Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: ah (Page 1 of 4)

Wiglaf Droste, Nikolaus Heidelbach, Vincent Klink, Weihnachten

Ich muss ein durch und durch bösartiger Mensch sein. Warum sage ich das? Es ist ein Rückschluss von einer Aussage Christine Westermanns.

Zur Erklärung: Von einer lieben Freundin bekam ich zu Weihnachten das im Titel genannte Buch. Aus terminlichen Gründen fand die Übergabe kurz nach Weihnachten statt, daher verzögerte sich auch meine Lektüre. Bei der Geschenkübergabe teilte mir besagte Freundin nun mit, dass Frau Westermann das Buch beim Literarischen Quartett angepriesen hatte mit der Wertung, es sei ein richtig böses Buch.

Ob Frau Westermann das so gesagt hat, weiß ich zugegebenerweise nicht; ich traue dort der Aussage der Freundin. Aber dass ich das Buch für alles andere als böse halte, das weiß ich mit Gewissheit. Sicher, es ist gekonnt geschrieben, enthält eine Reihe von Weihnachtsrezepten (bei einigen kommt mir die Zubereitung etwas zu knapp vor, aber gut) und viele treffliche Zeichnungen. Aber böse? Hier ist keine einzige Zeile böse. Nicht mal im Ansatz. Das bedeutet, Frau Westermann ist entweder sanft und unschuldig wie ein Lamm – oder ich bin der böse Zwilling Satans.

Tim Hayward, Messer. Handwerk und Kultur des Küchenmessers

Wie jedes Jahr gab es auf meinem weihnachtlichen Gabentisch eine Reihe von Büchern. Darunter war diese Enzyklopädie der Küchenmesser.

Wer mich ein wenig kennt, weiß, dass ich selbst ein kleiner Messerjocke bin. Das galt in der Hauptsache zwar für allerlei andere Messer(formen). Aber ich nutze einen Großteil meiner Messer auch immer wieder für Küchenzwecke – von echten Küchenmessern wie einem guten Santoku zu schweigen.

Hayward zu lesen macht jedem Klingenfreund einen Heidenspaß. Er zeigt in vielen Details enorme Sachkenntnis, erklärt den Zweck und Nutzen Dutzender Messerformen und zeigt spannende Verwandtschaften zwischen europäischen und asiatischen Messern auf – bzw. manchmal auch grundsätzliche Unterschiede. Zu jedem Typ zeigt Hayward ein oder mehrere Exemplare, manchmal besonders schön geschmiedete Stücke, manchmal auch schlichte Fabrikware. Natürlich stellt er auch Zubehör vor wie Schleifgerät, Messertaschen etc.

Schon während der Lektüre juckt es einen in den Fingern, sich ein gutes Messer neben das Buch zu legen und es „mitlesen“ zu lassen.

Wichtige Erkenntnis für mich: Dass ich ein gutes Käsemesser benötige, wusste ich ja schon länger. Jetzt brauche ich aber zudem dringend ein echtes Chai Dao.

Ernest Hemingway, Der alte Mann und das Meer

Es gibt ja so eine populäre Dichotomie in der Literatur, nach der es den Genius-Schriftsteller und den arbeitenden Autor gibt. Ersterem fließt jedes Wort direkt druckreif aus der Feder. Letzterer feilt an Worten, Sätzen und Absätzen, bis auch jedes überflüssige Gran entfernt ist (oft fallen die Resultate hier quantitativ etwas schmaler aus).

Obwohl ich selbst so manchen Genius wie Döblin oder Balzac schätze, gebe ich gern zu, dass ich vor den Feilern (ja, richtig, mit F) doch eine ganz andere Art der Hochachtung hege, insbesondere wenn das Ergebnis stimmt. Denn aus eigener Erfahrung weiß ich, wie mühselig dieses Finden eines Worts ist, das noch passender ist, eines Ausdrucks, der noch treffender ist.

Hemingway ist so ein Fall. Er hat an seinen Texten gearbeitet und obwohl man die Arbeit an sich nicht sieht, merkt der aufmerksame Leser doch, dass hier jemand wirklich jedes unnötige Beiwerk weggekürzt hat.

Das ist mir bereits hier aufgefallen, beim alten Mann und dem Meer ist es noch deutlicher – vermutlich auch angesichts der Gesamtlänge des Texts.
Die Novelle ist insgesamt sehr schlicht, aber nicht simpel. In ihrer Schlichtheit ist sie zugleich bestechend.

Wie ein Foto, auf dem Motiv, Ausschnitt, Proportionen und Farbgebung einfach perfekt sind. Klar, es ist „nur“ ein Foto und kein hyperrealistisches Ölgemälde. Aber auch beim Foto gibt es ästhetische Vorgaben, die ein Motiv gut aussehen lassen.
Beim alten Mann und dem Meer hat Hemingway diese Vorgaben definitiv erfüllt. Großartig!

Ernest Hemingway, For Whom the Bell Tolls

Ich glaube, es war ein Fluch, dass ich als Kind die Verfilmungen von „Schnee auf dem Kilimandscharo“ und „Der alte Mann und das Meer“ gesehen und wirklich sehr, sehr gemocht habe. Ich möchte nicht beschwören, dass ich damals den Kilimandscharo überhaupt begriffen habe, aber der Kampf mit dem Marlin ist dermaßen auf das Grundprinzip des Lebens gekürzt, dass ihn jeder verstehen kann. Obwohl ich nun Hemingway als Erzähler von Geschichten also schon früh sehr schätzte, hatte ich tatsächlich bis neulich keine einzige Zeile von ihm gelesen. Das musste geändert werden, also erstand ich „For Whom the Bell Tolls“, auch weil ich mich angesichts aktueller Krisen auf der Welt ein wenig über den spanischen Bürgerkrieg informieren wollte.

Was soll ich sagen? Ich war vorher bereits über Hemingway als Erzähler hocherfreut. Jetzt – da ich ihn zum Glück im Original gelesen habe – muss ich auch noch einräumen, dass er wirklich schreiben konnte. Okay, er nutzt auch unnötige Tricks (so lässt er die Spanier ein altertümliches Englisch reden, das vorgeblich einen kastilianischen Dialekt imitieren soll), verhüllt Unflätigkeiten in Fremdsprachen, die bei der Veröffentlichung keinem Zensor aufgefallen sein dürften, oder tauscht sie aus gegen Wörter wie „obscenity“ („I obcenity in your milk!“). Aber er weiß auch sehr genau mit Literatur umzugehen. Sätze wie „An onion is an onion is an onion … a stone is a stein is a rock is a boulder is a pebble“ zeigen z.B. recht deutlich, was und wen Hemingway kannte. Andere Szenen wiederum nutzen so intensiv den Rhythmus der Sprache, dass Hemingway gar nicht erst zu schildern braucht, was da genau gerade zwischen zwei Menschen passiert (ja, so eine Szene). Außerdem sind Hemingways Wechsel von reiner Erzählung zu den Gedanken der erzählten Person einfach genial elegant und gelungen. Gerade das schafft er deutlich weniger bescheuert als Joyce.

Leider ist mein Bücherberg immer noch viel zu hoch, weshalb ich mir ungern neue Bücher anschaffe zurzeit. Aber wenn ich mich ein wenig weiter durchgearbeitet haben werde, wird dieses Buch sicher nicht mein letztes von Hemingway gewesen sein.

Curt Hohoff, Kleist (Rowohlt-Biographie)

Ich fürchte, an Kleist scheiden sich die Geister. Was hab ich mir für Meckereien anhören müssen von Leuten, denen er in der Schulzeit gehörig vergällt wurde.

Das ist echt schade. Denn Kleist ist nicht nur eine wichtige Größe für die deutschsprachige Zeitungsevolution, sondern ein ganz besonderer Formulierungskünstler, dergestalt, dass er, und zwar gern auch als Einschub, Nebensätze aneinanderreiht, atemlos, punktlos und schließlich mit direkter Rede, die er ebenso gehetzt in mehere Teile gliedert.

Sonst noch was? Ach ja, sein Leben war kurz und spannend. Eben eine helle Flamme in bewegten Zeiten. Wo sind solche Autoren heute?

Dementsprechend wichtig sind Biographien über Kleist. Und sei es auch nur eine kleine Rowohlt-Biographie zum Reinschmökern.

Jerry Hopkins, Jim Morrison. König der Eidechsen. Die endgültige Biographie und die großen Interviews

Es ist eine Binsenweisheit, dass Menschen wie Morrison heute eine ganz andere Stellung besäßen, wenn sie noch lebten. Sie wären lange nicht die Ikone, die sie seit ihrem Tod sind. (Und in dieser ikonographischen Hinsicht gehören nicht nur die Mitglieder des Klubs der 27, sondern auch Leute wie James Dean, Marilyn Monroe oder Che Guevara.) Das schmälert aber nicht das Interesse an denjenigen, die mit nicht einmal drei Dekaden mehr erreicht haben als die allermeisten Menschen mit doppelt so viel Jahrzehnten Leben. Deshalb betrachte auch ich mich entschuldigt, gern mehr über das Leben dieses James Morrison zu erfahren.

Diese Biographie ist ein Schlüssel zum Verständnis seiner Person (mit Betonung auf „ein“). Man erfährt mehr über seine Hintergründe, über sein familiäres Umfeld, seine Einflüsse aus der Literatur – so zitierte er William Blake nicht erst in Doors-Liedern, sondern schon in High-School-Zeiten Lehrern gegenüber. Und man erfährt etwas darüber, wie er zusammen mit Ray Manzarek die Doors gründete, um sie schließlich in einem Mix aus Sättigung, geistig-körperlicher Verfettung, Alkoholsucht und einer gehörigen Portion Auseinanderlebens zu verlassen für eine „Karriere“ als Poet in Paris.
Unabhängig davon, dass er an dieser Karriereplanung schon durch seinen Tod gescheitert ist, möchte ich meinen, dass Morrison auch so in Paris gescheitert ist.
Seine dort verfassten Texte drehen sie bestenfalls im Kreis, schöpferisch kann er die Sackgasse, in der er saß, nicht verlassen. Statt in Paris hätte er zudem auch in einer Kleinstadt in der Pfalz leben können, denn die Umgebung nahm er praktisch kaum auf. Er blieb vielmehr ein Fremdkörper.

Es ist müßig, gedankenzuspielen, inwieweit er noch Größeres hätte leisten können, wenn er nicht gestorben wäre. Vielleicht hätte er ähnlich wie Cocker und Turner in den 80ern ein Comeback als Solokünstler hingelegt. Man weiß es nicht. Aber um im klassischen Bild – die helle Kerze brennt schneller – zu bleiben: Morrison flackerte nur noch, als er in Paris war; es scheint, als habe er sein Pulver zuvor verschossen.

Zum Buch: Qualitativ fand ich es nicht so wertvoll wie die Hendrix-Biographie, aber es bleibt insbesondere für den Fan durchweg informativ und interessant.

Eckhard Henscheid, Dummdeutsch

Henscheid hat hier eine Sammlung all jener Begriffe zusammengetragen, welche von Politik, Werbung und Journalistentum missbraucht werden, um Dinge zuzukleistern und zu übertünchen. Dem Wortmetz zweifellos zu Nutz und Frommen, bisweilen stecken natürlich auch bittere Erkenntnisse darunter.

Mitgewirkt haben bei diesem Bändchen, der übrigens auch in einer Reclam-Ausgabe erhältlich ist (war?), Carl Lierow und die allseits bekannte Elsemarie Maletzke, Letztere ihres Zeichens bekannt für ihre Biographien über die Brontës, Jane Austen und George Eliot – wenn ich auch einräumen muss, keins dieser Werke von ihr gelesen zu haben.

Homer, Odyssee

Auch eine Reclam-Ausgabe. Muss ich viel zu der Geschichte sagen? Wohl kaum. Außer vielleicht: Obwohl die Odyssee fraglos bekannter ist als die Ilias, ist sie als Text deutlich langweiliger. Wenn ich die Wahl zwischen den beiden Büchern habe, nehme ich auf die sprichwörtliche einsame Insel lieber die Ilias mit. (Und wenn ich ganz freie Wahl hätte, gleich was anderes, aber das ist ein weites Feld …)

Homer, Ilias

Die nächste Zeit werde ich immer wieder mal ein Reclambändchen zwischenschieben. Nicht weil ich die grundsätzlich so toll fände oder weil sie des Autorennamens dran wären. Nein, dies ist vielmehr der niedrigen Höhe der Bändchen geschuldet, die ich aus Platzgründen auszunutzen weiß.

Das erste Bändchen daraus ist Homers Ilias. Lange hatte ich mich ein wenig geärgert, zu Schulzeiten kein Griechisch gelernt zu haben, sondern im Latinum verblieben zu sein. Später wurde mir dann bewusst, dass dieser Tatbestand zumindest aus literaturwissenschaftlicher Sicht von Vorteil war. Denn so war mir Homer nämlich nicht zu Schulzeiten vergällt worden, sondern ich konnte ihn später mit entsprechender Reife genießen.

Nebenbei – hier liegt natürlich die Voss’sche Übersetzung zugrunde, während regelmäßige Leser wissen, dass ich noch die Übertragung von Raoul Schrott anpeile.

Ja, die Geschichte um die Schlacht von Troja ist ganz großes Kino. Und lustigerweise ist dieser Ausdruck so richtig wie falsch. Denn einerseits beschreibt er wunderbar die Spannung und die Action, die hier geschildert wird. Andererseits kann ich mir aber nicht vorstellen, dass jemals eine Verfilmung die vielen Facetten der Erzählung widerzuspiegeln vermag.

Zuletzt eine Anmerkung zur Frage, ob Homer nun ein Mensch war oder Dutzende Dichter ihren Teil zu diesem Werk beigetragen haben: Es ist mir egal. Der Text zählt. Und der ist einfach – klasse!

Aldous Huxley, Schöne neue Welt

Ach wie schön könnte doch die Welt sein, wenn die Regierenden nicht immer von den Untertanen belästigt würden. In dieser Hinsicht unterscheiden sich Demokratien auch nur geringfügig von Monarchien, Diktaturen und anderen absonderlichen Staatsformen. Nicht umsonst hat Churchill einst von der Demokratie als die schlechteste Staatsform gesprochen („wir haben aber keine bessere“).

Und wie einfach könnte man die Untertanen dazu bringen, die Regierenden nicht zu belästigen, indem man sie mit Drogen ruhigstellt? Ein probates Mittel, das nicht nur in Sekten bestens funktioniert, sondern letztlich dank der Droge Konsum auch bei uns noch. Dumm wird es leider, wenn die Abhängigen sich die Droge nicht mehr leisten können. Da könnten sie auf dumme Gedanken kommen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Ja, Huxley reitet mit der schönen neuen Welt auf einer ähnlichen Welle wie Orwell, würzt aber noch mit ein paar anderen Ideen wie einem Kastensystem und einer biologischen Vorauswahl. Was davon heute „erreicht“ wurde oder nicht – das sollte der Leser am besten selbst entscheiden, denn es ist eine hochpolitische Frage. Und in der Politik gibt es eben noch weniger als beim Geschmack eine endgültige Wahrheit.

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