Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Von Parteien und Plakaten

Werbung und Politik ist so eine Sache. Zahlreiche Werber, Agenturen und Zulieferer entscheiden sich bewusst dagegen, für Parteien und Politiker die Marketingmaschine anzuwerfen. Kein Wunder – der Stress brummt nach Vorhersage pünktlich vor Wahlen, langfristige Kundenbindung findet kaum statt, weil die Wahrscheinlichkeit, die Kundenerwartung nicht zu erfüllen, äußerst hoch ist.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit dem Chef der Agentur, die die Rösler-FDP im Bundestagswahlkampf beraten hatte. Vollmundig erklärte er vor der Wahl, er habe Rösler gleich im ersten Gespräch verordnet, Krawatte und Jackett abzulegen („Stehen Sie nicht da wie ein Liftboy!“). Kurz nachdem er mir das erzählt hat, blamierte sich seine Agentur damit, für die FDP dasselbe Videostockmaterial wie die NPD verwendet zu haben. Schließlich setzte die FDP (oder die Agentur – wie immer man das sehen möchte), die Wahl total in den Sand.

Auch bei der diesmaligen Bundestagswahl sind die Plakate spannender als die Programme. Durch die notwendige Konzentration auf Kürze verraten sie viel über Selbstverständnis oder Dämlichkeit derjenigen, die sie konzipiert und entworfen haben, aber auch derjenigen, die sie freigegeben haben. So ergeben sich interessante Einblicke, auch in die Denke der Parteivorstände.

Beispielsweise blähen die Grünen jedes mir aufgefallene Plakat mit witzlosen Binsenweisheiten und Belanglosigkeiten, die inhaltlich fast jeder unterschreiben kann. McDonald’s-Werbung, bekanntlich für die Masse gemacht, polarisert da stärker. In ihrer bräsigen Fantasielosigkeit unterschreiben die Grünen damit unfreiwillig den Slogan der PARTEI („Inhalte überwinden“). Die Quittung für diese Leere werden die Grünen höchstwahrscheinlich nächste Woche bekommen – und wenn sie Glück haben, werden ihre Spitzenkandidaten endlich die nötigen Konsequenzen ziehen.

Die FDP konnte im letzten NRW-Landeswahlkampf noch mit wirklich cleveren Fotos glänzen, über die ich hier gern geschrieben hätte, was mir aus Zeitgründen leider nicht gelang. Zum Bundestagswahlkampf übersteigern sie ihre 18/1-Plakate (für den Laien: Das sind diese großen Plakatwände) allerdings maßlos. Diese sind mit Überschriften versehen, die den Leser stolpern lassen sollen („Ungeduld ist auch eine Tugend“), letztlich aber leeres Blabla bleiben. Nichts über den Kandidaten, nichts über die Partei und nichts über die Politik, für die sie stehen sollen. Möglicherweise erklärende Worte finden sich zwar ebenfalls auf den Plakaten, aber in nahezu enzyklopädischer Länge und so winzig gedruckt, dass man sich schon eine Viertelstunde davor stellen müsste, um es lesen zu können. Das macht doch keiner! Oder freundlich gesagt: Zumindest aus werberischer Sicht eine Katastrophe.

Die Union warb in den ersten Wochen in meiner Region hauptsächlich mit ihrem Sloganmonster FeDidwgugl, für das sie schon bei der Vorstellung zu Recht Häme einstecken durfte, das aber erst durch die PARTEI auf die verdiente Spitze getrieben wurde. Neuerdings schwenkt die Union jedoch um auf merkelbestimmte Leere. Inhalte zu finden, ist auch hier unmöglich. Immerhin erfüllen die Plakate aber halbwegs das Prinzip des Auffallens, ohne zu viel Worte zu machen.

Anders die SPD. Zu Beginn plakatierte sie auf den 18/1 zwar echte Botschaften, die sogar in großen Lettern geschrieben waren. Aber die Botschaften waren oft so lang, dass selbst ein Schnellleser wie ich zwei-, dreimal an den Plakaten vorbeigekommen sein musste, um den Inhalt beiläufig erfassen zu können. Aktuell blamiert sich der gewesene Arbeiterverein in der Schlussphase durch neue Aspekte. Plötzlich beschränken sich die Plakate auf das Schulz-Ponem, verbunden mit dem Sprüchlein: „Es ist Zeit für Gerechtigkeit.“ Fraglos ein schöner, vermutlich auch richtiger Spruch. Doof ist nur, dass die trübe Tasse von Gestalter die ersten drei Wörter überdimensional aufbläst, den Schluss dagegen schriftgrößentechnisch quasi zu einer Fußnote degradiert.
Man kennt die Methode aus anderen Zusammenhängen: Telekommunikationsunternehmen und die Automobilindustrie versprechen das Blaue vom Himmel in großen Lettern. Die unliebsamen, aber erforderlichen Nutzungsbedingungen bzw. CO2-Angaben der vertriebenen Fahrzeuge schrumpfen dagegen auf den Plakaten zu gedrucktem Fliegendreck.
Was also soll es dem Betrachter sagen, dass die SPD dem Wort Zeit so viel mehr Bedeutung schenkt als dem Wort Gerechtigkeit? Ich hab da so meine Theorie, möchte aber so kurz vor der Wahl niemanden beeinflussen. (Sehr kleiner Scherz.)

Überhaupt fällt auf, dass eigentlich nur die Parteien an den Rändern wie die Linke, die lange eine Agentur suchende AfD oder die MLPD in der Lage sind, griffige Überschriften und Botschaften zu plakatieren. Ich möchte einschränken, dass man deren Botschaften zum Glück nicht mögen muss, um ihnen werberische Aspekte zusprechen zu können. (Und die Sprüche der MLPD wirken zudem dermaßen selbstvergessen historisch daneben, dass sie fast schon wieder putzig klingen.) Diese Parteien haben, aus welchen Gründen auch immer, das Medium Plakat verstanden und setzen es aus werberischer Sicht so ein, dass es bestmöglich wirken kann.

Insgesamt bleibt es dennoch ein Trauerspiel. Die beste Lösung wäre wohl, den Parteien die Werbung gleich ganz zu verbieten. Das würde zugleich Geld sparen und die Umwelt schonen.

Michail Ossorgin, Eine Straße in Moskau

Ein hübscher Band aus der Anderen Bibliothek, ein Schmuck im Regal und ein Schmuck an geschilderter Beobachtung. Ossorgin erzählt ausgehend von Bewohnern einer Moskauer Straße, wie es ihnen und einigen Verwandten und Freunden in einer Zeit ergeht, die Moskau und Russland vollständig umkrempeln sollte.

Begonnen am Vorabend des ersten Weltkriegs trudeln die Figuren durch Krieg und Revolution. Dabei bedient Ossorgin sich eines Tricks, indem er vor allem im ersten Teil alles im Ausschnitt und leicht distanziert betrachtet.

Sehr deutlich für diese Erzählweise ist das Kapitel, in dem er von den Schilderungen eines Ameisenhaufens in einem schwindelerregenden Schwenk auf die zaristische Armee im Aufmarsch wechselt.

Diese oft verdichtete Sicht durchs Brennglas hat den Vorteil, zahllose Facetten des damaligen Lebens detailliert wiedergeben und doch ein Panorama schaffen zu können. Es hat aber zugleich den Nachteil, dass er praktisch zu keiner Figur eine echte Nähe herzustellen vermag. Alles bleibt Distanz, trotz der genauen und meistenteils sympathischen, fast nie aber lächerlich machenden Schilderungen.

Der zweite Teil des Romans beschäftigt sich mit der Zeit der Wirren direkt nach der Revolution. Mangelwirtschaft, Diebstahl, Hunger, erste Terrorwellen kennzeichnen diese Zeit. Sie liegt, und das drückt auch das Lesevergnügen nachhaltig, wie Blei auf den Seiten, denn jede Figur erleidet eigentlich nur noch Widrigkeiten, selbst die, denen es im System „eigentlich“ gut gehen sollte, führen genau genommen ein furchtbares Leben.

Im Ganzen auf jeden Fall ein empfehlenswertes Buch, wenn auch eher für einen kleinen literarisch interessierten Kreis.

Übrigens erinnerte Ossorgins mich vielfach an die Darstellung in George Perecs „Das Leben. Gebrauchsanweisung“, wobei Perec wesentlich mehr Sympathien zu den Figuren erzielen kann.

1 Trauerspiel in 4 kurzen Aufzügen mit (sehr) kurzem Singspiel

Ein Gang in die Stadt ist deprimierend. Destilliertes Wasser auf den Mühlen eines jeden Kulturpessimisten sozusagen. Über die vergangenen Jahre hinweg haben sich die lebendigsten und unterhaltsamsten Einkaufsstraßen in einen undurchschaubaren Komplex an Dauerramsch verwandelt. Ein unsäglicher Mix aus immergleichen Plastikketten, die „Café“ zu nennen der gute Geschmack streng verbietet. Dazu gesellen sich immer unappetitlicher aussehende und müffelnde Dönerbuden sowie Klamottenläden, aus deren Eingangsbereich schon der Gestank der krebserregenden Färbemittel strömt – da mag man nur weglaufen.

Teils ist das Publikum schuld, teils die Läden selbst. Auswahl findet man praktisch kaum noch. Gerade noch überlebende Buchläden schrumpfen ihre Klassikerabteilung mittlerweile auf ein daumennagelgroßes Regal, in dem dann feilgeboten wird: Orwells 1984, ein paar Werke Mark Twains sowie Jules Vernes und – Humor ist, wenn man trotzdem lacht – ein halber Meter Jean-Paul Sartre. Leute, wenn der Rest des Ladens nur noch aus Kalender- und Postkartenmüll sowie dem Abverkauf der Spiegelbestsellerliste besteht, braucht ihr euch auch nicht zu wundern, wenn die Leute, die überhaupt noch lesen, sich ihren Stoff woanders besorgen.

In der Stadt übrig geblieben sind größtenteils nur noch zweibeinige Ruinen, die durch die Gassen und Zeilen torkeln. Meist übergewichtig, auf jeden Fall aber überproportional rauchend – längst optischer Beleg für körperliche und geistige Verkommenheit. Da wird bewusst, an welcher Stelle Marx aus heutiger Sicht besonders Unrecht hatte. Der Prolet will gar kein besseres Leben nicht:

Der Prolet will schlicht
fressen & saufen,
ficken & kaufen.
Andres nämlich kennt er nicht.

Selbst Brecht hat heute Unrecht, denn nicht mal nach dem Fressen kommt Moral. Moral, die gibt es nicht. Weder in den Hütten noch in den Palästen. Und zu kaufen gibt es sie auch nicht mehr, weil sie als Produkt nämlich für die ganzen 1-Euro-Läden viel zu teuer wäre.

Karl-Ove Knausgård, Träumen

Es ist nun drei Jahre her, dass ich zum ersten Mal einen Knausgård gelesen und » hier besprochen habe. Obwohl ich damals mit gemischten Gefühlen aus der Lektüre gegangen bin, blieb ich weiter interessiert an seinem Experiment der ungeschönten Selbstdarstellung. Ich muss allerdings zugeben, dass ich den Band Träumen geschenkt bekommen habe und dass ich mir angesichts des Themas nicht sicher bin, ob ich ihn mir selbst gekauft hätte.

Im Band Träumen geht es um Knausgårds Zeit in Bergen, als er Schriftsteller wurde. Begonnen mit dem Einstieg in die Schreibakademie, gefolgt von etwas ungezieltem Herumstudieren bis zum Kennenlernen von – angeblich* – talentierteren befreundeten Autoren, die ihm später auf die eine oder andere Weise beim literarischen Durchbruch helfen. Der Band endet mit der verkürzten Darstellung der Beerdigung seines Vaters, nachdem er eine vierjährige Schreibblockade im Anschluss an sein Debüt überwunden hatte.

Knausgård schildert wieder sehr schonungslos, was er in der Zeit gemacht hat. Gesoffen. Freundinnen betrogen. Im Suff fast seinen Bruder geblendet. Er nennt sich selbst wiederholt einen schlechten Menschen und präsentiert sich tatsächlich als jemand, den man in seinen Handlungen gemeinhin Arschloch nennen würde. Gleichzeitig kommen seine Freundinnen, Freunde und Verwandte weitgehend gut weg. Als Leser fragt man sich unwillkürlich, wie diese Menschen es über Jahre freiwillig mit ihm ausgehalten haben. Ich glaube, die einzige Person, die neben ihm schlecht wegkommt, ist sein Vater. Und genau genommen kommen beide aus demselben Grund schlecht weg: Knausgård benimmt sich wie ein asoziales Schwein, wenn er betrunken ist. Und er trinkt oft und viel. Obwohl er mehrfach schildert, dass sein Umfeld ihm empfiehlt, mit dem Trinken aufzuhören, tut er es nicht. Sein Vater ging schließlich einen Schritt weiter, indem er sich – wie Knausgård es darstellt – praktisch totgesoffen hat.

Es gibt ja die Banalität, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Das gilt hier besonders. Denn einerseits liest sich das Buch wieder wie ein Strudel. Man mag nicht aufhören zu lesen. Andererseits ist gerade der erste Teil auffallend mau und umständlich geschrieben. Ich bin mir noch nicht ganz im Klaren darüber, ob er mit diesem Anfang unterstreichen möchte, wie schlecht er in der geschilderten Zeit als beginnender Autor noch geschrieben hat. Jedenfalls sind die Sätze gerade dort äußerst verschachtelt, wurstig oder oft schlicht hirnrissig konstruiert. Während er die Zeit im Schreibkurs schildert, verwendet er zudem auffallend viele Klischees – für die er während des Kurses ausdrücklich wiederholt gerügt wird (eine etwas plumpe Koinzidenz, die man deutlich eleganter hätte lösen können).

Etwas merkwürdig finde ich, dass er gleich auf den ersten Seiten erklärt, er habe alle Tagebücher und ähnliche Unterlagen aus der Zeit vernichtet. Trotzdem ist er in der Lage, ausführlichst bis ins letzte Detail auch die schlimmsten Suffnächte darzustellen. Inwieweit er an solchen Stellen wirklich die Tatsachen schildert,  sei einmal dahingestellt.

Richtig böse muss ich aber erneut wegen Übersetzung und Lektorat sein: Sämtliche Fehler und Hirnrissigkeiten, die ich schon in der Rezension von Sterben kritisierte, werden auch in diesem Band gemacht. Mit einem Unterschied: Die Ahnungslosigkeit, wie O oder Oh eingesetzt wird, ist beim Übertragungsteam offenbar so groß, dass sie es zwischendurch sogar richtig machen – vermutlich aus Versehen.

Sei es, wie es sei. Ich weiß jetzt schon, dass ich sicher noch mehr aus dieser Reihe lesen werde. Ich bezweifle aber, dass ich noch außerhalb dieser Reihe etwas von Knausgård lesen möchte. Denn so dolle schreibt er (in der deutschen Übersetzung) ehrlich gesagt dann doch nicht.

* Ehrlich gesagt kenne ich keinen einzigen davon und kann daher deren Talent nicht beurteilen.

Golo Mann, Wallenstein

Wer hier öfter liest, kennt vielleicht meine Einsatzrezi zu Allens Zelig, einem meiner absoluten Lieblingsfilme. Aufs Detail möchte ich hier gar nicht eingehen, wer den Film aber nicht kennt, möge wissen, dass ein wichtiger Auslöser der Geschichte das Buch Moby Dick ist, das die Hauptfigur Zelig in der Schule nicht gelesen hat.

Den Gag, der aus diesem Ursprungsproblem entsteht, finde ich so amüsant, dass ich Bücher, durch die ich mich einfach nicht durchkämpfen kann, gern als meinen Moby bezeichne – wobei der Witz zugegebenerweise ist, dass ich ausgerechnet den gelesen habe, wenn auch nicht im Original (in dieser Hinsicht ist Moby Dick auch mein Moby Dick, um die Selbstreferenzialität ins Absurde zu treiben).

Golo Manns Wallenstein war so ein Moby Dick für mich. Ein Riese, der mir im zweiten Semester von einem Prof ans Herz gelegt wurde als Beispiel für wohlformulierte wissenschaftliche Arbeit. Ich, damals noch im Wahn, mir eine ausgiebige Bibliothek zuzulegen, die mir in schwachen Momenten heute eher wie ein Klotz am Bein vorkommt, ging natürlich in die Unibücherei und erwarb das Monster. Ja, ich begann sogar kurz darauf mit der Lektüre, brach sie aber bereits nach etwas über 100 Seiten ab, weil ich es furchtbar zu lesen fand: so viele Figuren und Personen, die Mann kaum näher erklärt, sie stattdessen kurz anreißt und mit ihnen arbeitet, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, jeden Hinz und Kunz des 17. Jahrhunderts zu kennen, der mal irgendwo an einem Hof Europas den Mund aufgemacht hatte.

Es war eine Schmach für mich. Ich, der ich mit dem Ansatz an praktisch jedes Buch gehe, es zu Ende lesen zu müssen, weil ich es nicht beurteilen möchte, bevor ich es nicht ganz kenne. Man denke nur an Eco: Wie viele seiner Bücher fangen mit superlangweiligen ersten 100 Seiten an, bevor sie richtig durchstarten?

Auch heute gibt es nur eine Handvoll Bücher, die ich ernsthaft angefangen und nicht zu Ende gelesen habe (Sartres Sein und Nichts z.B.; bislang zwei Versuche, beide kurz nach Seite  200 gescheitert). Daher war es nur eine Frage der Zeit, mich irgendwann noch mal an Mann zu versuchen.

Es ging einher mit einer Ausrümpelaktion meiner Bibliothek. Ich wollte das Buch loswerden, nicht aber, bevor ich es gelesen hatte. Als begann ich. Und litt. Im Prinzip an denselben Problemen übrigens wie damals, obwohl mein historischer Horizont mittlerweile um ein Vielfaches gewachsen ist. Es war eine Qual. Kaum las ich drei Absätze, konnte ich schon einschlafen. (K)Eine perfekte Bettlektüre also. Trotzdem kroch ich nach und nach durch die Seiten, erst zu Dutzenden, dann en gros, irgendwann – ich prüfte natürlich permanent, wie viele Seiten noch anstanden – blieben nur noch wenige Hundert Seiten. Dann kam der totale Durchhänger. Ich ließ das Buch auf dem Nachttisch liegen, als Erinnerung. Irgendwann mutierte es eher zum Mahnmal, schließlich zum Möbel, das ich bequem ignorierte, um mein bisschen freie Zeit unterhaltsamer zu verbringen. Dort lag das Möbel ungelogen und unaufgeschlagen fast zwei Jahre.

Vor wenigen Wochen ging es mir dann doch auf den Keks, dass dieser Block neben meinem Wecker Platz beanspruchte, den ich sinnvoller nutzen wollte. Ich nahm Wallenstein also in die Hand und stellte zu meinem Vergnügen fest, dass ich nur noch schmale 150 Seiten zu lesen hatte (von knapp 1.000 eng bedruckten Seiten, der Rest sind für meine Zwecke uninteressante Anmerkungen). Diese positive Überraschung spornte mich an. Ich nahm den Ziegel also in Hand, quälte und ärgerte mich weiter über diesen geschraubten Schrott, der fraglos super recherchiert war. So super, wie ich vermute, dass Mann schließlich seine Gehirnfalten in die pathetische Hinrissigkeit gebogen hatte, dass er nicht mehr normal schreiben konnte und selbst noch die schlimmsten Wurstsätze seines Vaters toppt.

Und ja, ich habe es schließlich geschafft: Der Mist ist durch. Dem Professor könnte ich für diese „Empfehlung“ heute noch auf dem Flur ein Bein stellen. Zu unser beider Glück hatte er aber auch ein paar Empfehlungen auf Lager, die ich wesentlich gewinnbringender umsetzen konnte – daher verzichte ich mal auf diesen Gewaltausbruch.

Mal was anderes – Buch zu verschenken: Golo Manns Wallenstein. Eins a Liegeware, erst einmal gelesen. Abholung oder gegen Porto.

George Perec, Die Dinge

Perec, der Artist der Aufzählung, der Satzspieler, der Worte wie feinste Pinselstreiche punktgenau auch auf größten Leinwänden verteilt, dieser George also hat mit diesem Debüt seinen Durchbruch gefeiert. In den Dingen erzählt er vom jungen Paar Jerome und Sylvie, einem französischen Pärchen, das in den 60ern in Paris und der Provinz und Tunesien lebt. Im engeren Sinne bleibt das Paar furchtbar blass, im weiteren Sinne skizziert Perec es mit dem, was das Paar gern hätte, was es sich erträumt, wie es sich vorstellt, leben zu können, wenn es denn endlich richtig leben könnte und sich nicht mit Marktforschungsjobs und Quereinsteigerjobs und Agenturjobs doof über Wasser hielte, um eine kleine, eine viel zu kleine Bude in Paris zu finanzieren und später erst in die nordafrikanische und dann in die französische Provinz zu ziehen, als sie längst aufgegeben und sich endgültig selbst verkauft haben, also sozusagen zu Dingen geworden sind, die käuflich sind.

Perec hat es nicht nötig, solche Figuren schlecht zu machen. Er erzählt einfach. Er zählt auf und schildert und berichtet und fasst zusammen und erklärt und stellt dar. Und anhand dieser Striche zeichnet sich ein Bild ab, das so detailliert wie erschreckend ist, so zeitlos wie aktuell. Lesen.

Bewerbung ans Weiße Haus, Washington, D.C.

Sehr geehrter Mr. President!

Ich falle gleich mit der Tür ins Weiße Haus, denn ich kann nicht anders. Ich bin begeistert davon, mit welcher Leichtigkeit Sie es fertigbringen, diese lächerlich-oligarchische Scheindemokratie jenseits des Atlantiks nach und nach zu reinem Faschismus zu formen. Nichts anderes wird nämlich das, was Sie da fabrizieren.

Ich muss es wissen. Denn als Biodeutscher mit Ariernachweis bis ins 17. Jahrhundert (kann auf Wunsch nachgereicht werden) bin ich sozusagen von Natur aus Faschismusexperte. Als Beleg können Sie jeden Hollywoodfilm der letzten 70 Jahre heranziehen, bei dem auch nur einer deutscher Schauspieler mitgetan hat. Zudem wird mir nachgesagt, dass ich schon als Kind ein kleiner Tyrann sein konnte.

Mr. President, ich bin schlicht fasziniert, wie Sie immer stärker der Presse aufs Dach geben! Wie Sie sich nach und nach von möglichen Wadenbeißern befreien! Ja ich bin dermaßen erfreut, dass ich mich bei Ihnen als persönlicher Faschismusbeauftragter bewerben möchte.

Ich hab auch schon ein paar Ideen ausgearbeitet, die Ihnen fraglos schmeicheln werden. So habe ich per Google Earth ein paar interessante Flecken an den sonnenreichsten Stellen Nevadas ausfindig gemacht, wo man die prominentesten Vertreter der sogenannten Demokratischen Partei konzentriert campen lassen könnte – natürlich lediglich zu deren eigenen Schutz! Auch könnte ich mir vorstellen, Bernie Sanders zu einem Grillabend ins Kapitol einzuladen – man müsste natürlich „aufpassen“, dass bei dieser Gelegenheit das Gebäude nicht durch Funkenflug abfackelt.

Gern möchte ich Ihnen diese und weitere tolle Vorschläge ausführlich in einer Präsentation im Oval Office vorstellen. Ich würde mich daher sehr über eine Einladung zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch freuen. Dann könnte ich auch endlich einmal live erleben, wie Sie beim Sprechen Ihre sexy Lippen vorstülpen! Es erinnert mich stets an das erotische Kieselnuckeln gründelnder Karpfen – wie jeder weiß, ein besonders potenter und aphrodisierender Fisch!*

In diesem Sinne

DocTotte

* Wenn auch mit sehr kleinen Flossen.

John Williams, Augustus

Bis ich dieses Buch geschenkt bekam, war Williams mir ehrlich gesagt unbekannt. Offenbar eine Lücke, die ich in den kommenden Jahren mal schließen sollte, um Stoner und Butcher’s Crossing von ihm zu lesen.

Denn was er hier im Augustus präsentiert – eine kluge Zusammenstellung, schön erzählt und trotz aller Zeitsprünge sauber miteinander verzahnt –, macht wirklich Lust auf mehr Williams.

Da stört es nicht, dass er mit Mitteln des Brief- und Tagebuchromans leicht anachronistisch aus einer so anderen, aber doch so ähnlichen Epoche erzählt. Gleichzeitig stellt er mit der Antike um die Zeitenwende kundig ein Panorama einer Zeit und einer Region vor, die unsere Zivilisation bis heute so sehr prägen.

Ich möchte aber auch nicht verschweigen, dass die zweite Hälfte dramaturgisch ein wenig schwächelt – wenn nämlich der erste Kaiser rückblickend merkt, was er alles nicht vermochte.

Meine Empfehlung für den intelligenten Leser, nicht nur für Menschen, die sich für die Antike interessieren!

Hugo Pratt, Corto Maltese. Die geheimnisvolle Lagune

Pratt, der sein Venedig wohl sehr schätzte, gelangt mit Kapitän Corto Maltese in diesem Band über zwei Umwege in die berühmte Lagunenstadt Venetiens. Hier gerät er schließlich in die Wirren des Ersten Weltkriegs, wo Maltese zwischen den Frontlinien ein Husarenstück abliefert. Dabei zog ihn eigentlich nur die Suche nach einem Goldschatz dorthin.

Ein interessantes Puzzlestück im Maltesiversum, für sich genommen aber an einigen Stellen etwas flüchtig.

Two-night Tom

Tom war nicht der Mann für einen One-Night-Stand.
Er spielte Schlagzeug dann und wann in einer kleinen Band.

Nach dollen Gigs nahm er dann oft Groupies schamlos in sein Loft.

Am Schlagzeug brauchte er zwei Sticks.
Einer nur reicht für die Ficks.

Er verwöhnt die Damen stets zwei volle Nächte, verspritzt den Samen aus dem Gemächte nicht zu knapp, weshalb man ihn – sei’s in Brüssel, sei’s in Wien – nur Two-Night Tom benannte.
Wozu er sich auch gern bekannte, der Trommler, der schon bald in deiner Stadt die Felle knallt.

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