Tottes Lexikon: Que sçay-je?

Literatur, Film und Kultur mit Meinung

George Perec, Die Dinge

Perec, der Artist der Aufzählung, der Satzspieler, der Worte wie feinste Pinselstreiche punktgenau auch auf größten Leinwänden verteilt, dieser George also hat mit diesem Debüt seinen Durchbruch gefeiert. In den Dingen erzählt er vom jungen Paar Jerome und Sylvie, einem französischen Pärchen, das in den 60ern in Paris und der Provinz und Tunesien lebt. Im engeren Sinne bleibt das Paar furchtbar blass, im weiteren Sinne skizziert Perec es mit dem, was das Paar gern hätte, was es sich erträumt, wie es sich vorstellt, leben zu können, wenn es denn endlich richtig leben könnte und sich nicht mit Marktforschungsjobs und Quereinsteigerjobs und Agenturjobs doof über Wasser hielte, um eine kleine, eine viel zu kleine Bude in Paris zu finanzieren und später erst in die nordafrikanische und dann in die französische Provinz zu ziehen, als sie längst aufgegeben und sich endgültig selbst verkauft haben, also sozusagen zu Dingen geworden sind, die käuflich sind.

Perec hat es nicht nötig, solche Figuren schlecht zu machen. Er erzählt einfach. Er zählt auf und schildert und berichtet und fasst zusammen und erklärt und stellt dar. Und anhand dieser Striche zeichnet sich ein Bild ab, das so detailliert wie erschreckend ist, so zeitlos wie aktuell. Lesen.

Bewerbung ans Weiße Haus, Washington, D.C.

Sehr geehrter Mr. President!

Ich falle gleich mit der Tür ins Weiße Haus, denn ich kann nicht anders. Ich bin begeistert davon, mit welcher Leichtigkeit Sie es fertigbringen, diese lächerlich-oligarchische Scheindemokratie jenseits des Atlantiks nach und nach zu reinem Faschismus zu formen. Nichts anderes wird nämlich das, was Sie da fabrizieren.

Ich muss es wissen. Denn als Biodeutscher mit Ariernachweis bis ins 17. Jahrhundert (kann auf Wunsch nachgereicht werden) bin ich sozusagen von Natur aus Faschismusexperte. Als Beleg können Sie jeden Hollywoodfilm der letzten 70 Jahre heranziehen, bei dem auch nur einer deutscher Schauspieler mitgetan hat. Zudem wird mir nachgesagt, dass ich schon als Kind ein kleiner Tyrann sein konnte.

Mr. President, ich bin schlicht fasziniert, wie Sie immer stärker der Presse aufs Dach geben! Wie Sie sich nach und nach von möglichen Wadenbeißern befreien! Ja ich bin dermaßen erfreut, dass ich mich bei Ihnen als persönlicher Faschismusbeauftragter bewerben möchte.

Ich hab auch schon ein paar Ideen ausgearbeitet, die Ihnen fraglos schmeicheln werden. So habe ich per Google Earth ein paar interessante Flecken an den sonnenreichsten Stellen Nevadas ausfindig gemacht, wo man die prominentesten Vertreter der sogenannten Demokratischen Partei konzentriert campen lassen könnte – natürlich lediglich zu deren eigenen Schutz! Auch könnte ich mir vorstellen, Bernie Sanders zu einem Grillabend ins Kapitol einzuladen – man müsste natürlich „aufpassen“, dass bei dieser Gelegenheit das Gebäude nicht durch Funkenflug abfackelt.

Gern möchte ich Ihnen diese und weitere tolle Vorschläge ausführlich in einer Präsentation im Oval Office vorstellen. Ich würde mich daher sehr über eine Einladung zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch freuen. Dann könnte ich auch endlich einmal live erleben, wie Sie beim Sprechen Ihre sexy Lippen vorstülpen! Es erinnert mich stets an das erotische Kieselnuckeln gründelnder Karpfen – wie jeder weiß, ein besonders potenter und aphrodisierender Fisch!*

In diesem Sinne

DocTotte

* Wenn auch mit sehr kleinen Flossen.

John Williams, Augustus

Bis ich dieses Buch geschenkt bekam, war Williams mir ehrlich gesagt unbekannt. Offenbar eine Lücke, die ich in den kommenden Jahren mal schließen sollte, um Stoner und Butcher’s Crossing von ihm zu lesen.

Denn was er hier im Augustus präsentiert – eine kluge Zusammenstellung, schön erzählt und trotz aller Zeitsprünge sauber miteinander verzahnt –, macht wirklich Lust auf mehr Williams.

Da stört es nicht, dass er mit Mitteln des Brief- und Tagebuchromans leicht anachronistisch aus einer so anders, aber doch so ähnlichen Epoche erzählt. Gleichzeitig stellt er mit der Antike um die Zeitenwende kundig ein Panorama einer Zeit und einer Region vor, die unsere Zivilisation bis heute so sehr prägen.

Ich möchte aber auch nicht verschweigen, dass die zweite Hälfte dramaturgisch ein wenig schwächelt – wenn nämlich der erste Kaiser rückblickend merkt, was er alles nicht vermochte.

Meine Empfehlung für den intelligenten Leser, nicht nur für Menschen, die sich für die Antike interessieren!

Hugo Pratt, Corto Maltese. Die geheimnisvolle Lagune

Pratt, der sein Venedig wohl sehr schätzte, gelangt mit Kapitän Corto Maltese in diesem Band über zwei Umwege in die berühmte Lagunenstadt Venetiens. Hier gerät er schließlich in die Wirren des Ersten Weltkriegs, wo Maltese zwischen den Frontlinien ein Husarenstück abliefert. Dabei zog ihn eigentlich nur die Suche nach einem Goldschatz dorthin.

Ein interessantes Puzzlestück im Maltesiversum, für sich genommen aber an einigen Stellen etwas flüchtig.

Two-night Tom

Tom war nicht der Mann für einen One-Night-Stand.
Er spielte Schlagzeug dann und wann in einer kleinen Band.

Nach dollen Gigs nahm er dann oft Groupies schamlos in sein Loft.

Am Schlagzeug brauchte er zwei Sticks.
Einer nur reicht für die Ficks.

Er verwöhnt die Damen stets zwei volle Nächte, verspritzt den Samen aus dem Gemächte nicht zu knapp, weshalb man ihn – sei’s in Brüssel, sei’s in Wien – nur Two-Night Tom benannte.
Wozu er sich auch gern bekannte, der Trommler, der schon bald in deiner Stadt die Felle knallt.

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DocTotte spricht zu euch

(Zur Erinnerung: das » Ritual hier zum Mitlesen.)

Moonlight

Auf den Oscar angesprochen antworte ich gewöhnlichm dass mir dieser güldene Pappkamerad schnurze ist & doch werde ich hin und wieder neugierig, was an den Preisträgern preistragend sein soll – oft, zu oft leider grundlos wie bei diesem insgesamt erschreckend belanglosen Streifen, der nur wenig zu erzählen hat, was auch durch manche schöne Kameraeinstellung einfach nicht zu retten ist.

Fazit: gähnen im Mondlicht

Chevalier

Als ich damals zur Veröffentlichung des Films über ihn las, wunderte ich mich schon, warum er es offenbar in keins meiner Programmkinos schaffte, was aber womöglich daran lag, dass die Grundgeschichte – eine Gruppe von Männern veranstaltet den ultimativen Schwanzvergleich – weniger amüsant, sondern vielmehr grunddeprimierend rüberkommt und das Zuschauen in den meisten Szenen eher einem Fremdschämen gleicht.

Fazit: ein (für Männer) sehr bedrückendes Drehbuch

Namen der Verkehrsschilder

Die Tage fiel mir etwas Lustiges ein. Ich erinnerte mich daran, wie ich zur der Zeit, als ich Verkehrsschilder lernte, das Vorfahrtsschild aus welchen Gründen auch immer mit einer Mitschülerin assoziierte. Ich kann nicht sagen, warum, aber für mich standen Vorfahrtsschilder einfach für „Sonja“. Ob es an der gelben Farbe lag – ich weiß es nicht.

Eingedenk dieser Erinnerung fiel mir auf, dass ich heute auch andere Verkehrsschilder mit Namen verknüpfen könnte. Eine synästhetische Abart sozusagen. Merkwürdigerweise kamen mir lediglich Namen von Grundschulmitschülern in den Sinn, ganz so, als wären ihre Namen für mich appelativ geworden. Halteverbotsschilder sind für mich z.B. eindeutig Andreas. Die Einbahnstraße ist Rita. Sackgasse ist Thomas und Radfahrer ist Michael. Peter, der ist für mich am ehesten ein Links-(oder Rechts-)Abbiegen-Schild.

So könnte ich ewig weitermachen. Aber das wäre natürlich langweilig. Wie sieht das bei euch aus? Habt ihr ähnliche Assoziationen?

Hugo Pratt, Corto Maltese. Im Zeichen des Steinbocks

In diesem Band zieht es Maltese an die Küsten Südamerikas. Hier hilft er einem Waisen aus England dabei, seine Halbschwester zu finden.

Im Zeichen des Steinbocks ist etwas zerfasert; eine einheitliche Geschichte findet sich kaum, eher Geschichtchen, die locker mit der Region verbunden sind und bei denen er eine Handvoll Begleiter an seiner Seite hat bzw. trifft.

Tolle Bilder – wie üblich bei Pratt. Die Story ist leider eher ein Sammlung leichter Sommerträume.

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