Mein Vater kam auch in Träumen vor. Ich habe mein Leben lang extrem wenig Albträume gehabt. Ich kann sie ungelogen an einer Hand abzählen und sie waren so selten, dass ich mich gut an sie erinnern kann. Einmal, da lebte mein Vater noch, träumte ich, dass unsere Familie nur in der oberen Etage der Wohnung lebte, weil die untere von den Geistern aus dem Wohnzimmer übernommen war. Ich war im Zimmer meiner Schwester oben, als sich mein Vater plötzlich aus dem Nichts materialisierte mit einem Mantel, einer Art Zauberhut und auffallend großen nackten Füßen. Es stellte sich heraus, dass er einer der größten Zauberer der Welt war. Wir gingen nach nebenan in das Zimmer mit der Bar. Hier führte die Wendeltreppe nach unten ins Geisterreich. Meine Mutter musste hinuntergehen, weil wir Handtücher brauchten. Ich ging mit ihr. Mein Vater aber, der größte Zauberer der Welt, blieb oben auf der Treppe sitzen und sortierte Schrauben in irgendwelche Schächtelchen. Bevor meine Mutter und ich im Geisterreich ankamen, wachte ich auf und ging verängstigt ins Bett meiner Eltern. Übrigens kann ich mich nicht daran erinnern, nach dem Tod meines Vaters viel von ihm geträumt zu haben. Anders war es im Jahr zuvor beim Tod meines Opas. Hier träumte ich schon bald davon, wie jemand, der wie mein Opa aussah, an unserer Tür klingelte. Die Familie saß gerade beim Frühstück (sic!). Mein Vater, der der Wohnungstür am nächsten saß, öffnete und freute sich. Der Mann im Flur sagte, nicht mein Opa sei gestorben, sondern jemand anderer und alle glaubten ihm – nur ich nicht. Ich wusste: Wer immer da vor uns steht, er ist nicht mein Opa. Aber vor lauter Freude glaubten weder mein Vater noch meine Mutter noch meine Schwester mir.

Solche Träume hatte ich nicht, als mein Vater starb. Dagegen war ich immer ganz elektrisiert, wenn ich damals auf der Straße mal jemanden entdeckte, der meinem Vater ähnlich sah. Eine beginnende Neurose. Ich überlegte, ob es sein könnte, dass er seinen Tod nur vorgetäuscht hatte, um uns zu verlassen, kam aber jedes Mal zum Schluss, dass das nicht sein könnte. Ich hatte mit diesem Tod nicht umgehen können. Deshalb habe ich ihn auch lange massiv ausgeblendet. Als ich etwa 10 war, spielte ich mal mit Freunden und einem Nachbarsjungen namens Timmy. Irgendwie kamen wir auf das Thema Briefmarken (warum auch immer) und ich sagte so etwas wie: „Mein Papa hatte auch eine Briefmarkensammlung.“ Da lachte Timmy auf und erklärte uns allen, dass man nicht „Papa“ sagte, sondern „Daddy“. Ich explodierte, bewarf ihn mit dem Erstbesten, das ich fassen konnte (Sand) und lief heulend nach Hause.

Ich glaube, ich begann seinen Tod erst zu akzeptieren, als ich 24 wurde. Da wurde mir bewusst, dass ich zwei Drittel meines Lebens ohne ihn hinter mich gebracht hatte. An diesem Geburtstag war ich gerade in Luxemburg bei einer Ausgrabung. Wir feierten zwar, aber irgendwann steckte ich mir zwei Bierflaschen in meine Kutte, schnappte mir eine dritte für sofort und ging trinkend, fluchend und schimpfend in den Wald ins Unterholz. Ich hasse meinen Geburtstag.

Mein Vater war mein Verteidiger. Einmal hatte ich viele Pfennige gesammelt, das hatte ewig gedauert. Als dieser Schatz eine anständige Summe von einer Mark irgendwas überschritt, trug ich ihn voller Stolz zur Bude, um mir ein Superman-Heft oder ähnlichen Mist zu kaufen. Aber der Dicke, der die Bude damals betrieb, lehnte es ab, meinen „Schrott!“ anzunehmen, weil er keine Lust hatte, die Münzen zu zählen. Maulend ging ich wieder und erzählte zu Hause von meinem Ungemach. Mein Vater fackelte nicht lange, er lief zur Bude und machte dem Dicken ein für allemal klar, was er annehmen sollte und was nicht. Selbst nach dem Tod meines Vaters hatte ich nie wieder Probleme an der Bude wegen irgendwas. Auch nicht, als ich mit meinem Schulfreund Peter in den Rohbau des Ruhrlandmuseums eingestiegen bin, wo wir die verdreckten Bierflaschen der Bauarbeiter sammelten, um das Pfandgeld zu kassieren, das an der Bude natürlich gleich in Süßigkeiten umgesetzt wurde.