Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Hugh Aldersey-Williams, Flut. Das wilde Leben der Gezeiten

Aldersey-Williams präsentiert hier ein sehr interessantes Werk. Aufgewachsen in Norfolk und von Kindheit an mit der Seefahrt vertraut wollte er sich eines Tages den Gezeiten widmen und was dahinter steckt. Herausgekommen ist eine kluge Sammlung von, ja ich würde es so bezeichnen: Essays rund um das Thema auflaufendes Wasser, ablaufendes Wasser, Hochwasser, Niedrigwasser, Springtide, Nipptide etc.

Verquickt sind die Beschreibungen der Phänomene mit historischen und naturwissenschaftlichen Erzählungen und Beschreibungen. Teils launig-amüsant, teils nüchtern-informativ. Auf jeden Fall sind sie über alle Seiten hinweg interessant und lesenswert, sofern man sich ansatzweise mit der See oder der Seefahrt befasst.

Ja, man hört es sicherlich schon heraus: Das Buch hat mir durchaus gefallen, obwohl ich einräume, dass es über den nautischen Aspekt hinaus nicht als herausragend betrachtet werden kann.

Ich, Daniel Blake

Loach, der wohl letzte aufrichtige Marxist, vor dem man sich zu Recht verbeugen kann, stellt hier den bitteren Kampf des kleinen Mannes mit Gerechtigkeitssinn gegen einen Bürokratenstaat dar, der bei aller Realitätswerdung Orwell nur wenig nachsteht.

Fazit: ein wichtiges Stück Zeitgeschichte

Sensation DocTotte

Die Tage war ich zur Mittagspause bei einem Bäcker nahe meinem Büro. Ich hatte ein nettes Buch dabei (darüber demnächst mehr), holte mir eine Art Sandwich, setzte mich an einen Tisch, auf den die Sonne schien, und las.

Nach vielleicht einer Viertelstunde – ich war etwas im Text versunken – merkte ich, wie am Nachbartisch ein Herr mit silbergrauen Haaren und einem gepflegten kurzen Bart aufstand. Während er sich seinen Schal um den Hals legte, sprach er mich plötzlich an und meinte: „Entschuldigen Sie, aber das muss ich Ihnen jetzt sagen.“

Ich schaute etwas sprachlos auf, weil ich nicht ahnte, was mich erwartete.

„Sie sind eine echte Sensation“, sagte er, „wie Sie hier mitten am helllichten Tag ein Buch lesen.“ Heutzutage, so sprach er weiter, lese ja kaum jemand und wenn, dann maximal die Bildzeitung. Ich solle doch mal in Cafés und Lokalen darauf achten. Dann wiederholte er mit feinsinnigem Grinsen und leuchtenden Augen: „Sie sind wirklich eine Sensation.“

Ich blieb etwas baff, bedankte mich artig ehrlich. Er grinste, knöpfte sich den Mantel zu, ging hinaus, stieg auf sein Rad und fuhr davon.

The Square

Es ist zwar schon Monate her, dass ich den Film gesehen habe, aber irgendwie ist mir untergekommen, hier meinen Senf dazuzugeben, der zusammengefasst werden kann im Urteil „Thema verfehlt“, weil The Square meiner Meinung nach das Hingucken/Weggucken fehldarstellt.

Fazit: bei allem Unterhaltungswert deutlich überschätzt

Eckhart Tolle, Jetzt!

Wer mich kennt, wird es ahnen, wer nicht, wird es jetzt erfahren: Ich bin kein Leser von Selbsthilfe- und vergleichbaren Büchern. Dieses Werk hier, bei dem ich mir nicht mal sicher bin, ob man es dieser Kategorie so recht zuordnen kann, war mir aber so warm ans Herz gelegt worden, dass ich erst mit dem Audiobook begann und mir schließlich auch das gedruckte Buch besorgt.

Dieser Wechsel des Konsums ist durchaus spannend, denn ich fand Tolles Schreibe selbst oft recht aggressiv. Wenn man ihn selbst aber vorher hat lesen hören, weiß man, dass er sich eher wie ein Lämmchen äußert. So fällt die Lektüre also deutlich leichter.

Zum Inhalt selbst kann ich zusammenfassen: etliche gute und kluge Gedanken, allein mir fehlt der Ansporn, die Kraft oder die Fähigkeit, diese Gedanken auch nur ansatzweise im Alltag einzubringen. Wer es kann, dem gratuliere ich herzlich. Dass ich es nicht kann, ändert allerdings nichts an meiner Wertung des Buchs an sich (also die klugen Gedanken).

Django – Ein Leben für die Musik

Ein für den Django-Fan grundsätzlich interessanter Film, der sich allerdings zu wenig entscheiden kann, ob er einen widerständigen Helden oder einen Ausnahmemusiker vorstellen möchte, und daher nichts Halbes bleibt und nichts Ganzes wird.

Fazit: eher hörens- als sehenswert

John Williams, Stoner

Williams war für mich Anfang 2017 eine sehr erfrischende Entdeckung. Im Nachwort von Augustus war u.a. das Buch Stoner empfohlen worden. Mit kleiner Verzögerung hatte ich mir das Buch nun besorgt und recht zügig durchgelesen.
In diesem Werk, das (auch) autobiographische Züge enthält, schildert Williams das Leben eines Mannes, der aus einfachen Verhältnissen kommt und dem – von außen betrachtet – eine akademische Karriere gelingt, bis er in ein seltsames Intrigenspiel gerät. Ähnlich ergeht es ihm privat: Er heiratet eine Tochter aus gutem Hause, beide finden aber nie recht zusammen. Obwohl sie sogar eine Tochter bekommen, führen sie eine sehr unschöne Ehe, die zeitweise sogar in eine Affäre mündet.
Williams schreibt hier wunderbar. Ganz schlicht und unprätentiös. Die Erzählung wirkt teilweise unbeteiligt objektiv und erzeugt gerade durch diesen Trick eine tiefe Sympathie für den Helden.

Das Buch möchte ich uneingeschränkt empfehlen.

Wiglaf Droste, Nikolaus Heidelbach, Vincent Klink, Weihnachten

Ich muss ein durch und durch bösartiger Mensch sein. Warum sage ich das? Es ist ein Rückschluss von einer Aussage Christine Westermanns.

Zur Erklärung: Von einer lieben Freundin bekam ich zu Weihnachten das im Titel genannte Buch. Aus terminlichen Gründen fand die Übergabe kurz nach Weihnachten statt, daher verzögerte sich auch meine Lektüre. Bei der Geschenkübergabe teilte mir besagte Freundin nun mit, dass Frau Westermann das Buch beim Literarischen Quartett angepriesen hatte mit der Wertung, es sei ein richtig böses Buch.

Ob Frau Westermann das so gesagt hat, weiß ich zugegebenerweise nicht; ich traue dort der Aussage der Freundin. Aber dass ich das Buch für alles andere als böse halte, das weiß ich mit Gewissheit. Sicher, es ist gekonnt geschrieben, enthält eine Reihe von Weihnachtsrezepten (bei einigen kommt mir die Zubereitung etwas zu knapp vor, aber gut) und viele treffliche Zeichnungen. Aber böse? Hier ist keine einzige Zeile böse. Nicht mal im Ansatz. Das bedeutet, Frau Westermann ist entweder sanft und unschuldig wie ein Lamm – oder ich bin der böse Zwilling Satans.

Loving Vincent

Die formidable Idee, aus van Goghs Bildern einen „Zeichentrick“ zu erstellen, der über das Ende des Malers Auskunft geben soll, ist zwar technisch grandios umgesetzt, fällt erzählerisch aber leider etwas flau aus.

Fazit: ein Film, der ein neues Verständnis für Tiefe und Bewegung in van Goghs Werk erzeugt

Jonas Lüscher, Kraft

Kraft war für mich in mehrerlei Hinsicht ein überraschendes Werk. Eigentlich hatte ich es wegen seiner erwarteten Kürze vorgezogen. Die ersten Seiten waren da fast unangenehm: zurzeit ungewohnt sperrige Sätze, eng verbaut, streng verschachtelt – daran erkannte ich vieles, wie ich selbst früher formulierte.

Nach ein paar Seiten hatte ich mich eingelesen, wunderte mich nur selten über das ein oder andere Komma, das irgendwo zu viel oder zu wenig war (der Nachteil bei solchen Sätzen: Sie verleiten zur Unüberschaubarkeit auch beim Autor).

Im Großen und Ganzen aber kam ich stilistisch sehr schnell sehr gut klar. In all diese Schachteln ist zudem eine wirklich interessante, bisweilen amüsante, immer aber unterhaltsame Geschichte um einen etwas unangepassten Professor, seine Familie und Geschichte gelegt, die im Wortsinne bis zur letzten Seite spannend blieb.

Kurz: für jeden Leser empfehlenswert, der Lust auf eine erfrischende Geschichte hat und keine Furcht vor sperrigen Sätzen.

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