Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Meiner Vater (5)

Mein Vater war musikalisch. Als Kind hatte er Akkordeon gelernt. Das stand in seinem rotbraunen Koffer herum, bis meine Mutter in das ehemalige Ferienhaus gezogen ist und den alten Haushalt auflöste. Als Kinder haben meine Schwester und ich manchmal mit dem Akkordeon gespielt, dann lag es auf dem Tisch und einer pumpte Luft hinein, der andere drödelte auf den Tasten herum, bis es sich furchtbar anhörte. Bei der Haushaltsauflösung verkaufte meine Mutter auch all unsere Schallplatten, Platten aus den 80ern von meiner Schwester und mir so wie die Falco-Platte, Emotions, die sie sich von mir zum Geburtstag gewünscht hatte. Als Freundinnen sich darüber lustig machten, tat sie so, als hätte ihr doofer Bruder keinen Geschmack. In den 50ern hat mein Vater Rock’n’Roll gehört. Ich kenne Fotos von ihm als Halbstarken. In Nietenhosen und mit Pomadentolle. Auf machen Fotos ist meine Mutter zu sehen mit Dutzenden Petticoats und der Zahnlücke, die ich von ihr geerbt habe, das sie sich in den 70ern aber hatte richten lassen. Mein Vater wollte nicht, dass sie es sich richten lässt, wir Kinder auch nicht, wir sagten „Du bist nicht mehr unsere Mama“, natürlich aus Spaß, und lachten. Später hörte mein Vater eher leichten Jazz und Swing. Glenn Miller liebte er, Musik aus seiner Kindheit eigentlich, obwohl er es als Kind sicher nicht gehört hatte. So wie ich heute viel Musik höre, die aus meiner Kindheit ist, obwohl ich damals etwas anderes gehört habe. Mein Vater hatte auch ein paar Platten von Louis Armstrong, z.B. mit Ella Fitzgerald. Auch diese Platten gingen mit der Auflösung raus, genau wie eine Single, die mein Vater, meine Schwester und ich geliebt haben. Es war die Titelmusik der Serie Van der Valk, Eye Level, gespielt vom Simon Park Orchestra. Jahrelang kam ich nicht mehr auf den Titel, wusste nur noch etwas mit „van“. Erst als mir die Hülle der Single wieder einfiel, dass da etwas mit „Valk“ stand, half mir auf die Sprünge. (Wer es nicht kennt, mag hier reinlauschen.) Bei den Stellen im Lied, bei denen Flöten zu hören sind, spielten meine Schwester und ich auf Strohhalmen und faxten mit unserem Vater herum. Er lag dabei meist amüsiert auf der schlumpigen Cordcouch, die in unserem Wohnzimmer stand. Die Stereoanlage stand zwar im Esszimmer, eine Anlage von Dual, weiß und schwarz, edel und schwer, und uns Kindern war lange streng untersagt, hier selbst Platten aufzulegen, denn es war eine teure Diamantnadel, die nicht kaputtgehen durfte, die Boxen standen aber im Wohnzimmer, denn bei der Renovierung der Wohnung in den frühen 70ern hatte mein Vater Kabel durch die halbe Wohnung verlegen lassen, sogar im Bad, betonte meine Mutter, hätte man leicht Dosen anbringen klassen können, um Boxen anzuschließen, was natürlich nie gemacht wurde. Und mein Vater hatte auch Platten von James Last und von Max Greger, denn meine Eltern tanzten gern, Amateurniveau, und übten dazu in der Toreinfahrt abends, wie uns erzählte wurde, nur gesehen habe ich nie, wie sie tanzten, deshalb wusste ich lange nicht, wie sie zum Üben Musik hörten in der Einfahrt. Inzwischen hab ich erfahren, dass mein Vater dazu extra Tonband und Boxen unten aufgebaut hatte.

Und mein Vater konnte sogar texten oder vorhersehen, was gesungen wurde, denn einmal, da saß ich mit ihm im Auto, wir warteten auf irgendwas oder irgendwen, da lief im Radio ein Lied von Peter Alexander. Es war ein neues Lied, durch die Ansage im Radio war klar, dass es noch nie oder zumindest nicht oft im Radio gelaufen sein konnte, aber mein Vater wusste immer das letzte Wort in jeder zweiten Zeile, weil der Text natürlich gereimt war, aber das kannte ich damals noch nicht, deshalb staunte ich so, dass mein Vater so viel über den Text wusste. Wir hatten auch deshalb so viele Platten, weil meine Eltern mit dem Ehepaar befreundet waren, das den Elektro- und Plattenladen im Viertel hatten. Im Musikhaus Wollert gab es viele Plattenspieler und jeder Plattenspieler hatte einen Hörer, der sah aus wie ein Duschkopf, mit einer Polsterung für das Ohr. So konnte man in Platten reinhören, bevor man sie kaufte, und es war immer superspannend, im Musikhaus in Platten reinzuhören. Und mein Vater spielte seine Platten nicht nur zum Entspannen oder um uns Kinder zu amüsieren oder um zu tanzen, sondern auch, wenn oben in der Bar, die er sich eingerichtet hatte, Partys gefeiert wurden. Bei den Partys war es immer sehr voll, wie in der Straßenbahn, sagte meine Mutter immer, und laut war es auch und lustig und meine Schwester und ich freuten uns schon auf den nächsten Morgen, wenn unsere Eltern noch schlafen wollten und wir die Chipsreste wegknabbern durften und die Zwiebelringe.

Und mein Vater konnte sogar Instrumente bauen, denn einmal hat er mir eine Flöte gebaut. Dazu brauchte er ein Stück frisches Weidenholz. Es war Muttertag und mein Vater wollte noch einen frischen Blumenstrauß kaufen, ging aber vorher mit mir in den Stadtgarten. Da standen am Teich mit den Fischen, die immer mit dem Bauch nach oben schwammen, drei Weiden, aber deren Äste eigneten sich nicht zum Flötenbau, also gingen wir zum Blumenladen, den es heute nicht mehr gibt, anders als die Weiden im Stadtgarten, um Blumen zu kaufen. Und mein Vater erzählte da von unserer Suche nach Weidenholz und dem Bau der Flöte. Und der Blumenmann, ein alter weißhaariger Mann mit Brille und Pläte, leicht gebückt, sagte zu meinem Vater „Kommen Sie mal mit“ und wir kamen mit. Nämlich in seinen Hof und da stand eine Weide und wir bekamen ein paar geeignete Weidenstücke und den Blumenstrauß. Zu Hause bekam meine Mutter den Blumenstrauß, ich glaube, gefrühstückt hatten wir schon, und mein Vater zeigte mir, wie man aus Weide eine Flöte baut, indem man ein Taschenmesser nimmt, es aufklappt, an der Klinge festhält und den Griff, den schweren Griff des Messers auf den fingerdicken Ast klöppelt, bis der Kern von der Rinde sich löst und herausgezogen werden kann. Fehlt nur noch etwas Schnitzerei, der richtige Pfeifenschlitz oben und schon hat man eine super Flöte, deren Tonhöhe man steuert, indem man den Holzkern rein- und rausschiebt. Wo das Messer von meinem Vater ist, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass man die Flöten am besten in einem Glas mit Wasser aufbewahrt, sonst trocknen sie aus und werden spröde und brechen und gehen kaputt.

Meine Eltern gingen auch zu Konzerten und hörten z.B. Udo Jürgens im Saalbau. Der bekam viele rote Rosen zugeworfen und sein Hintern war am Ende des Konzerts nassgeschwitzt gewesen, erzählte meine Mutter, weil man das sehen konnte, nachdem er aufgestanden war. Und im Kirchenchor waren meine Eltern auch gewesen, da haben sie sich sogar kennengelernt. Auf jeden Fall hörten sie keine Musik wie meine Großeltern, die auf Musik standen wie im blauen Bock (hessisch genug für die väterliche Seite) und Musikantenstadl bzw. dessen Vorläufer (bayrisch/österreichisch genug für die mütterliche Seite).

Einmal hatte ich eine echte Single haben wollen, das war YMCA von den Village People. Das war was anderes als die Schlümpfe-Singles, die ich sonst hatte. Aber meine Eltern wollten YMCA einem Freund zum Geburtstag schenken, weil das damals der große Hit war, und das Musikhaus hatte nur eine Single YMCA. Als Ausgleich bekam ich eine andere Single der Village People, aber die war doof und ich habe den ganzen Abend geheult.

Mein Vater fand auch toll, dass ich Geige lernen wollte, weil ich Helmut Zacharias so toll fand, wenn der bei Dalli-Dalli oder beim Thoelke auftrat. Aber leider steckten meine Eltern mich in die Folkwang-Musikschule, deren Musikerziehungskonzept die Kinder leider nicht an die gewünschten Instrumente lässt, es sei denn, man möchte Glockenspiel lernen, denn am Glockenspiel lernten wir Noten und Achtel und Quinten und Sechzehntel und Terzen. Und ich habe das Glockenspiel gehasst und nie geübt und der Lehrerin erzählt, meine Schwester hätte mir die Klöppel weggenommen, dass ich nicht üben konnte. Das ging gut, bis die Lehrerin bei meinen Eltern anrief und sich über meine Schwester beschwerte. Da flog die Lüge auf, aber ich muss wirklich gut gelogen haben, dass sie mir diesen Unsinn wochenlang glaubte. Parallel lernte ich in der Grundschule Block- und Altflöte, das machte mir mehr Spaß. Meine Schwester und ich führten zu Weihnachten sogar gern kleine Flötenkonzerte und Stücke vor unseren Eltern auf, die dann bestimmt stolz auf uns waren.

Update: Inzwischen hab ich die Info über die Musik in der Toreinfahrt bekommen und nachgetragen.

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  1. sonnenkind

    Man kann recht gut ohne Musik tanzen, wenn man die Musik im Kopf hat. Vielleicht hat einer der beiden anfangs die Melodie gesummt, gesungen, gebrummt… In jedem Fall geht es ohne Musik, wenn man im Takt bleibt. Was gut möglich ist, wenn beide Partner halbwegs musikalisch sind (oder einer einfach zählt 😉 ).

    Du hast harmonische Erinnerungen an deine Eltern, vermutlich auch andere. Doch diese sind schön, harmonisch und schön.

    • Antescriptum: Ich war so frei, die beiden Dopplungen dieses Kommentars zu tilgen. Vermutlich ein technisches Problem.
      Nicht auszuschließen, dass sie es so gemacht haben. Ich werde bei Gelegenheit mal meine Mutter fragen. 😉
      Das ist übrigens schon ein merkwürdiger Punkt: Ich kann mich praktisch an keinen richtigen Streit zwischen beiden erinnern. Sicher, es gab mal verschiedene Meinungen. Aber es artete nie in einen Konflikt aus. Misstrauisch wie ich bin, traue ich meiner Erinnerung aber auch nicht hundertprozentig. Womöglich blende ich da etwas aus.

      • sonnenkind

        Öh… sollte nur einmal. Bin mir nicht bewusst, irgendwas anders also sonst gemacht zu haben…

        Das Ausblenden ist natürlich möglich. Trotzdem schön, dass es so harmonische Momente gegeben hat. 🙂

        • Auf jeden Fall ist das schön. Und das bleibt sogar, wenn ich die nostalgische Brille der Kindheitsverklärung absetze.
          So kurz die Phase der schönen Kindheit auch war, sie ist prägend für mich und meine Einstellung zum Leben und zu anderen Menschen (auch in Hinsicht auf das plötzliche Ende dieser Kindheit; ich höre bei meinem Körper auf jedes Zipperlein und gehe lieber einmal mehr zum Arzt als zu wenig).

  2. Das mit der Musikerziehung kommt mir sehr bekannt vor. Ich fand mich auch bei Akkordeon wieder, obwohl ich mit sieben Saxophon oder Schlagzeug lernen wollte. *lol*

    Ich finde, Du hast schöne Erinnerungen an Deinen Vater. 🙂

    • Das Konzept hinter diesem „Du lernst erst mal ein doofes Instrument“ brauche ich vermutlich nicht zu begreifen. Ich meine, ich kann ja noch verstehen, wenn die Instrumente technisch aufeinander aufbauen (also erst Blockflöte, dann Klarinette oder Querflöte oder erst Ukulele, dann Gitarre), aber grundsätzlich andersartige Instrumente ergeben für mich keinen Sinn.
      Geboren ist die Idee der ganzen Niederschrift ja aus einer zwitterartigen Situation. Ich fragte mich irgendwann: „Du hast ihn so wenige Jahre erlebt, was weißt du eigentlich über ihn? Was weißt du nicht?“
      Umgekehrt gab es schon früh einen Moment, in dem ich mich wunderte, wie schnell man Einzelheiten vergisst (das fiel mir schon als Teenager auf und wird konkret noch angesprochen). Beides brachte mich darauf, unbedingt zu notieren, was ich noch weiß. Bei sehr konkreten Lücken löchere ich meine Mutter – noch habe ich die Möglichkeit dazu.

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