Mein Vater hatte Sinn für Traditionen. Ich war noch keine 6, da ließ er beim Juwelier ein Geschenk fertigen, das ich zur Konfirmation bekommen sollte. Aus einer goldenen Uhr und einem goldenen Armband, das meine Oma mal meinem Opa geschenkt hatte, wurde so eine neue Tradition begründet, die ich nicht weiterführen kann. Die Konfirmation wollte ich nur wegen der Kohle. Der Konfirmandenunterricht wurde geleitet von dem Pfarrer, der meinen Vater beerdigt hatte. Der Unterricht war eine Farce, denn schon durch das erzwungene Aufsagen von Glaubensbekenntnis und anderem Blödsinn mussten wir ihn belügen. Vielleicht glaubten die meisten von uns an Gott, aber niemand von uns glaubte, dass er der Schöpfer von Himmel und Erde sei. Zur Konfirmation selbst durften wir uns einen Spruch auswählen, mit dem wir uns identifizierten. Ich wählte irgendeinen Spruch, in dem das Wort Vater vorkam. Es war ein besonders anziehendes Wort für mich, der ich bis heute Worten eine Art magische Bedeutung beimesse.

Mein Vater war ehrlich. Einmal spielte ich mit meinem Schulfreund Michael vor der Grundschule. Es muss einen Tag nach der Bundestageswahl im Oktober 1980 gewesen sein. Vor der Grundschule stand (und steht auch heute noch) eine Absperrung, damit die Kinder nicht direkt auf die Straße laufen können. An der rechten Seite der Absperrung war eine Laterne, an der Laterne ein typischer Essener Mülleimer. Michael und ich turnten, kletterten, sprangen auf der Absperrung herum und zufällig schaute ich in den Mülleimer. Ich sah einen 50-Mark-Schein zwischen Papierfetzen. Ich griff hinein, holte den Schein heraus, Michael machte große Augen und fischte einen zweiten heraus. Ich bin mir nicht sicher, glaube aber, dass ich nie zuvor so viel Geld selbst in den Fingern gehabt hatte. Feiernd und jubilierend gingen wir zu mir nach Hause und zeigten meinen Eltern die Beute. Meine Schwester wurde neugierig und wir gingen mit ihr zurück zum Mülleimer, in dem sie noch einen 20-Mark-Schein fand. Die Schnipsel entpuppten sich nun als Reste von Wahlunterlagen. Mein Vater schnappte Michael, mich und das Geld und fuhr mit uns zur Polizei. Das war enorm spannend für uns. Hinter dem Tresen saß ein Polizist, ein weiterer empfing uns stehend. Mein Vater erzählte, wir Jungs hätten Geld gefunden und kramte sein Portemonnaie heraus. Er legte den 20-Mark-Schein auf den Tresen, der Polizist grinste nur. Er legte den ersten 50-Mark-Schein auf den Tresen und der Polizist machte große Augen. Als mein Vater auch den zweiten 50-Mark-Schein auf den Tresen legte, staunte der Polizist dann doch. Er nahm unsere Daten auf und verkündete, dass wir das Geld bekämen, wenn sich ein Jahr lang niemand melden würde, um den Verlust des Geldes anzuzeigen.

Ein Jahr später, mein Vater war bereits tot, bekamen wir tatsächlich das Geld ausgezahlt. Und für unsere Ehrlichkeit, die ja eigentlich die Ehrlichkeit meines Vaters gewesen war, erhielten wir vom Polizeipräsidenten zwei Karten für die Polizeishow in der Grugahalle. Michael lebte inzwischen in Lübeck, deshalb schickten wir ihm seinen Anteil und ich ging mit meiner Oma mütterlicherseits zur Show.