Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: Literatur Seite 3 von 34

Micky Remann, Somnamboulevard

Bisweilen erhält man Besuch von ganz besonderen Überaschungen. Eine solche war dieser vorbildliche „Raubdruck“, in dem die Somnamboulevard-Kolumnen Micky Remanns versammelt sind, die von November 1991 bis September 1993 in der taz erschienen sind.

Ich gebe es frank zu: Ich habe so meine Probleme mit der taz. Das hat wenig mit der Ausrichtung zu tun, sondern mehr mit dem Vermögen oder vielmehr Unvermögen, der deutschen Sprache adäquat gerecht zu werden. Ich habe keinen blassen Schimmer, woran es liegt, aber vielen Menschen mit Linksdrall, die sich berufen fühlen, zu Stift oder Tastatur zu greifen, wünsche ich einen chronischen Dauerkrampf in die Griffel (und Zunge, damit sie auch nicht diktieren können). Aus unerfindlichen Gründen halten sie Text ausgerechnet dann für stilistisch gut, wenn er besonders wurstig und holprig klingt. Rhythmus ist dann ein Fremdwort. Genug des Exkurses!

Denn – aufgepasst! – all das gilt nicht bei Remanns Kolumnen!

Bon, man mag sich darüber streiten, ob jede Kolumne für sich ein grandioses Werk ist. Aber zwischendurch blinzeln in seinen Überlegungen aus & über die Klarträumerei Ideen durch, die eines Flann O’Briens würdig wären.Da kann ich allen, die keinen Zugriff auf die Kolumnen (mehr) haben, nur sagen: Schade, dass es ein seltener Raubdruck ist. Aber gut, dass wenigstens ich ein Exemplar habe. Ich gebe ab in den Traumzauberwald.

Haruki Murakami, Naokos Lächeln

Als ich einer Freundin von dieser Lektüre erzählte, stellte sie mir die Frage, ob es wirklich so erotisch sei, wie behauptet würde. Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch gar nicht so viel gelesen, konnte es also (noch) nicht bestätigen. (Auch angesichts der späteren – wie es im angelsächsischen Raum so schön heißt – expliziten Szenen würde ich das Buch allerdings nicht als erotisch im eigentlichen Sinne bezeichnen.)

Ich folgte daher noch einige Tage dem Leben von Toru zwischen seinen Freunden aus der Kindheit Kizuki und Naoko sowie seiner späteren „Freundin“ Midori, zu der er sich wegen der Liebe zu Naoko nicht durchringen kann.

Alles ist aufgespannt vor den Ereignissen der 60er in Japan, durchmixt mit zahlreichen kleinen und größeren Musiken. Oder genauer: Es wird projiziert auf den leichten, seidenartigen Vorhang der typischen Murakami-Welt, die keine Traumwelt ist, ihr aber in vielerlei Hinsicht gleicht.

Von Spaß zu reden wäre angesichts der insgesamt doch irgendwie bitteren Geschichte Hohn. Aber es ist gute Lektüre, gute Unterhaltung und vor allem: gut geschrieben.

Haruki Murakami, Der Elefant verschwindet

Eine Sammlung aus acht teils recht ungewöhnlichen Geschichten. So miniaturhaft sie angelegt sind, so sehr zeichnen sie sich auch in dieser Kleinheit durch Murakamis besondere Art aus, ein eigenes Universum zu erschaffen. Ein Universum, an dem man als Leser in keinem Moment zweifelt. Man versinkt einfach; fast wie in dem hypnagogischen Zustand beim Eindösen vergleichbar. Auch hier nimmt man alles, was einem erscheint, für wahr, bindet es gegebenenfalls sogar in die dösenden Gedanken mit ein, was ihnen ein besonders realistisches Umfeld beschwert.

Für ein kurzes Eintauchen in Murakamis Welt durchweg zu empfehlen.

Heinz Strunk, Zum Goldenen Handschuh

Schmiersuff – ein bekannter Zustand für denjenigen, der schon zwei, drei oder mehr Abende in deutschen Kneipen verbracht hat. Hier – und wer eine vergleichbare Szene aus eigener Anschauung kennt, weiß, wovon Strunk hier schreibt – spielt der „Goldene Handschuh“. Der Handschuh, das ist eigentlich eine Kneipe, die als Dreh- und Angelpunkt erst für Fiete Honkas Mördergeschichten und je später, je doller unabhängig davon auch für Familienabende einer interpolierten Hamburger Reederfamilie dient.

So groß das Faszinosum des Reeperbahnkillers Honka wirken mag, so platt und fast unangenehm dämlich-bizarr dräut das Elend der reich eingesessenen Pfeffersäcke. Am stärksten bleibt Strunk aber ohnehin in den besonders verdichteten Szenen, die einem modernen Bruegel ähneln, nur lebensechter ausfallen. Da kann der Sufflaie völlig gefahrlos für Leber und Leben in buntesten Farben und Nuancen das pralle Treiben zwischen Pisse, Kotze, Schnaps, Scheiße und mehr oder weniger derben Unflätigkeiten schmecken. Ein Treiben, das erschreckend viele Menschen so und genau so kennen und – schätzen!

Umberto Eco, Nullnummer

Als fröhliches Weihnachtsgeschenk unterm Baum (im Wortsinne) überraschte mich dieses kleine Büchlein, das ich wenige Tage zuvor in der Buchhandlung in der Hand gehalten hatte, ohne mich zum Kauf entscheiden zu können.

Im folgenden Kurzurlaub war es dann ein angenehmes Vademecum während meiner Gänge zu verschiedensten Cafés und unterhielt mich dort gut. Die Geschichte aus der Zeit der frühen 90er Jahre verknüpft auf Italien bezogenen Verschwörungstheorien mit selbst erlebten Erfahrungen und amüsanten „Vorhersagen“ über den Erfolg gerade anstehender technischer Neuerungen.

Es ist im Prinzip ein typischer Eco, aber auch sehr gedrängt – das ist zugleich vermutlich sein größter Nachteil. Denn ich fürchte, dass es mir vor allem deshalb großes Vergnügen bereitet, weil ich die typischen Eco-Topoi schnell zu erkennen und einzusortieren weiß. Ich bezweifle daher, dass jemand, der noch nie Eco gelesen hat, wirklich Vergnügen an der Lektüre haben wird, in Sonderheit, wenn er mit der Geschichte Italiens im zweiten Weltkrieg und in den frühen 90ern nicht vertraut ist. Insofern kann ich das Buch getrost dem Eco-Erfahrenen empfehlen, Uneingeweihte mögen sich bei Interesse dagegen zunächst mit anderen Werken des italienischen Intellektuellen beschäftigen.

Jonathan Franzen, Unschuld

Franzen ist für mich ein seltsames Phänomen. Auf ihn gestoßen wurde ich erst spät, entsprechend nachzüglerisch arbeitete ich mich durch seine Werke. Als nun etwas Neues von ihm erschien, freute ich mich sehr. Zugleich hatte ich den praktischen Vorteil, den Band direkt zum Geburtstag geschenkt zu bekommen. Ich verschlang ihn – meinen aktuell etwas eingeschränkten zeitlichen Möglichkeiten entsprechend – recht zügig. Und trotzdem mir die Geschichte gefiel, obwohl mir etliche Sätze, Absätze und Ideen imponierten oder mich an zum Teil Jahrzehnte alte eigene Überlegegungen erinnerten, merkte ich schon während der Lektüre, was ich als Schwäche bei ihm empfinde.
Seine Sprache, seine Erzählung – das alles ist vorzüglich und enorm unterhaltsam. Nur stelle ich leider bei jeder Franzen-Lektüre fest, dass bei mir praktisch nichts hängen bleibt. Es fehlt die Intensität des Eintauchens wie z.B. bei Murakami, irgendwie verbinde ich emotional nichts mit Franzens Geschichten. Schweres Beben? Öh, worum ging es da noch gleich? Korrekturen? Äh, ja, hab ich gelesen. Freiheit? Tja, zusammenfassen kann ich es sicher nicht. Warum ist das bloß so bei ihm? Ich finde es sehr schade, denn ich fühle mich ja gut unterhalten!

Als amüsante Lektüre kann ich Unschuld dennoch empfehlen, dieses Buch, das die Spätphase der DDR durchaus clever mit modernem Whistleblowertum und einer bizarren Familiengeschichte verknüpft.*

Nebenbei war es doppelt amüsant, Franzen mit Sidekick Denis Scheck in Köln bei einer Lesung auf Deutsch zu erleben. Nun habe ich schon die ein oder andere Lesung hinter mir (von beiden Seiten des Lesepults), aber was ich hier für ein Fanwesen erleben durfte, war mir in diesem Zusammenhang neu.

* Ja, es ist Absicht, dass ich hier nur einen einzigen farblosen Satz über das Buch selbst fallen lasse.

Karl Kraus, Aphorismen

In diesem Taschenbüchlein sind Kraus’ Aphorismen aus den Bänden Sprüche und Widersprüche, Pro domo et mundo und Nachts miteinander vereint.

Oft recht amüsant, fast durchweg beißend, bisweilen sehr nachdenklich machend stolpert man hier durch eine Welt zwischen Wien und Berlin, zwischen Kaffeehaus und Straße, zwischen Frauen und Männern, zwischen Künstlern und Spießern und wird mehrheitlich unterhalten.

Trotzdem muss ich gestehen, dass ich die Lektüre insgesamt etwas zäh fand und dass ich erstaunlich lange dafür gebraucht habe. Nichts für jeden Gemütszustand.

Gustave Flaubert, Bouvard und Pécuchet

Es fällt schwer, die beiden Pole der Kritik zusammenzubringen. Als äße man eine Suppe, bestehend nur aus Wasser, aber versetzt mit einer exakt aufeinander abgestimmten Kräutermischung.

Der Stil des Romans ist in der Tat blendend gut. (Übersetzer Wolfgang Skwara betont zudem, dass er sich sehr an Flauberts Stil anzulehnen versucht hat, indem er etwa die Aufteilung von Sätzen oder Wortwiederholungen Flauberts ebenfalls übertragen hat). Aber der Inhalt ist eine dermaßen belanglose Aneinanderreihung von Titeln, Ereignissen und Theorien, dass der feine Stil schon nach wenigen Seiten nicht darüber hinwegtäuschen kann: Diese Suppe schmeckt nach nichts.

Farblose Figuren in einem noch nicht einmal absurd anmutenden Kasperltheater der komprimierten Langeweile machen die Lektüre bisweilen zu einer einschläfernden Qual und man fragt sich viel zu oft: Wann, ja wann wird dieses Kapitel endlich enden?

Anne T. Clune (Hrsg.), Der lebendige irische Rabe

Wer sich hier ein wenig umschaut, wird merken, dass ich irischer Literatur (und anderen Dingen aus Irland) durchaus aufgeschlossen bin. Deshalb gab es für mich auch keinen Moment des Zweifels, Raben Nr. 46 zu erwerben. Ich sollte dazu sagen: Es gibt einen weiteren irischen Raben, den ich leider nicht besitze; dieser hier konzentriert sich auf Autoren, die zur Zeit der Drucklegung unter den Lebenden weilten.

Nun soll man ja nie sagen: Früher war alles besser. Aber ehrlich, die früheren Iren gefallen mir besser. In diesem lebendigen Raben ist so vieles so schrecklich bemüht darin, geistreich zu sein, erfrischend, tiefgründig oder spielend leicht witzig. Und diese Mühen ermüden umgemein – mich zu sehr. Da lese ich dann doch lieber O’Brien oder Wilde oder Joyce oder Behan oder die Blume in einem ordentlichen Glas Kilkenny.

Flann O’Brien, Aus Dalkeys Archiven

Ein Text – die Bezeichnung Roman lehnte O’Brien selbst ab – der sich mit allerlei Kuriosem beschäftigt, darunter dem Einfrieren der Zeit, dem Wiederauffinden des noch lebenden James Joyce (der leugnet, mit Ulysses etwas zu tun zu haben) und einigen Verschränkungen mit dem dritten Polizisten wie Figuren und Motiven.

Erneut amüsanter Spaß, aber ich sage jetzt schon voraus, dass ich in zwei Monaten kaum noch etwas über das Buch werde sagen können.

Habt ihr eigentlich schon mal über die Verschwörung der Fahrräder nachgedacht?

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