Tottes Lexikon: Que sçay-je?

Literatur, Film und Kultur mit Meinung

Boris Sawinkow, Das fahle Pferd

Wenn jemand was verbockt hat, man aber nicht weiß, wer es verbockt hat, ist es nicht ganz einfach zu meckern, weil man den genauen Adressaten nicht kennt.
Gleichwohl nervt, wenn die Böcke ein Produkt verfälschen oder sogar in einem nicht nicht wirklich abschätzbaren Maß verschlechtern.

Das ist bei der Neuübersetezung vom fahlen Pferd leider der Fall. Für die Übersetzung zeichnet Alexander Nitzberg verantwortlich, ein im Klappentext hochgelobter Übersetzer aus dem Russischen, selbst aus Moskau gebürtig.
Auch wenn Nitzberg in Moskau geboren wurde, entzieht es sich meiner Kenntnis, mit welcher Muttersprache er aufgewachsen ist. Sollte es Russisch gewesen sein, könnte dies schon das ein oder andere Manko erklären, denn gewöhnlich übersetzt man in seine Muttersprache. Schließlich sind die Färbungen, die ein Muttersprachler übers Leben lernt, beim Zweitspracherwerb niemals aufholbar. Womöglich liegen hier also schon erste Hinweise auf den Hintergrund der sprachlichen Mankos.

Andererseits würde ich dann erwarten, dass ein deutschsprachiger Verlag mit einem deutschsprachigen Lektorat solche Mankos ausbügelt. Lektorin war Anke Albrecht. Aus eigener Erfahrung weiß ich leider, dass sich der Lektor nicht immer durchsetzen kann mit seinen Korrekturwünschen.

Kommen wir aber zur Übersetzung an sich: Sie liest sich insgesamt recht hölzern. Ob Sawinkow im Original seines ersten Buchs so schlecht geschrieben hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Falls ja, sind seine „Erinnerung eines Terroristen“ jedenfalls wesentlich besser geschrieben – oder der dortige Übersetzer ist besser als Nitzberg und hat sich mehr Freiheiten genommen.

Man kann Sawinkow aber nicht in die Schuhe schieben, dass so manche deutsche Wortwahl schlicht falsch ist. Ein paar Beispiele:
Herr Nitzberg mag es nicht wissen, aber es gibt einen semantischen Unterschied zwischen O und Oh. Wenn ich „O Tannenbaum“ sage, ist das was anderes als „Oh, du hast den Tannenbaum schon aufgestellt?“ Das eine ist Anrufung, das andere Verwunderung. Herr Nitzberg jedenfalls (oder die Lektorin) wählt grundsätzlich die falsche Form. Die Kunst der korrekten Zeichensetzung, in dem Fall Komma oder nicht, geht dem Gespann ebenfalls ab.

Aber auch grammatisch zeigen sich Schwächen. Deutlichste Anzeichen sind umgangssprachliche Wendungen wie der Imperativ „Wickel!“ anstelle des korrekten „Wickle!“ mit obligatorischem End-e. (Deshalb heißt es ja auch richtig „fei(e)re mit uns“ und nicht „feier mit uns“). Herr Nitzberg scheint auch das nicht zu wissen oder ignoriert es schlicht. Solche Beispiele gibt es immer wieder. Es ist schon Deutsch, aber nicht korrekt. Aber auch bei Fremdsprachen patzt das Team. So zitiert Sawinkow an einer Stelle angeblich die lateinische Wendung „suum ciuque“. Wer sich wundert, hat Latinum. Dem Rest klingt es vermutlich mehr oder weniger vertraut. Trotzdem heißt die Wendung „Jedem das Seine“ auf Latein „suum cuique“. Höre ich da jemanden „Buchstabendreher!“ sagen? Okay. Könnte sein. Dann frag ich mich aber, warum derselbe Fehler sowohl im Text als auch in der Anmerkung so steht. Und wenn Sawinkow es schon falsch gemacht haben sollte, erwartete ich eine Kenntlichmachung durch [sic!] oder Ähnliches.

Das alles mag jetzt wie totales Korinthenkackertum wirken. Das Problem ist aber Folgendes: Wenn ich bei einigen fehl eingesetzten Ausdrücken erkennen kann, dass da jemand die Sprache nicht beherrscht, wer garantiert mir dann, dass der Rest korrekt übertragen ist? Wie oft sind Bedeutungen falsch, ohne dass der des Russischen unkundige Leser es merken oder beurteilen kann?

Um auf den Anfang zurückzukommen: Natürlich kann ich nicht wissen, wer der eigentliche Urheber der Böcke ist. Die Fehler können von Herrn Nitzberg gemacht und von der Lektorin übersehen worden sein. Vielleicht hat er sich auch über ihr Urteil hinweggesetzt. Vielleicht hat sie sogar erst Fehler in den Text gebracht, denn wer sagt uns, dass ihr Lektorat gut genug ist, solche Macken zu beurteilen? Aber wer auch immer es verbockt hat, zuletzt hat der Verlag Galiani versagt. Und auf diese Weise nimmt er dem Text viel Wert. Denn der Leser kann nicht sagen, ob der Text eher wegen Sawinkow oder wegen Nitzberg so mau ist. Zudem fällt es schwer, dem Text zu trauen. Das finde ich angesichts der Aktualität des Themas Terrorismus besonders ärgerlich.

Ruhrpottskizzen

Samstagmorgen. Ich hab ein vollgepacktes Programm und daher einen frühen Termin beim Friseur. Als ich vor die Tür trete, liegen da zwei Weihnachtsbäume. Bei einem der beiden waren die Äste abgeschnitten, damit man ihn einfacher auf die Straße runtertragen konnte.
Bei den Bäumen steht eine ältere Frau mit Einkaufstaschen. Sie war wohl schon auf dem Markt und schaut auf die Bäume. Als sie mich hört, dreht sie sich um und spricht mich an.
– Der sieht aber schäbbich aus, meint sie zu dem Baum ohne Äste.
Der Baum tut mir leid, ich verteidige ihn.
– Aber die Äste sind doch abgeschnitten. Schauen Sie mal. So schäbbich ist er gar nicht.
– Doch, doch, schauen Sie doch mal auf die Spitze, der ist richtich schäbbich.

Die Überglücklichen

Ein etwas seltsamer, mit einem komischen Spannungsbogen versehener Film über zwei Insassinnen einer Nervenheilanstalt (oder wie man das heute nennt), die nach einem Ausbruch das mal mehr, mal weniger unterhaltsame Abenteuer bestehen.

Fazit: Es war schon irgendwie kurzweilig, aber so sehr ich mir auch den Kopf zerbreche, ich wüsste niemanden, dem ich diesen Film ernsthaft empfehlen könnte.

Vom Terror der Moderne

Terrorismus ist eine seltsame Sache. Dass Individuen sich für eine vorgeblich große (ideelle) Sache opfern, kennt man in dieser Art aus dem Tierreich nicht. Klar kommt es vor, dass eine Ameise ihr eigenes Leben ignoriert, weil ihr Staat ihr wichtiger „erscheint“. Aber eine Ameise denkt nicht vernunftbewehrt darüber nach, sie hat keine Entscheidungsmöglichkeit für oder gegen ihre Selbstopferung.

Entstanden ist der menschliche Terrorismus in der modernen Form im Kampf gegen Despoten. Im engeren Sinne war er nicht religiös bedingt, wobei manche Ideale fraglos den Charakter einer Religion erreichen (ich erinnere da gern an den ein oder anderen Marxisten o.Ä., aber auch in anderen Umfeldern gibt es entsprechende übersteigerte Ansichten). Deswegen erklärt sich Terrorismus auch nicht immer mit der Vorstellung einer jenseitigen Belohnung. Manche terrorisieren auch einfach für die scheinbar gute Sache oder – wenn es für sie selbst gut ist – für Geld. In diese Riege fällt letztlich jemand wie Ilich Ramírez Sánchez, bekannter unter dem Tarnnamen Carlos, dem es im Prinzip ziemlich egal war, ob er andere Menschen für die sozialistische Weltrevolution, die Befreiung Palästinas oder eben fürs eigene Konto skrupellos abmurkste.

Ob man von der aktuellen Welle wirklich behaupten kann, dass es sich um religiös motivierten Terrorismus handelt, möchte ich ehrlich gesagt bezweifeln. Wenn man sich die Lebensläufe der Täter anschaut, hat man eher den Eindruck, hier eine soziale Gruppe zu finden, die man auch aus anderen sozialen Zusammenhängen kennt. Ein Großteil, wenn nicht alle1 Täter der letzten Jahre fallen durch eine Konstante auf: Es sind Abgehängte. Während die hiesigen christlich-atheistisch Abgehängten sich als Stimmvieh für Demagogen instrumentalisieren lassen, fehlt den Abgehängten aus einer islamisch gefärbter Heimat diese Form gesellschaftlicher Teilhabe in Form von Wahlen sogar. Das betrifft nicht allein immigrierte Täter, sondern gilt vielfach auch für in Deutschland, Belgien, Frankreich oder Großbritannien aufgewachsene Menschen, denen die volle gesellschaftliche Teilhabe aus welchen Gründen auch immer verweigert wird. Mal dürfen sie nicht wählen, mal finden sie weder Ausbildung noch Arbeit. Da ist es kein Wunder, dass sie die erstbeste Gelegenheit nutzen, die ihnen jemand bietet, weil er sie scheinbar „abholt“, wie man so schön sagt, und sei es im Dienste des islamistischen Terrorismus. Ähnliches erlebte man schon im Nordirland des 20. Jahrhunderts, als v.a. die katholischen Familien in kleinste Behausungen gequetscht wurden. Die IRA bot ein Gemeinschaftsgefühl, auf das man sich verlassen konnte, wenn man nicht gegen ihre Regeln verstieß. Und genau genommen fallen die Abgehängten, die sich im Terror austoben, auf vergleichbare Lügenmärchen herein wie das oben genannte Stimmvieh. Der Unterschied ist lediglich, dass den einen Märchen fürs Jenseits erzählt werden, während die anderen an Märchen fürs Diesseits glauben. Egal was eintreten wird: Es werden Märchen für beide Arten der Abgehängten bleiben, selbst wenn die vorgeblichen Bedingungen zum Wahrwerden der Märchen erfüllt werden.

Diese Ausgeschlossenheit, vielfach vermengt mit wirtschaftlichen Problemen, Kriminalität oder Alkohol (dazu gehört z.B. sowas wie der NSU), lässt den Einzelnen eine enorme Machtlosigkeit fühlen. Sie ist wie ein Vakuum, das irgendwie gefüllt werden will und das mit Aktion scheinbar gefüllt werden kann. Das gilt letztlich sogar für frühere Epochen des Terrors, wie Nazianschläge in den 20ern zeigen, als die Parteigänger dieser Partei eben auch mehrheitlich Abgehängte waren.

Neben diesem roten Faden des Terrorismus fällt aber eine andere Sache auf: die Art der Anschläge. Spätestens seit den 60ern nehmen sie nämlich ein Phänomen auf: die Verschränkung des Terrors mit der Popkultur.

Zur Hochzeit des europäischen Terrorismus gab es in den Lichtspielhäusern eine grandiose Welle neuartiger Western. Leone, Corbucci und Co. haben mit dem sogenannten Spaghettiwestern eine Machismowelle erzeugt, die noch über Jahrzehnte spürbar ist (vgl. Tarantinos Western). Von den Tupamaros München, den deutschen „Stadtguerilleros“, weiß ich, dass sie die Gestik, das Handeln, das Schießen und das Recht des (momentan) Stärkeren aus den Filmen in die Realität umsetzen wollten. Sie wiedererlebten sich als moderne Westernhelden, die aus ihrer Sicht lediglich für die gute Sache kämpften und dazu das Leinwandverhalten imitierten.

Ein ähnlicher Effekt tritt inzwischen bei den Abgehängten des Daesh auf. Die Art, wie sie inzwischen Attacken durchführen und die Tatsache, dass diese Art ausdrücklich von den Strategen des Möchtegernkalifats empfohlen wird, nimmt ebenfalls popkulturelle Szenen auf. Heute orientieren sich die im oder am Westen aufgewachsenen Abgehängten aber weniger am Kino. Sie werden längst durch ein Popmedium inspiriert, das Unterdreißigjährigen wesentlich näher steht: Videospiele. Attacken, die eher Amokläufen als einem klassischen terroristischen Akt gleichen, folgen einer Dramaturgie, wie man sie seit Mitte der 90er-Jahre von Spielen wie Grand Theft Auto kennt, ohne dass sie dort mit eigentlichem Terror verbunden sind.

Für den Daesh und seine Fans hat diese Aufnahme zugleich den Vorteil, Terror zu einem billigen Massenphänomen zu machen: Die heikle Beschaffung von Waffen oder die mit Schwierigkeiten verbundene Herstellung von Sprengstoffen ist nicht länger erforderlich. Es ist eine Art Demokratisierung des Terrors.2

Terror ist also seit Jahrzehnten zu einer zwar negativ konnotierten, aber stark übersteigerten Abart des Pop für Abgehängte geworden. Deshalb ist es auch folgerichtig, dass diejenigen, die derartige Taten begehen, in ihrer jeweiligen Peer-Group als Helden, vulgo Märtyrer, gelten. Auch hier greift eben Warhols Satz der 15-minütigen Berühmtheit.3

Über die Jahre haben sich lediglich die Medien gewandelt. Wurden die Täter in den 70ern noch in Underground-Flyern und -Zeitschriften bejubelt, dienen heute YouTube und Facebook als Medium zur Verbreitung der Eigenerzählung. Hier wird der Terror sogar selbstreferentiell, weil er der Bühne, der er entwachsen ist, immer näher kommt. Anders gesagt: Es dürfte nicht mehr lange dauern und anstelle des modernen Räuber-und-Gendarm-Spiels Counterstrike mit ihren abstrakten Terroristen tritt ein echtes Terrorspiel, in dem es im Ego-Modus oder vielleicht im VR-Modus darum geht, Züge, Flugzeuge und Ähnliches möglichst spektakulär zu zerstören und dabei möglichst viele Spielfiguren ins digitale Jenseits zu befördern. Das mag gerade in der zeitlichen Nähe des jüngsten Anschlags schrecklich zynisch klingen, aber der Tag, an dem ein solches Spiel erscheint, wird kommen, und sei es als Undergroundspiel. (Oder gibt es das womöglich bereits? Ich bin da leider nicht mehr auf dem aktuellsten Stand.)

Ich fürchte sogar, dass diese Popreferenz so weit geht, dass Terror nur noch das ist, was in der Populärkultur stattfindet, über das also möglichst in bewegten Bildern berichtet wird. Das ist meiner Meinung nach sogar einer der Gründe, warum hiesige Gewalttaten sofort unüberlegt diesem Tatumfeld zugeordnet werden. Töten dagegen Drohnen irgendwo am Hindukusch ganze Familien, ohne das es Bilder davon gibt, können wir es als Tat, ja als Terrorakt nicht wahrnehmen.4 Es geschieht auf einem blinden Fleck der öffentlichen Wahrnehmung.

Mich interessierte, ob diese Referenzialität wirklich erst mit dem großen Aufkommen des Pops entstanden ist. Oder kann sie womöglich schon am dilettantischen Terrorismus im Zarenreich oder den Bombenlegern der Nazis beobachtet werden? Eine Art Popkultur gab es ja auch damals schon in den Groschenheftchen. Aber enthielten sie auch Ansichten oder Haltungen jenseits ideeller Färbungen, die als Blaupause fürs eigene Handeln dienten? Oder brauchte es eher die Verrohung des ersten Weltkriegs für dieses gewissenlose Handeln, das ja auch den Serienmord auf ganz neue Höhen brachte?

Im Umkehrschluss bedeutet es zugleich, dass der Terror der kommenden Jahrzehnte sich schon heute in der Popkultur abspielt. Wer wissen möchte, wie Terror in den 2030ern aussehen wird, muss die Popkultur beobachten.

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1 Mir fehlt leider gerade die Zeit zum Nachprüfen, gleichwohl möchte ich die folgenden Gedanken schon jetzt veröffentlichen.

2 Während parallel andere Kriminalität eine Art Elitisierung erlebt hat: Wer heute bei einem Banküberfall richtig Geld verdienen möchte, geht nicht mit einer Waffe in ein Institut oder sprengt Automaten auf. Er studiert finanzwirtschaftliche Fächer und/oder Informatik und sorgt mit seinem Know-how hinter den Kulissen für einen stillen Besitzerwechsel der Gelder.

3 Ausnahmen wie der UNA-Bomber bestätigen die Regel, wobei dieser letztlich auch mehr oder weniger unfreiwillig die moderne Einzelkämpfergeschichte Hollywoods reproduziert, allerdings ohne über eine eigentliche Peer-Group zu verfügen.

4 Dazu kommt natürlich noch die journalistische Färbung, die dafür sorgt, dass solche Drohnenanschläge als „bedauerliche Kollateralschäden“ des selbsternannten Weltpolizisten gelten, für die natürlich niemand belangt werden kann. Das führt dann zu so abstrusen Ansichten, dass der Anschlag auf den russischen Botschafter in Ankara ebenfalls kein Terror, sondern Vergeltung für Putins Kriegsverbrechen sein soll. Solche Realitätsbiegerei ist kaum weniger zynisch als Putins Handeln, weil mit diesen Techniken letztlich jede Handlung gerechtfertigt werden kann.

Alles, was möglich ist

Es gibt Dinge, die regen mich auf. Genauer: die regten mich auf. Denn ein Mix aus Resignation und beginnender Altersmilde beginnt die Aufregung zu verschütten. Eins dieser Dinge betrifft Menschen und ihre Möglichkeiten.

Vielen Menschen bleiben zahllose Möglichkeiten zeitlebens verwehrt. Diese Erkenntnis kann man unschön finden oder man kann ihr auch neutral gegenüber stehen. Aber seien wir ehrlich, sie wird sich nicht ändern lassen.

Einigen Menschen dagegen bietet sich ein breites Spektrum an Möglichkeiten. Nicht alle nutzen sie. Oft entscheiden sie sich für einen Weg, der nur scheinbar der einfachste ist.

Diese Diskrepanz ärgerte mich. Sie kollidiert mit meinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Ich finde, die Nichtnutzung eigener Möglichkeiten grenzt an Verschwendung, die ich nicht anders als degoutant bezeichnen kann.

Als Beispiel möchte ich von einem Interpreten erzählen, den ich musikalisch zwar nicht sonderlich wertschätze. Ich anerkenne aber, dass er handwerklich sauber arbeiten kann und Ideen hat. Dagegen gutheiße ich nicht, dass er sich mit Weichspülgedöns und billigen Effekten einen leichten Lenz macht, statt die Qualität bieten, die abzuliefern er meiner Meinung nach locker imstande wäre. Das Nichtgutheißen geht so weit, dass ich mich unter Einfluss hochgeistiger Getränke einmal sehr darüber echauffiert habe, was er da vergeudet. Anwesende Freunde blickten irgendwie pikiert; ich ahne, wie sie sich später über mich gewundert haben mögen.

Es brauchte eine Zeit, bis mir bewusst wurde, dass es eigentlich eine nach außen projizierte Selbstwut war.

Ja, ich weiß, was ich für Möglichkeiten habe. Eigentlich. Und ja, ich weiß, dass ich sie seit Jahren nicht nutze (was für Eingeweihte offensichtlich ist). Für mich persönlich besteht leider das Problem, dass ich sie nicht nutzbar zu machen verstehe.

Vielleicht liegt hier der Denkfehler. Vermutlich wissen viele nicht, welche Möglichkeiten sie hätten. Und selbst wenn sie es wissen, vermögen sie sie wahrscheinlich einfach nicht zu nutzen.

Ein Trauerspiel. Denn wie könnte eine Welt aussehen, in der jeder seine Möglichkeiten umzusetzen vermöchte? Das meine ich nicht im kommunistischen Sinne, sondern eher in einem psycho-emanzipatorischen Sinne. Hier läge die eigentliche Befreiung des Menschen. Aber leider krankt die Idee eben daran, dass Menschen eingerissene Schranken nur dann als solche wahrnehmen, wenn sie sie selbst eingerissen haben. Und diesen Schritt muss man sich eben zu gehen trauen. Denn was jenseits der Schranke lauert, das weiß man nicht oder bestenfalls – nur eingeschränkt: wenn man es nämlich mal geschafft hat, über die Grenze zu linsen.

Möglichkeiten (Symbolbild) / pexels.com

Jim Jarmusch, Paterson

Mit » manchen Ansätzen Jarmuschs komme ich ja nicht so ganz zurecht, aber in diesem Fall ist ihm eine kleine amüsante Miniatur gelungen, die wunderbare Einblicke in das Leben von Paterson (dem Ort) und Paterson (dem Bus fahrenden Dichter) samt Umgebung gewährt.

Fazit: selten genug, dass es im Programmkino so voll wird, dass Besucher abgewiesen werden müssen; in dem Fall war es zu Recht so voll

Gerhard Polt, Von Heimat und Geschichte

Zweitausendeins bietet nicht mehr oft, aber immer wieder mal nette Zusammenstellungen. Seit ein paar Monaten ist es aus dem Hause Kein & Aber eine schöne elfbändige Polt-Ausgabe.

Inzwischen steht sie bei mir schon ein paar Wochen und kämpft gegen den Bücherberg an, der mir von anderen angetragen wurde. Es war daher nachgerade ein Akt wildesten Rebellentums, dass ich aus dieser quasi erzwungenen Leseliste ausgebrochen bin und mir den ersten Band Polt geschnappt habe.

Der hat mich doch arg zum Schmunzeln gebracht. Denn er bringt rund um die Themen (bayrische) Heimat und (bayrische) Geschichte eine Reihe von Klassikern wie » Toleranz, die auch gelesen ein großer Zwerchfellschmaus sind.

Lesetipp und nebenbei Geschenktipp für Weihnachten!

Nur Fliegen ist schöner

Diesen Film über einen Werber, der „mal eben“ zeitweise aus seiner Agentur ausscheidet, um per Kajak aus dem Selbstbausatz in der Natur zu sich selbst zu finden, halte ich ehrlich gesagt für eine kleine Mogelpackung, denn er verkauft Stillstand als Bewegung, ohne auch nur ansatzweise etwas daraus zu machen

Fazit: positivster Effekt ist, dass man Durst auf » Absinth bekommt)

Unterwegs mit Jacqueline

Als ich den Trailer gesehen hatte, war mir klar, dass ich diesen algerisch-französischen Spaß sehen muss, in dem ein nordafrikanischer Bauer mit seiner französischen Kuh zu Fuß nach Paris zur Landwirtschaftsausstellung pilgert und – natürlich! – auf dem Weg dorthin zum Helden der kleinen Leute wird.

Fazit: einfache, gute Unterhaltung

Truman Capote, In Cold Blood

Es war ein hochinteressanter Vergleich, nach » Hemingway einen Truman Capote in die Hand zu nehmen, den ich im Hinterkopf schon länger angepeilt hat (was für ein schiefes Bild, ich werde seekrank). Die Wahl fiel nicht auf den Frühstücksklassiker, sondern auf – tja, wie soll man es nennen? Die Reportage in Buchform? Den längeren Essay? – In Cold Blood.

Das Buch schildert die Vorkommnisse um den vierfachen brutalen Mord an einer Farmerfamilie in Kansas durch zwei vorbestrafte Betrüger und Gewalttäter in den späten 60ern. Beide waren unter der Fehleinschätzung eingebrochen, bei einem Einbruch viel Geld zu kassieren, hatten sich jedoch schon im Vorfeld darauf verständigt, keine Zeugen zu hinterlassen.

Capote schildert mit einer sehr pointierten Sprache und einer vor allem in den ersten zwei Dritteln immer spannender werdenden Schnitttechnik. Er erzählt, wie es zu der Tat kam, wie die Lebensklingen der zwei Täter den Lebensfäden der vier Opfer immer näher kamen und diese schließlich zerschnitten. Er erklärt das Vorgehen der Ermittler und die erfolgreiche Verhaftung der lange Zeit Flüchtingen. Und schließlich beschreibt er das Verfahren und die Zeit in den Todeszellen bis zum Galgen. Obwohl die Schreibe ab dem Verfahren kaum anders ist als vorher, verliert er meiner Meinung nach allerdings hier etwas Verve. Nach dem sich immer schneller drehenden Rad bis zur Festnahme schien Capote nicht den rechten Rhythmus zu finden, den er für die Schilderung des Verfahrens brauchte. Hier verfängt er sich leider auch eher in Seitenstränge, deren Dasein für den Gesamttext eher unerheblich ist. Gleichwohl schafft er es, ein Sittengemälde des Mittleren Westens in den späten 50ern und frühen 60ern anzufertigen, das im Ganzen wirklich faszinierend ist – selbst angesichts der furchtbaren Tat, die der Erschaffung des Gemäldes zugrundeliegt. Wirklich sehr zu empfehlen, auch und gerade im Original.

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