Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

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Edgar Allan Poe, Der Fall des Hauses Ascher

Dieser Band aus der Wollschläger-Schmidt-Übersetzung zeigt bereits in der Überschrift, welchen Weg die beiden Übersetzer einschlugen. Sie machten aus dem Gegebenen etwas Eigenes, ohne das Original zu verlieren. Sie formten es neu, behielten aber die Zier bei.
In diesem Band sind eine Reihe ganz doller Erzählungen Poes versammelt, weshalb ich ihn ganz besonders schätze. So finden sich neben dem namengebenden Ascher auch die Morde in der Rue Morgue, der Sturz in den Malstrom, die Maske des roten Todes, Grube und Pendel sowie das herausragende Tagebuch des Julius Rodman.

Gerade Letzteren – in Anlehnung an Clark und Lewis* – zähle ich zu den fünf wichtigsten (bekannten) Poe-Texten. Er sollte in keinem Lesekanon fehlen, wenn ich auch den Pym für noch wichtiger halte.

* Es gibt sowohl bei Lewis und Clark als auch beim Rodman gastronomische Hinweise über Zubereitung und Geschmack von Bieberschwänzen, leider finde ich die vor Ewigkeiten herausgesuchten Zitate in meinen Dutzenden Moleskines nicht wieder, um das hier näher vorzustellen.

Edgar Allan Poe, König Pest

Meine kleine vierbändige Poe-Ausgabe habe ich neulich bereits besprochen. Nun möchte ich mich der nächsten Ausgabe widmen. Es handelt sich um die fünfbändige Ausgabe des Haffmans-Verlags von 1994. Sie enthält die von Schmidt und Wollschläger übersetzten Erzählungen und Gedichte aus der großen Walter-Ausgabe (zu der später noch mehr).

Im ersten Band – benannt nach der Erzählung König Pest – findet sich gleich eine Reihe kleiner Klassiker, darunter den Manuscriptfund in einer Flasche, das unvergleichliche Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall und Berenice.

An dieser Stelle sei gleich etwas zur Übersetzung gesagt. Ich weiß, dass sie von vielen abgelehnt wird. Schmidt und Wollschläger haben sich einen eigenen Ansatz dazu erarbeitet. So ist Schmidt beispielsweise in Wörterbüchern aus Poes Zeit versunken und hat aus seiner Beschäftigung mit Poes Texten gleich noch einen Riesenwälzer namens Zettel’s Traum geschrieben. Aber über den werde ich ein anderes Mal schreiben (nämlich frühestens dann, wenn ich es endlich schaffe, ihn zu lesen).

Edgar Allan Poe, Das Tagebuch des Julius Rodman

Der Band enthält lediglich drei Geschichten, eine davon hat es aber in sich. Das ist aber nicht die Titel gebende Rodman-Geschichte (die ist auch nicht schlecht, aber nu ja) und auch nicht das unvergessliche Abenteuer eines gewissen Hans Pfaall – der Knaller ist und bleibt der Bericht des Arthur Gordon Pym. Hier räumt Poe so nachhaltig auf und präsentiert eine durch und durch spannende Geschichte über Seefahrt und damit verbundenes Unglück, das man nur gefesselt sein kann. Gesteigert wird die Qualität noch dadurch, dass Poe historische Berichte einbindet (die Katastrophe der Essex) und zudem – laut Arno Schmidt – eine phantasievolle Antwort auf die historische Frage der verlorenen Stämme Israels zu geben versucht. Es ist kein Wunder, dass ausgerechnet diese ebenfalls nicht zu Ende erzählte Geschichte Autoren wie Verne und Lovecraft zu Fortsetzungen anregte.

Edgar Allan Poe, Die Morde in der Rue Morgue

In diesem Band meiner Insel-Ausgabe sind besondere Klassiker von Poe enthalten: Neben den titelgebenden Morden in der Rue Morgue (eben einer der beiden Dupin-Texte und wie ich meine: der spannendere; es geht um einen Doppelmord in einem Raum, den der Täter „eigentlich“ nicht verlassen haben kann) finden sich hier die Erzählungen Sturz in den Malmström, die Maske des Roten Todes, die Grube und das Pendel, das verräterische Herz, der Goldkäfer (die Erfindung der Schatzsuche mit einer verschlüsselten Botschaft) und weitere prominente Stücke. Mit vielen der hier versammelten Stücke hat Poe Standards gesetzt, die bis heute in verschiedensten Genres immer wieder aufgegriffen und weiter verarbeitet wären. Ja, ohne Dupin gäbe es heute das gesamte Genre Krimi vermutlich überhaupt nicht. Und mit der Grube hat Poe die Schauergeschichte in eine neue Zeit katapultiert, um den Stab an Lovecraft weiterzureichen.

Edgar Allan Poe, Streitgespräche mit einer Mumie

Ich möchte wetten, dass sich hier der ein oder andere bereits gewundert hat, warum Poe so kurz weggekommen ist. Das lag einfach daran, dass ich mir seine Kurzgeschichten für den Schluss der letzten „normalen“ Regale aufgehoben habe. Ich wollte nämlich etwas mehr Zeit dafür haben, auch mit dem Hintergedanken, vielleicht auf die ein oder andere Geschichte näher einzugehen (was ich allerdings ausgerechnet im heutigen Fall nicht tun werde).

Diese Geschichten besitze ich in zwei Übersetzungen, einmal von einer Vielzahl weitgehend unbekannter Übersetzer (vierbändige Insel-Ausgabe), und dann von Arno Schmidt und Hans Wollschläger (leider nur die einfache fünfbändige Ausgabe; die große Ausgabe hatte mal eine Ex von mir, die sie aus verständlichen Gründen nicht rausrücken wollte).

Gut, beginnen wir mit der Version der (mir) unbekannten Übersetzer. Der erste Band ist benannt nach der Kurzgeschichte Streitgespräche mit einer Mumie. Neben dieser Geschichte finden sich darin auch die Klassiker Lebendig begraben, Der entwendete Brief und Hopp-Frosch. Aus dieser Reihe ist natürlich gerade Der entwendete Brief hochspannend, kann hier doch der erste Detektiv der Literaturgeschichte mit seinem Grips glänzen: Dupin. Auf ihn komme ich allerdings in einer anderen Geschichte noch näher zu sprechen.

Ansonsten sind hier eher die kleinen, weniger spektakulären Arbeiten versammelt. Daher bleibt’s zur Einleitung in diese Reihe erst mal kurz.

Platon, Phaidon. Politeia

Ich gestehe es, ich habe lediglich die Politeia gelesen. Und genau genommen auch nur deshalb, weil ich den Vergleich zur Dya-na-sore haben wollte. (Wir erinnern uns daran.). Tja, ehrlich gesagt, werde ich nicht warm mit dem Text. Inhaltlich ein tyrannischer Graus, stilistisch öde (zumindest in der Übersetzung, ich kann nämlich leider kein Griechisch und werde es sicher auch nicht mehr lernen, weil ich andere Sprachen deutlich bevorzugen würde, wenn ich doch einmal irgendwann in meinem Leben Zeit zum Erwerb weiterer Zungen finden sollte).

Nur für Hartgesottene oder Leute, die mal wieder sowas richtig Langweiliges lesen wollen.

Georges Perec, Das Leben. Gebrauchsanweisung

Für mich eins der wichtigsten Bücher, die ich in den letzten fünf Jahren gelesen habe. Ein fabulöser Schinken. Sittengemälde und realistisches Abbild zugleich. Modern und unterhaltsam in einem Stück. Erzählt werden die Geschichten der Bewohner eines Pariser Hauses. Was die aber für skurrile Abenteuer zwischen Liebschaften, Kunst und Puzzles erleben – davon möchte ich hier schweigen und dringend die Lektüre empfehlen!

Arthur Power, Gespräche mit James Joyce

Der irische Maler und Kunstkritiker Power lernte Joyce in dessen Zeit in Paris kennen. Beide freundeten sich an und führten ausgiebige Gespräche, die sich um allerlei vor allem aus dem Literaturbetrieb drehten. Ich gestehe, dass ich von der Lektüre vor zig Jahren fast nichts mehr weiß, außer dass man Kleinigkeiten über Joyce erfuhr, die ihn als Mensch realer werden lassen. Er kommt dem Leser auf diese Weise näher, wird in all seinem menschlichen, allzumenschlichen Handeln verständlicher.

Michel Serres, Kleine Chroniken. Sonntagsgespräche mit Michel Polacco

Das kleine Büchlein, das ich zu Weihnachten bekomme habe, enthält knapp zwei Dutzend kurze Radiogespräche, die Michel Polacco mit Michel Serres auf France Info geführt hat. Die Themen springen von Jules Verne, über Muttertag, Rugby, Selbstmord, Musik und Leuchttürme bis hin zu den Themen Verantwortung und Umwelt. Manches ist sehr offenkundig einfach so als Geistesblitz geboren, andere Überlegungen dürften vorbereitet in den Äther – und dann aufs Papier gelangt sein. Dementsprechend sind manche Gedanken wenig überraschend, andere regen an, sie weiterzudenken. So beschäftigt mich seit Tagen eine Theorie, die Serres ausbreitet: Er glaubt (hier mal kurz auf den Punkt gebracht), dass die Umweltverschmutzung eine Form der Reviermarkierung des Menschen ist. Er führt Beispiele an (wie wir uns in Hotelzimmern benehmen und das wir mit dem „Schmutz“ anderer nichts zu tun haben wollen), die durchaus etwas für sich haben. Im Ganzen und besonders im Detail war dieses kleine Büchlein daher eine positive Überraschung.

Saul K. Padover, Lügendetektor. Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/45

Ein besonders beeindruckendes Buch ist die Schilderung dieses ungewöhnlichen Autors. Padover – in Wien geboren, aber bereits 1920 mit den Eltern in die USA übergesiedelt – kam mit den amerikanischen Besatzungstruppen nach Deutschland. Hier konnte der soziologisch-psychologisch interessierte Padover in Naziverhören erfahren, was für Menschen das waren, die nicht nur sechs Millionen jüdische Europäer ermordet hatten, sondern in nahezu jeder Lebenslage viel Leid erzeugt hatten, wenn es ihnen Vorteile brachte. Unterschiede zwischen Bürgern verschiedener Schichten sind dabei praktisch nicht zu erkennen.

Für mich war Folgendes besonders beeindruckend: Eine Nazifrau, die beleibe nicht unschuldig war, versuchte in ihrem Verhör ihre gute Gesinnung mit allerlei Papieren zu belegen. Padover hat an diesem Punkt die Erleuchtung, dass wir Deutschen keine Probleme damit hatten, Menschen zu verbrennen. Papiere und Urkunden aber, die würden wir niemals verbrennen.

So platt das in dieser Situation klingt, ich glaube, hier hat er recht, und zwar bis heute. Denn anders ist dieser Wahn aus Zeugnissen, Zertifikaten, Belegen und Urkunden nicht zu verstehen. Ohne Papier ist und bleibt man wertlos in diesem Land.

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