Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Hunter S. Thompson

Rum Diary

Okay, Rum Diarrhea ist der Film nicht geworden, aber mit dem, was Thompson mit jahrzehntelanger Verspätung nach gutem Zureden von Depp hat drucken lassen, hat dieser Film so wenig zu tun, dass es eigentlich nicht wundert, wenn man dabei kurz vorm Einschlafen ist.

Fazit: Gutes Buch, lahmer Film

Hunter S. Thompson, Gonzo Generation

In diesem Band – untertitelt mit: das Beste aus den Gonzo Papers – sind zahlreiche kurze oder längere Texte von Thompson vereinigt, die zu einem guten Teil auch in anderen jüngst veröffentlichten Bänden publiziert sind. Nett für einen Rundumschlag durch die Jahrzehnte, amüsant in der Lektüre, aber eben auch viel Wiederholung, wenn man ohnehin Thompson-Fan ist. Kann man haben, muss man aber nicht.

Hunter S. Thompson, Königreich der Angst

Hier ist eine Reihe von kürzeren Texten aus dem Leben Thompsons versammelt. Viel deutlicher als bei den Romanen wird hier sein Interesse an der amerikanischen Politik deutlich. Thompson war früh ein Warner, blieb damit aber praktisch bis zu seinem Tod ein einsamer Rufer in der geistigen Wüste USA. Son fundiert und amüsant seine Kritik klingt, so folgenlos ist sie – leider! – auch geblieben. Trotzdem tolle Texte!

PS: Seit ein paar Monaten gibt es eine Textsammlung „Die Rolling Stone Jahre“. Ich fürchte, dass darin weitgehend Texte versammelt sind, die ich bereits kenne bzw. vorliegen habe. Leider hatte ich in keiner Buchhandlung die Chance, einmal reinzugucken. Falls hier jemand liest, der das Buch besitzt, würde ich mich freuen, Hinweise auf den Inhalt zu bekommen. Danke!

Hunter S. Thompson, Angst und Schrecken in Las Vegas

Es gibt zwei Filme, die als wegweisend in der Darstellung von Drogenmissbrauch gelten. Der eine ist Trainspotting, der andere ist Fear and Loathing in Las Vegas.

Ich weiß nicht, wer von meinen Lesern sich Trainspotting schon mal mit jemandem angeschaut hat, der einen (Ex-)Junkie in der Familie hat. Ich hab das mal getan und wurde auf scheußliche Details hingewiesen, die mir vorher nicht aufgefallen sind, die dem Film aber eine sehr krasse Realitätsnähe auf den Weg geben.

Dasselbe lässt sich von Fear and Loathing wohl nur teilweise behaupten.

Terry Gilliam orientierte sich zwar an echten Fotos von Thompson und dessen Anwalt, folgte in der Verfilmung aber den den bewusstseinserweitenden und gedanklichen Ausschweifungen, die Thompson in seinem Meisterwerk in einem wahren Feuerwerk abfackelt. Doch so vordergründig die Darstellung der exzessiven Dauerparty erscheint, so nachhaltig rechnet Thompson mit dem american way of life ab. Und weil er nur in großen Dimensionen dachte, nimmt er sich dazu natürlich die scheußliche Überzeichnung dieser Lebensart vor – Las Vegas.

Das Buch ist ein großes Buch. Es ist das Opus magnum Thompsons und es ist das Opus magnum seiner Generation. Absolut lesenswert für jeden, dessen Literaturhorizont über Dan Brown oder Thomas Mann hinausgeht!

Hunter S. Thompson, Hell’s Angels

Das war der furiose Durchbruch Thompsons!

Der Expilot, der den Geschwindigkeitsrausch auf Motorrädern liebte und ein Auge für die Outsider hatte, kam in den 60ern in Kalifornien an dem ersten großen Zweiradklub einfach nicht vorbei. Überhaupt stellt sich die Frage: Hat Thompson die Nähe gesucht, weil er von den Angels fasziniert war, und dann über sie geschrieben? Oder ist er wirklich von vornherein mit dem Ziel sie auszuforschen auf sie zugegangen?

Wie dem auch sei. Thompson schildert ungeschönt, aber auch ehrlich (wirkend), was es mit dieser stinkenden Horde auf sich hat, die sämtliche gesellschaftlichen Konventionen ablehnt. Abgesehen von ihrem eigenen Ehrenkodex. Viele Horrorstorys, die sich um die ersten Jahrzehnte der Angels drehen, kann Thompson als blühende Fantasien kleinbürgerlicher Hobbyredakteure enttarnen. Dafür tischt er Storys auf, die seinerzeit neu waren. So zeichnet sich bereits in den 60ern sehr deutlich ab, wie der Club sich mit der aufkommenden kalifornischen Drogenszene vermischt.
Letztlich fand ich es besonders interessant, wie Thompson aufzeigt, was für ein reaktionärer Haufen sich da um Sonny Barger verschweißt.

Ein spannendes Buch, das ich zur Lektüre jedem empfehlen kann, der einmal hinter die Kulissen linsen möchte oder der gern Thompson liest.

PS: Über zehn Ecken kenne ich einen Exbandido, der mir Geschichten erzählt hat, bei denen Thompson bis über beide Ohren rot geworden wäre. Und jetzt kommt’s: Einerseits würde der Exbandido seine Erlebnisse gern veröffentlichen, andererseits fürchtet er, dass er danach endgültig untertauchen müsste. Aber wer weiß, vielleicht werde ich ja noch Ghostwriter.

Hunter S. Thompson, The Rum Diary

Damit hat er angefangen, der gute Hunter, und lange hatte er es gut in der hinterletzten Schublade versteckt. Eigentlich schade. Aber wenigstens ist es überhaupt aufgetaucht.

Das Buch ist zwar nicht so ein Knaller wie seine späteren Texte, zeigt aber bereits schön, was da schlummert. Ein Trauerspiel ist dagegen die unsägliche Verfilmung, auf die ich jahrelang gewartet habe. Da konnte sich jemand nicht so ganz entscheiden, ob es jetzt lustig oder tragisch werden soll – dabei ist das Buch in dieser Frage recht eindeutig. Die Experimente mit Rum und Eis an einsamen Stränden, die Schlägereien und Knastaufenthalte, das alles ist so amüsant, wie es nur geht. Wer Thompsons Stil und Schreibe bereits kennt, sollte es unbedingt lesen. Als Einstieg ist es aber zugegebenerweise vielleicht nicht das Beste.

Aldous Huxley, Moksha. Auf der Suche nach der Wunderdroge

Baudelaire, Burroughs, Michaux, Thompson – man ahnt, dass ich ein besonderes Interesse an Autoren habe, die ein besonderes Interesse an Drogenerfahrungen haben. Da darf Huxley natürlich nicht fehlen. In diesem Band sind zahlreiche Essays von ihm versammelt, die Einnahme und Wirkung von psychedelischen Drogen behandeln. Wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, wird ihm sogar der Begriff „psychedelisch“ zugeschrieben, wobei in Wirklichkeit Humphry Osmond der Erfinder war. Auf jeden Fall eine spannende Sammlung, die ich eigentlich mal wieder lesen sollte – wie so vieles.

Will Bingley, Anthony Hope-Smith, Gonzo – die grafische Biografie von Hunter S. Thompson

Graphic Novels sind derzeit noch etwas unüblich in der hiesigen Leseliste. Aus zweierlei Gründen möchte ich dennoch damit beginnen. Erstens plane ich, nach den Büchern auch das Regal mit Comics und dergleichen anzusprechen. Zweitens hatte ich mir dieses Werk als Thompson-Fan mit großer Vorfreude gegönnt – und wurde bitterlich enttäuscht.

Mit Verzögerung ist diese deutsche Übersetzung nun erstmals im Tolkemitt-Verlag erschienen. Tolkemitt, das ist der Mensch, der jahrelang das Merkheft von Zweitausendeins prägte und jetzt quasi direkt zuarbeitet. Zu den zugehörigen Qualitäten möchte ich mich an dieser Stelle nicht äußern, zur Qualität der Graphic Novel dagegen schon.

Bingley ist für die Geschichte und die Texte verantwortlich, Hope-Smith ist der Zeichner der Novel. Und ich habe echte Schwiergkeiten zu entscheiden, wer von beiden weniger fähig ist. Bingley gibt am Ende die Texte an, auf die er sich beruft. Das ist klasse, denn es sind bis auf wenige Ausnahmen Quellen von Thompson selbst. Quellen, die ich größtenteils sogar kenne. Umso überraschter war ich, als ich etwas lesen musste, was mit diesen Quellen nichts zu tun hat. Das Leben, das Bingley von Thompson zeichnet, ist eine blasse, langweilige Selbsttäuschung.

Holla? Selbsttäuschung? Blass? Langweilig? Okay, mir ist klar, dass man das Leben des Mannes, der Gonzo erfunden hat, von seinen Texten trennen muss. Aber dass Thompson langweilig gelebt hat, kann man wohl getrost vergessen. Wichtige Zeiträume in Thompsons Leben kürzt Bingley erschreckend ab. Andere lässt er gleich unter den Tisch fallen.

Thompsons Leben bei den Hell’s Angels, die ihn schon mal nachts auf ne Party besucht haben und viel Spaß mit ihm hatten? Geschenkt. Für Bingley sind die Angels von Anfang an das, was sie heute schon sind: Verbrecher. Thompsons lebenslange Faszination für Motorräder interessiert kaum.

Thompson’s Schilderungen des Angriffs auf Grenada und sein Bezug zu Reagan? Och ist schon nicht wichtig. Weg damit!

Thompson erzählt immer und immer wieder, wie sehr es ihm gefiel, unter Drogeneinfluss nachts in der Wüste herumzuballern, weil er das Mündungsfeuer so mochte. Für Bingley vollkommen uninteressant.

So könnte ich seitenweise weitermachen. Dazu kommen dann noch so Kleinigkeiten, bei denen ich Details wesentlich anders in Erinnerung habe. Zugegeben, ich könnte mich da täuschen. Einmal, zweimal, dreimal. Aber gleich Dutzende Male? Das würde mich doch etwas wundern. Wen es interessiert, dem empfehle ich einen Vergleich der Episode „Der Briefkasten“ in der Graphic Novel (Seiten 21–24) mit dem gleichnamigen Kapitel in Königreich der Angst (Seiten 28–33). In diesem Beispiel gibt Bingley zwar den Inhalt grob wieder, übertreibt aber an einer Stelle unnötig und erhöht den kleinen Hunter ohne jede Not.

Das Schlimmste, was Bingley verbricht, ist aber eindeutig, dass er überhaupt nicht in der Lage ist, Thompsons Witz auch nur im Ansatz einzufangen, darzustellen oder wiederzugeben. Vermutlich wirkt Thompson deswegen eher als Langweiler denn als der Großkotz, der er auch sein konnte.

So. Und jetzt noch ein Ton zu den Bildern. Hope-Smith, so kann man hinten lesen, hat sich ebenso wie Bingley zum ersten Mal an einer Graphic Novel versucht. Das merkt man auch an den Zeichnungen. Viele sind etwas ungelenk, oft etwas unfertig und vermutlich unabsichtlich unanatomisch. Ein guter Gag ist beispielsweise das Bild oben links auf der Seite 48, hier hat Hope-Smith mal eben den rechten Arm von Thompson vergessen. (Oder soll der Arm plötzlich oberdürr sein und hinter die Tür reichen? Man weiß es nicht.)

Nun ja, ich hatte es in der Einleitung bereits verraten: Ich bin enttäuscht. Der Thompson-Fan wird mit diesem Buch nicht bedient. Schade, Bingley, schade, Hope-Smith, und schade, Tolkemitt. Euer vorgeblich großer Wurf ist leider ein Murmelschnipps.

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