Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Knut Hamsun

Walter Baumgartner, Knut Hamsun (Rowohlt-Biographie)

Diese Rowohlt-Biographie ist mir besonders wichtig. Das hat nur indirekt mit Hamsun zu tun, denn der Autor der Biographie war einer meiner ersten Professoren (genau genommen sogar der erste Prof, bei dem ich zur Studienberatung war). Passenderweise thematisierte die erste Vorlesung, die ich überhaupt besuchte, eben Knut Hamsun. Und als ich damals in der Vorlesung hörte, dass Professor Baumgartner gerade frisch an der Biographie saß und dafür u.a. in Oslo Briefe von bzw. an Hamsun wälzte, fand ich das ehrlich gesagt ziemlich elektrisierend.

Gut, ich brauche kaum zu erklären, dass mein Hamsun-Bild stark von Baumgartner beeinflusst ist und mir die Biographie daher recht naheliegt. Demensprechend möchte ich sie auch gern empfehlen.

Knut Hamsun, Auf überwachsenden Pfaden

Das letzte Buch von Hamsun war ein autobiografisches Werk. Es sollte eine Art Verteidigung sein für sein Handeln. Praktisch stellt er sich aber selbst als dauernden Querkopf dar. Stellenweise ist das lustig zu lesen (beispielsweise in der Szene, als er sich mit einem Polizisten über die richtige Uhrzeit streitet, obwohl beide die Kirchturmuhr sehen können), oft schafft es aber auch ein wenig Distanz zum Autor, die verwunderlich ist, wenn man andere Bücher von ihm kennt.

Knut Hamsun, August Weltumsegler und Nach Jahr und Tag

Der zweite und der dritte Band der Landstreicher-Trilogie Hamsuns. Lustigerweise kenne ich den ersten Band nur inhaltlich, habe ihn nie gelesen. Son bisschen ist diese Trilogie wie Astrid Lindgren oder Huck Finn für Erwachsene. Seltsame Geschichte von Leuten, die sich durch die Welt treiben lassen. Pikant ist der Punkt, dass die von Hamsun so geschätzten Nazis von den hier romantisierten Figuren bekanntlich wenig hielten und sie lieber ins KZ steckten als ihnen in einem Roman ein Denkmal zu setzen. Gutwillig betrachtet könnte man hierhin den bereits angesprochenen Widerspruchsgeist Hamsuns sehen, aber vermutlich ist das schon viel zu viel spekuliert.

Wie dem auch sei: Es ist durchaus kurzweilig und eine interessante Lektüre, auch wenn ich es nicht für Hamsuns Meisterwerk halte.

Knut Hamsun, Mysterien

Hamsun war in seinem Leben so manches. Ganz besonders war er aber jemand, der aus der Menge herausstechen wollte, der Nein sagte, wenn andere Ja sagten (und Ja, wenn andere Nein sagten). Es gibt zwei Bücher, in denen diese Haltung besonders deutlich herausgearbeitet ist. Das ist „Auf überwachsenen Pfaden“ und „Mysterien“. Dabei ist Mysterien fraglos krasser, auch wenn es ein reiner Roman ist – anders als die Pfade, die autobiographische Wurzeln haben.

Mysterien ist ein fabelhafter Text, der sich aus kleinen und großen Betrügereien speist, die eigentlich keinem echten Zweck dienen. Besonders hübsch zwei Details: Die Hauptfigur schickt sich selbst zu seinem künftigen Hotel ein Telegramm mit dem Inhalt, dass jeder im Kaff wissen muss, dass sie reich ist. Das erwekt natürlich sofort großes Aufsehen, dank dessen die Figur in die besten Kreise eingeführt wird. Hier findet sich die Figur auf einer Party ein, in deren Verlauf es um eine Rechnung geht. Andere Figuren kommen zur korrekten Lösung, die die Hauptfigur lautstark anzweifelt, obwohl sie selbst weiß, dass das Ergebnis stimmt. Es geht ihr allein um den Effekt, durch Widerspruch aufzufallen. (Eine sehr vergleichbare Szene findet sich dann später im genannten „Auf überwachsenen Pfaden“.)

Doch diese Widerworte um den Effekt sind nur ein Element, das immer wieder Spannung in den Roman bringt. Andere Elemente sind Liebe, versuchter Freitod und vertrackte Beziehungskisten. Alles in allem halte ich es für das gelungenste Buch Hamsuns.

Knut Hamsun, Segen der Erde

Ich habe mich bereits zuvor einmal über einen Band mit Hamsun-Romanen geäußert; die kommenden Tage werde ich noch weitere Romane ansprechen. Heute beginne ich mit Segen der Erde.

Ein Buch, so erdig wie der Titel. Die Geschichte handelt von einem Mann in Norwegen, der aufs Land zieht und sich trotz aller Widrigkeiten über die Jahre ein kleines Anwesen zusammenschuftet. Hamsun selbst dürfte wohl kaum selbst solche extremen Erfahrungen mit körperlicher Arbeit gemacht haben und daher wundert es kaum, dass der Schweiß, mit dem der Text durchdrungen zu sein vorgibt, sehr künstlich schmeckt. Das macht den Roman aber nicht langweilig. Im Gegenteil, es ist eben eine künstlerische Verarbeitung des Themas „Kraft durch Arbeit”.

Die Assoziationen, die jetzt kommen, sind nicht unbeabsichtigt, denn wie der erfahrene Leser weiß, schätzte der kleine Tyrann aus Braunau Hamsuns Werk ungemein. Hamsun selbst war sogar einmal zu Besuch auf dem Obersalzberg. Dummerweise war der Autor da schon so alt und taub, dass der Diktator ohne künstlerischen Geschmack das Treffen eher weniger angenehm fand. Wesentlich angenehmer dürfte Hamsuns damalige Frau das Treffen gefunden haben, stand sie doch mehr hinter den Nazis als ihr Mann. Aber auch Hamsun selbst war früh und auch eine lange Zeit Nazi, das sollte man nicht verheimlichen. Selbst nach dem Krieg lief er noch mit dem Parteiabzeichen der norwegischen Nazis herum. Leider, leider hat der Kerl aber schreiben können. Oder treffender gesagt: Der Schreibenkönner war leider Nazi.

Gustav Frenssen, Otto Babendiek

Wenn ich ein Buch besitze, das in der Ausgabe als Schinken bezeichnet werden kann, dann dürfte es dieser Band sein. Ein Trumm, ein Massiv, ein großer weiter, tiefer, dunkler Ozean. Dem erfahrenen Leser brauche ich kaum zu sagen, dass es sich um eine Empfehlung von Arno Schmidt handelt. Frenssen selbst ist eine seltsame Gestalt. Politisch nicht unbedingt das, was man koscher nennen möchte. In der Person aber dennoch jemand, der einen stark eigensinnigen Kopf hatte. Gerade in der Hinsicht dürfte seine Stärke liegen, ähnlich wie bei Hamsun, der ja noch seinem angeblich größten Fan Hitler Widerworte gegeben hat.

Ab zum Babendiek: Unabhängig von der Person Frenssens ist der Babendiek ein außerordentliches Stück Literatur. Sehr eindringlich schildert er die Welt Norddeutschlands um die Jahrhundertwende. Die größte Schwäche liegt dagegen in den Episoden, die im ersten Weltkrieg verortet sind. Etwas ungewöhnlich ist, dass im Gegensatz zur sonst üblichen Darstellung Erlebnisse an der deutschen Ostfront geschildert werden. Trotzdem sind die vielen Seiten, die sich damit beschäftigen, deutlich uninteressanter als die Mehrheit der anderen Seiten, die sich mit dem Leben hinterm Deich beschäftigen. Denn hier erfährt man vieles über das damalige Leben aus erster Hand.

Halldór Laxness, Sein eigener Herr

Der Roman ist irgendwie eine Antwort auf Hamsuns Segen der Erde. Doch während Hamsuns Held trotz aller Mühen und Widerständen das gelingt, was er versucht, ist Laxness’ Protagonist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Trotzdem hält er an seinem Traum – Autarkie – fest und treibt sie sogar noch auf die Spitze.

Auf jeden Fall lesenswert, nicht nur im Kontrast zu Hamsun.

Knut Hamsun, Hunger, Kinder ihrer Zeit, Der Ring schließt sich

In diesem ungewöhnlichen Band sind drei Texte von Knut Hamsun versammelt, die eigentlich nicht zusammengehören. Kinder ihrer Zeit und der Ring zähle ich eindeutig zu seinen schwächeren Werken. Hunger, sein Debüt und Durchbruch, sticht da weit heraus. Es ist ein Text, den ich mehrfach gelesen habe, mindestens einmal auch im Original (und gerade da sehr genossen!). Es schildert eine Zeit eines unbeugsamen, recht erfolglosen Jungschriftstellers – und ja, es basiert in Teilen auf Hamsuns eigenen Erfahrungen, aber auch auf eigenen Experimenten. Wenige Jahrzehnte nachdem in Frankreich die Haschischesser um Baudelaire mit Räuschen arbeiteten, erforschte Hamsun die Wirkungen des Hungers auf den Körper, wenn auch nicht immer ganz freiwillig. Und überraschenderweise – das sei all den Kiffern gesagt, die es hier hin treiben sollte – erzeugt Hunger medizinisch gesehen ähnliche Rauschzustände wie Haschisch.

Hunger, um es mal auf den Punkt zu bringen, ist ein gutes Buch, ein wichtiger Text. Die anderen beiden in diesem Band versammelten Texte dagegen sind so ziemlich das Schwächste, was ich von Hamsun kenne. Die weiteren besseren Romane von ihm werde ich ansprechen, sobald ich mich dem Regal mit den Taschenbüchern nähere.

Wolfgang Goethe, Die Leiden des jungen Werther

Okay, okay,okay. Auch Klassiker wollen gelesen werden. Da darf der Werther natürlich nicht fehlen. Ja, ich habe ihn gelesen. Aber das ist zum Glück schon bald 20 Jahre her. Und ich muss sagen, zum Glück ist es so lange her. Denn der Werther – und da bin ich mir sehr sicher – macht eigentlich nur Spaß, wenn man Anfang 20 ist. In späterem Alter gelesen ist der Text abgeschmackt und lächerlich. Wichtig bleibt er dennoch für die europäische Kulturgeschichte. Allein der Effekt, der in der Verfilmung „Goethe“ am Ende angesprochen wird, dass alle möglichen Jünglinge wie Werther in blauer Jacke und gelber Weste herumlaufen, zieht sich noch lange durch die Literatur. Man beachte beispielsweise Hamsuns Mysterien. Und für diese Leistung ziehe ich vor Goethe den Hut. Chapeau!

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