Mein Vater hatte eine Kindheit. Überraschenderweise weiß ich nahezu nichts darüber. Ich kenne wenige Geschichten, einzelne Schlaglichter. Ich kenne Baldur, weiß, dass mein Vater in Hessen mal Schlitten gefahren ist, ich weiß, dass er eine Lehre als Schreiner und eine als Maurer absolviert hat. Ich weiß, dass er als Kind einen Heidenrespekt vor seiner Mutti hatte. Beispielsweise erzählte mir Onkel Peter viele Jahre später, wie beide zusammen im Kino gewesen waren (vermutlich in der Lichtburg). Nach dem Film mussten sie sich beeilen, um pünktlich nach Hause zu kommen. Dazu wollten sie durch den Stadtgarten abkürzen und mein Vater musste – sei es durch die Aufregung, sei es durch die Motion – plötzlich dringend kacken. Und wie es bei meinem Vater so war: Wenn er musste, dann musste er auch, dann gab es kein Halten mehr. Nicht umsonst sang er beim Wandern gern sein Endloslied: „Und scheint die Sonne so warm, dann klemm ich mir Papier untern Arm. Und scheint die Sonne so heiß, dann setz ich mich nieder und schei…nt die Sonne so warm …“

Also schlug er sich im Stadtgarten ins Gebüsch, düngte das Grünzeug und kam natürlich erst recht zu spät. Vermutlich, aber das weiß ich nicht, hat er dafür zu Hause eine Tracht Prügel bekommen.

Die Angst vor seiner Mutter ging übrigens noch viele Jahre weiter. Einmal, da kannten meine Eltern sich bereits, wollten mein Vater und Onkel Peter mit ihren Freundinnen (also meiner Mutter und Tante Gisela) an der Ruhr zelten. Meine Großmutter durfte aber partout nicht erfahren, dass die beiden Jungs gemeinsam mit Mädchen zelten wollten. Sie hätte es meinem Vater garantiert verboten. Also verschwiegen die Jungs es.