Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

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Aldous Huxley, Schöne neue Welt

Ach wie schön könnte doch die Welt sein, wenn die Regierenden nicht immer von den Untertanen belästigt würden. In dieser Hinsicht unterscheiden sich Demokratien auch nur geringfügig von Monarchien, Diktaturen und anderen absonderlichen Staatsformen. Nicht umsonst hat Churchill einst von der Demokratie als die schlechteste Staatsform gesprochen („wir haben aber keine bessere“).

Und wie einfach könnte man die Untertanen dazu bringen, die Regierenden nicht zu belästigen, indem man sie mit Drogen ruhigstellt? Ein probates Mittel, das nicht nur in Sekten bestens funktioniert, sondern letztlich dank der Droge Konsum auch bei uns noch. Dumm wird es leider, wenn die Abhängigen sich die Droge nicht mehr leisten können. Da könnten sie auf dumme Gedanken kommen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Ja, Huxley reitet mit der schönen neuen Welt auf einer ähnlichen Welle wie Orwell, würzt aber noch mit ein paar anderen Ideen wie einem Kastensystem und einer biologischen Vorauswahl. Was davon heute „erreicht“ wurde oder nicht – das sollte der Leser am besten selbst entscheiden, denn es ist eine hochpolitische Frage. Und in der Politik gibt es eben noch weniger als beim Geschmack eine endgültige Wahrheit.

Aldous Huxley, Moksha. Auf der Suche nach der Wunderdroge

Baudelaire, Burroughs, Michaux, Thompson – man ahnt, dass ich ein besonderes Interesse an Autoren habe, die ein besonderes Interesse an Drogenerfahrungen haben. Da darf Huxley natürlich nicht fehlen. In diesem Band sind zahlreiche Essays von ihm versammelt, die Einnahme und Wirkung von psychedelischen Drogen behandeln. Wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, wird ihm sogar der Begriff „psychedelisch“ zugeschrieben, wobei in Wirklichkeit Humphry Osmond der Erfinder war. Auf jeden Fall eine spannende Sammlung, die ich eigentlich mal wieder lesen sollte – wie so vieles.

Victor Hugo, Der Glöckner von Notre-Dame

Mit dem Glöckner hat Hugo ein Denkmal gesetzt. Nicht einmal nur Paris oder Frankreich, sondern vor allem sich selbst. Praktisch hat er damit die Grundlagen für eine Romangattung geschaffen, der sich Eco viele Jahrzehnte später so fleißig bedient. Es ist die Wurzel aller komplex ausgetüftelter historischer Romane. Und das ist es auch, was die besondere Freude bei der Lektüre ausmacht.

Ich gebe zu, dass ich Les Miserables nicht gelesen habe, aber was ich davon kenne und gehört habe, erscheint mir zu ausufernd, als dass es mit der Qualität des Glöckners mithalten könnte. Auf jeden Fall lesenswert!

Knut Hamsun, Auf überwachsenden Pfaden

Das letzte Buch von Hamsun war ein autobiografisches Werk. Es sollte eine Art Verteidigung sein für sein Handeln. Praktisch stellt er sich aber selbst als dauernden Querkopf dar. Stellenweise ist das lustig zu lesen (beispielsweise in der Szene, als er sich mit einem Polizisten über die richtige Uhrzeit streitet, obwohl beide die Kirchturmuhr sehen können), oft schafft es aber auch ein wenig Distanz zum Autor, die verwunderlich ist, wenn man andere Bücher von ihm kennt.

Gerhart Hauptmann, Der Biberpelz

Mal eine kleine Variation der Musste-ich-lesen-Lektüre: Der Biberpelz stand im Literaturkurs an der Uni an. Und geriet so in meine Bibliothek. Hier bleibt er ziemlich einsam, denn auch wenn ich Hauptmanns Werk historisch zu schätzen weiß, wird seine Welt doch nie meine sein. Der Naturalismus, mit dem er arbeitete, hatte sich schon lange überlebt und mir scheint gerade darum die Würze im Text zu fehlen, auch wenn die Sozialkritik in dieser Diebeskomödie fraglos ihre Berechtigung hatte.

Knut Hamsun, August Weltumsegler und Nach Jahr und Tag

Der zweite und der dritte Band der Landstreicher-Trilogie Hamsuns. Lustigerweise kenne ich den ersten Band nur inhaltlich, habe ihn nie gelesen. Son bisschen ist diese Trilogie wie Astrid Lindgren oder Huck Finn für Erwachsene. Seltsame Geschichte von Leuten, die sich durch die Welt treiben lassen. Pikant ist der Punkt, dass die von Hamsun so geschätzten Nazis von den hier romantisierten Figuren bekanntlich wenig hielten und sie lieber ins KZ steckten als ihnen in einem Roman ein Denkmal zu setzen. Gutwillig betrachtet könnte man hierhin den bereits angesprochenen Widerspruchsgeist Hamsuns sehen, aber vermutlich ist das schon viel zu viel spekuliert.

Wie dem auch sei: Es ist durchaus kurzweilig und eine interessante Lektüre, auch wenn ich es nicht für Hamsuns Meisterwerk halte.

E.T.A. Hoffmann, Der Magnetiseur. Spuk- und Kriminalgeschichten

Dass ich manche, aber nicht alle Geschichten von Hoffmann mag, dürfte dem fleißigen Leser hier nicht neu sein. Hier bekam ich einmal vom Aufbau-Verlag eine kleine Sammlung an Erzählungen, die zwar nicht uninteressant waren, aber sicher nicht zum Besten gehören, was Hoffmann aufs Papier gebracht hat. Sie helfen dennoch dabei, einen kleinen Überblick über sein Werk zu bekommen:

  • Der Magnetiseur
  • Ignaz Denner
  • Das Majorat
  • Die Marquise de la Pivardiere
  • Die Räuber

Hermann Hesse, Der Steppenwolf

Der alte Klassiker. Vermutlich bis heute DAS Buch für alle Teenager, meines Erachtens mehr noch als der Fänger im Roggen. Ich glaube, wenn man nachvollziehen möchte, wie Goethes Werther im 18. Jahrhundert eingeschlagen hat, braucht man nur Teenager über den Steppenwolf zu sprechen hören. Dieser „Das bin ich!“-Effekt dürfte bei wenigen Büchern höher sein.

Übrigens gibt es von Robert Crumb einen wunderbaren kurzen Text über die raffinierte Technik der Ich-Identifikation, auf der praktisch die gesamte Popkultur basiert. Ich schweife ab – nur um gleich wieder abzuschweifen: Ich hatte mich doch mal zu Büchern geäußert, die nur in bestimmten Altersstufen funktionieren. Ja, richtig geraten, dasselbe gilt für den Steppenwolf. Deshalb passt an dieser Stelle wunderbar eine Anmerkung von Reich-Ranicki. Der sagte nämlich einmal, er habe den Steppenwolf dreimal gelesen: einmal als Jugendlicher, da war er entzückt. Einmal nach dem zweiten Weltkrieg, da war er enttäuscht. Und einmal Jahre später im Rahmen einer Untersuchung – da war er entsetzt.

Knut Hamsun, Mysterien

Hamsun war in seinem Leben so manches. Ganz besonders war er aber jemand, der aus der Menge herausstechen wollte, der Nein sagte, wenn andere Ja sagten (und Ja, wenn andere Nein sagten). Es gibt zwei Bücher, in denen diese Haltung besonders deutlich herausgearbeitet ist. Das ist „Auf überwachsenen Pfaden“ und „Mysterien“. Dabei ist Mysterien fraglos krasser, auch wenn es ein reiner Roman ist – anders als die Pfade, die autobiographische Wurzeln haben.

Mysterien ist ein fabelhafter Text, der sich aus kleinen und großen Betrügereien speist, die eigentlich keinem echten Zweck dienen. Besonders hübsch zwei Details: Die Hauptfigur schickt sich selbst zu seinem künftigen Hotel ein Telegramm mit dem Inhalt, dass jeder im Kaff wissen muss, dass sie reich ist. Das erwekt natürlich sofort großes Aufsehen, dank dessen die Figur in die besten Kreise eingeführt wird. Hier findet sich die Figur auf einer Party ein, in deren Verlauf es um eine Rechnung geht. Andere Figuren kommen zur korrekten Lösung, die die Hauptfigur lautstark anzweifelt, obwohl sie selbst weiß, dass das Ergebnis stimmt. Es geht ihr allein um den Effekt, durch Widerspruch aufzufallen. (Eine sehr vergleichbare Szene findet sich dann später im genannten „Auf überwachsenen Pfaden“.)

Doch diese Widerworte um den Effekt sind nur ein Element, das immer wieder Spannung in den Roman bringt. Andere Elemente sind Liebe, versuchter Freitod und vertrackte Beziehungskisten. Alles in allem halte ich es für das gelungenste Buch Hamsuns.

Sebastian Haffner, Schreiben für die Freiheit

Als Ausgleich für das bei Nazis beliebte Buch von vorgestern möchte ich heute eine Sammlung vorstellen, die sehr bewegend ist. Sebastian Haffner, ein Doyen, zu dem nicht nur ehrhafte Journalisten aufschauen sollten, hat eine Vielzahl wichtiger Texte verfasst. Das vorliegende Buch – Untertitel „1942–1949: Als Journalist im Sturm der Ereignisse“ – befasst sich mit einer bestimmten Auswahl. Es geht um Texte, die im Londoner Exil verfasst hat, bevor er Mitte der 50er-Jahre wieder nach Deutschland zurückkehrte. Eine gute Beobachtungsgabe und ein waches Auge zeigen dabei, was man von London aus sehen konnte, hier in Deutschland aber niemand sehen wollte (bzw. hinterher nicht „gewusst“ hatte). Für mich persönlich geht es eng zusammen mit einer Essaysammlung von Heinrich Mann, die unter dem Titel „Der Hass“ publiziert ist und die ich hier beizeiten noch vorstellen werde. Auf jeden Fall sind beide Bücher mehr als lesenswert!

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