Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: Literatur Seite 3 von 35

Haruki, Murakami, Kafka am Strand

Es gab keinen bestimmten Grund, warum dieses Buch die Lesereihenfolge des Buchpakets abschloss. Ich fürchte aber, es war gut so. Denn von allem, das ich von Murakami kenne, fand ich es bisher am schwächsten.

Sicher, es hat auch sehr viele schöne Beobachtungen, enthält zahlreiche kluge Gedanken, die es wert waren, gedacht, niedergeschrieben und gelesen zu werden. Aber eben diese guten Gedanken hätten problemlos auf die zu zahlreichen Szenen verzichten können, die sich aus den schwülstigen Pseudosehnsüchten eines pubertierenden Jungen speisen.

Ja, es war vielfach ermüdend, diesen klebrigen Schilderungen zu folgen. Sie pusten die Geschichte unnötig auf, die sich ansonsten aus allerlei Ausflügen in Historie, Märchen und – ja, man fast schon sagen – üblichen Murakami-Traumwelten zusammensetzt.

Mehrfach fragte ich mich während der Lektüre, ob Murakami das Buch mit derselben Technik geschrieben hat wie Dick sein Orakel vom Berg. Letzteres ist bekanntlich entstanden, indem Dick die Entscheidungen der Figuren seinem I-Ging überließ. Das merkt man dem fahrigen und an den meisten Stellen offenen Buch auch an, weshalb ich Dicks Experiment zwar interessant finde, aber für gnadenlos gescheitert halte.

Darauf lässt sich übrigens auch Kafka am Strand herunterbrechen: sehr interessant, aber irgendwie gescheitert.

DocTotte liest: Das Spukschiff (Sigurd Mathiesen), Teil 3

DocTotte liest: Das Spukschiff (Sigurd Mathiesen), Teil 2

DocTotte liest: Das Spukschiff (Sigurd Mathiesen), Teil 1

Haruki Murakami, Von Männern, die keine Frauen haben

Vorrede

Man mag sich wundern, aber die aktuelle Murakami-Phase hat Gründe: Ein Murakami-Care-Paket erreichte mich von einer lieben Freundin. Dass es länger ungelesen lag, hatte leider auch Gründe. Genau wie es jetzt Gründe gibt, endlich Muße für die Lektüre zu finden.

Butter bei die Fische

Von Männern, die keine Frauen haben ist eine Sammlung von sieben in sich abgeschlossenen Erzählungen. Rein inhaltlich vereint sie nichts, dafür eint sie die Qualität Murakamis – und natürlich der eponyme rote Faden, dass es also um Männer geht, die keine Frau (mehr) haben. Dabei führen verschiedenste Wege zu diesem, ich sage mal, Ergebnis.

Seien es Männer, die keine Frauen mehr haben, seien es Männer, die noch nie eine Frau hatten. So verschieden die Wege sein mögen, allen fehlt etwas, sie sind ohne ihren Westwind. Murakami löst dieses Thema aber bei jeder Geschichte individuell und bei einigen sogar höchst einfallsreich. So amüsiert mich z.B. Murakamis Kniff, Kafkas Verwandlung zurückzuspiegeln (Samsa erwacht bei Murakami plötzlich vollkommen orientierungslos in seinem Menschenkörper in der leeren Wohnung der Samsas und versucht, sich in dieser Rolle zurechtzufinden.)

Insgesamt ein kurzweiliger Spaß mit etlichen Beobachtungen und Einfällen.

Micky Remann, Somnamboulevard

Bisweilen erhält man Besuch von ganz besonderen Überaschungen. Eine solche war dieser vorbildliche „Raubdruck“, in dem die Somnamboulevard-Kolumnen Micky Remanns versammelt sind, die von November 1991 bis September 1993 in der taz erschienen sind.

Ich gebe es frank zu: Ich habe so meine Probleme mit der taz. Das hat wenig mit der Ausrichtung zu tun, sondern mehr mit dem Vermögen oder vielmehr Unvermögen, der deutschen Sprache adäquat gerecht zu werden. Ich habe keinen blassen Schimmer, woran es liegt, aber vielen Menschen mit Linksdrall, die sich berufen fühlen, zu Stift oder Tastatur zu greifen, wünsche ich einen chronischen Dauerkrampf in die Griffel (und Zunge, damit sie auch nicht diktieren können). Aus unerfindlichen Gründen halten sie Text ausgerechnet dann für stilistisch gut, wenn er besonders wurstig und holprig klingt. Rhythmus ist dann ein Fremdwort. Genug des Exkurses!

Denn – aufgepasst! – all das gilt nicht bei Remanns Kolumnen!

Bon, man mag sich darüber streiten, ob jede Kolumne für sich ein grandioses Werk ist. Aber zwischendurch blinzeln in seinen Überlegungen aus & über die Klarträumerei Ideen durch, die eines Flann O’Briens würdig wären.Da kann ich allen, die keinen Zugriff auf die Kolumnen (mehr) haben, nur sagen: Schade, dass es ein seltener Raubdruck ist. Aber gut, dass wenigstens ich ein Exemplar habe. Ich gebe ab in den Traumzauberwald.

Haruki Murakami, Naokos Lächeln

Als ich einer Freundin von dieser Lektüre erzählte, stellte sie mir die Frage, ob es wirklich so erotisch sei, wie behauptet würde. Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch gar nicht so viel gelesen, konnte es also (noch) nicht bestätigen. (Auch angesichts der späteren – wie es im angelsächsischen Raum so schön heißt – expliziten Szenen würde ich das Buch allerdings nicht als erotisch im eigentlichen Sinne bezeichnen.)

Ich folgte daher noch einige Tage dem Leben von Toru zwischen seinen Freunden aus der Kindheit Kizuki und Naoko sowie seiner späteren „Freundin“ Midori, zu der er sich wegen der Liebe zu Naoko nicht durchringen kann.

Alles ist aufgespannt vor den Ereignissen der 60er in Japan, durchmixt mit zahlreichen kleinen und größeren Musiken. Oder genauer: Es wird projiziert auf den leichten, seidenartigen Vorhang der typischen Murakami-Welt, die keine Traumwelt ist, ihr aber in vielerlei Hinsicht gleicht.

Von Spaß zu reden wäre angesichts der insgesamt doch irgendwie bitteren Geschichte Hohn. Aber es ist gute Lektüre, gute Unterhaltung und vor allem: gut geschrieben.

Haruki Murakami, Der Elefant verschwindet

Eine Sammlung aus acht teils recht ungewöhnlichen Geschichten. So miniaturhaft sie angelegt sind, so sehr zeichnen sie sich auch in dieser Kleinheit durch Murakamis besondere Art aus, ein eigenes Universum zu erschaffen. Ein Universum, an dem man als Leser in keinem Moment zweifelt. Man versinkt einfach; fast wie in dem hypnagogischen Zustand beim Eindösen vergleichbar. Auch hier nimmt man alles, was einem erscheint, für wahr, bindet es gegebenenfalls sogar in die dösenden Gedanken mit ein, was ihnen ein besonders realistisches Umfeld beschwert.

Für ein kurzes Eintauchen in Murakamis Welt durchweg zu empfehlen.

Heinz Strunk, Zum Goldenen Handschuh

Schmiersuff – ein bekannter Zustand für denjenigen, der schon zwei, drei oder mehr Abende in deutschen Kneipen verbracht hat. Hier – und wer eine vergleichbare Szene aus eigener Anschauung kennt, weiß, wovon Strunk hier schreibt – spielt der „Goldene Handschuh“. Der Handschuh, das ist eigentlich eine Kneipe, die als Dreh- und Angelpunkt erst für Fiete Honkas Mördergeschichten und je später, je doller unabhängig davon auch für Familienabende einer interpolierten Hamburger Reederfamilie dient.

So groß das Faszinosum des Reeperbahnkillers Honka wirken mag, so platt und fast unangenehm dämlich-bizarr dräut das Elend der reich eingesessenen Pfeffersäcke. Am stärksten bleibt Strunk aber ohnehin in den besonders verdichteten Szenen, die einem modernen Bruegel ähneln, nur lebensechter ausfallen. Da kann der Sufflaie völlig gefahrlos für Leber und Leben in buntesten Farben und Nuancen das pralle Treiben zwischen Pisse, Kotze, Schnaps, Scheiße und mehr oder weniger derben Unflätigkeiten schmecken. Ein Treiben, das erschreckend viele Menschen so und genau so kennen und – schätzen!

Umberto Eco, Nullnummer

Als fröhliches Weihnachtsgeschenk unterm Baum (im Wortsinne) überraschte mich dieses kleine Büchlein, das ich wenige Tage zuvor in der Buchhandlung in der Hand gehalten hatte, ohne mich zum Kauf entscheiden zu können.

Im folgenden Kurzurlaub war es dann ein angenehmes Vademecum während meiner Gänge zu verschiedensten Cafés und unterhielt mich dort gut. Die Geschichte aus der Zeit der frühen 90er Jahre verknüpft auf Italien bezogenen Verschwörungstheorien mit selbst erlebten Erfahrungen und amüsanten „Vorhersagen“ über den Erfolg gerade anstehender technischer Neuerungen.

Es ist im Prinzip ein typischer Eco, aber auch sehr gedrängt – das ist zugleich vermutlich sein größter Nachteil. Denn ich fürchte, dass es mir vor allem deshalb großes Vergnügen bereitet, weil ich die typischen Eco-Topoi schnell zu erkennen und einzusortieren weiß. Ich bezweifle daher, dass jemand, der noch nie Eco gelesen hat, wirklich Vergnügen an der Lektüre haben wird, in Sonderheit, wenn er mit der Geschichte Italiens im zweiten Weltkrieg und in den frühen 90ern nicht vertraut ist. Insofern kann ich das Buch getrost dem Eco-Erfahrenen empfehlen, Uneingeweihte mögen sich bei Interesse dagegen zunächst mit anderen Werken des italienischen Intellektuellen beschäftigen.

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