Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: af

Max Frisch, Homo Faber

Ebenfalls ein Werk aus meiner Schulliteratur. Aber – und jetzt kommt das große Aber! – es dürfte sich hier um das beste Werk handeln, das ich in der Schule lesen durfte oder musste (je nachdem, wie man es sieht). Gut, das mag jetzt tief blicken lassen und verraten, dass die Deutschlehrer, mit denen ich mich auf dem Gymnasium herumplagen durfte, nahezu durch die Bank Vollidioten waren. Aber wenigstens einer hat dann auch mal ein gutes Buch gewählt.

Homo Faber beeindruckt mich bis heute. In seiner Schreibe, in seiner Geschichte. Witzigerweise liegt das nicht allein im Buch selbst begründet, sondern in der Tatsache, dass mir einmal etwas passiert ist, was der Grundgeschichte von Homo Faber ähnlich ist. Hier ist nicht der Ort, das weiter auszuführen, aber ich fühle mich sozusagen persönlich durch die Geschichte betroffen.

Paul Anselm Feuerbach, Merkwürdige Verbrechen

Ein sehr spannendes Buch ist diese Zusammenstellung von Feuerbach. Er hatte Fallstudien Krimineller gesammelt und sie dem damaligen König von Bayern vorzulegen und auf eine Reform des Strafvollzugs hinzuwirken. Die Geschichten sind durchweg seltsam und spannend. Einerseits erschreckt es oft, wie modern die Verbrechen auch vor bald 200 Jahren schon waren (selbst im Versuch, Kapitalverbrechen zu vertuschen), andererseits erhält man tiefe Einblicke in eine andere Welt.

Das größte Manko sehe ich lediglich in einer Hinsicht: Feuerbach verschenkt viel durch eine plumpe Herangehensweise. Seinde Schilderung schwankt zwischen nüchterner Darstellung und Chaos. Selten schafft er es, einen Fall geordnet, geschweige denn wirklich spannend zu schildern. (Letzteres kann man ihm wohl verzeihen, weil das ja auch nicht seine Absicht war – eine geordnete Darstellung wäre aber für seine Zwecke sinnvoll gewesen.

Nebenbei: Eine der Geschichten – und ich verrate hier nicht, welche – hat es mir so angetan, dass ich seit Längerem plane, sie in eine richtige Fassung umzuformen. Ich warte nur auf den Gewinn einer anständigen Lotterie, der es mir ermöglicht, wenigstens EINE Woche mal nur für mich zu haben, ohne für andere arbeiten zu müssen oder Ahnungslosen beizustehen, wenn sie aufgrund ihrer Dämlichkeit den Laptop zerschossen haben oder sonstiges zu deichseln ist. Vermutlich werde ich das aber wohl nicht mehr erleben.

Peter Fleming, Die Belagerung zu Peking. Zur Geschichte des Boxer-Aufstandes

Zu meiner Zeit gabs im Geschichtsunterricht damals das Stichwort Boxeraufstand in China. Es wurde gebraucht, um Wilhelms II. Hunnenrede und Großmannzucht verstehen zu können. Wirklich erklärt wurde es dagegen nicht. Später erfuhr ich mal nebenbei, dass der deutsche Begriff „Boxer“ etwas irreführend ist, weil der Aufstand stark von Schulen für asiatischen Kampfsport forciert wurde, in dem ein chinesischer Nationalismus wider die Vorherrschaft der „weißen Teufel“ durchbrach. Den Nationalismus kann man angesichts der Tatsache, wie Engländer, Portugiesen, Franzosen, Deutsche und andere sich in dem Reich der Mitte verhielten, sogar noch verstehen. Hiermit allein erklärt sich der Aufstand jedoch noch nicht. Es geht auch um schwache Herrschaft und Mechanismen, die in China älter sind als die europäische Besatzungszeit. Ganz nebenbei sollen auch die heutigen Herrscher des Riesenreichs sich vor einem vergleichbaren Aufstand fürchten und schlagen gerade deswegen jeden Ansatz dafür brutal nieder, bevor es zu spät für ihre Herrschaft sein könnte.

In diesem speziellen Fall beschäftigt sich der Journalist Peter Fleming mit einer einzelnen Episode, eben mit der titelgebenden Belagerung des Pekinger Botschaftsviertel. Eben wegen dieser Belagerung wurde das europäische Expeditionsheer gesandt. Ein spannendes Stück Geschichte, das sich noch bis heute auswirkt.

Gustav Frenssen, Otto Babendiek

Wenn ich ein Buch besitze, das in der Ausgabe als Schinken bezeichnet werden kann, dann dürfte es dieser Band sein. Ein Trumm, ein Massiv, ein großer weiter, tiefer, dunkler Ozean. Dem erfahrenen Leser brauche ich kaum zu sagen, dass es sich um eine Empfehlung von Arno Schmidt handelt. Frenssen selbst ist eine seltsame Gestalt. Politisch nicht unbedingt das, was man koscher nennen möchte. In der Person aber dennoch jemand, der einen stark eigensinnigen Kopf hatte. Gerade in der Hinsicht dürfte seine Stärke liegen, ähnlich wie bei Hamsun, der ja noch seinem angeblich größten Fan Hitler Widerworte gegeben hat.

Ab zum Babendiek: Unabhängig von der Person Frenssens ist der Babendiek ein außerordentliches Stück Literatur. Sehr eindringlich schildert er die Welt Norddeutschlands um die Jahrhundertwende. Die größte Schwäche liegt dagegen in den Episoden, die im ersten Weltkrieg verortet sind. Etwas ungewöhnlich ist, dass im Gegensatz zur sonst üblichen Darstellung Erlebnisse an der deutschen Ostfront geschildert werden. Trotzdem sind die vielen Seiten, die sich damit beschäftigen, deutlich uninteressanter als die Mehrheit der anderen Seiten, die sich mit dem Leben hinterm Deich beschäftigen. Denn hier erfährt man vieles über das damalige Leben aus erster Hand.

Theodor Fontane, Romane

Die Artemis-Winkler-Dünndruck-Ausgabe vereint den praktischen Vorteil gleich vieles zu versammeln. So kann man mit einem Schlag Irrungen, Wirrungen, Frau Jenny Treibel, Effi Briest und den Stechlin konsumieren. Dummerweise hab ich mit Fontane so meine Schwierigkeiten. Ich halte ihn zwar in der Tat für jemanden, der schreiben konnte, allein erscheint mir seine Schreibe recht langatmig, um nicht zu sagen: langweilig. Effi Briest verschenkt zum Beispiel die interessantesten Wendungen, um lahmstes Tun zu verfolgen. Und der Stechlin ist sogar noch langweiliger. Genau genommen gab es nur einen Satz, der mich wirklich amüsiert hat und den ich hier zitieren möchte:
„Oh, Krittikk“, sagte Wrschowitz. „Ich liebe Krittikk. Aber gute Krittikk schweigt.“

Friedrich de la Motte-Fouqué, Rittergeschichten und Gespenstersagen

Okay, natürlich hab ich Fouqué wegen Arno gesucht, gefunden und gelesen. Und da ich den ein oder anderen Romantiker durchaus zu schätzen weiß (später mehr zu Hoffmann), freute ich mich zunächst auf die Lektüre von Texten des preußischen Militärs Fouqué. Im Buch enthalten sind die Undine (selbstverständlich), Sintram, das Galgenmännlein, der unbekannte Kranke, der Siegeskranz, Adler und Löwe sowie Rosaura und ihre Verwandten.
Abgesehen von wenigen interessanten Aspekten in der Undine haben mich lediglich Sintram und das Galgenmännlein etwas amüsiert. Dabei ist das Galgenmännlein besonders interessant, weil es Gemeinsamkeiten mit Stevensons Flaschenteufel hat (auch dazu irgendwann mehr). Insgesamt glaube ich aber, dass Schmidt Fouqué als Schriftsteller weit überschätzt hat. Leider.

Jonathan Franzen, Schweres Beben

Ein nettes Geburtstagsgeschenk war dieser Franzen. Ein eher frühes Werk, das allerdings bereits in vielen Elementen seine Qualität beweist. Erzählt wird eine recht furiose Geschichte über Erdbeben im Wortsinne, aber auch über die übertragenen Beben, die manchmal Familien heimsuchen. Beides spielt sich vor allem bei und in zwei Familien ab, was für einiges Durcheinander sorgt. Dieses Buch ist anders als die Korrekturen und Freiheit. Die Figuren sind noch kühler dargestellt, sie reagieren beinah wie die Darsteller in einer isländischen Saga. Trotzdem weiß man, wie sehr die Lava in ihnen brodelt und jeden Moment ausbrechen kann. Ein gutes Buch.

PS: Hier zeigt Franzen nebenbei, dass er seinen Adorno kennt. Beide teilen jedenfalls rein zufällig dieselben Ansichten über das schnelle Rennen.

Jonathan Franzen, Die Korrekturen

Mein zweiter und sicher nicht letzter Franzen. Da meine ersten Erfahrungen noch nicht so lange zurücklagen, war ich zunächst etwas enttäuscht darüber, dass die Figuren in großen Teilen den Figuren der Freiheit entsprechen. Aber das ändert nichts daran, dass er wieder packend und suchtfördernd schreibt und – beinah schlimmer – die gleiche Konstellation recht anders auflöst.

Es ist mir peinlich, das zuzugeben, aber ich bin ernsthaft neidisch auf Franzens Schreibe.

Jonathan Franzen, Freiheit

Ein Buch, das mir ans Herz gelegt wurde. Und zugleich eine große positive Überraschung: Der Mann kann nicht nur schreiben, er hat auch was zu erzählen. Ich habe mich wirklich schon lange nicht mehr so an einem Text gekrallt, weil ich mich buchstäblich bei keiner Zeile gelangweilt habe! Das wird nicht mein letzter Franzen gewesen sein. Aktuell liegen hier schon seine Korrekturen, die ich die Tage beginnen werde.

Seite 2 von 2

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén