir einen Horrorfilm.

Ging man hinter dem Eingang des Amtes nicht nach links, sondern geradeaus weiter, gelangte man in einen hohen Gang, der an einem Atrium, Besprechungszimmern und Büros vorbeiführte. Anders als vorn beim Eingang oder in der Werkstatt habe ich die Erinnerung, dass hier hinten alles sehr viel heller war, auch die Fenster waren größer. Als ich meinen Vater einmal begleiten durfte, hatte ich eine neue Jacke, in Schwarz und mit wenigen roten Einsätzen. Ich fand die Jacke riesig und werde das fraglos auch gesagt haben. Kollegen meines Vaters muss das sehr amüsiert haben. Sie fragten, ob ich Zorro sei wegen der schwarzen Jacke, und auf meine bestätigende Antwort hin zeichneten sie mir ein großes Zorro-Z auf Papier, schnitten es aus und klebten es mir auf meine Jacke. Den Rest des Tages war ich definitiv Zorro.

Obwohl das Amt meines Vaters (oder zumindest seine Abteilung) für den Hochbau zuständig war, bekamen die Beamten natürlich mit, was sich in der Stadt im Tiefbau tat. In den späten 70er-Jahren waren das in Essen vor allem die ersten U-Bahn-Bauten. Die Ingenieure besuchten sich gegenseitig auf ihren Baustellen und manchmal durfte Onkel Heinz auch mit. Als er den zukünftigen U-Bahn-Teil des Hauptbahnhofs besuchte, bekam er ein dringendes Bedürfnis. Bauklos wie heute gab es damals noch nicht. Also verschwand er und hockte sich auf das noch jungfräuliche Gleisbett von Gleis 2. Wenn er das meiner Schwester und mir erzählte, amüsierten wir uns sehr. Genauso amüsiere ich mich, wenn ich heute vor Gleis 2 stehe und mir ausmale wie Onkel Heinz seine Geschäfte verrichtet.