Meine Mutter kochte und backte gern. Erst in den letzten Jahren hat das nachgelassen und sie greift verstärkt auf Fertiggerichte von Bofrost zurück. Merkwürdig genug, dass sie hier eher nach ihrem Vater kommt, denn obwohl sie ihn bekochen musste, hat er immer auch eine Leidenschaft fürs Kochen und Backen gehabt. Vor Feiern und Geburtstagen, Weihnachten, Silvester kenne ich es nicht anders, als meine Mutter in der Küche stehend zu sehen, wo sie Essen vorbereitet. Sei es, dass sie Fleisch vorbrät, Saucen fürs alljährliche Silvesterfondue vorbereitet oder anderes erledigt. Phasenweise zubereitete sie mir recht regelmäßig Rotbarschfilet (freitags) und Kalbsleber mit Kartoffelpüree (dienstags); beides Gerichte, die meine Schwester schon als Kind nicht mochte.

Als die Geburtstagsfeiern kleiner wurden, weil der Kreis der Familie immer kleiner wurde, bildete sich die Tradition heraus, zum Geburtstag essen zu gehen. Das Geburtstagskind durfte sich das Lokal aussuchen und war eingeladen. Vor allem bei dieser Gelegenheit, aber nicht nur dann bildete sich eine weitere Tradition heraus. Meine Mutter wollte sich jedes Mal etwas anderes als sonst bestellen, entschied sich aber nach stundenlanger Sucherei in der Karte schließlich doch für das gleiche Gericht wie sonst. Das kam an den Tisch, sie erklärte es zu einem Durcheinander, das ihr den Appetit verdarb und erklärte feierlich, sich beim nächsten Mal etwas anderes zu bestellen, was sie eben doch nie machte.

Vielleicht ist das symptomatisch für ihr Leben: ewig unzufrieden mit dem, was sie hat, wenn sie aber die Wahl bekommt, etwas zu ändern, entscheidet sie sich doch wieder für dasselbe.