Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: 2011 gelesen (Seite 1 von 2)

Henri Murger, Szenen aus dem Leben der Bohème

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Am besten bei meiner ersten Begegnung mit dem Umfeld dieser Geschichte. Die hatte ich beim Kaurismäki-Film, der mir bis heute nachdrücklich im Gedächtnis festhängt, obwohl ich ihn vor 20 Jahren nur zweimal gesehen habe. (Einmal in Rom auf italienisch, das war besonders lustig.)

Kaurismäkis Version trifft genau den Grad aus Spaß und Tragik, den diese Geschichte braucht.

Ich glaube, danach hab ich mal Auszüge aus Puccinis Version erleben müssen, die wohl näher an Murgers Grundlage sein dürfte. Ja, ich hasse Puccini. Ich finde seine Musik lächerlich. Sie klingt, als würde Onkel Disney eine Zeitreise ins 19. Jahrhundert machen. Und entsprechend fiel mein Urteil über die Musik aus.

Dann kaufte ich mir irgendwann im Antiquariat die Basis des Elends – und ließ Murgers Text erst mal ein paar Jahr im Regal reifen, wie es so meine Art ist. Da lag er dann. Ungelesen, irgendwie störend.

Tja, und als mir jetzt so nach und nach die noch zu lesenden Bücher in meiner Sammlung ausgingen, sagte ich zu mir: Heute ist der Tag der gekommen, an dem du mit diesem Werk beginnst. Und ich begann. Und langweilte mich. Und langweilte mich. Zwischendurch ödete Murger mich an.

Der schlaue Leser wird es bereits bemerkt haben: Das nur grob zusammenhängende Geflecht aus Szenen gefällt mir nicht. Okay, der Zusammenhang liegt vor allem in der Entstehung begründet, die man dem echten Bohémien Murger nicht vorwerfen sollte. Aber die Figuren, die so blass sind wie Alpina-Weiß, so schnarchend langweilig und unecht – eben nicht aus dem Leben gegriffen! – machen die Lektüre zur Qual. Man weiß die bananenhaften Möchtegernkünstler kaum zu unterscheiden. Sympathie stellt sich nicht ein. Eher wünscht man sich Seite um Seite, dass doch der- oder diejenige endlich mal an Lungenpest, Tuberkulose oder Syphilis zugrundgeht! Aber genau das passiert leider viel zu selten.

Ich komme zum Schluss: Das Buch ist schlecht, vor allem schlecht geschrieben.

Umberto Eco, Der Friedhof in Prag

Ja, nach langer Zeit gönnte ich mir endlich wieder einen Eco. Ich weiß gar nicht recht zu sagen, warum genau ich diesmal neugierig geworden war, nachdem ich vorher doch mal was von ihm stehenlassen konnte. Wie dem auch sei. Im Friedhof von Prag werkelt Eco eine teilweise wilde Geschichte um die Entstehung der Protokolle der Weisen von Zion. Durch krude Welten von Geheimdienstlern, Okkultisten, Freimaurern, Antisemiten, Anarchisten und allerlei anderem Halbweltpersonal geleitet man die Hauptfigur Simonini – zunächst ein  kleiner Fälscher, der im Laufe der Jahre immer geldgeiler und skrupelloser wird.

Der Text an und für sich ist in weiten Strecken typisch Eco: An nahezu jeder Ecke spielt der alte Angeber mit seinem angelesenen Wissen, fällt aber ins Loch verschachtelter Erzählungen, vor allem wenn die Handlung sehr schnell wird, besonders in den Schlachtenszenen. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich mich insgesamt durchaus amüsiert habe. Vielfach fühlte ich mich an Schilderungen aus Conrads Geheimagenten erinnert, an anderen Stellen musste ich an Boris Savinkovs Erinnerungen eines Terroristen denken. Der Friedhof ist daher vielleicht nicht so gut wie der Name der Rose oder das foucaultsche Pendel, aber kurzweilig war er allemal.

Charles Dickens, Nikolas Nickleby

Von den Dickenstexten, die ich kenne, dürfte das der beste sein. Hier ist die Geschichte viel genauer von Anfang bis zum Schluss gedacht. Man hat nicht so sehr das Gefühl, dass man hier Sklave der Grillen der zeitgenössischen Dickens-Leser ist, die ihn mit ihren Leserbriefen dazu trieben, bestimmte Figuren auszubauen und manch guten Faden in der Geschichte fallen zu lassen.

Jonathan Franzen, Schweres Beben

Ein nettes Geburtstagsgeschenk war dieser Franzen. Ein eher frühes Werk, das allerdings bereits in vielen Elementen seine Qualität beweist. Erzählt wird eine recht furiose Geschichte über Erdbeben im Wortsinne, aber auch über die übertragenen Beben, die manchmal Familien heimsuchen. Beides spielt sich vor allem bei und in zwei Familien ab, was für einiges Durcheinander sorgt. Dieses Buch ist anders als die Korrekturen und Freiheit. Die Figuren sind noch kühler dargestellt, sie reagieren beinah wie die Darsteller in einer isländischen Saga. Trotzdem weiß man, wie sehr die Lava in ihnen brodelt und jeden Moment ausbrechen kann. Ein gutes Buch.

PS: Hier zeigt Franzen nebenbei, dass er seinen Adorno kennt. Beide teilen jedenfalls rein zufällig dieselben Ansichten über das schnelle Rennen.

Frank Schulz, Das Ouzo-Orakel

Der dritte und quasi abschließende Band der Hagener Trilogie. Sein Beginn für mich wenig prickelnd, weil ich schon immer ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Griechenland und der griechischen Kultur hege (und nicht erst, seit sie sich den Euro erschlichen haben). Richtig, das Buch spielt in Griechenland, zumindest weitgehend. In diesem Band zeigt Schulz zwei ganz besonders großartige Leistungen. Da ist zum einen sein Vermögen, derart in andere Personen zu schlüpfen, dass der Erzähler enorm organisch wechselt und Ich-Sichten schildert, die mit der Perspektive des Erzähler eigentlich nichts zu schaffen haben (wenn man davon absieht, dass der Erzähler dieses Sich-Versinken in andere Ichs als psychologische Technik anwendet). Zum anderen ist ihm eins der stärksten Kapitel gelungen, die ich seit langem gelesen habe: Hierin schildert er den Tag, an dem der Erzähler Bodo Morten vom Kind zum Erwachsenen wird. Nein, ich meine keine Szene, in der er entjungfert wird, sondern die Szene, in der ihm bewusst wird, dass sein Spielzeug von gestern keinen Wert mehr für ihn hat, dass stattdessen ab sofort andere Dinge zählen wie das Weib, der Alkohol und die Zigaretten. Hier ruht schließlich der Antrieb für die anderen beiden Bände der Trilogie.

Frank Schulz, Morbus Fonticuli

Der zweite Band aus der Hagener Trilogie. An dieser Stelle kann ich darauf hinweisen, dass es inhaltlich praktisch egal ist, in welcher Reihenfolge man die Bücher liest. Stilistisch merkt man jedoch, dass Schulz vom ersten zum zweiten Band Fortschritte gemacht hat. Er gibt die Thekenlautschrift auf, was Einzelnes lesbarer macht, ohne einen Deut Humor zu verlieren. Der Text selbst handelt vom Erzähler Kolks blonder Bräute, diesmal wird der große Zusammenbruch des Erzählers geschildert und wie es dazu kommen konnte. Schulz bedient sich der Technik Rahmenhandlung (mit mehrfachen Wiederholungen) und einer Art Tagebücher im Zentrum. Die Tagebücher sind zuweilen etwas zäh, im Ganzen ist die Geschichte aber durchaus packend. Eine besondere Kunst gelingt Schulz allerdings mit einem erzählerischen Trick: So wie schon im Kolk der Erzähler ein wenig springt zwischen einer echten Figur aus Kolks Leben und einem allwissenden Erzähler, treibt Schulz es im Morbus auf die Spitze. Er schreibt aus dem Inneren zahlreicher Figuren, um den Kontrapunkt zu setzen, dass diese Figuren das Erzähler-Ich sehen, treffen, beschreiben. Der Erzähler verlässt also seinen eigenen Körper und seinen Geist, verschmilzt mit anderen Figuren, bleibt aber quasi die ganze Zeit Ich-Erzähler. Im letzten Band der Trilogie, soviel kann ich verraten, wird quasi erklärt, was es mit dieser Technik auf sich hat. Sie spielt nämlich eine nicht ganz unwichtige Rolle im Leben des Erzählers Bodo Morton.

Zusammenfassend: ein Brocken, nicht immer leicht, aber auf jeden Fall wertvoll. Ein Buch, das gelesen zu haben ich nicht missen möchte.

Frank Schulz, Kolks blonde Bräute

Eine späte, aber dennoch eine Entdeckung für mich. Nebenbei eine Entdeckung, die für sich genommen schon eine kleine Geschichte ist.

Ich hasse dümmliche Werbetexte. Insbesondere den Schrott, den Herr Tolkemitt seit Jahren fürs Merkheft produziert oder produzieren lässt. Ich kriege zu viel, wenn ich zum 95. Mal einen Satz lesen muss wie „so hätte XY geschrieben, wenn er nicht bescheuert gewesen wäre“. Der Satz ist einmal (in Ziffern 1x) auf Flann O’Brien und James Joyce angewandt worden und wird nicht dadurch besser, dass man ihn ständig aufwärmt und James Joyce durch Arno Schmidt ersetzt. Genau dieser Satz kam aber im Merkheft jahrelang bei Frank Schulz vor. Warum, weiß ich nicht. Denn wer ihn so fabriziert hat, ist definitiv noch bescheuerter, vor allem aber langweiliger und unkreativer als Angela Merkel. Das hierzu.

Mit so einem Sätzchen also („So hätte Arno Schmidt geschrieben, wenn er nicht bescheuert gewesen wäre“) wurde mir jahrelang Frank Schulz vergrault. Mit vergleichbaren dümmlichen Werbesätzchen zu Herrn Kapielski erging es mir ähnlich (siehe hier). Letzteren hatte ich aber dank einer Freundin glücklich für mich entdeckt, sodass ich mich königlich amüsieren konnte. Nur prasselte neulich wieder eins dieser unsäglichen Merkheftchen ins Haus. Bilde ich es mir eigentlich ein oder werden das wirklich immer mehr? Egal.

In diesem Merkheftchen stand nun angepriesen: Schulz, Hagener Trilogie zum vertretbaren Preis. Meinereiner, offensichtlich schwer übermüdet, verwechselte angesichts der ähnlich dümmlichen Anpreisung Schulz mit Kapielski. Ich freute mich also und bestellte die Trilogie. Tage später trudelt das Paket ein, ich freu mich noch mehr, pack es aus, schau auf die Bücher und – da fällt der Groschen: Schulz ist nicht Kapielski. Und umgekehrt.

Ich ärgerte mich etwas. Über meine Unaufmerksamkeit, über die ewig bescheuerten scheiß Zweitausendeinstexchen. Trotzdem beschloss ich: Okay, du guckst jetzt zumindest mal rein. Und las Kolks blonde Bräute. Und amüsierte mich. Nicht so wie bei Kapielski, der ist ganz anders, ich amüsierte mich aber eben auch.

Schulz schafft im Kolk vor allem eins: Er stellt wunderbar die Hamburger Trinkerszene dar, umschreibt vorzüglich die niederdeutschen Dialekte und kann eins: Witze erzählen. Und zwar so, wie sie an der Theke erzählt gehören. (Das beweist er auch in den Folgebüchern, dazu die kommenden Tage mehr.)

Wer also gern eine Stange Bier abbeißt, die Gepflogenheiten in Hamburg und in Kneipen kennt – der wird an diesem Buch viel Spaß haben. Zumal die Sprache auf einem angenehm hohen Niveau ist. Nicht zu abgehoben, aber dennoch so, dass man merkt, der Mann kann Deutsch.

Richard Yates, Zeiten des Aufruhrs

Ja, ich gebe es zu, ich habe ihn spät entdeckt. Nicht nur durch die grandiose Verfilmung (Revolutionary Road), sondern auch durch eine Rezension irgendeiner Neuausgabe, die kurz vor der Verfilmung im Freitag stand. Dann hab ich noch ein paar Jahre gebraucht, bis ich mich zum Kauf durchringen konnte – warum auch immer.

Und nun, nun hab ich es nicht nur in den Händen, sondern in kürzester Zeit durch. Es ist grandios! Absolut lesenswert! Son bisschen wie Franzen ohne Sex. Manchmal auch wie ein guter Nabokov. Eben genau das, was man braucht. Lesen, sag ich!

Jonathan Franzen, Die Korrekturen

Mein zweiter und sicher nicht letzter Franzen. Da meine ersten Erfahrungen noch nicht so lange zurücklagen, war ich zunächst etwas enttäuscht darüber, dass die Figuren in großen Teilen den Figuren der Freiheit entsprechen. Aber das ändert nichts daran, dass er wieder packend und suchtfördernd schreibt und – beinah schlimmer – die gleiche Konstellation recht anders auflöst.

Es ist mir peinlich, das zuzugeben, aber ich bin ernsthaft neidisch auf Franzens Schreibe.

E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels

Was Woody Allens „Zelig“ das Buch Moby Dick ist, waren mir über lange Jahre die Elixiere. Irgendwann mal bis Seite 140 geschleppt hatte ich das Buch wieder ins Regal gepackt. Und nichts vermisst. Jetzt hab ich es aus verschiedensten Gründen (Format, fast nur noch dicke, pendeluntaugliche Bücher ungelesen) wieder in die Hand genommen, geschafft und – zu Tode gelangweilt.

Dass ein talentierter Mann wie Hoffmann auch so schnurzöde schreiben konnte … ich kann es einfach nicht verstehen.

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