Zu Karneval war unser Viertel und auch die Kneipe unten bei uns im Haus besonders voll. Die Leute natürlich auch. Und auch meine Eltern feierten fleißig mit. Mal ging mein Vater als Schotte und sein steinreicher Freund als Ölscheich. Auf jeden Fall hieß es hoch die Tassen. Mein Onkel behauptete Jahre später, mein Vater sei öfter mal „angeschickert“ gefahren. Das weiß ich nicht, aber es kann schon sein. Selten erlebten wir Kinder unsere Eltern auch unten in der Kneipe richtig feiern. Denn obwohl wir wussten, dass sie da mit dem Kegelclub feierten oder mitfeierten, wenn der Gesangsverein Sanssoucis seine Treffen veranstaltete, erlebten wir sie unter Alkohol eher selten. Ich kann mich aber noch an ein Silvester erinnern, ich zeigte meinen Eltern und den Wirtsleuten, wie ein Monchichi-Mann aussieht (einfach der Puppe den Schwanz zwischen den Beinen nach vorn stecken), später durften wir Kinder unten gratis kegeln. Das konnten wir sonst nur, wenn Onkel Heinz die Bahn abzog und wir die frisch abgezogene Bahn einweihen durften. An Silvester nun spackten wir auch fleißig herum und ich beschleunigte die Balltransportmaschine ein wenig so, dass meine Schwester sich zum ersten Mal etwas brach – einen Finger. Ab da brach sie sich jährlich irgendein Körperteil. Ich glaube, sie hatte beide Arme, nahezu alle Finger und einmal ein Bein gebrochen. Die Beinnummer war besonders fies. Sie hatte mich huckepack die Treppe runtergetragen, das Gleichgewicht verloren und – knacks. Unsere Eltern waren nicht da, aber unser Vater kam kurz darauf und war sauer. Denn meine Schwester hatte ihr Zimmer aufräumen sollen, anstatt die Treppe mit mir unsicher zu machen. Also schickte mein Vater sie mit dem gebrochenen Bein die Wendeltreppe rauf, denn damals hatte sie ihr Zimmer oben unterm Dach, zwischen Bar und Trockenboden. Aber als das Bein zu dick wurde, wurde auch meinem Vater klar, dass es etwas Übleres war und fuhr mit ihr ins Krankenhaus, wo sie einen dicken Gips bekam, den wir später natürlich alle bemalen durften. Und als wir Kinder Rollerskates bekamen und im Dorf des Ferienhauses damit herumfuhren (ich war ein Stümper damit, meine Schwester recht gut), da schoss sie einen besonders steilen Berg herunter und knallte gegen eine Bordsteinkante und brach sich einen Arm. Sie wusste sofort, was los war. Aber sie traute sich wegen der vielen Brüche nicht ins Haus, sondern saß heulend und schluchzend auf der Betonwand des Blumen- und Zedernbeets vor dem Haus.

Mein Vater hatte sich auch mal ein Bein gebrochen. Da lag er mit einem der Aldi-Brüder in einem Zimmer und der Aldi-Bruder hat meinen Vater zugetextet, wie gut die Qualität doch der Aldi-Produkte sei. Und das muss kurz nach der Entführung des einen Albrechts gewesen sein, weil die Leute im Krankenhaus alle sehr nervös gewesen waren.

Ich selbst habe mir noch nie etwas gebrochen. Aber einmal, da waren meine Eltern essen oder feiern oder Freunde besuchen, da waren wir abends allein. Unter uns waren Leute eingezogen, eine alleinerziehende Mutter mit ihrer Tochter, die war etwa so alt wie meine Schwester. Und dieses Mädchen, Nicole, kam rauf und wir drei sprangen und alberten im Zimmer meiner Schwester herum. Und mit einem Mal sprang ich von der Schlafcouch, in die ich meine Schwester im Rahmen einer Mutprobe einmal habe einsperren dürfen (ich selbst traute mich hinterher doch nicht rein), auf den Boden, aber da stand ein Glas und ich sprang also ins Glas, es zerbrach und ging in Scherben und schlitzte mir den Fuß auf und eine Nachbarin, eine Tante, wurde von meiner Schwester gerufen und es blutete wie Sau und tat weh und sie verband es irgendwie und irgendwann schlief ich ein. Und am nächsten Morgen wollte mein Vater nachschauen, wie schlimm es sei, indem er den Verband lösen wollte, aber der Verband war total verklebt von dem vielen Blut und ganz vertrocknet. Und mein Vater ging und holte aus der Apotheke irgendein fieses Zeug, kann es Borwasser gewesen sein? Und das träufelte er mir über den Fuß, den ich übers Bidet halten musste und es brannte wie Feuer, aber der Verband löste sich und dann konnte mein Vater sehen, das ich ins Krankenhaus musste. In der Ambulanz lag ich lange auf dem Tisch, an der Wand ein Poster mit chirurgischen Nadeln und während mein Vater und ich auf den Arzt warteten, alberte er herum und machte mir Angst, dass es bestimmt genäht werden müsste. Ich wurde geröntgt, aber nähen konnten sie nicht mehr, weil ich zu spät ins Krankenhaus kam und sie klebten den Hautlappen, der da noch hing, mit irgendwelchen komischen Silberfäden drauf, aber der Lappen wuchs nie wieder an, sondern fiel später beim Heilungsprozess ab. Ein paar Jahre lang bildete ich mir ein, Wetterwechsel in der Narbe zu bemerken, aber heute bin ich mir sicherer denn je, dass es sich dabei um eine Selbsttäuschung handelte. Mit dem kaputten Fuß blieb ich zunächst ein paar Tage zu Hause. Als ich dann wieder in die Grundschule ging, humpelte ich mir einen zurecht. An Sport nahm ich die ersten Wochen nicht teil.