Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Meine Mutter (4)

Bei meiner Schwester und mir war das anders. Hier übernahm meine Mutter die „unangenehme“ Erziehung, sie schlug uns. Wir bekamen Poklapse, Ohrfeigen, bisweilen auch richtige Schläge. Unser Vater setzte sich mit Gewalt nur im Auto durch oder wenn er eher im Spaß mal leichte Kopfnüsse gab. Ich erinnre mich, wie meine Schwester mindestens einmal von unserer Mutter mit einem Kochlöffel geschlagen wurde. Meine Schwester lag, um sich halbwegs zu schützen, bäuchlings auf ihrem Bett mit dem Gesicht in den Kissen. Meine Mutter drosch wutentbrannt auf sie ein, ich stand in der Tür des Kinderzimmers und sah erschreckt zu. Ich glaube, das war einer der Gründe, warum meine Schwester so besonders großen Wert auf eine gewaltfreie Erziehung setzte bei ihrer eigenen Tochter. Eine Erziehung, die schließlich so weit ging, dass ihre Tochter meiner Schwester ungestraft ins Gesicht schlagen durfte. Ich selbst bin meiner Erinnerung nach lediglich mit der Hand geschlagen worden, nie mit „Gerät“. Und mindestens zweimal hat meine Mutter das bereut. Einmal hatte ich ein Matchboxauto in der Hand, als sie mir den Hintern versengen wollte. Im Reflex hielt ich meine Hände mit dem Auto nach hinten (es dürften also nicht die ersten Schläge gewesen sein) und meine Mutter schlug mit voller Kraft auf das Spielzeugauto. Später jammerte sie über die Schmerzen, die sie in der Hand wegen des Autos hatte.

Das andere Mal, dass sie es bereute, war erst einige Jahre später. Ich war schon Teenager, wollte vermutlich irgendwas nicht machen, was sie von mir erwartete oder umgekehrt, jedenfalls versuchte sie, mich zu schlagen – zum letzten Mal, denn ich wehrte mich und boxte ihr in den Bauch. Und meine Schwester stand daneben und hetzte meine Mutter gegen mich auf, dass es jetzt gefährlich würde, weil sie sich nicht mehr gegen mich durchsetzen könnte.

Ich hatte damals Freunden davon erzählt und die waren wesentlich geschockter davon, dass ich meine Mutter geboxt hatte, als dass ich bis dahin immer wieder von ihr geschlagen worden war. Es war eine Lebensphase, in der ich ernsthaft erwogen hatte, mir im Wald eine Hütte anzulegen und von zu Hause abzuhauen.

Zurück

A Clockwork Orange

Nächster Beitrag

Dr. Seltsam – oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben

  1. Taste

    Wow… danke für Deine Offenheit hier… komischerweise hätte ich das überhaupt nie gedacht von Deiner Mutter. Ja, ich kenne sie nicht, aber von dem was ich kenne von hier oder von Gesprächen… so kann man sich täuschen.

    • Das ist das Bizarre: Anstoß zu diesem Teil war ja gerade die Diskrepanz zwischen meinem toten Vater und der Mutter, die mich großgezogen hat. Als ich mit dem Schreiben anfing, fiel mir auf, dass ich diese Einzelheiten nicht ausblenden kann. Es würde alles verzerren. Aber um Gerechtigkeit walten zu lassen: Es wird auch für mich nicht immer so angenehm bleiben wie im Vaterteil.

Schreibe einen Kommentar

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén

%d Bloggern gefällt das: