Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

James Baldwin, Von dieser Welt

Es gibt gehypte Bücher, die sind gut. Und es gibt gehypte Bücher, die nur für einen bestimmten Leserkreis geeignet sind. Baldwins Welt ist definitiv nicht für mich geeignet.

Von Anfang an nervte mich dieses dauernde Mittelmaß: Die Figuren waren nicht uninteressant, aber absolut auch nicht interessant. Die Schreibe war nicht schlecht, aber absolut auch nicht gut. Die Erzählweise war größtenteils nicht überragend, an einzelnen Stellen aber richtig nervig.

Zum Beispiel wenn zwischen Figuren, über die gerade erzählt wird, dermaßen hin- und hergesprungen wird, dass man nicht mehr weiß, wer was sagt und wer wessen Vater ist oder nicht. Wenn ich so einen Absatz zwei-, dreimal lesen muss, ohne nachvollziehen zu können, was der Erzähler mir mitteilen möchte, fühle ich mich gelinde gesagt verarscht.

Und wenn das Buch schließlich mehr und mehr den Stil einer Predigt annimmt, bin ich schlicht nicht das Publikum.

Virginie Despentes, Vernon Subutex (3)

Was hatte ich auf das Erscheinen des dritten Bandes gewartet! Schon der erste Band hatte mich ziemlich angefixt, Band zwei kam mir dann zwar bereits schwächer vor, hielt aber eine gewisse Spannung fürs Erscheinen des Abschlusses. Das galt umso mehr, als breit angekündigt war, Despentes würde in diesem Band auch die Anschläge in Paris zum Thema machen.

Und dann das. Die Geschichte ist so mau-flau, dass ich zwar gut von Kapitel zu Kapitel kam, mich aber ständig gefragt hatte, was da kommen soll. Inhaltlich jedenfalls nicht viel. Denn die eigentliche abschließende Subutex-Geschichte wäre problemlos und ohne ästhetischen Verlust in einem Absatz erzählbar.

Blieb also noch das, was mich zusätzlich interessiert hatte. Doch auch hier: Bei der ersten Erwähnung, die so indirekt und schon im Nachklapp stattfand, wunderte ich mich über die Perspektive (die Sorge von Frauen, abends in Paris auf hohen Hacken rauszugehen, weil sie vielleicht schnell rennen müssten). Dann kam lange erst mal gar nichts. Und schließlich die ein oder andere Anspielung auf Paris, Berlin und anderes. Aber praktisch nie viel mehr als ein Sätzlein.

Mit einigermaßen guten Willen kann man dann ein zum Ende hin gesetztes Ereignis so verstehen, dass Despentes hier dem Thema gerecht werden wollte. Aber um ehrlich zu sein, finde ich auch das gescheitert.

Kurz: Das äußerst lahme Fazit aus Band drei hat mir insgesamt die Lektüre der Trilogie etwas versaut. Danach möchte ich die Trilogie ehrlich gesagt nicht mehr empfehlen.

Stephen Crane, Das offene Boot und andere Erzählungen

Als ich die schön gestalteten mare-Bändchen im letzten Jahr zum ersten Mal entdeckt hatte, hatte ich mich sehr gefreut. Als jemand, der gern Geschichten rund um die Seefahrt konsumiert, war es ein interessantes Konzept für mich. Als Leser, der gern Neues entdeckt, erst recht.

Auf diese Weise bin ich an Crane geraten. Klappentext und Nachwort klingen sehr verheißungsvoll und berichten von einem Frühvollendeten, der u.a. Hemingway Wegweiser gewesen sei. Was, so dachte ich, will ich da mehr? Und freute mich schon im Voraus sehr auf die Lektüre.

Leider, und da will ich gar nicht lange um den Brei herumreden, umsonst.

Wenn man etwas in Übersetzung liest, weiß man freilich nicht immer ganz genau, wie es im Original lautet. In vorliegenden Fall kann man aber ausschließen, dass der Übersetzer der Übeltäter ist.

Crane hatte zwar in der Tat vor allem mit einem Schiffbruch in der Karibik und dem Versuch, in einem kleinen Boot zu überleben, einiges erlebt. Dieses Erleben hat er sogar mindestens zweimal ausführlich geschildert. Aber dieses Erleben allein macht noch keinen guten Autor. Sein Stil ist ein seltsamer Mix aus dümmlichen Wiederholungen, wirklich nervigen Übertreibungen (und anders als die Beatniks und Gonzo-Autoren Jahrzehnte später vergisst Crane das zugehörige Augenzwinkern) und dümmlichen Wiederholungen. Die dümmlichen Wiederholungen sollte man übrigens nicht oft genug ansprechen.

Kurz: Crane war eine ziemliche Enttäuschung und somit ein echter Fehlkauf.

Michael Bordt, Die Kunst sich selbst auszuhalten. Ein Weg zur inneren Freiheit

Man mag über die Jesuiten denken, was man möchte (und ich finde ihren Ordensansatz mit absolutem Gehorsam bis hin zur Lüge gelinde gesagt: kritisch). Mit diesem kleinen Büchlein hat Michael Bordt aber einen interessanten Ansatz geliefert.

Er scheint mir vergleichbar mit der Idee Eckhart Tolles, die ich persönlich im Alltag leider nicht umsetzbar fand. Tolle empfiehlt, sich die ganze Zeit selbst zu beobachten, räumt gleichwohl ein, dass das nicht einfach ist.

Bordt verkürzt diesen Schritt, indem er empfiehlt, diese Beobachtung auf die Zeiten zu beschränken, in denen man von extremen Gefühlen angetrieben wird. Hier könne man sich dann gezielt fragen, was das überhaupt für Gefühle sind, woher sie kommen und warum man sie (jetzt) hat. Auch das ist nicht immer einfach, aber deutlich einfacher als die dauernde Selbstbeobachtung.

Wie dauerhaft hilfreich Bordts Ansatz dabei ist, mit sich selbst zufriedener zu werden und andere so zu lassen, wie sie sind, steht allerdings noch auf dem Prüfstein.

The Death of Stalin

Es wirkt, als hätte das Team um Armando Iannucci sich nicht so recht entscheiden können zwischen einer klassischen Komödie und einer Darstellung des Schreckens, der am Hofe des Stählernen herrschte, woran letztlich Szene um Szene krankt, weil das Lachen meist schon stecken bleibt, bevor es auch nur den Hals erreichen kann, und weder Michael Palin als Molotow noch Steve Buscemi als Chruschtschow den Film zu retten vermögen.

Fazit: ein Film über die Angst, einen falschen Schritt zu machen

The Party

Als grandios angepriesen war dieses Stück Kammerspiellein für die Leinwand, das – zu meiner Überraschung – eigentlich nur so gerade lebt vom Spiel Timothy Spalls und Cillian Murphys, während die Damen praktisch nur die Kulisse füllen und Bruno Ganz wie üblich kaum über eine Rolle als irrelevanter Bühnennarr hinaus fungiert.

Fazit: gute Stellen, insgesamt aber doch enttäuschend

The Duel (2016)

Man kombiniere die flauesten Ideen aus Apocalypse Now! und Gangs of New York, werfe Woody Harrelson hinein, rühre um, kegle alles in einer spärlichen Westernkulisse aus und fertig ist ein Streifen, der so gerade nicht mehr als müde bezeichnet werden kann – da helfen auch keine aktuellen politischen Anspielungen.

Fazit: Hmnunja…

Hanns Dieter Hüsch, Der Fall Hagenbuch

Der Umzug neulich hatte verschiedene Vorzüge. Unter anderem den, dass ich viel unterwegs war, um Sachen zu besorgen, herumzufahren oder sonstwie mobil zu sein. Dabei hörte ich viel Radio, an einem Abend lief dazu eine wunderbare Aufzeichnung von Hanns Dieter Hüsch, der ein Theaterstück vorlas, in dem ein Hagenbuch Shakespeare gab (oder zumindest Teile davon).

Hüsch war mir natürlich weder neu noch überraschend, Hagenbuch dagegen kam mir zum ersten Mal in die Gehörgänge. Und ich amüsierte mich so köstlich, dass ich nach der Ankunft im Wagen sitzen blieb, um die Aufzeichnung zu Ende zu hören.

Es war ein permanentes Wiederholen und scheinbar unsinniges Hin und Her, das aber so vorzüglich und vor allem dermaßen amüsant von Hüsch vorgetragen, dass ich zu Hause augenblicklich nach dem Buch suchte und ein gebrauchtes Hagenbuch-Exemplar bei Booklooker bestellte. Alas! Natürlich wählte ich ein Buch aus, in dem AUSGERECHNET dieser Text nicht vorkam, in dem Hagenbuch zu Rosenohr von Tisch zu Bett und in oder aus dem Schrank jedenfalls Hagenbuch zu Rosenohr Auf Wiedersehn! rief, wir sehn uns wieder beim Walzertakt im Totenhemdn und nich das Hemd für uns zu knapp Ade und ab Rosenohr wiederum kam sogar überhaupt nicht in meinem erstandenen Buch vor, dagegen vielerlei Amüsantes.

Lesetipp für den vielleicht nicht ganz so gewöhnlichen Geschmack!

Hugh Aldersey-Williams, Flut. Das wilde Leben der Gezeiten

Aldersey-Williams präsentiert hier ein sehr interessantes Werk. Aufgewachsen in Norfolk und von Kindheit an mit der Seefahrt vertraut wollte er sich eines Tages den Gezeiten widmen und was dahinter steckt. Herausgekommen ist eine kluge Sammlung von, ja ich würde es so bezeichnen: Essays rund um das Thema auflaufendes Wasser, ablaufendes Wasser, Hochwasser, Niedrigwasser, Springtide, Nipptide etc.

Verquickt sind die Beschreibungen der Phänomene mit historischen und naturwissenschaftlichen Erzählungen und Beschreibungen. Teils launig-amüsant, teils nüchtern-informativ. Auf jeden Fall sind sie über alle Seiten hinweg interessant und lesenswert, sofern man sich ansatzweise mit der See oder der Seefahrt befasst.

Ja, man hört es sicherlich schon heraus: Das Buch hat mir durchaus gefallen, obwohl ich einräume, dass es über den nautischen Aspekt hinaus nicht als herausragend betrachtet werden kann.

Ich, Daniel Blake

Loach, der wohl letzte aufrichtige Marxist, vor dem man sich zu Recht verbeugen kann, stellt hier den bitteren Kampf des kleinen Mannes mit Gerechtigkeitssinn gegen einen Bürokratenstaat dar, der bei aller Realitätswerdung Orwell nur wenig nachsteht.

Fazit: ein wichtiges Stück Zeitgeschichte

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