Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Die andere Bibliothek Seite 1 von 2

Daniel Defoe, Der Consolidator

Bücher aus der Anderen Bibliothek habe ich sehr lange sehr geschätzt. Nicht erst seit dem Weggang von Enzensberger sind meine Erlebnisse mit dieser Reiher leider enorm wechselhaft geworden. Ich bin schon vorsichtig, aber trotzdem tapse ich immer wieder in die Falle, dass ich entweder denke:

a „Boah! Interessantes Buch eines mir unbekannten Autors!“

oder

b „Boah! Interessantes Buch eines Autor, den ich zwar kenne [und schätze], von dem ich aber nicht wusste, dass er SOWAS geschrieben hat!“

Der Consolidator war eindeutig Variante b. Dabei hätten mich die Schmerzen, die ich bei der Lektüre des Crusoes hatte, mich warnen müssen. Sei es, wie es ich – im Laden dachte ich: Mensch, dit musste probieren.

Tja. Leider Armlecken. Das Buch ist – wie üblich in der Reihe – natürlich wieder fantastisch gestaltet, toll gesetzt etc. Aber der Inhalt? Ich will mal so sagen: Ich hab mich lange nicht mehr so bei der Lektüre geärgert. Das Ganze wird verkauft als „Mondbuch“. Wer nun aber eine Art frühen Jules Verne erwartet, fällt mächtig auf die Fresse. Defoe platscht einfach die zeitgenössischen politischen Entwicklungen Europas und insbesondere Englands auf die Mondoberfläche, verballhornt Länder- und Königsnamen und meckert in einem fort über Gesellschaft und Politik.

Lange hatte ich gedacht, ich würde gern mal mehr über Cromwell und seine Folgen lesen. Aber der dreifach verschlüsselte Quatsch, der selbst für einen halbwegs historisch bewanderten Menschen nur dank Anhang wenigstens ansatzweise verständlich wird, verursacht bei der Lektüre doch arge Störungen im limbischen System (und woanders). Die einzige Lehre, die ich daraus zu ziehen vermag ist: Die Briten waren schon 300 Jahre vor dem Brexit bescheuert.

Dringende Lesewarnung! Nicht kaufen! Vor allem nicht für den gepfefferten Arschpreis, der höchstens ansatzweise aufgrund der schönen Gestaltung gerechtfertigt ist!

Karl Wezel, Hermann und Ulrike

Irgendwie unglückliche Gestalten gibt es in der Literaturgeschichte ohne Frage mehr als genug. Von der einen Gestalt hat kaum jemand etwas gehört, von anderen hat zumindest irgendetwas überlebt.

Wezel gehört eher zur zweiten Gattung. Zum Teil weil er zu seiner Zeit schon bekannt war, es sich aber mit seinen Zeitgenossen verscherzte – oder die es sich mit ihm. Zum Teil aber natürlich auch, weil er von Multiplikator Arno Schmidt ausgegraben und im Rahmen von dessen Radioessays präsentiert wurde.
Der konzentrierte sich allerdings auf Wezels Belphegor, ein zwar lesenswertes, aber milzsüchtiges Buch.

Amüsanter ist dagegen Hermann und Ulrike. Das präsentiert zwar eine ähnlich bösartige Welt. Aber um die Hauptfiguren entwickelt sich insgesamt eine positivere Geschichte, wenn auch mit mehrfachen Redundanzen.

In der aktuellen Ausgabe der Anderen Bibliothek sollte man als Leser allerdings die Bereitschaft mitbringen, nicht auf moderne Rechtschreibung zu bestehen. Dann macht der Doppelband auf jeden Fall Freude.

Michail Ossorgin, Eine Straße in Moskau

Ein hübscher Band aus der Anderen Bibliothek, ein Schmuck im Regal und ein Schmuck an geschilderter Beobachtung. Ossorgin erzählt ausgehend von Bewohnern einer Moskauer Straße, wie es ihnen und einigen Verwandten und Freunden in einer Zeit ergeht, die Moskau und Russland vollständig umkrempeln sollte.

Begonnen am Vorabend des ersten Weltkriegs trudeln die Figuren durch Krieg und Revolution. Dabei bedient Ossorgin sich eines Tricks, indem er vor allem im ersten Teil alles im Ausschnitt und leicht distanziert betrachtet.

Sehr deutlich für diese Erzählweise ist das Kapitel, in dem er von den Schilderungen eines Ameisenhaufens in einem schwindelerregenden Schwenk auf die zaristische Armee im Aufmarsch wechselt.

Diese oft verdichtete Sicht durchs Brennglas hat den Vorteil, zahllose Facetten des damaligen Lebens detailliert wiedergeben und doch ein Panorama schaffen zu können. Es hat aber zugleich den Nachteil, dass er praktisch zu keiner Figur eine echte Nähe herzustellen vermag. Alles bleibt Distanz, trotz der genauen und meistenteils sympathischen, fast nie aber lächerlich machenden Schilderungen.

Der zweite Teil des Romans beschäftigt sich mit der Zeit der Wirren direkt nach der Revolution. Mangelwirtschaft, Diebstahl, Hunger, erste Terrorwellen kennzeichnen diese Zeit. Sie liegt, und das drückt auch das Lesevergnügen nachhaltig, wie Blei auf den Seiten, denn jede Figur erleidet eigentlich nur noch Widrigkeiten, selbst die, denen es im System „eigentlich“ gut gehen sollte, führen genau genommen ein furchtbares Leben.

Im Ganzen auf jeden Fall ein empfehlenswertes Buch, wenn auch eher für einen kleinen literarisch interessierten Kreis.

Übrigens erinnerte Ossorgins mich vielfach an die Darstellung in Georges Perecs „Das Leben. Gebrauchsanweisung“, wobei Perec wesentlich mehr Sympathien zu den Figuren erzielen kann.

Saul K. Padover, Lügendetektor. Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/45

Ein besonders beeindruckendes Buch ist die Schilderung dieses ungewöhnlichen Autors. Padover – in Wien geboren, aber bereits 1920 mit den Eltern in die USA übergesiedelt – kam mit den amerikanischen Besatzungstruppen nach Deutschland. Hier konnte der soziologisch-psychologisch interessierte Padover in Naziverhören erfahren, was für Menschen das waren, die nicht nur sechs Millionen jüdische Europäer ermordet hatten, sondern in nahezu jeder Lebenslage viel Leid erzeugt hatten, wenn es ihnen Vorteile brachte. Unterschiede zwischen Bürgern verschiedener Schichten sind dabei praktisch nicht zu erkennen.

Für mich war Folgendes besonders beeindruckend: Eine Nazifrau, die beleibe nicht unschuldig war, versuchte in ihrem Verhör ihre gute Gesinnung mit allerlei Papieren zu belegen. Padover hat an diesem Punkt die Erleuchtung, dass wir Deutschen keine Probleme damit hatten, Menschen zu verbrennen. Papiere und Urkunden aber, die würden wir niemals verbrennen.

So platt das in dieser Situation klingt, ich glaube, hier hat er recht, und zwar bis heute. Denn anders ist dieser Wahn aus Zeugnissen, Zertifikaten, Belegen und Urkunden nicht zu verstehen. Ohne Papier ist und bleibt man wertlos in diesem Land.

Sigurd Mathiesen, Das unruhige Haus. Zehn unheimliche Geschichten

Geistergeschichten haben mich schon fasziniert, als ich noch ein kleines Kind war. Nicht nur, dass ich selbst davon überzeugt war, dass in einer Ecke unserer Wohnung Gespenster wohnten (die ich nebenbei nie gesehen oder gehört habe, es war pure Überzeugung). Nein, ich hörte auch mit gruselnder Wonne den Gespenster-Tango von Herman van Veen (zweiter Teil des Lieds „Warum hast du Angst?“). Später kaufte ich mir die grässlich schundhaften Gespenstergeschichten-Comics, die dermaßen dämlich waren, dass es eher schon albern als spannend war. Den eigentlichen Dreh bekam ich dann mit der Sammlung von Apel und Laun, den Geschichten von Storm, Jahnn (zu allen später mehr) und eben auch mit diesen unheimlichen Geschichten eines norwegischen Autors, der in Deutschland praktisch unbekannt ist. Die Geschichten sind sehr eigen, ich hätte Schwierigkeiten, sie einer bestimmten Richtung einzuordnen. Es sind auch nicht unbedingt Geistergeschichten, sondern erinnern manchmal eher an Konstruktionen von Poe, die Mathiesen aber ganz anders angeht. Auf jeden Fall sind sie die Lektüre wert.

Wer einmal einen Eindruck bekommen möchte, kann hier meiner Lesung einer Beispielgeschichte lauschen: DocTotte liest das Spukschiff.

Henri Michaux, Ein Barbar auf Reisen

Henri Michaux, der französische Poet, über den ich einmal gelesen habe, dass er bewiesen habe, dass man auch unter Drogeneinfluss gut schreiben kann, hat sich nicht nur mit Reisen beschäftigt, sondern auch Reisetagebücher geschrieben. Ecuador, Indien, Malaysia, China, Bali – Michaux ist schon etwas herumgekommen und stellt interessante Beobachtungen an. Zum Beispiel weist er auf die Unterschiede zwischen christlichen Kirchen und indischen Tempeln hin. Während die Kirchen riesig, bombastisch sind und die Kleinheit des Einzelnen nicht nur unterstreichen, sondern in Stein meißeln, sind die meisten indischen Tempel – insbesondere das eigentliche Heiligtum – gerade eher klein, eng und bedrängt. Der Mensch braucht sich hier nicht unbedeutend und wertlos zu fühlen. Allein aus solchen Beobachtungen zieht Michaux Rückschlüsse auf unsere europäische Barbarei, obwohl er doch so fern unterwegs ist. Ein tolles Buch, ein lesenswertes Buch. Ein Buch, das ich nur empfehlen kann.

Elisabeth Lenk, Katharina Kaever, Peter Kürten, genannt der Vampir von Düsseldorf

Serienmörder, ihr meist unauffälliges Verhalten innerhalb der Gesellschaft, das Entsetzen und die Hatz unterliegen meist sehr ähnlichen Abläufen. Der Fall des „Vampirs von Düsseldorf“, der fünf Erwachsene und vier Kinder umgebracht und zum Ende der Weimarer Republik geschnappt wurde, scheint für uns deutsche dennoch ein besonders typischer Fall zu sein. Die beiden Autorinnen haben für den Band aus der Reihe der anderen Bibliothek zahlreiche Unterlagen gewälzt und gut lesbar aufbereitet. Sie lassen ein Bild der Gesellschaft im Rheinland der späten 20er Jahre entstehen, das gut nachvollziehbar ist.
Übrigens hat es bereits früher, quasi zeitgleich eine kulturelle Auseinandersetzung mit diesem Fall gegeben: in dem Film „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ von Fritz Lang.

Stephen Kinzer, Putsch! Zur Geschichte des US-amerikanischen Imperialismus

Wenn es eine Konstante in der amerikanischen Geschichte gibt, dann ist es die Intervention im Ausland. Während der Imperialismus in Form direkter Landgewinne von Beginn an Leitfaden US-amerikanischer Politik war, wurde Ende des 19. Jahrhunderts eine neue Technik entwickelt, sich Einflüsse zu sichern: der Putsch, der „Zwang“ zu intervenieren. Erstmals bei Hawaii angewandt, funktioniert die Technik des Täuschens und Eingreifens immer wieder. Ob Panama, Korea, Kuba, Chile, Vietnam, Laos, Kambodscha, Irak, Afghanistan – immer ging es vorgeblich um Menschenrechte und Demokratie. Hinter den Türen wurschteln aber auffallend wirtschaftliche Interessen von Plantagenkonzernen bis hin zur Ölindustrie herum, um mit militärischen Mitteln Rohstoffe und Einfluss zu sichern. Die Arten des Eingriffs sind zum Teil verschieden voneinander. Die Ziele sind stets dieselben: Einfluss, also der klassische imperialistische Hintergrund.
Stephen Kinzner, seines Zeichens Reporter der New York Times, hat in diesem Buch sehr schön diesen ewig gleichen Mechanismus aufgezeigt und Strukturen freilegt. Sehr empfehlenswert zum Verständnis moderner Zeiten.

Peter Fleming, Die Belagerung zu Peking. Zur Geschichte des Boxer-Aufstandes

Zu meiner Zeit gabs im Geschichtsunterricht damals das Stichwort Boxeraufstand in China. Es wurde gebraucht, um Wilhelms II. Hunnenrede und Großmannzucht verstehen zu können. Wirklich erklärt wurde es dagegen nicht. Später erfuhr ich mal nebenbei, dass der deutsche Begriff „Boxer“ etwas irreführend ist, weil der Aufstand stark von Schulen für asiatischen Kampfsport forciert wurde, in dem ein chinesischer Nationalismus wider die Vorherrschaft der „weißen Teufel“ durchbrach. Den Nationalismus kann man angesichts der Tatsache, wie Engländer, Portugiesen, Franzosen, Deutsche und andere sich in dem Reich der Mitte verhielten, sogar noch verstehen. Hiermit allein erklärt sich der Aufstand jedoch noch nicht. Es geht auch um schwache Herrschaft und Mechanismen, die in China älter sind als die europäische Besatzungszeit. Ganz nebenbei sollen auch die heutigen Herrscher des Riesenreichs sich vor einem vergleichbaren Aufstand fürchten und schlagen gerade deswegen jeden Ansatz dafür brutal nieder, bevor es zu spät für ihre Herrschaft sein könnte.

In diesem speziellen Fall beschäftigt sich der Journalist Peter Fleming mit einer einzelnen Episode, eben mit der titelgebenden Belagerung des Pekinger Botschaftsviertel. Eben wegen dieser Belagerung wurde das europäische Expeditionsheer gesandt. Ein spannendes Stück Geschichte, das sich noch bis heute auswirkt.

Samuel Butler, Erewhon oder Jenseits der Berge

Eine so schräge wie interessante Geschichte ist dieses Buch über das Gegenteil von Nowhere. Butler schildert die Reise von George Higgs in eine seltsame Gegend, die unserer (damaligen) Zivilisation entgegengesetzt ist. Ein geschickter Trick, mit dem Butler satirisch die gesellschaftlichen Zustände seiner Zeit kritisieren konnte. Besonders amüsierten mich seine Aussagen zur Universität, da sich praktisch nichts geändert hat in den letzten 150 Jahren. Dieser Band, den ich in einer Ausgabe der Anderen Bibliothek besitze, ist wirklich sehr zu empfehlen!

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