Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

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Benvenuto Cellini, Das Leben des Benvenuto Cellini

Ich glaube, zum ersten Mal hab ich bewusst von Cellini wirklich erst gehört, als ich vor vielen Jahren eine Verfilmung seines Lebens auf Arte sah. Die hat mich dermaßen beeindruckt, dass ich unbedingt seine Autobiografie lesen wollte. Im Buchhandel stellte ich dann fest, dass die von Goethe übersetzt war (damals hielt ich noch mehr von dem vorgeblich größten deutschen Schriftsteller). Also besorgte ich mir das Buch und las es mit großem Vergnügen. Wenn ich es im Nachhinein recht überlege, finde ich, dass ausgerechnet dieser Text Goethes beste Leistung ist.

Später trippelte der gute Cellini dann immer wieder mal durch mein Leben; sei es, weil seine Salieria spektakulär simpel aus dem Kunsthistorischen Museum Wien gestohlen werden konnte; sei es, weil ich Jahre später für Dreharbeiten auf dem Dach des benachbarten Naturhistorischen Museums selbst einen Museumsdieb zu mimen hatte.

Ja, ich denke gern an Cellini, verbinden mich doch ganz besondere Momente mit diesem besonderen Künstler.

James Fenimore Cooper, Die Roten

Mitte des 19. Jahrhunderts zog neues Ungemach über die USA. Sogenannte Antirentner, die es ganz und gar nicht einsahen, den Leuten, die auf dem Papier Besitzer halber Staaten waren, die Pacht zu erstatten. Es wird in diesem Band daher ein hochgradig heißes Eisen angepackt, denn letztlich ist es ja aus heutiger Sicht eine Art sozialistische Enteignungsbewegung. Und das in einer Zeit, in der ein gewisser Trierer in Europa das kommunistische Manifest entwickelte.

Dass die Antirentner als Rote bezeichnet wurden, entbehrt aus heutiger Sicht nicht einer gewissen Komik. Damals bezog sich das allerdings darauf, dass die Antirentner sich als Rothäute verkleideten, um die Pachtherren zu triezen.

Cooper, der stets etwas Edles in den amerikanischen Ureinwohnern sah, rettet deren Ehre, indem er sie auf Seiten des Urenkels des Satanstoe-Heldens für die gute Sache, also den Besitz, kämpfen lässt.

Mir erschien dieser Band bei der Lektüre als der stärkste aus der Trilogie. Das mag daran liegen, dass er mir historisch-inhaltlich am nächsten liegt. Es mag auch daran liegen, dass ich nach zwei Bänden gut genug auf Cooper geeicht war, um den Inhalt zu genießen. Auf jeden Fall bekräftigte die Lektüre in meinen Augen einen Wunsch, der immer wieder durch die Gemeinde der Arno-Schmidt-Leser geistert: dass auch die Übersetzungen Teil der Werkausgabe werden sollten.

James Fenimore Cooper, Tausendschön

In der Fortsetzung von Satanstoe zieht diesmal der Sohn der Hauptfigur aus Band 1 in die Wälder. Auch diesmal geht es um Land, allerdings richtet sich das Augenmerk nun auf die sogenannte Squatterbewegung. Dabei handelte es sich um Siedler, die sich ohne Rücksicht auf andere „Besitzer“ Land in Beschlag nahmen, Hölzer fällten und zu eigenem Nutzen verkauften. Natürlich darf auch eine Liebeständelei nicht fehlen.

Dieser ebenfalls von Arno Schmidt übertragene Band war lustigerweise mein Einstieg in die Trilogie, weil ich ihn zuerst in einer Buchhandlung erstanden habe. Bei der Lektüre fand ich ihn damals eher langweilig, musste aber feststellen, dass er eben an Qualität gewinnt, wenn man auch die Vorgeschichte Satanstoe und die Fortsetzung kennt.

James Fenimore Cooper, Satanstoe

Die sogenannte Littlepage-Trilogie, von Arno Schmidt übersetzt, erscheint mir ein besonderes Kleinod. Anders als der „Letzte Mohikaner“ oder die Beweinte von Wish-ton-Wish hat Cooper in dieser Trilogie auf Entwicklung und Vergleich gesetzt. In allen drei Bänden (Satanstoe, Tausendschön und Die Roten) geht es um Landnahme und Landhaltung im Kampf gegen alle möglichen Feinde. Cooper stellt sehr realistisch dar, was sich in den Jahrzehnten vor und nach der Gründung der USA abspielte. Er zeigt, wie die Menschen zu Land gekommen sind und entlarvt unabsichtlich* immer wieder, wie die Landnehmer an ihren Reichtümern klebten, selbst wenn diese unerschlossen und ungenutzt waren. Sie sind praktisch ein Beleg für eine nicht zu unterschätzende Geisteshaltung des US-Amerikaners, und zwar bereits in der Frühzeit des Staates.

Dabei schätze ich an den Büchern vor allem, was wohl auch Schmidt so sehr schätzte, eben die auffallend realistische Darstellung über die Generationen hinweg. Ich glaube, ich habe selten Bücher gelesen, die dermaßen geeignet dazu sind, diese Zeit auf dem amerikanischen Kontinent darzustellen.

Im ersten Band geht es um den noch jungen Corny Littlepage, der mit dem Indianer Susquesus und dem Chainbearer (entspräche heute einem Vermessungstechniker) loszieht, um Land in Besitz zu nehmen, über das seine Familie ein Patent besitzt. Es stellen sich allerlei Widrigkeiten, die aber natürlich überwunden werden – wie sich das für einen Text dieser Zeit gehört.

* Aus aktuellem Anlass eine kleine Erläuterung zu dem Wörtchen „unabsichtlich“: Ich halte an diesem Wörtchen weiterhin fest, denn es geht mir im Speziellen darum, dass Cooper hier seine eigene politische Haltung oft unangenehm in den Vordergrund schiebt und sich in meinen Augen damit weniger sympathisch darstellt, als er selbst geglaubt haben dürfte. Für jemanden wie ihn war es selbstverständlich, wenn eine Familie in den jungen USA Ländereien besaßen, die größer waren als manch Staat in Europa. Ich habe da eine andere Auffassung von Landnahme und erst recht von Landbesitz, insbesondere wenn man bedenkt, was die Ureinwohner bekanntlich von diesem sehr europäischen Konzept des „Landbesitzes“ gehalten haben.
Trotzdem vielen Dank für den freundlichen Verweis, er bestärkt mich darin, dass das Konzept dieses Blogs verstanden wird. 🙂

Joseph Conrad, Lord Jim

Ja, es ist wahr, ich schätze in diesem Fall nicht allein das sehr gute und spannende Buch, sondern auch die herrliche Verfilmung mit Peter O’Toole in der Hauptrolle, obwohl der Film in so manchem Detail eklatant vom Buch abweicht. Aber letztlich ist es wirklich ein ganz besonderer Text, weil Conrad hier praktisch ganz großes Kino geschrieben hat, ohne es zu kennen. Einfach toll, einfach zu empfehlen.

Joseph Conrad, Almayers Luftschloss

Bei diesem Text (verschiedentlich auch Almayers Wahn transkribiert) tritt der umgekehrte Effekt ein, den ich bei der Lektüre vom Herz der Finsternis hatte: Zunächst erscheint Almayer platt, er gewinnt aber eine Tiefe, die den Text wesentlich kraftvoller macht. Besonders beängstigend für mich: eine Stelle, in der der Hauptfigur eine schlimme psychische Krise widerfährt. Die Bilder, die Conrad hier nutzt, kamen mir bei der Lektüre sehr bekannt vor. Die Tatsache, dass er dasselbe Bild wieder und wieder verwendet, lässt mich vermuten, dass er es selbst genau so erlebt hat. Jedenfalls schildert er es sehr lebendig und persönlich. Das erinnert mich daran, dass ich vielleicht mal nach einer Conrad-Biografie Ausschau halten sollte …

Joseph Conrad, Herz der Finsternis

Ach, was ärgere ich mich heute, Conrad erst so spät angefasst zu haben. Allerdings möchte ich nicht ausschließen, dass ich ihn auch weniger gut verstanden hätte, wenn ich ihn 20 Jahre früher gelesen hätte, als ich es getan habe. Kurz zum Herz der Finsternis, einem Klassiker, der schon längst Topos geworden ist. So wichtig der Klassiker für Conrad ist, so farblos erscheint er mir ehrlich gesagt im Vergleich zu manch anderem Buch von ihm. Es ist beinah mehr eine Art Einführung in Conrads Welt.

Übrigens ist bei Conrad eines besonders interessant: Er stammt als Sohn polnischer Russen (russischer Polen?) aus Berdytschiw, der Stadt, aus der auch Wassili Grossman stammt. Einmal vormerken bitte. Mit 20 begann Conrad Englisch zu lernen und war ein sprachliches Wunderkind, weil er es vorzüglich beherrschte.

Rich Cohen, Murder Inc.

Ein wahrlich interessantes Buch über eine der berüchtigsten Gangs New Yorks in den 30ern. Der Autor, Sohn und Enkel von Leuten, die die Gangster und ihr Umfeld noch persönlich erlebten, schildert die Geschichte beinah in der Art einer Familiengeschichte. Dabei geht es zwar auch um höchst brutale Morde (die jiddische Gang namens Murder Inc. war so eine Art Putztruppe für die Mafiosi dieser Zeit), aber Cohen erzählt eben auch die Geschichten, bei denen alles schief geht. Oder wie sie lernen, eine Leiche richtig in einem See zu versenken, damit sie auch verschwindet und nicht nach ein paar Wochen wieder im Wortsinne auftaucht (die Tricks verrate ich jetzt nicht). Hm. Ich überlege gerade, ob ich diese Tricks nicht doch aus einem anderen Buch weiß … egal, ich verrate sie dennoch nicht.

Paul Celan, Gedichte

Richtig, zum guten Kanon deutschsprachiger Lyrik gehört selbstverständlich die Todesfuge. Das meiste andere von Celan hat sich aber doch eher, sagen wir mal, überlebt. Also eher etwas, was man kennen sollte, was man aber nicht unbedingt zu Hause haben muss.

Albert Camus, Der erste Mensch

Camus’ letztes Werk, der Legende nach aus seinem Autowrack geborgen, hat für mich einen besonderen inhaltlichen Wert durch die Wendung des Erzählers zum Grab des Vaters. Jetzt, während ich hier diese Zeilen schreibe, fällt mir auf, dass ich es wohl gerade deswegen, weil es auch für mich in dieser Hinsicht beständig Änderungen im Gemüt gibt, wohl wichtiger denn je ist.

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