Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

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Adelbert von Chamisso, E.T.A. Hoffmann, Karl Wilhelm Salice-Comtessa, Friedrich de la Motte Fouqué, Der Roman des Freiherrn von Vieren

In der Romantik ist ja einiges experimentiert worden. Manches zum Glück, auf anderes hätte man auch verzichten können. Ein schönes Beispiel fürs Glück ist der zerbrochene Krug, den Kleist im Wettstreit mit Wem-noch-gleich? aus einem Kupferstich entwickelt hat. Sprich, jeder nahm sich das Bild und erfand um die Szene eine Geschichte.

Einen anderen Ansatz wählten die Serapionsbrüder Chamisso, Hoffmann, Salice-Comtessa und de la Motte Fouqué. Sie schrieben einfach einen kurzen Roman in Arbeitsteilung. Der eine begann, der andere setzte fort und so weiter. Die Idee fand ich enorm amüsant, die Autoren gut bis spannend. Aber leider, leider muss ich sagen, ist dieses Experiment gescheitert. Die Geschichte, die die vier hier zusammengebraut haben, hinkt auf allen Beinen. Besser wird es erst, als Salice-Comtessa und Hoffmann Teile und Szenen des Experiments nehmen und daraus eigene Geschichten entwickeln (Das Bild der Mutter bzw. Die Doppeltgänger). Allerdings muss man sagen, dass auch diese Geschichten nicht auf dem höchsten Niveau sind. Schade.

Stephen Crane, Das offene Boot und andere Erzählungen

Als ich die schön gestalteten mare-Bändchen im letzten Jahr zum ersten Mal entdeckt hatte, hatte ich mich sehr gefreut. Als jemand, der gern Geschichten rund um die Seefahrt konsumiert, war es ein interessantes Konzept für mich. Als Leser, der gern Neues entdeckt, erst recht.

Auf diese Weise bin ich an Crane geraten. Klappentext und Nachwort klingen sehr verheißungsvoll und berichten von einem Frühvollendeten, der u.a. Hemingway Wegweiser gewesen sei. Was, so dachte ich, will ich da mehr? Und freute mich schon im Voraus sehr auf die Lektüre.

Leider, und da will ich gar nicht lange um den Brei herumreden, umsonst.

Wenn man etwas in Übersetzung liest, weiß man freilich nicht immer ganz genau, wie es im Original lautet. In vorliegenden Fall kann man aber ausschließen, dass der Übersetzer der Übeltäter ist.

Crane hatte zwar in der Tat vor allem mit einem Schiffbruch in der Karibik und dem Versuch, in einem kleinen Boot zu überleben, einiges erlebt. Dieses Erleben hat er sogar mindestens zweimal ausführlich geschildert. Aber dieses Erleben allein macht noch keinen guten Autor. Sein Stil ist ein seltsamer Mix aus dümmlichen Wiederholungen, wirklich nervigen Übertreibungen (und anders als die Beatniks und Gonzo-Autoren Jahrzehnte später vergisst Crane das zugehörige Augenzwinkern) und dümmlichen Wiederholungen. Die dümmlichen Wiederholungen sollte man übrigens nicht oft genug ansprechen.

Kurz: Crane war eine ziemliche Enttäuschung und somit ein echter Fehlkauf.

Truman Capote, In Cold Blood

Es war ein hochinteressanter Vergleich, nach » Hemingway einen Truman Capote in die Hand zu nehmen, den ich im Hinterkopf schon länger angepeilt hat (was für ein schiefes Bild, ich werde seekrank). Die Wahl fiel nicht auf den Frühstücksklassiker, sondern auf – tja, wie soll man es nennen? Die Reportage in Buchform? Den längeren Essay? – In Cold Blood.

Das Buch schildert die Vorkommnisse um den vierfachen brutalen Mord an einer Farmerfamilie in Kansas durch zwei vorbestrafte Betrüger und Gewalttäter in den späten 60ern. Beide waren unter der Fehleinschätzung eingebrochen, bei einem Einbruch viel Geld zu kassieren, hatten sich jedoch schon im Vorfeld darauf verständigt, keine Zeugen zu hinterlassen.

Capote schildert mit einer sehr pointierten Sprache und einer vor allem in den ersten zwei Dritteln immer spannender werdenden Schnitttechnik. Er erzählt, wie es zu der Tat kam, wie die Lebensklingen der zwei Täter den Lebensfäden der vier Opfer immer näher kamen und diese schließlich zerschnitten. Er erklärt das Vorgehen der Ermittler und die erfolgreiche Verhaftung der lange Zeit Flüchtingen. Und schließlich beschreibt er das Verfahren und die Zeit in den Todeszellen bis zum Galgen. Obwohl die Schreibe ab dem Verfahren kaum anders ist als vorher, verliert er meiner Meinung nach allerdings hier etwas Verve. Nach dem sich immer schneller drehenden Rad bis zur Festnahme schien Capote nicht den rechten Rhythmus zu finden, den er für die Schilderung des Verfahrens brauchte. Hier verfängt er sich leider auch eher in Seitenstränge, deren Dasein für den Gesamttext eher unerheblich ist. Gleichwohl schafft er es, ein Sittengemälde des Mittleren Westens in den späten 50ern und frühen 60ern anzufertigen, das im Ganzen wirklich faszinierend ist – selbst angesichts der furchtbaren Tat, die der Erschaffung des Gemäldes zugrundeliegt. Wirklich sehr zu empfehlen, auch und gerade im Original.

Monty Python’s Flying Circus, Sämtliche Worte (1 und 2)

Ich würde gern schreiben, dass ich hierzu nicht viel zu schreiben hätte. Aber in jüngster Zeit entdecke ich in meiner Umgebung immer größere Wissenslücken hinsichtlich Monty Python. Das ist einerseits praktisch, weil man – ausgestattet mit einem passablen Python-Witzefundus – so problemlos ganze Abende lang als scheinbar genialer Alleinunterhalter wirken kann. Andererseits ist es natürlich schrecklich furchtbar, dass solch kreative Klassiker jetzt schon Vergessenheit geraten (und ja, ich weiß, dass auch die Pythons geklaut haben: bei Peter Sellers mit A Show Called Fred oder der Goon Show und der hat wiederum bei Buster Keaton geklaut …).

Zurück auf Start. In diesem praktischen Doppelband sind die Texte für alle Folgen des Circus’ vereint – leider auf Deutsch, obwohl die Übersetzung für die Umstände vielfach erstaunlich gut ist. Aber im Original wäre es selbstverständlich noch besser. Dafür kann ich Glücklicher aber immerhin auf meine DVD-Ausgabe zurückgreifen, die ich mir vor Jahren ebenfalls gegönnt habe.

Wer es kennt, weiß, dass es gut ist. Wer es nicht kennt, hat eine Bildungslücke. Basta.

David Zane Mairowitz, Robert Crumb, Kafka. Kurz und knapp

Erst neulich wurde ich unsanft damit konfrontiert, dass die Menschen Kafka erstaunlich wenig kennen. Egal, ob 45, 30 oder 25 – ein Raum voller Kolleginnen kannte KEINE einzige Kafka-Geschichte. Gut, nun mag man meinen, dass Kafka insbesondere von Deutschlehrern (dazu empfehle ich Sebastian Krämers Deutschlehrerlied) leicht überschätzt wird. Aber das ändert nichts daran, dass er für die Literatur, und nicht nur für die deutschsprachige Literatur ein Meilenstein ist und war. Dementsprechend wichtig ist es auch heute noch, sich mit Kafka und seinen Texten zu befassen. Ein interessanter Zugang ist dieser Einstieg auf Comic-Ebene. Wer Kafka und/oder Crumb schätzt, wird diesen Band sehr mögen. Wer Kafka tatsächlich noch nicht kennt, sollte wenigstens hiermit anfangen – oder besser gleich die Klassiker lesen. Die sind nun wirklich gut erreichbar.

Robert Crumb, Peter Poplaski, The R. Crumb Handbook

Eine wunderbare Zusammenstellung von Strips, Zeichnungen und Fotos von und mit Crumb. Das Buch war eine nette Entdeckung in einer Entdeckung selbst: Ich habe es in einem versteckten Kreuzberger Comic-Shop gefunden, den ich zuvor nur deswegen gefunden habe, weil ich im nebenan liegenden Plattenladen gestöbert (und eingekauft) hatte. Dem Buch beigelegt war übrigens eine wunderbare CD mit tollen Aufnahmen von Crumb und seinen Bands von 1972 bis 2003 (darunter der köstliche Klassiker „My Girl’s Pussy“). Ein sehr empfehlenswertes Bundle!

Gaius Iulius Caesar, Der gallische Krieg

Gallia est omnis divisa in partes tres quarum unam incolunt Belgae … – wer einmal damit traktiert wurde, wird zumindest den Anfang in seinem Leben sicher nicht mehr vergessen. Man kann von dem Text halten, was man will (als großer Stilist gilt Caesar zu Recht ja nicht gerade), aber dieser Mann war meines Erachtens bis heute eine der prägendsten Figuren für dieses zerklüftete Nordwestkap Asiens, das wir Europa schimpfen. Man braucht nur einmal zu rekapitulieren, was wir ihm alles verdanken: Er hat die Romanisierung weiter Teile Europas eingeleitet (die Augustus noch forciert hat), er hat die römische Republik auf die Schlachtbank geleitet (wo sie dann von seinen Freunden und Feinden gemeuchelt wurde), seinem Namen verdanken zig Generationen von Herrschern ihren Titel (Kaiser, Zar) – ohne Caesar wäre Europa heute nicht das, was es ist. Die Franzosen sprächen kein Französisch (ja es gäbe sie in der Form gar nicht), dasselbe gilt analog für die Bewohner der iberischen Halbinsel. Eine ganze Reihe von Städten gäbe es heute nicht, darunter das vielseits hochgeschätzte Köln. Tja, und nicht zuletzt gäbe es auch eine Reihe von Redensarten nicht ohne diesen eigentlich skrupellosen, machtgierigen JR der Antike: der Rubikon ist überschritten, die Würfel sind gefallen … Ja, wenn ich es recht überlege, sollte man vielleicht wegen all dieser Wichtigkeiten doch mal was von ihm gelesen haben. Zumindest als Europäer.

Michael Cunningham, The Hours

Irgendwie seltsam, aber obwohl das Buch gut geschrieben ist, wurde ich beim Lesen nicht so recht warm damit. Ob es daran liegt, dass es eine eher stille Story ist? Oder ist der Grund, dass ich die ganze Zeit daran denken musste, dass das Buch ausgerechnet mit Untalent Nicole „One Face“ Kidman verfilmt werden musste?

Ich weiß die Gründe nicht, fand das Unvermögen, damit warm zu werden, aber schon bei der Lektüre bedauerlich. Denn das ist der Witz: Es ist sowohl im Stil als auch in der Geschichte und in der Konstruktion wirklich gut. Da kann es keinen Zweifel geben. Besonders angetan war ich in dieser Hinsicht von Cunninghams Fähigkeit, so wenig Striche wie nötig auf die Leinwand zu setzen. Da ist keine Szene, keine Beschreibung zu viel. Ein Können, das ich wirklich sehr schätze!

Gogols Mantel – Erzählungen aus Russland

Eine nette kleine Anthologie russischer Autoren durch etliche Jahrzehnte russischer Kultur. Gogol, Dostojewskij und Tolstoj dürften noch die meisten kennen, aber hat hier wer schon Babel, Charms und Terz gelesen? Also ich abgesehen von der Anthologie jedenfalls noch nicht. Und ich finde es durchaus spannend, welche Wege sich intelligente Autoren suchten, um in der sozialistischen Diktatur überleben zu können. Die Texte muten bisweilen an wie Schachspiele mit dem FSB. Die Autoren, die das Spiel gewannen, brauchten nicht nach Sibirien.
Hier einmal die Liste der einzelnen Texte:

  • Nikolaj Gogol, Der Mantel
  • Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Die Sanfte
  • Lew Tolstoj, Der Tod des Iwan Iljitsch
  • Anton Tschechow, Die Dame mit dem Hündchen
  • Isaak Babel, Es waren ihrer neun
  • Daniil Charms, Störung
  • Iwan Bunin, In Paris
  • Abram Terz, Pchenz

Hernán Cortés, Die Eroberung Mexikos

Ich weiß gar nicht mehr genau, was mich dazu getrieben hat, all diese Eroberungs- und Entdeckerbücher von Columbus, Cortés und Co. zu lesen. Es lag sicher nicht nur daran, dass ich sie im Antiquariat in die Finger bekommen habe, obwohl das natürlich die ganze Sache vereinfachte. Irgendwie war es mehr der Wunsch, an die Quellen zu gelangen. Ganz im Sinne von Nietzsches „Wo du stehst, grab tief hinein! Drunten ist die Quelle! Lass die dunklen Männer schrein: Stets ist drunten – Hölle“.

Kurz: Ja, es ist durchaus interessant, die Conquistadores selbst reden zu hören mit all ihrer katholisch verbohrten Selbstsucht. Oft genug ist nämlich dessen Sprache entlarvend, der als einziger zu Wort kommt.

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