Tottes Lexikon: Que sçay-je?

Literatur, Film und Kultur mit Meinung

Gerhard Polt, Von Heimat und Geschichte

Zweitausendeins bietet nicht mehr oft, aber immer wieder mal nette Zusammenstellungen. Seit ein paar Monaten ist es aus dem Hause Kein & Aber eine schöne elfbändige Polt-Ausgabe.

Inzwischen steht sie bei mir schon ein paar Wochen und kämpft gegen den Bücherberg an, der mir von anderen angetragen wurde. Es war daher nachgerade ein Akt wildesten Rebellentums, dass ich aus dieser quasi erzwungenen Leseliste ausgebrochen bin und mir den ersten Band Polt geschnappt habe.

Der hat mich doch arg zum Schmunzeln gebracht. Denn er bringt rund um die Themen (bayrische) Heimat und (bayrische) Geschichte eine Reihe von Klassikern wie » Toleranz, die auch gelesen ein großer Zwerchfellschmaus sind.

Lesetipp und nebenbei Geschenktipp für Weihnachten!

Nur Fliegen ist schöner

Diesen Film über einen Werber, der „mal eben“ zeitweise aus seiner Agentur ausscheidet, um per Kajak aus dem Selbstbausatz in der Natur zu sich selbst zu finden, halte ich ehrlich gesagt für eine kleine Mogelpackung, denn er verkauft Stillstand als Bewegung, ohne auch nur ansatzweise etwas daraus zu machen

Fazit: positivster Effekt ist, dass man Durst auf » Absinth bekommt)

Unterwegs mit Jacqueline

Als ich den Trailer gesehen hatte, war mir klar, dass ich diesen algerisch-französischen Spaß sehen muss, in dem ein nordafrikanischer Bauer mit seiner französischen Kuh zu Fuß nach Paris zur Landwirtschaftsausstellung pilgert und – natürlich! – auf dem Weg dorthin zum Helden der kleinen Leute wird.

Fazit: einfache, gute Unterhaltung

Truman Capote, In Cold Blood

Es war ein hochinteressanter Vergleich, nach » Hemingway einen Truman Capote in die Hand zu nehmen, den ich im Hinterkopf schon länger angepeilt hat (was für ein schiefes Bild, ich werde seekrank). Die Wahl fiel nicht auf den Frühstücksklassiker, sondern auf – tja, wie soll man es nennen? Die Reportage in Buchform? Den längeren Essay? – In Cold Blood.

Das Buch schildert die Vorkommnisse um den vierfachen brutalen Mord an einer Farmerfamilie in Kansas durch zwei vorbestrafte Betrüger und Gewalttäter in den späten 60ern. Beide waren unter der Fehleinschätzung eingebrochen, bei einem Einbruch viel Geld zu kassieren, hatten sich jedoch schon im Vorfeld darauf verständigt, keine Zeugen zu hinterlassen.

Capote schildert mit einer sehr pointierten Sprache und einer vor allem in den ersten zwei Dritteln immer spannender werdenden Schnitttechnik. Er erzählt, wie es zu der Tat kam, wie die Lebensklingen der zwei Täter den Lebensfäden der vier Opfer immer näher kamen und diese schließlich zerschnitten. Er erklärt das Vorgehen der Ermittler und die erfolgreiche Verhaftung der lange Zeit Flüchtingen. Und schließlich beschreibt er das Verfahren und die Zeit in den Todeszellen bis zum Galgen. Obwohl die Schreibe ab dem Verfahren kaum anders ist als vorher, verliert er meiner Meinung nach allerdings hier etwas Verve. Nach dem sich immer schneller drehenden Rad bis zur Festnahme schien Capote nicht den rechten Rhythmus zu finden, den er für die Schilderung des Verfahrens brauchte. Hier verfängt er sich leider auch eher in Seitenstränge, deren Dasein für den Gesamttext eher unerheblich ist. Gleichwohl schafft er es, ein Sittengemälde des Mittleren Westens in den späten 50ern und frühen 60ern anzufertigen, das im Ganzen wirklich faszinierend ist – selbst angesichts der furchtbaren Tat, die der Erschaffung des Gemäldes zugrundeliegt. Wirklich sehr zu empfehlen, auch und gerade im Original.

Sweet Sixteen

Ken Loach, dem Arte neulich freundlicherweise einen schönen Themenabend gewidmet hat, ist nicht allein aufgrund seiner ihm nachgesagten marxistischen Haltung ein Ausnahmeregisseur, sondern auch, weil er die Kamera einfach auf das hält, was weh tut, und wenn es abgehängte Sozialgruppierungen sind, wie er sie in diesem Film über Liam und seine Familie darstellt, die irgendwo zwischen Sozialleistungen, Drogengeschäften, Gewalt und Knast permanent in der Schwebe gehalten werden.

Fazit: auch für Nichtmarxisten sehenswert

Welcome to Norway

Der Trailer trifft den Film eigentlich sehr gut, weil er die Thematik Flüchtlinge in Norwegen einfach zu flau darstellt und das Potenzial sowohl an Story als auch an Gags an etlichen Stellen einfach vorbeiwehen lässt.

Fazit: geht so

Helge Timmerberg, Die rote Olivetti

Lakonisch ist so ein gespaltenes Wort. Oft trägt es einen abwertenden Beigeschmack mit sich. Es kann aber genauso ein sehr unterhaltsames Element sein.

Timmerberg ist so ein Beispiel. In der roten Olivetti (benannt nach seiner Reiseschreibmaschine) berichtet er lakonisch, auf welchen Umwegen er Journalist wurde und wie es ihm auf den verschlungenen Pfaden im Wald der flotten Spätachtziger- und Neunziger-Zeitschriften erging. Und er macht es eben amüsant lakonisch.

Er beschreibt wunderbar. Er scheut sich nicht, für Vergleiche in den Fundus der hemmungslosen Kneipensprache abzutauchen. Stilsicher verzichtet er dabei auf das zotig Plumpe. Er schreckt auch nicht zurück, sich in ein schlechtes Licht zu stellen, was den Text ehrlich wirken lässt und ihn letztlich zu seinen Wurzeln zurückbringt: dem Gonzo-Journalismus.

Denn man merkt der Olivetti Timmerbergs Herkommen aus den damals angesagten Zeitschriften an. Aber das tut dem Text keinen Abbruch. Im Gegenteil möchte ich behaupten: Timmerberg stolziert wie eine aufmerksame Thompson-Gazelle durch die Savanne, die zwischen den beiden Buchdeckeln liegt. Und das zu Recht.

Ein leichtes, aber sehr schönes Lesevergnügen.

Ernest Hemingway, Der alte Mann und das Meer

Es gibt ja so eine populäre Dichotomie in der Literatur, nach der es den Genius-Schriftsteller und den arbeitenden Autor gibt. Ersterem fließt jedes Wort direkt druckreif aus der Feder. Letzterer feilt an Worten, Sätzen und Absätzen, bis auch jedes überflüssige Gran entfernt ist (oft fallen die Resultate hier quantitativ etwas schmaler aus).

Obwohl ich selbst so manchen Genius wie Döblin oder Balzac schätze, gebe ich gern zu, dass ich vor den Feilern (ja, richtig, mit F) doch eine ganz andere Art der Hochachtung hege, insbesondere wenn das Ergebnis stimmt. Denn aus eigener Erfahrung weiß ich, wie mühselig dieses Finden eines Worts ist, das noch passender ist, eines Ausdrucks, der noch treffender ist.

Hemingway ist so ein Fall. Er hat an seinen Texten gearbeitet und obwohl man die Arbeit an sich nicht sieht, merkt der aufmerksame Leser doch, dass hier jemand wirklich jedes unnötige Beiwerk weggekürzt hat.

Das ist mir bereits hier aufgefallen, beim alten Mann und dem Meer ist es noch deutlicher – vermutlich auch angesichts der Gesamtlänge des Texts.
Die Novelle ist insgesamt sehr schlicht, aber nicht simpel. In ihrer Schlichtheit ist sie zugleich bestechend.

Wie ein Foto, auf dem Motiv, Ausschnitt, Proportionen und Farbgebung einfach perfekt sind. Klar, es ist „nur“ ein Foto und kein hyperrealistisches Ölgemälde. Aber auch beim Foto gibt es ästhetische Vorgaben, die ein Motiv gut aussehen lassen.
Beim alten Mann und dem Meer hat Hemingway diese Vorgaben definitiv erfüllt. Großartig!

Glück gehabt (mit mir in einer tragenden Nebenrolle)

Mir ist neulich, im Nachklapp zum Münchner Amoklaufs, etwas aufgefallen, das mir zu denken gibt.
Ich hab eine Bekannte in München, die ich leider schon länger nicht mehr gesehen habe und mit der ich auch nur noch sehr sporadisch in Kontakt stehe. An dem besagten Abend hatte ich dennoch das Bedürfnis zu erfahren, wie es ihr geht. Sie meldete sich leider nicht. Als später Alter und Nationalität der Opfer durch die Presse gingen, wusste ich zumindest, dass sie nicht darunter war. Mich hatte aber an den Bildern stutzig gemacht, dass ich glaubte, dass sie nahe dem Einkaufszentrum wohnte und auch der McDonalds kam mir bekannt vor – was ich zunächst beiseite schob nach dem Motto: Sehen sowieso alle gleich aus.

Wochen später meldete sie sich zurück und schrieb mir, sie sei im Urlaub gewesen. Den Amoklauf hatte sie allerdings noch mitbekommen. Mein Gedächtnis war nämlich besser, als ich es ihm hatte zugestehen wollen: Das Einkaufszentrum bei ihr um die Ecke ist tatsächlich das betroffene Zentrum, wir waren sogar miteinander bei dem McDonalds gewesen, um einen Kaffee trinken.

Schlimmer: Am besagten Tag selbst war sie keine Stunde vor dem Amoklauf im Einkaufszentrum gewesen, später war ihre Straße vom SEK und ähnlichen Einheiten besetzt, niemand durfte in den umgebenden Straße die Wohnung verlassen. Das war vor allem deshalb doof, weil meine Bekannte an dem Abend in Urlaub fahren wollte und erst spät nachts samt Gepäck zu Fuß zu ihrer Mitfahrgelegenheit laufen durfte.

Im Großen und Ganzen hatte sie also dennoch Glück im Unglück. Und darauf möchte ich hinaus. Als ich mit Kollegen darüber sprach, wurde mir ein wiederkehrendes Phänomen bewusst: Einmal mehr kannte ich jemanden, der – aus welchen Gründen auch immer – knapp an einer Katastrophe vorbeigeschlittert ist. Ich zähle auf:*

1998 beim Zugunglück in Eschede hatte der Sohn einer früheren Nachbarin Glück gehabt: Er hatte ein Ticket für den ICE, musst dringend nach Hamburg, hatte aber den Zug verpasst.

Als 2000 die Concorde abstürzte, war ich auf einer Ausgrabung in Norddeutschland. Eine Mitarbeiterin war geschockt, als sie die Nachrichten sah. Denn sie wusste, dass eine Cousine an dem Tag mit der Concorde fliegen sollte – die den Flug aber ebenfalls verpasst hatte, wie wir im Laufe des Tages erfuhren.

2001 waren im New Yorker WTC zwei Cousins einer Straubinger Bekannten. Beide sind mit dem Leben davongekommen, wobei dem einen ein Arm amputiert werden musste (ich weiß nicht mehr, ob wegen einer Quetschung oder einem Trümmerteil).

In Bonn scheiterte 2006 ein Kofferbombenanschlag. Eine Freundin war zu der Zeit zufällig am Bonner Hauptbahnhof, weil sie die U-Bahn nahm. Sie selbst betont noch heute, dass sie sonst nie mit der U-Bahn fährt.

Als 2011 am Flughafen Moskau-Domodedowo eine Bombe explodiert, hatte die Mutter der Bonner Freundin dort kurz zuvor den Flieger gewechselt.

Als als jetzt 2016 der Lkw-Fahrer durch Nizza walzte, hatte die Freundin einer Kollegin kurz zuvor die Promenade verlassen.

Und nun eben – München.

Nun kann man davon halten, was man möchte. Schließlich gilt auch, dass man über sechs Ecken jeden Menschen kennt (ein älterer Kommiliton von mir kannte sogar Haile Selassie, Kaiser von Abessinien, König der Könige, siegreicher Löwe Judas, noch persönlich). Man könnte diese Reihung daher als puren Zufall abtun. Man könnte aber auch sagen, dass es in solchen Situationen hilfreich ist, mich direkt oder über eine Ecke zu kennen.

Nebenbei: Ich bin gern bereit, gegen kleine Geld- oder Sachspenden neue Bekanntschaften einzugehen. Sozusagen gegen eine kleine *räusper* Schutzgebühr. Ansonsten hoffe ich, dass ich mit dieser Liste keinen Verdacht beim Verfassungsschutz errege.

* Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Falls einer meiner Leser weitere überzeugende Fälle für meine schützende Hand beisteuern kann, beteilige ich ihn gern am Erlös der unten angeführten Spendenaktion.

Haruki, Murakami, Kafka am Strand

Es gab keinen bestimmten Grund, warum dieses Buch die Lesereihenfolge des Buchpakets abschloss. Ich fürchte aber, es war gut so. Denn von allem, das ich von Murakami kenne, fand ich es bisher am schwächsten.

Sicher, es hat auch sehr viele schöne Beobachtungen, enthält zahlreiche kluge Gedanken, die es wert waren, gedacht, niedergeschrieben und gelesen zu werden. Aber eben diese guten Gedanken hätten problemlos auf die zu zahlreichen Szenen verzichten können, die sich aus den schwülstigen Pseudosehnsüchten eines pubertierenden Jungen speisen.

Ja, es war vielfach ermüdend, diesen klebrigen Schilderungen zu folgen. Sie pusten die Geschichte unnötig auf, die sich ansonsten aus allerlei Ausflügen in Historie, Märchen und – ja, man fast schon sagen – üblichen Murakami-Traumwelten zusammensetzt.

Mehrfach fragte ich mich während der Lektüre, ob Murakami das Buch mit derselben Technik geschrieben hat wie Dick seinem Orakel vom Berg. Letzteres ist bekanntlich entstanden, indem Dick die Entscheidungen der Figuren seinem I-Ging überließ. Das merkt man dem fahrigen und an den meisten Stellen offenen Buch auch an, weshalb ich Dicks Experiment zwar interessant finde, aber für gnadenlos gescheitert halte.

Darauf lässt sich übrigens auch Kafka am Strand herunterbrechen: sehr interessant, aber irgendwie gescheitert.

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