Tottes Lexikon: Que sçay-je?

Literaturlexikon, Filmlexikon und Kultur mit Meinung

Glück gehabt (mit mir in einer tragenden Nebenrolle)

Mir ist neulich, im Nachklapp zum Münchner Amoklaufs, etwas aufgefallen, das mir zu denken gibt.
Ich hab eine Bekannte in München, die ich leider schon länger nicht mehr gesehen habe und mit der ich auch nur noch sehr sporadisch in Kontakt stehe. An dem besagten Abend hatte ich dennoch das Bedürfnis zu erfahren, wie es ihr geht. Sie meldete sich leider nicht. Als später Alter und Nationalität der Opfer durch die Presse gingen, wusste ich zumindest, dass sie nicht darunter war. Mich hatte aber an den Bildern stutzig gemacht, dass ich glaubte, dass sie nahe dem Einkaufszentrum wohnte und auch der McDonalds kam mir bekannt vor – was ich zunächst beiseite schob nach dem Motto: Sehen sowieso alle gleich aus.

Wochen später meldete sie sich zurück und schrieb mir, sie sei im Urlaub gewesen. Den Amoklauf hatte sie allerdings noch mitbekommen. Mein Gedächtnis war nämlich besser, als ich es ihm hatte zugestehen wollen: Das Einkaufszentrum bei ihr um die Ecke ist tatsächlich das betroffene Zentrum, wir waren sogar miteinander bei dem McDonalds gewesen, um einen Kaffee trinken.

Schlimmer: Am besagten Tag selbst war sie keine Stunde vor dem Amoklauf im Einkaufszentrum gewesen, später war ihre Straße vom SEK und ähnlichen Einheiten besetzt, niemand durfte in den umgebenden Straße die Wohnung verlassen. Das war vor allem deshalb doof, weil meine Bekannte an dem Abend in Urlaub fahren wollte und erst spät nachts samt Gepäck zu Fuß zu ihrer Mitfahrgelegenheit laufen durfte.

Im Großen und Ganzen hatte sie also dennoch Glück im Unglück. Und darauf möchte ich hinaus. Als ich mit Kollegen darüber sprach, wurde mir ein wiederkehrendes Phänomen bewusst: Einmal mehr kannte ich jemanden, der – aus welchen Gründen auch immer – knapp an einer Katastrophe vorbeigeschlittert ist. Ich zähle auf:*

1998 beim Zugunglück in Eschede hatte der Sohn einer früheren Nachbarin Glück gehabt: Er hatte ein Ticket für den ICE, musst dringend nach Hamburg, hatte aber den Zug verpasst.

Als 2000 die Concorde abstürzte, war ich auf einer Ausgrabung in Norddeutschland. Eine Mitarbeiterin war geschockt, als sie die Nachrichten sah. Denn sie wusste, dass eine Cousine an dem Tag mit der Concorde fliegen sollte – die den Flug aber ebenfalls verpasst hatte, wie wir im Laufe des Tages erfuhren.

2001 waren im New Yorker WTC zwei Cousins einer Straubinger Bekannten. Beide sind mit dem Leben davongekommen, wobei dem einen ein Arm amputiert werden musste (ich weiß nicht mehr, ob wegen einer Quetschung oder einem Trümmerteil).

In Bonn scheiterte 2006 ein Kofferbombenanschlag. Eine Freundin war zu der Zeit zufällig am Bonner Hauptbahnhof, weil sie die U-Bahn nahm. Sie selbst betont noch heute, dass sie sonst nie mit der U-Bahn fährt.

Als 2011 am Flughafen Moskau-Domodedowo eine Bombe explodiert, hatte die Mutter der Bonner Freundin dort kurz zuvor den Flieger gewechselt.

Als als jetzt 2016 der Lkw-Fahrer durch Nizza walzte, hatte die Freundin einer Kollegin kurz zuvor die Promenade verlassen.

Und nun eben – München.

Nun kann man davon halten, was man möchte. Schließlich gilt auch, dass man über sechs Ecken jeden Menschen kennt (ein älterer Kommiliton von mir kannte sogar Haile Selassie, Kaiser von Abessinien, König der Könige, siegreicher Löwe Judas, noch persönlich). Man könnte diese Reihung daher als puren Zufall abtun. Man könnte aber auch sagen, dass es in solchen Situationen hilfreich ist, mich direkt oder über eine Ecke zu kennen.

Nebenbei: Ich bin gern bereit, gegen kleine Geld- oder Sachspenden neue Bekanntschaften einzugehen. Sozusagen gegen eine kleine *räusper* Schutzgebühr. Ansonsten hoffe ich, dass ich mit dieser Liste keinen Verdacht beim Verfassungsschutz errege.

* Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Falls einer meiner Leser weitere überzeugende Fälle für meine schützende Hand beisteuern kann, beteilige ich ihn gern am Erlös der unten angeführten Spendenaktion.

Haruki, Murakami, Kafka am Strand

Es gab keinen bestimmten Grund, warum dieses Buch die Lesereihenfolge des Buchpakets abschloss. Ich fürchte aber, es war gut so. Denn von allem, das ich von Murakami kenne, fand ich es bisher am schwächsten.

Sicher, es hat auch sehr viele schöne Beobachtungen, enthält zahlreiche kluge Gedanken, die es wert waren, gedacht, niedergeschrieben und gelesen zu werden. Aber eben diese guten Gedanken hätten problemlos auf die zu zahlreichen Szenen verzichten können, die sich aus den schwülstigen Pseudosehnsüchten eines pubertierenden Jungen speisen.

Ja, es war vielfach ermüdend, diesen klebrigen Schilderungen zu folgen. Sie pusten die Geschichte unnötig auf, die sich ansonsten aus allerlei Ausflügen in Historie, Märchen und – ja, man fast schon sagen – üblichen Murakami-Traumwelten zusammensetzt.

Mehrfach fragte ich mich während der Lektüre, ob Murakami das Buch mit derselben Technik geschrieben hat wie Dick seinem Orakel vom Berg. Letzteres ist bekanntlich entstanden, indem Dick die Entscheidungen der Figuren seinem I-Ging überließ. Das merkt man dem fahrigen und an den meisten Stellen offenen Buch auch an, weshalb ich Dicks Experiment zwar interessant finde, aber für gnadenlos gescheitert halte.

Darauf lässt sich übrigens auch Kafka am Strand herunterbrechen: sehr interessant, aber irgendwie gescheitert.

Über das Wissen der AfD-Jünger

Anhänger der AfD beklagen sich vielfach über Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, die schlecht ausgebildet als Wirtschaftsflüchtlinge oder per Familiennachzug nach Deutschland kommen, hier in Drogengeschäfte verwickelt sind und sich, so gut sie können, vor ihren staatlichen Pflichten (Steuern, Gebühren, Zwangsdienste) drücken. Stattdessen ziehen sie sich in ihre Ghettos zurück, hüten zu Hause illegale Waffen und stellen so eine Gefahr für die Gesellschaft dar.

Ich kenne so einen AfD-Wähler.1 Als ich mit ihm vor über 20 Jahren über Migration parlierte, versuchte ich, ihm zu erklären, dass Deutschland langfristig natürlich Migration braucht. Dass für Staat und Gesellschaft zwangsläufig vornehmlich gut ausgebildete Menschen gebraucht würden oder wenigstens solche, die sich hier gut ausbilden lassen und dann ihren Beitrag zu Staat und Gesellschaft leisten. Damals wollte er das nicht gelten lassen. Denn er kam selbst über so ein Ticket nach Deutschland.

Genauer gesagt, kam er Anfang der 90er schlecht ausgebildet aus dem Nahen Osten.2 Er war einerseits ein Wirtschaftsflüchtling, kam aber offiziell über (sehr verspäteten) Familiennachzug nach Deutschland.3 Er drückte sich während seines sehr, sehr ausgedehnten Larifari-Studiums an der FH vor dem Wehr- bzw. Zivildienst, solange es ging. Lieber nutzte er die Zeit zum Anbau, Schmuggel und Konsum von allerlei Drogen.4 Er weigerte sich, zahlreiche Gebühren oder Beiträge zu leisten.5 Meist hängt er in seinem Ghetto ab.6 Zuhause pflegt er, auf seiner Couch herumlungernd und durch Drogen und der Lektüre der Deutschen Wirtschaftsnachrichten betäubt, seine Butterfly-Messer7, Totschläger8 und einen Schlagring9.

AfD-Wähler wissen offenbar, wovon sie reden. Sie sind aber nicht in der Lage, in den Spiegel zu gucken.

Nachtrag: Je länger ich darüber nachdenke, desto passender ist der Vergleich. Denn natürlich erfüllt er auch die Nahostklischees, mit einem dicken BMW über die Straßen zu brettern und seine Verwandtschaft – insbesondere die Frauen – durch bundesstaatliche Sozialleistungen zu versorgen. Seine Freunde mit ähnlichem Migrationshintergrund belästigen seit Jahren unter Drogeneinfluss nachts in den Innenstädten an Rhein und Ruhr deutsche Frauen. Andere Freunde gelten im weiten Umkreis als Könige der Schwarzarbeit. Seine mehr oder weniger religiösen Buddys aus dem Ghetto hängen zudem einem Glauben aus dem anderen Nahen Osten an (die katholische Kirche) und veranstalten nach ihrem Sonntagsgebet illegale Märkte mit geschmuggelten Produkten aus der Heimat.

Da erübrigen sich wohl weitere Erklärungen.

1 Genauer: kannte.
2 Schlesien.
3 Seine Oma väterlicherseits kannte mal jemanden, der jemanden kannte, dessen Schäferhund deutsche Befehle verstand oder so ähnlich. Außerdem lebten seine Vorfahren in der Nähe des Senders Gleiwitz, der ja auch irgendwas mit Deutschland zu tun hatte.
4 Vornehmlich Marihuana, aber auch Kokain, Speed und Ähnliches sowie in größeren Mengen Bier und Schnaps.
5 Er zahlte keine GEZ-Gebühren, motzte aber permanent über die öffentlich-rechtlichen Sender. Er besorgte sich wiederholt gecrackte Decoder, um Premiere und ähnliche Sender gratis zu gucken, und saugte per Torrent über Jahre Abertausende von Gigabyte an Filmen und Musik.
6 Seine gesellschaftliche Kontakte beschränken sich auch nach einem Vierteljahrhundert weitgehend auf andere Flüchtlinge aus demselben Nahen Osten.
7 In Deutschland verboten.
8 Ebenfalls verboten.
9 Sowas von verboten.

DocTotte liest: Das Spukschiff (Sigurd Mathiesen), Teil 3

​So als richtiger Deutscher fühlt man sich ja schon als unfassbar durchgeknallter Querkopf, wenn man sich selbst dabei ertappt, eine Millisekunde zu überlegen, eine offizielle Petition zu unterstützen, die dazu aufruft, öffentlich Schabernack zu treiben.

Total verrückt. 

Also nichts für mich. 

DocTotte liest: Das Spukschiff (Sigurd Mathiesen), Teil 2

DocTotte liest: Das Spukschiff (Sigurd Mathiesen), Teil 1

The Assassin

Ein Film, der zur Gruppe der Filme gehört, die nicht wachrütteln, sondern Wachheit und Konzentrationsvermögen fordern, um mehr als die wirklich sehr schönen Bilder genießen zu können.

Fazit: als Cineastenkino interessant, für die Masse eher visuelles Valium

Der Staat gegen Fritz Bauer

Der Film stellt eine eigentlich hochspannende Episode – die Ergreifung des Adolf Eichmann – dermaßen beschränkt dar, dass es so gerade für ein Fernsehspiel reichte, nicht aber für einen anspruchsvollen Film.

Fazit: Historizität allein macht noch keinen guten Film.

Michael Kohlhaas

So ungewöhnlich ich die Kombination Mikkelsen als Kohlhaas anfangs fand, so sehr möchte ich einräumen, dass hier ein passender Charakter in diese Rolle schlüpft, um die von Kleist dramatisierte Geschichte zu neuem Leben zu erwecken.

Fazit: angenehm zurückhaltende Verfilmung mit leisen Tönen

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