Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Mein Vater (4)

Mein Vater war von klein auf übergewichtig gewesen. Seine Mutter war eine erbärmliche Köchin und kochte zu fett und zu salzig und verhätschelte das Einzelkind so wie sie später im Alter ihre Dackelhündin verhätschelt hat. Als er noch Säugling gewesen war, hatte er mal eine Augenentzündung gehabt und bekam einen Augenverband, der mit einer Sicherheitsnadel geschlossen wurde. Eines Tages kam eine von den vielen Tanten oder Großtanten und hörte den Säugling schreien und fragte meine Oma, die Mutter meines Vaters: „Henny! Watt hattat Kind?!“ Und meine Oma antwortete: „Die Entzündung.“ Aber die Tante ließ nicht locker und schaute nach und entdeckte, dass meine Oma, Omma Henny genannt, die Sicherheitsnadel dem Jungen durch den Verband durch die Haut gestochen hatte an der Stirn und dass der Junge viel mehr Schmerzen hatte als nur die Entzündung. Trotzdem wurde aus ihm ein kräftiges Kerlchen, ein aktives Kind, ein Kind, das sogar einen Hund bekam, einen Schäferhund namens Baldur. Und Baldur spielte gern mit meinem Vater und dessen Freunden, vor allem mit Peter, den ich später als Onkel Peter kennenlernte, obwohl es kein Onkel war. Aber uns Kindern waren in den 70ern die anderen Erwachsenen immer als Tante plus Name und Onkel plus Name vorgestellt worden, bis daraus fixe Namen wurden, die wir praktisch nur in einem Atemzug nannten. Abgesehen vom Studienkollegen meines Vaters und dessen Frau, die meine Schwester nur Onki und Tanti nannte, nur ich nicht. Und Baldur und Peter und mein Vater spielten Fußball und Baldur stand im Tor und hielt, so erzählten sie uns später, jeden Ball, denn Baldur war ein Torwartheld, an dem bestimmt sogar Rahn gescheitert wäre. Genau, der Rahn, der schießen müsste und Tor! Und der mit meinem anderen Onkel, dem einzig richtigen Onkel, den ich habe, den ich erlebt habe, weil der andere, nach dem, was wir wissen, vermutlich ein Opfer der Euthanasie geworden ist, Rahn, der also mit dem anderen Onkel Bier getrunken hatte in der Kneipe. Aber das ist egal, weil der Onkel mütterlicherseits ist und meinen Vater damals noch nicht kannte. Mein Vater ist natürlich auch mit mir einmal zum Fußball gegangen, zu Rot-Weiß Essen natürlich, aber ich fand schon als 5- oder 6-Jähriger Fußball doof und langweilig und wollte bloß so eine Fahne haben, rot und weiß und mit dem Vereinsnamen auf den Stoff gestickt. Die schwenkte ich im Stadion zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, während mein Vater neben mir stand, neben seinem Stammhalter, und während unten zweimal elf Spieler und drei Schiedsrichter rannten und von überallher gerufen, gepfiffen und geklatscht wurde. Und später, nach dem Spielt, stellte ich die RWE-Fahne in mein Zimmer, irgendwie stolz, denn ich war schon mal im Georg-Melches-Stadion gewesen, obwohl ich nicht verstanden hatte, was da überhaupt passiert ist und wer Georg Melches war. Und mein Opa mütterlicherseits, der kam einmal, als irgendwer Geburtstag hatte, vielleicht ich, vielleicht meine Schwester, und ging vom Kaffee-und-Kuchen-Tisch, an dem die anderen saßen, seine Frau, meine Oma also, und die Großmutter väterlicherseits (der Opa muss schon tot gewesen sein) und die Onkel und Tanten, die sich eben einfanden, wenn es Kaffee und Kuchen zum Geburtstag gab. Also auch Tante Irmchen, der trotz selbstgestrickter Pullover und Angorajäckchen auch direkt vor der Heizung immer kalt war, und ihr Mann, Onkel Heinz, der Herbert Knebel als Vorbild zur Verfügung gestanden haben muss, weil genau so mein Onkel Heinz ausgesehen hatte, nur etwas dicker als Herbert Knebel, und der auch so geredet und erzählt hat, aber das ist eine andere Geschichte. Und mein Opa kam also in mein Zimmer, entdeckte die RWE-Fahne und fragte mich, welchem Weihnachtsmann die Fahne gehöre, aber ich verstand ihn nicht, weil ich Weihnachtsmann damals nicht als Beleidigung kannte, sondern mit Weihnachten und tollen Geschenken und vielleicht noch mit besonderem Essen in Verbindung brachte. Und mein Opa lachte, weil er RWE nicht leiden konnte, weil er eher HSV oder sonst wen schätzte. Aber das war mir egal, weil ich sowieso keine Ahnung von Fußball hatte, auch heute noch nicht, obwohl ich zweimal im Fußballverein war, einmal mit mit 5, da wollte ich von meiner Mutter Bütterkes für die Kabine und nannte meine Mannschaft „meine Bande“ und später noch mal mit 9 oder 10, da wurde ich gefragt, auf welcher Position ich gern einmal am liebsten spielen wollte, aber ich hatte keine Ahnung, ich wusste nicht mal, dass es Positionen gab im Fußball. Ich kannte nur Ball, Tor, Mannschaft und den Doppelpass. Den Doppelpass hatte mein Vater mit mir auf Texel am Strand geübt, in meiner Erinnerung viele Stunden lang, in Wirklichkeit vermutlich nur 20 Minuten, denn ich glaube kaum, dass ich mich dabei sonderlich geschickt verhalten habe. Viel lieber spielte ich Tennis, wenn auch nicht im Verein, sondern auf der Straße oder später mal auf gemieteten Plätzen und ich war recht gut darin, ziemlich aggressiv sogar und ehrgeizig im Versuch, noch den fiesesten Ball zu bekommen. Und wenn ich mich auch noch an Bilder vom Tennisplatz oder aus der Halle erinnere, wenn mein Vater zum Spielen da war, so kann ich mich doch leider nicht mehr daran erinnern, ihn wirklich spielen gesehen zu haben. Dabei sind da so viele Details, die Walzen für den Platz, die Rechen, die vielen Tennisbälle, die Spieler in ihren weißen Klamotten, die albernen Schweißbänder und natürlich Björn Borg im Fernsehen, der ewige Björn. Viel besser jedenfalls als der doofe Björn von Abba, die meine Schwester immer hörte. Einmal, daran kann ich mich aber nicht erinnern, hatte meine Schwester einen Tennisball aufs Auge bekommen und tagelang ein Veilchen gehabt, weil sie nicht aufgepasst hatte und irgendwie auf dem Platz herumgerannt war.

Das Tennis galt übrigens als das eigentliche Unglück in der Familie, denn wenige Wochen vor dem neunten Weihnachtsfest, das ich erleben sollte, bekam mein Vater Stechen im Arm und ging zu seinem Arzt. Der Arzt war Tennisvereinsmitglied und diagnostizierte natürlich Tennisarm. Was sollte er auch machen, jetzt, so kurz vor Weihnachten? Vielleicht eine richtige Diagnose erstellen? Weihnachten ging es meinem Vater dreckig, der Kreislauf war unten, er war dauerbleich, konnte sich kaum vorbeugen, um die Schuhe zuzubinden und saß dabei schon auf der Wendeltreppe, die in unserer Wohnung von der unteren Etage in die obere führte. Und zwischen Weihnachten und Silvester ging er noch mal zum Arzt und sagte ihm, dass es beschissen ging und der Arzt hatte keine Ahnung, vielleicht auch keine Lust und schickte meinen Vater zu einem sogenannten Spezialisten, weil der Arzt aus dem Verein inzwischen schon richtig aufs Herz tippte. Und meine Schwester war dabei und hatte Lungenentzündung, ja vielleicht war mein Vater sogar eher wegen ihr beim Arzt als wegen seiner Schmerzen und Kreislaufprobleme, ich weiß es nicht. Beide fuhren zum Spezialisten und der Spezialist hatte nichts Besseres zu tun, als meinen Vater ein Belastungs-EKG machen zu lassen und dabei ist mein Vater zum ersten Mal zusammengeklappt. Und der Spezialist hat einen Rettungswagen gerufen, in Essen hatten die damals die Funkkennung Florian, das wusste ich von meinem Vater, denn der war schon manchmal mitgefahren, weil er nämlich als öffentlich angestellter Architekt Krankenhäuser entwarf, z.B. Teile des Klinikums Essen. Aber dann kam mein Vater wieder zu sich und der „Spezialist“ bestellte den Florian wieder ab und mein Vater lief schweißgebadet und weiß wie Wand durch die Praxis, wie ich von meiner Schwester weiß, und klappte schließlich noch mal zusammen. Und der „Spezialist“ bestellte wieder einen Rettungswagen und diesmal durfte er auch kommen und meinen Vater abholen und mein Vater muss da noch mal bei Bewusstsein gewesen sein, denn er konnte sich noch wünschen, ins Alfried-Krupp-Krankenhaus gebracht zu werden, in das Krankenhaus, das er gerade erst gebaut hatte, das er aus dem Effeff kannte, von dem er wusste, dass es gut war. Aber als der Rettungswagen mit meinem Vater im Krankenhaus ankam und meine zwischenzeitlich hinzugerufene Mutter auch dort war, hörte sie nur noch die Stöße und Entladungen des Defibrillators. Und als die Ärzte rauskamen, sagten sie ihr, dass er tot sei und ob sie Organe entnehmen dürften und ich hatte abends keinen Vater mehr, den ich morgens noch gehabt hatte. Dann war auch mein Leben zu Ende.

Zurück

Der Riss

Nächster Beitrag

A Young Doctor’s Notebook and Other Stories

  1. Das tut mir so leid, auch wenn es nach all den Jahren vielleicht nicht mehr angebracht oder hilfreich ist. Aber eine gewisse „Kaltschnäuzigkeit“ des Textes lässt darauf schließen, dass damit eine schmerzhafte Verletzung überspielt wird. Wohl normal, wenn ein Kind so früh ein Elternteil verliert.

    • Schmerzhaft war es damals sicher, und auch lange verdrängt. Ich hab viele Jahre gebraucht, um es an mich heranzulassen und zu verarbeiten.
      Darf ich fragen, was du mit der Kaltschnäuzigkeit meinst? ich bin mir nicht sicher, glaube aber, dass es eher der Ruhrpottton ist, der hier mehr als durchschimmert.

  2. sonnenkind

    Wann fängt das Leben nach so einem schwerwiegenden Ereignis wieder an?

    Kanntest du als Kind all die Details, die du heute kennst?

    • Gute Frage. Im Rückblick hab ich den Eindruck, viele Jahre wie in Gelee gelebt zu haben. Irgendwie war alles nicht echt und oft wirkte es eher so, als beobachtete ich mich von außen. Ich wusste, das da bin ich, aber gleichzeitig war ich es auch nicht und trotzdem wunderte ich mich, was der Mensch da macht, der ich ist.
      Vielleicht rührt daher auch meine Tendenz, mir Dinge und Ereignisse aus Distanz anzuschauen.
      Die Details im oben stehenden Text kannte ich schon als Kind, damit bin ich praktisch aufgewachsen (wenn ich jetzt nicht gerade etwas übersehe). Details aus anderen Teilen der Vatergeschichte habe ich dagegen manchmal erst spät erfahren, in Einzelfällen sogar erst in den letzten Jahren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén

%d Bloggern gefällt das: