Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

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Catherine Merridale, Der Kreml. Eine neue Geschichte Russlands

Dieses Buch hatte ich eher zufällig entdeckt. Die Idee, die Geschichte Russlands anhand des Kremls zu schildern, fand ich damals hochinteressant. Und die Idee gefällt mir auch nach der Lektüre noch.

Aber erst kurz zum Inhalt: Merridale erzählt von Gründung des Reiches der Rus bis zu Putin, wie der Kreml entstand, vergrößert und umgebaut wurde, wie er immer wieder abbrannte, welcher Herrscher in die Festung zog oder ihr entfloh. Alles in allem also wirklich eine reizvolle Idee. Nur hat die Umsetzung dieser Idee leider zwei deutliche Schwachstellen.

Die erste Schwachstelle ist die Autorin. Merridale, die der Klappentext als herausragende Russlandhistorikerin feiert (Kommentar geschenkt), setzt meiner Meinung nach ein bisschen viel auf angelsächsische Tertiärquellen* und zu wenig auf russische Originalquellen. Immerhin ist es aber löblich, dass sie viele Details mit Anmerkungen belegt (da blitzt jedenfalls die Historikerin durch).

Daneben hat Merridale auch direkt im Kreml geforscht. Was sie von diesen Besuchen erzählt, lässt allerdings an ihrer fachlichen Eignung zweifeln. Denn zu oft schwingt da ein Tonfall mit, dass sie im Kreml zwar auch mal hinter sonst verschlossenen Türen gucken durfte. Hauptsächlich erzählt sie von diesen Besuchen aber Andeutungen, geheimnisvolles Geraune oder angedeutete Geschichtchen vom Hörensagen und vor allem – ohne Belege. Auf mich als Leser wirkt das so, als ginge sie immer wieder irgendwelchen Kremlmärchen auf den Leim.

Die Quelle der zweiten Schwachstelle kann ich nur bedingt orten: Einerseits gibt es inhaltliche Fehler, die zum Teil weh tun. Andererseits gibt es Formulierungen, die noch weher tun.

Zwei Beispiele für inhaltliche Fehler: Recht zu Beginn des dicken Buchs schildert Merridale die Beziehungen zwischen der slawischen Bevölkerung und den Warägern (vulgo: Wikingern). Um zu unterstreichen, wie gefährlich die Waräger  im Frühmittelalter waren, erwähnt sie, dass diese damals so Metropolen wie Konstantinopel überfielen. Als Jahr dieser Attacke nennt sie peinlicherweise 1860. Richtig gelesen. Knapp 400 Jahre, nachdem Konstantinopel nicht mehr Konstantinopel war. Hier würde mich echt mal interessieren, ob der Fehler schon im Original steht oder erst durch die Übersetzung reingerutscht ist. Auf jeden Fall hätte ich mir hier einen aufmerksamen Lektor gewünscht, der historisch gebildet ist und mitdenkt.

Im selben Zusammenhang schwadroniert Merridale, es wäre damals Christen und Moslems verboten gewesen, sich gegenseitig zu versklaven. Das ist nun wirklich bitterer Unsinn. Erstens hatten damals Christen und Moslems Sklaven jedweder Couleur. Zweitens wurde das Sklaventum im eigentlichen Sinne auch in Europa erst im 19. Jahrhundert abgeschafft (Thema Leibeigenschaft). Drittens überfielen Barbareskenschiffe noch im selben Jahrhundert die europäische Nordseeküste und versklavten überfallene Europäer. Und viertens gibt es auch heute noch sklavenähnliche Zustände auf der ganzen Welt – dazu braucht man nur die Zeitung aufzuschlagen.

Ähnliche schlecht recherchierte Macken gibt es im Buch zuhauf. Nun bin ich in der glücklichen Situation, einige derartiger Fehler entlarven zu können. Immer kann aber auch ich nicht beurteilen, ob Inhalt nun auf Fakten beruht oder auf bodenlosen Unsinn.

Manchen Unsinn möchte ich zudem  dem Übersetzer in die Schuhe schieben, denn ich bezweifle arg, dass Stilblüten wie „Es glich einem dirnenhaften, vorschnellen Meineid“ so im Original stehen (gemeint ist mit diesem Satz übrigens das Gebäude der Christ-Erlöser-Kathedrale, die in den 1990er-Jahren im Kreml nachgebaut wurde).

Kurz: Ich fand das Buch etwas enttäuschend. Der Inhalt ist zwar umfassend und informativ. Er ist aber auch nur bedingt nachvollziehbar und glaubhaft. So verliert das ganze Projekt leider viel an Wert.

* Zur Qualität angelsächsischer und insbesondere US-amerikanischer Geisteswissenschaftler, die das Rad in einer kindlich vereinfachten Version jede Woche neu erfinden, diese Erfindung aber dann penetrant noch ins letzte Käseblatt publiziert bekommen, möchte ich mich hier nicht näher äußern. Manche Vorurteile möchten eben gepflegt werden.

Golo Mann, Wallenstein

Wer hier öfter liest, kennt vielleicht meine Einsatzrezi zu Allens Zelig, einem meiner absoluten Lieblingsfilme. Aufs Detail möchte ich hier gar nicht eingehen, wer den Film aber nicht kennt, möge wissen, dass ein wichtiger Auslöser der Geschichte das Buch Moby Dick ist, das die Hauptfigur Zelig in der Schule nicht gelesen hat.

Den Gag, der aus diesem Ursprungsproblem entsteht, finde ich so amüsant, dass ich Bücher, durch die ich mich einfach nicht durchkämpfen kann, gern als meinen Moby bezeichne – wobei der Witz zugegebenerweise ist, dass ich ausgerechnet den gelesen habe, wenn auch nicht im Original (in dieser Hinsicht ist Moby Dick auch mein Moby Dick, um die Selbstreferenzialität ins Absurde zu treiben).

Golo Manns Wallenstein war so ein Moby Dick für mich. Ein Riese, der mir im zweiten Semester von einem Prof ans Herz gelegt wurde als Beispiel für wohlformulierte wissenschaftliche Arbeit. Ich, damals noch im Wahn, mir eine ausgiebige Bibliothek zuzulegen, die mir in schwachen Momenten heute eher wie ein Klotz am Bein vorkommt, ging natürlich in die Unibücherei und erwarb das Monster. Ja, ich begann sogar kurz darauf mit der Lektüre, brach sie aber bereits nach etwas über 100 Seiten ab, weil ich es furchtbar zu lesen fand: so viele Figuren und Personen, die Mann kaum näher erklärt, sie stattdessen kurz anreißt und mit ihnen arbeitet, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, jeden Hinz und Kunz des 17. Jahrhunderts zu kennen, der mal irgendwo an einem Hof Europas den Mund aufgemacht hatte.

Es war eine Schmach für mich. Ich, der ich mit dem Ansatz an praktisch jedes Buch gehe, es zu Ende lesen zu müssen, weil ich es nicht beurteilen möchte, bevor ich es nicht ganz kenne. Man denke nur an Eco: Wie viele seiner Bücher fangen mit superlangweiligen ersten 100 Seiten an, bevor sie richtig durchstarten?

Auch heute gibt es nur eine Handvoll Bücher, die ich ernsthaft angefangen und nicht zu Ende gelesen habe (Sartres Sein und Nichts z.B.; bislang zwei Versuche, beide kurz nach Seite  200 gescheitert). Daher war es nur eine Frage der Zeit, mich irgendwann noch mal an Mann zu versuchen.

Es ging einher mit einer Ausrümpelaktion meiner Bibliothek. Ich wollte das Buch loswerden, nicht aber, bevor ich es gelesen hatte. Als begann ich. Und litt. Im Prinzip an denselben Problemen übrigens wie damals, obwohl mein historischer Horizont mittlerweile um ein Vielfaches gewachsen ist. Es war eine Qual. Kaum las ich drei Absätze, konnte ich schon einschlafen. (K)Eine perfekte Bettlektüre also. Trotzdem kroch ich nach und nach durch die Seiten, erst zu Dutzenden, dann en gros, irgendwann – ich prüfte natürlich permanent, wie viele Seiten noch anstanden – blieben nur noch wenige Hundert Seiten. Dann kam der totale Durchhänger. Ich ließ das Buch auf dem Nachttisch liegen, als Erinnerung. Irgendwann mutierte es eher zum Mahnmal, schließlich zum Möbel, das ich bequem ignorierte, um mein bisschen freie Zeit unterhaltsamer zu verbringen. Dort lag das Möbel ungelogen und unaufgeschlagen fast zwei Jahre.

Vor wenigen Wochen ging es mir dann doch auf den Keks, dass dieser Block neben meinem Wecker Platz beanspruchte, den ich sinnvoller nutzen wollte. Ich nahm Wallenstein also in die Hand und stellte zu meinem Vergnügen fest, dass ich nur noch schmale 150 Seiten zu lesen hatte (von knapp 1.000 eng bedruckten Seiten, der Rest sind für meine Zwecke uninteressante Anmerkungen). Diese positive Überraschung spornte mich an. Ich nahm den Ziegel also in Hand, quälte und ärgerte mich weiter über diesen geschraubten Schrott, der fraglos super recherchiert war. So super, wie ich vermute, dass Mann schließlich seine Gehirnfalten in die pathetische Hinrissigkeit gebogen hatte, dass er nicht mehr normal schreiben konnte und selbst noch die schlimmsten Wurstsätze seines Vaters toppt.

Und ja, ich habe es schließlich geschafft: Der Mist ist durch. Dem Professor könnte ich für diese „Empfehlung“ heute noch auf dem Flur ein Bein stellen. Zu unser beider Glück hatte er aber auch ein paar Empfehlungen auf Lager, die ich wesentlich gewinnbringender umsetzen konnte – daher verzichte ich mal auf diesen Gewaltausbruch.

Mal was anderes – Buch zu verschenken: Golo Manns Wallenstein. Eins a Liegeware, erst einmal gelesen. Abholung oder gegen Porto.

Haruki, Murakami, Kafka am Strand

Es gab keinen bestimmten Grund, warum dieses Buch die Lesereihenfolge des Buchpakets abschloss. Ich fürchte aber, es war gut so. Denn von allem, das ich von Murakami kenne, fand ich es bisher am schwächsten.

Sicher, es hat auch sehr viele schöne Beobachtungen, enthält zahlreiche kluge Gedanken, die es wert waren, gedacht, niedergeschrieben und gelesen zu werden. Aber eben diese guten Gedanken hätten problemlos auf die zu zahlreichen Szenen verzichten können, die sich aus den schwülstigen Pseudosehnsüchten eines pubertierenden Jungen speisen.

Ja, es war vielfach ermüdend, diesen klebrigen Schilderungen zu folgen. Sie pusten die Geschichte unnötig auf, die sich ansonsten aus allerlei Ausflügen in Historie, Märchen und – ja, man fast schon sagen – üblichen Murakami-Traumwelten zusammensetzt.

Mehrfach fragte ich mich während der Lektüre, ob Murakami das Buch mit derselben Technik geschrieben hat wie Dick seinem Orakel vom Berg. Letzteres ist bekanntlich entstanden, indem Dick die Entscheidungen der Figuren seinem I-Ging überließ. Das merkt man dem fahrigen und an den meisten Stellen offenen Buch auch an, weshalb ich Dicks Experiment zwar interessant finde, aber für gnadenlos gescheitert halte.

Darauf lässt sich übrigens auch Kafka am Strand herunterbrechen: sehr interessant, aber irgendwie gescheitert.

DocTotte liest: Das Spukschiff (Sigurd Mathiesen), Teil 3

DocTotte liest: Das Spukschiff (Sigurd Mathiesen), Teil 2

DocTotte liest: Das Spukschiff (Sigurd Mathiesen), Teil 1

Haruki Murakami, Von Männern, die keine Frauen haben

Vorrede

Man mag sich wundern, aber die aktuelle Murakami-Phase hat Gründe: Ein Murakami-Care-Paket erreichte mich von einer lieben Freundin. Dass es länger ungelesen lag, hatte leider auch Gründe. Genau wie es jetzt Gründe gibt, endlich Muße für die Lektüre zu finden.

Butter bei die Fische

Von Männern, die keine Frauen haben ist eine Sammlung von sieben in sich abgeschlossenen Erzählungen. Rein inhaltlich vereint sie nichts, dafür eint sie die Qualität Murakamis – und natürlich der eponyme rote Faden, dass es also um Männer geht, die keine Frau (mehr) haben. Dabei führen verschiedenste Wege zu diesem, ich sage mal, Ergebnis.

Seien es Männer, die keine Frauen mehr haben, seien es Männer, die noch nie eine Frau hatten. So verschieden die Wege sein mögen, allen fehlt etwas, sie sind ohne ihren Westwind. Murakami löst dieses Thema aber bei jeder Geschichte individuell und bei einigen sogar höchst einfallsreich. So amüsiert mich z.B. Murakamis Kniff, Kafkas Verwandlung zurückzuspiegeln (Samsa erwacht bei Murakami plötzlich vollkommen orientierungslos in seinem Menschenkörper in der leeren Wohnung der Samsas und versucht, sich in dieser Rolle zurechtzufinden.)

Insgesamt ein kurzweiliger Spaß mit etlichen Beobachtungen und Einfällen.

Haruki Murakami, Naokos Lächeln

Als ich einer Freundin von dieser Lektüre erzählte, stellte sie mir die Frage, ob es wirklich so erotisch sei, wie behauptet würde. Ich hatte zu dem Zeitpunkt noch gar nicht so viel gelesen, konnte es also (noch) nicht bestätigen. (Auch angesichts der späteren – wie es im angelsächsischen Raum so schön heißt – expliziten Szenen würde ich das Buch allerdings nicht als erotisch im eigentlichen Sinne bezeichnen.)

Ich folgte daher noch einige Tage dem Leben von Toru zwischen seinen Freunden aus der Kindheit Kizuki und Naoko sowie seiner späteren „Freundin“ Midori, zu der er sich wegen der Liebe zu Naoko nicht durchringen kann.

Alles ist aufgespannt vor den Ereignissen der 60er in Japan, durchmixt mit zahlreichen kleinen und größeren Musiken. Oder genauer: Es wird projiziert auf den leichten, seidenartigen Vorhang der typischen Murakami-Welt, die keine Traumwelt ist, ihr aber in vielerlei Hinsicht gleicht.

Von Spaß zu reden wäre angesichts der insgesamt doch irgendwie bitteren Geschichte Hohn. Aber es ist gute Lektüre, gute Unterhaltung und vor allem: gut geschrieben.

Haruki Murakami, Der Elefant verschwindet

Eine Sammlung aus acht teils recht ungewöhnlichen Geschichten. So miniaturhaft sie angelegt sind, so sehr zeichnen sie sich auch in dieser Kleinheit durch Murakamis besondere Art aus, ein eigenes Universum zu erschaffen. Ein Universum, an dem man als Leser in keinem Moment zweifelt. Man versinkt einfach; fast wie in dem hypnagogischen Zustand beim Eindösen vergleichbar. Auch hier nimmt man alles, was einem erscheint, für wahr, bindet es gegebenenfalls sogar in die dösenden Gedanken mit ein, was ihnen ein besonders realistisches Umfeld beschwert.

Für ein kurzes Eintauchen in Murakamis Welt durchweg zu empfehlen.

Haruki Murakami, Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede

Warum ich ausgerechnet ein Buch über Laufen lese, wurde ich während der Lektüre gefragt. Nun, das war eine einfach zu beantwortende Frage: weil es mir von einer Freundin geliehen wurde, die weiß, dass ich gern Murakami lese.

Warum ich Vergnügen an der Lektüre des kleinen Büchleins empfand? Das ist ähnlich leicht zu beantworten. Weil Murakami in einer Reihe von Essays erklärt, dass er schreibt, wie er läuft. Man erfährt durch seine Schilderungen daher einiges nicht nur über seine Läuferkarriere, sondern erhält auch interessante Einblicke in seine Sicht auf (für ihn) wichtige Dinge der Welt.

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