Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Virginie Despentes, Vernon Subutex (1)

Ich hasse ja Hypes. Ich kann es nicht anders sagen. Aber manche Hypes haben Hand und Fuß. Der Despentes-Hype ist zurzeit so ein Hand-und-Fuß-Hype.

Während die Bücher der Französin in Frankreich für viel Wind sorgen, rollt in Deutschland von ihrer Trilogie bisher nur der erste Band den Markt auf.* Und ich muss sagen, sie rollt ihn zu Recht auf.

Im ersten Band präsentiert sie ein spannendes Spektrum der aktuellen französischen und im Prinzip kontinentaleuropäischen Gesellschaft. Die Hauptfigur ist Vernon, ein ehemaliger Schallplattenverkäufer, der mit seinem Geschäft leider nicht bis zum wiedererstandenen Plattenrevival durchgehalten hat. Er wird nach dem eigenen wirtschaftlichen Scheitern auf die Straße gesetzt und stratzt fortan durch Paris, zunächst von Freundinnen zu Freunden. Nach und nach sinkt er Stufe für Stufe in der gesellschaftlichen Hierarchie und landet schließlich auf der Straße. Aufgrund seines Marschs durch die Gesellschaft wirkt Vernon wie ein moderner Simplicissimus. Obwohl er eigentlich noch selbst handelt, obwohl er von Helfer zu Helfer tingelt, verweigert er sich lange der EInsicht, dass es von allein nicht aufwärts gehen kann. Diese Passivität durchbricht er maximal mit der Nutzung von Social Media und auch nur, solange er Möglichkeiten hat, bei Freunden, in der Bibliothek oder anderen Plätzen ins Internet zu gehen. Als ihm auch diese Möglichkeit genommen wird, ist er komplett aus der Gesellschaft ausgeschlossen.

Dabei sitzt Vernon gleichzeitig eigentlich auf einem Schatz, ohne das ihm das bewusst ist. Aus seiner früheren Clique hatte es einer seiner Freunde geschafft und konnte Superstar werden: Alex Bleach. (Die Namensanleihe an Nirvanas erstes lahmes Album ist bei Albumfachfrau Despentes sicher kein Zufall.) Obwohl Vernon kaum rechten Kontakt zu ihm hatte, finanzierte Bleach die letzten Jahre sporadisch Vernons Leben – bis er schließlich starb. Zuletzt hatte er Vernon ein paar Bänder hinterlassen, auf denen der Künstler sich selbst interviewt hatte. Vernon besitzt die Bänder, hat sie aber bei einer seiner Stationen als Pfand zurückgelassen. Als über einen seiner Freunde bekannt wird, dass solche Bänder existieren, beginnt im großen Business eine Jagd darauf – ohne dass der Inhaber auch nur einen blassen Schimmer davon hat.

Aus dieser eingedampft vielleicht platt klingenden Geschichte zaubert Despentes nun ein absolut kenntnisreiches Wissen über die Generation, die in den späten 80ern und 90ern aufgewachsen ist und in den letzten Jahrzehnten mit ihren Träumen auf die Nase fiel. Sie zeigt uns ein Paris zwischen Elend, Faschisten, Ausländern und (Pseudo-)Eliten, nach deren Meinung die Elenden ausschließlich selbst schuld am Scheitern tragen. Die Sprache, derer Despentes sich bedient, zieht enorm. Sie ist schnell, farbenreich, wo nötig, auch vulgär, insgesamt stark und durchweg ziehend. Ihr reichen nur wenige Striche bei einer Personenbeschreibung und man versteht sofort, welcher Typ Mensch da vor einem steht, ohne dass sie dabei in Klischees oder pauschalen Kategorisierungen versinkt.

Bisher ist in Deutschland leider nur der erste Band erhältlich, aber wenn Anfang des Jahres Band 2 erscheint, gehöre ich definitiv zu den Menschen, die ihn lesen wird.

* Ja, ich weiß, dass schon früher Bücher von ihr erschienen sind, auch auf Deutsch.

Georges Perec, Die dunkle Kammer. 124 Träume

Träume sind, das wussten schon die frühesten Psychoanalytiker, aber auch Ureinwohner verschiedenster Kontinente, ein spannendes Feld des Menschen. Manche Religionen gehen sogar davon aus, dass Träume die eigentliche Realität sind. Der Blick in individuelle Träume einzelner Menschen kann aber immer auch zwiespältig sein: Einerseits bieten sie Einblicke in fremde Welten, andererseits kann es aber auch schnell ermüdend sein, in diese einzutauchen.

Ich selbst hatte vor über zwanzig Jahren bisweilen einzelne Träume niedergeschrieben. Eine liebe Freundin, die meine Texte sehr schätzte, mokierte sich ausrechnet über diese Traumtexte. Das, was einem aus dem eigenen Unbewussten selbst beeindruckend erscheint, sprach sie inhaltlich kaum an.

Damals wusste ich nicht, dass Georges Perec von 1968 bis 1972 Träume gezielt gesammelt und niedergeschrieben hat.* Diese Träume sind nun erstmals auf Deutsch erschienen. Auch wenn ich die Kritik der genannten Freundin teilweise zustimmen möchte, war es dennoch hocherfreulich, diese Zusammenstellung zu lesen.

So fand ich es bemerkenswert, beschreibende Mechanismen zu erkennen, die diese seltsame Subjektivität des Träumenden ausmachen. Bei allem Unsinn, den man sich zusammenträumt, ist es doch bei vielen Elementen so, dass sie im Traum ganz selbstverständlich und „eigentlich“ bekannt sind. Auch werden Sprünge in Zeit, Raum und bei Personen als ganz normal hingenommen, während man sich über andere Teile schon im Traum sehr wundert.

Alles in allem fand ich Perecs Träume wirklich hochinteressant, räume aber ein, dass sie sicherlich nur etwas für eingefleischte Perecianer sind und kaum als Einstiegslektüre taugen.

Lediglich einen Kritikpunkt möchte ich anbringen: Wenn ein Verlag wie der Diaphanes-Verlag so ein ehrenhaftes Projekt in Angriff nimmt und optisch ein wirklich hübsches Büchlein zaubert, wundert doch die sprachliche Qualität. Das Buch ist ein weiteres Beispiel (und die häufen sich in letzter Zeit wirklich auffallend!!!) dafür, dass Geld für Lektoren eingespart wird und/oder Übersetzer ihre Muttersprache nicht beherrschen. Ich sage nur „Extase“ (es juckt mich wenig, wie es im Französischen geschrieben wird, lieber Übersetzer Jürgen Ritte).

* Genau genommen kannte ich Perec damals noch nicht einmal.

Ismail Kadare, Die Dämmerung der Steppengötter

Der albanische Autor Kadare schildert in diesem Roman die Zeit, die er als Student in den späten 50ern in Moskau verbrachte. Eine Zeit, die dort geprägt war einerseits aus der Abkehr von Stalin und neuen Aufbrüchen unter Chruschtschow. Dabei war es auch dann noch für Autoren schwierig, auf dem richtigen Grat zu balancieren. Kadare schildert diesen Part am Beispiel Pasternak und der Hexenjagd auf ihn nach dem Nobelpreis. Aber auch Grossman litt in dieser wechselhaften Zeit und konnte sein Hauptwerk Leben und Schicksal nicht publizieren.

Die Dämmerung ist spannend zu lesen. Sie kombiniert den Blick von außen mit Mythen vom Balken, wildem Studenten- und Künstlerleben (das allerdings eher blass, wie durch eine Milchglasscheibe geschildert) und der ein oder anderen Kleinromanze vor der Leinwand politischer Querelen und Spitzeleien.

Und nicht zu vergessen: Kadare weiß zu formulieren und der Übersetzer Joachim Röhm weiß gelungen zu übertragen.

Frank Schulz, Onno Viets und der weiße Hirsch

Schulz, vermutlich einer der, wenn nicht sogar der wortgewaltigste aktuell lebende und schreibende deutschsprachige Schriftsteller hat mit dem weißen Hirschen den dritten Band seiner Viets-Reihe vorgelegt. (Anmerkung: Korrekt, Teil 2 habe ich noch nicht gelesen.)

Neben einer kleinen Kriminalgeschichte, deren Auflösung ich im Abgang ehrlich gesagt etwas platt fand, stellt er hier ein Gemälde niedersächsischen Dorftreibens dar, das sowohl in Nah- als auch in Fernsicht überzeugend bestehen kann.

Er präsentiert Jagdwesen vorurteilslos, greift zurück auf Themen wie Vertreibung, Umsiedlung, dem Finden einer neuen Heimat, Linksterrorismus, Traumata von Kriegskindern und posttraumatischen Belastungsstörungen aus der Jetztzeit. Alles ist geflochten in eine penibel & amüsiert aufgezeichnete Sprache mit viel Sinn für Witz in Satz und Wort.

Ich mag sowas. Ehrlich.

Robert Louis Stevenson, Der Strandräuber

Stevenson, Spross des bekannten schottischen Leuchtturmbauers, ist vor allem für Schatzinsel sowie Jekyll und Hyde bekannt. Dass er auch darüber hinaus andere gut erzählte Stile beherrschte, war mir bereits länger bekannt. Der Strandräuber, eine Verschmelzung aus Kriminal- und Künstlerroman, war mir dagegen bis vor kurzem unbekannt.

Nach der sehr befriedigenden Lektüre, während der ich Seiten & Kapitel wie schon lange nicht mehr verschlungen habe, bin ich mehr als froh, diese Lücke nun geschlossen zu haben.

Stevenson serviert ein detailliertes Panoptikum amerikanischer, schottischer und Pariser Schilderungen, die er gekonnt mit einer komplexen Mischung aus Südseeerlebnissen würzt.

Alles ist so lebendig, so farbenfroh geschildert, dass man den Hunger der Kunststudenten nahezu genauso spürt wie man den Salzgeruch der Meere schmeckt oder Möwen wie Eisenbahnen kreischen sowie Taue und Masten knarzen und ächzen hört. Zudem präsentiert er einen Krimi, der im Ergebnis kaum vorhersehbar ist und trotzdem auf einen Deus ex machina verzichtet.

So gelungen ich andere Werke Stevensons finde, so sehr sticht dieses Werkt noch einmal heraus, bei dem an auch den enormen Spaß mitlesen kann, den Stevenson bei der Abfassung gehabt haben muss.

Wirklich uneingeschränkte Leseempfehlung für sämtliche Fans von Abenteuer- und Kriminalromanen!

Blade Runner 2049

Die Jubelkritiken („Gilt schon jetzt als bestes Sequel aller Zeiten!“) und die uninspiriert erzählten Trailer hätten Warnung genug sein müssen, aber ich wollte nicht auf mein Bauchgefühl hören und wurde daher jetzt mit einer sterbenslangweiligen Schmierentragödie bestraft, die in ihrer selbstverliebten, aber blutleeren Effekthascherei absolut jedes Gefühl für Timing und erzählerischen Witz vermissen lässt und nichts, aber auch wirklich gar nichts verstanden hat von der kunstvollen Reduktion Dicks, die Scott im Jahr 1982, als er noch gute Filme gedreht hat, in eine sehr eigene Melancholie zu verwandeln wusste.

Fazit: einfach enttäuschend

Von Parteien und Plakaten

Werbung und Politik ist so eine Sache. Zahlreiche Werber, Agenturen und Zulieferer entscheiden sich bewusst dagegen, für Parteien und Politiker die Marketingmaschine anzuwerfen. Kein Wunder – der Stress brummt nach Vorhersage pünktlich vor Wahlen, langfristige Kundenbindung findet kaum statt, weil die Wahrscheinlichkeit, die Kundenerwartung nicht zu erfüllen, äußerst hoch ist.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit dem Chef der Agentur, die die Rösler-FDP im Bundestagswahlkampf beraten hatte. Vollmundig erklärte er vor der Wahl, er habe Rösler gleich im ersten Gespräch verordnet, Krawatte und Jackett abzulegen („Stehen Sie nicht da wie ein Liftboy!“). Kurz nachdem er mir das erzählt hat, blamierte sich seine Agentur damit, für die FDP dasselbe Videostockmaterial wie die NPD verwendet zu haben. Schließlich setzte die FDP (oder die Agentur – wie immer man das sehen möchte), die Wahl total in den Sand.

Auch bei der diesmaligen Bundestagswahl sind die Plakate spannender als die Programme. Durch die notwendige Konzentration auf Kürze verraten sie viel über Selbstverständnis oder Dämlichkeit derjenigen, die sie konzipiert und entworfen haben, aber auch derjenigen, die sie freigegeben haben. So ergeben sich interessante Einblicke, auch in die Denke der Parteivorstände.

Beispielsweise blähen die Grünen jedes mir aufgefallene Plakat mit witzlosen Binsenweisheiten und Belanglosigkeiten, die inhaltlich fast jeder unterschreiben kann. McDonald’s-Werbung, bekanntlich für die Masse gemacht, polarisert da stärker. In ihrer bräsigen Fantasielosigkeit unterschreiben die Grünen damit unfreiwillig den Slogan der PARTEI („Inhalte überwinden“). Die Quittung für diese Leere werden die Grünen höchstwahrscheinlich nächste Woche bekommen – und wenn sie Glück haben, werden ihre Spitzenkandidaten endlich die nötigen Konsequenzen ziehen.

Die FDP konnte im letzten NRW-Landeswahlkampf noch mit wirklich cleveren Fotos glänzen, über die ich hier gern geschrieben hätte, was mir aus Zeitgründen leider nicht gelang. Zum Bundestagswahlkampf übersteigern sie ihre 18/1-Plakate (für den Laien: Das sind diese großen Plakatwände) allerdings maßlos. Diese sind mit Überschriften versehen, die den Leser stolpern lassen sollen („Ungeduld ist auch eine Tugend“), letztlich aber leeres Blabla bleiben. Nichts über den Kandidaten, nichts über die Partei und nichts über die Politik, für die sie stehen sollen. Möglicherweise erklärende Worte finden sich zwar ebenfalls auf den Plakaten, aber in nahezu enzyklopädischer Länge und so winzig gedruckt, dass man sich schon eine Viertelstunde davor stellen müsste, um es lesen zu können. Das macht doch keiner! Oder freundlich gesagt: Zumindest aus werberischer Sicht eine Katastrophe.

Die Union warb in den ersten Wochen in meiner Region hauptsächlich mit ihrem Sloganmonster FeDidwgugl, für das sie schon bei der Vorstellung zu Recht Häme einstecken durfte, das aber erst durch die PARTEI auf die verdiente Spitze getrieben wurde. Neuerdings schwenkt die Union jedoch um auf merkelbestimmte Leere. Inhalte zu finden, ist auch hier unmöglich. Immerhin erfüllen die Plakate aber halbwegs das Prinzip des Auffallens, ohne zu viel Worte zu machen.

Anders die SPD. Zu Beginn plakatierte sie auf den 18/1 zwar echte Botschaften, die sogar in großen Lettern geschrieben waren. Aber die Botschaften waren oft so lang, dass selbst ein Schnellleser wie ich zwei-, dreimal an den Plakaten vorbeigekommen sein musste, um den Inhalt beiläufig erfassen zu können. Aktuell blamiert sich der gewesene Arbeiterverein in der Schlussphase durch neue Aspekte. Plötzlich beschränken sich die Plakate auf das Schulz-Ponem, verbunden mit dem Sprüchlein: „Es ist Zeit für Gerechtigkeit.“ Fraglos ein schöner, vermutlich auch richtiger Spruch. Doof ist nur, dass die trübe Tasse von Gestalter die ersten drei Wörter überdimensional aufbläst, den Schluss dagegen schriftgrößentechnisch quasi zu einer Fußnote degradiert.
Man kennt die Methode aus anderen Zusammenhängen: Telekommunikationsunternehmen und die Automobilindustrie versprechen das Blaue vom Himmel in großen Lettern. Die unliebsamen, aber erforderlichen Nutzungsbedingungen bzw. CO2-Angaben der vertriebenen Fahrzeuge schrumpfen dagegen auf den Plakaten zu gedrucktem Fliegendreck.
Was also soll es dem Betrachter sagen, dass die SPD dem Wort Zeit so viel mehr Bedeutung schenkt als dem Wort Gerechtigkeit? Ich hab da so meine Theorie, möchte aber so kurz vor der Wahl niemanden beeinflussen. (Sehr kleiner Scherz.)

Überhaupt fällt auf, dass eigentlich nur die Parteien an den Rändern wie die Linke, die lange eine Agentur suchende AfD oder die MLPD in der Lage sind, griffige Überschriften und Botschaften zu plakatieren. Ich möchte einschränken, dass man deren Botschaften zum Glück nicht mögen muss, um ihnen werberische Aspekte zusprechen zu können. (Und die Sprüche der MLPD wirken zudem dermaßen selbstvergessen historisch daneben, dass sie fast schon wieder putzig klingen.) Diese Parteien haben, aus welchen Gründen auch immer, das Medium Plakat verstanden und setzen es aus werberischer Sicht so ein, dass es bestmöglich wirken kann.

Insgesamt bleibt es dennoch ein Trauerspiel. Die beste Lösung wäre wohl, den Parteien die Werbung gleich ganz zu verbieten. Das würde zugleich Geld sparen und die Umwelt schonen.

Michail Ossorgin, Eine Straße in Moskau

Ein hübscher Band aus der Anderen Bibliothek, ein Schmuck im Regal und ein Schmuck an geschilderter Beobachtung. Ossorgin erzählt ausgehend von Bewohnern einer Moskauer Straße, wie es ihnen und einigen Verwandten und Freunden in einer Zeit ergeht, die Moskau und Russland vollständig umkrempeln sollte.

Begonnen am Vorabend des ersten Weltkriegs trudeln die Figuren durch Krieg und Revolution. Dabei bedient Ossorgin sich eines Tricks, indem er vor allem im ersten Teil alles im Ausschnitt und leicht distanziert betrachtet.

Sehr deutlich für diese Erzählweise ist das Kapitel, in dem er von den Schilderungen eines Ameisenhaufens in einem schwindelerregenden Schwenk auf die zaristische Armee im Aufmarsch wechselt.

Diese oft verdichtete Sicht durchs Brennglas hat den Vorteil, zahllose Facetten des damaligen Lebens detailliert wiedergeben und doch ein Panorama schaffen zu können. Es hat aber zugleich den Nachteil, dass er praktisch zu keiner Figur eine echte Nähe herzustellen vermag. Alles bleibt Distanz, trotz der genauen und meistenteils sympathischen, fast nie aber lächerlich machenden Schilderungen.

Der zweite Teil des Romans beschäftigt sich mit der Zeit der Wirren direkt nach der Revolution. Mangelwirtschaft, Diebstahl, Hunger, erste Terrorwellen kennzeichnen diese Zeit. Sie liegt, und das drückt auch das Lesevergnügen nachhaltig, wie Blei auf den Seiten, denn jede Figur erleidet eigentlich nur noch Widrigkeiten, selbst die, denen es im System „eigentlich“ gut gehen sollte, führen genau genommen ein furchtbares Leben.

Im Ganzen auf jeden Fall ein empfehlenswertes Buch, wenn auch eher für einen kleinen literarisch interessierten Kreis.

Übrigens erinnerte Ossorgins mich vielfach an die Darstellung in Georges Perecs „Das Leben. Gebrauchsanweisung“, wobei Perec wesentlich mehr Sympathien zu den Figuren erzielen kann.

1 Trauerspiel in 4 kurzen Aufzügen mit (sehr) kurzem Singspiel

Ein Gang in die Stadt ist deprimierend. Destilliertes Wasser auf den Mühlen eines jeden Kulturpessimisten sozusagen. Über die vergangenen Jahre hinweg haben sich die lebendigsten und unterhaltsamsten Einkaufsstraßen in einen undurchschaubaren Komplex an Dauerramsch verwandelt. Ein unsäglicher Mix aus immergleichen Plastikketten, die „Café“ zu nennen der gute Geschmack streng verbietet. Dazu gesellen sich immer unappetitlicher aussehende und müffelnde Dönerbuden sowie Klamottenläden, aus deren Eingangsbereich schon der Gestank der krebserregenden Färbemittel strömt – da mag man nur weglaufen.

Teils ist das Publikum schuld, teils die Läden selbst. Auswahl findet man praktisch kaum noch. Gerade noch überlebende Buchläden schrumpfen ihre Klassikerabteilung mittlerweile auf ein daumennagelgroßes Regal, in dem dann feilgeboten wird: Orwells 1984, ein paar Werke Mark Twains sowie Jules Vernes und – Humor ist, wenn man trotzdem lacht – ein halber Meter Jean-Paul Sartre. Leute, wenn der Rest des Ladens nur noch aus Kalender- und Postkartenmüll sowie dem Abverkauf der Spiegelbestsellerliste besteht, braucht ihr euch auch nicht zu wundern, wenn die Leute, die überhaupt noch lesen, sich ihren Stoff woanders besorgen.

In der Stadt übrig geblieben sind größtenteils nur noch zweibeinige Ruinen, die durch die Gassen und Zeilen torkeln. Meist übergewichtig, auf jeden Fall aber überproportional rauchend – längst optischer Beleg für körperliche und geistige Verkommenheit. Da wird bewusst, an welcher Stelle Marx aus heutiger Sicht besonders Unrecht hatte. Der Prolet will gar kein besseres Leben nicht:

Der Prolet will schlicht
fressen & saufen,
ficken & kaufen.
Andres nämlich kennt er nicht.

Selbst Brecht hat heute Unrecht, denn nicht mal nach dem Fressen kommt Moral. Moral, die gibt es nicht. Weder in den Hütten noch in den Palästen. Und zu kaufen gibt es sie auch nicht mehr, weil sie als Produkt nämlich für die ganzen 1-Euro-Läden viel zu teuer wäre.

Karl-Ove Knausgård, Träumen

Es ist nun drei Jahre her, dass ich zum ersten Mal einen Knausgård gelesen und » hier besprochen habe. Obwohl ich damals mit gemischten Gefühlen aus der Lektüre gegangen bin, blieb ich weiter interessiert an seinem Experiment der ungeschönten Selbstdarstellung. Ich muss allerdings zugeben, dass ich den Band Träumen geschenkt bekommen habe und dass ich mir angesichts des Themas nicht sicher bin, ob ich ihn mir selbst gekauft hätte.

Im Band Träumen geht es um Knausgårds Zeit in Bergen, als er Schriftsteller wurde. Begonnen mit dem Einstieg in die Schreibakademie, gefolgt von etwas ungezieltem Herumstudieren bis zum Kennenlernen von – angeblich* – talentierteren befreundeten Autoren, die ihm später auf die eine oder andere Weise beim literarischen Durchbruch helfen. Der Band endet mit der verkürzten Darstellung der Beerdigung seines Vaters, nachdem er eine vierjährige Schreibblockade im Anschluss an sein Debüt überwunden hatte.

Knausgård schildert wieder sehr schonungslos, was er in der Zeit gemacht hat. Gesoffen. Freundinnen betrogen. Im Suff fast seinen Bruder geblendet. Er nennt sich selbst wiederholt einen schlechten Menschen und präsentiert sich tatsächlich als jemand, den man in seinen Handlungen gemeinhin Arschloch nennen würde. Gleichzeitig kommen seine Freundinnen, Freunde und Verwandte weitgehend gut weg. Als Leser fragt man sich unwillkürlich, wie diese Menschen es über Jahre freiwillig mit ihm ausgehalten haben. Ich glaube, die einzige Person, die neben ihm schlecht wegkommt, ist sein Vater. Und genau genommen kommen beide aus demselben Grund schlecht weg: Knausgård benimmt sich wie ein asoziales Schwein, wenn er betrunken ist. Und er trinkt oft und viel. Obwohl er mehrfach schildert, dass sein Umfeld ihm empfiehlt, mit dem Trinken aufzuhören, tut er es nicht. Sein Vater ging schließlich einen Schritt weiter, indem er sich – wie Knausgård es darstellt – praktisch totgesoffen hat.

Es gibt ja die Banalität, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Das gilt hier besonders. Denn einerseits liest sich das Buch wieder wie ein Strudel. Man mag nicht aufhören zu lesen. Andererseits ist gerade der erste Teil auffallend mau und umständlich geschrieben. Ich bin mir noch nicht ganz im Klaren darüber, ob er mit diesem Anfang unterstreichen möchte, wie schlecht er in der geschilderten Zeit als beginnender Autor noch geschrieben hat. Jedenfalls sind die Sätze gerade dort äußerst verschachtelt, wurstig oder oft schlicht hirnrissig konstruiert. Während er die Zeit im Schreibkurs schildert, verwendet er zudem auffallend viele Klischees – für die er während des Kurses ausdrücklich wiederholt gerügt wird (eine etwas plumpe Koinzidenz, die man deutlich eleganter hätte lösen können).

Etwas merkwürdig finde ich, dass er gleich auf den ersten Seiten erklärt, er habe alle Tagebücher und ähnliche Unterlagen aus der Zeit vernichtet. Trotzdem ist er in der Lage, ausführlichst bis ins letzte Detail auch die schlimmsten Suffnächte darzustellen. Inwieweit er an solchen Stellen wirklich die Tatsachen schildert,  sei einmal dahingestellt.

Richtig böse muss ich aber erneut wegen Übersetzung und Lektorat sein: Sämtliche Fehler und Hirnrissigkeiten, die ich schon in der Rezension von Sterben kritisierte, werden auch in diesem Band gemacht. Mit einem Unterschied: Die Ahnungslosigkeit, wie O oder Oh eingesetzt wird, ist beim Übertragungsteam offenbar so groß, dass sie es zwischendurch sogar richtig machen – vermutlich aus Versehen.

Sei es, wie es sei. Ich weiß jetzt schon, dass ich sicher noch mehr aus dieser Reihe lesen werde. Ich bezweifle aber, dass ich noch außerhalb dieser Reihe etwas von Knausgård lesen möchte. Denn so dolle schreibt er (in der deutschen Übersetzung) ehrlich gesagt dann doch nicht.

* Ehrlich gesagt kenne ich keinen einzigen davon und kann daher deren Talent nicht beurteilen.

Seite 1 von 88

Läuft mit WordPress & Theme erstellt von Anders Norén