Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Schlagwort: Philosophie

Plopp! Oder: Warum es euch geben kann

Seit kurzem führe ich ein Zwiegespräch mit einer Kantspezialistin. Sie hatte u.a. erfahren wollen, wie ich es mit der Realität und Begriffen wie Moral und Gewissen halte.
Ich hatte mir fraglos aus zahlreichen psychologischen, philosophischen Lektüren samt Lebenserfahrungen zwar meine persönliche Philosophie gebastelt, musste aber einräumen, es bislang umschifft zu haben, mir selbst solche definitorischen Grundsatzfragen zu beantworten. Das System stand sozusagen, allein es fehlte die Fixierung.

Susan Sontag meinte mal: Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke. (Einer der Gründe, weswegen mir Menschen, die nicht oder kaum schreiben auch etwas suspekt sind. Anm. Totte)

Also ging ich in mich und überlegte. Klar: Im alltäglichen Leben, beim Laufen, Sprechen, Kochen, Essen nehme ich das, was als Realität erscheint, auch so wahr. Ich mache mir keine Gedanken, ob die Tasse Kaffee vor mir existiert, ob die Rose in der wassergefüllten Oranginaflasche dahinter wahr ist (nicht wundern, ich sitze gerade in einer Bar).
Ich nehme diese Dinge als solche an. Aber wehe dem Moment, in dem ich beginne, Gedanken zu machen. Alles tritt zurück, wie die Kulissen im Theater, ich versinke in einer Kugel, einer Blase eher, die an meinen Wahrnehmungsgrenzen endet.

Warum dieses? Ursprünglich weil mir sehr deutlich wurde, wie verschieden die Realitätswahrnehmungen der einzelnen Menschen sind. Was ich sehe, siehst du, liebe Leserin, lieber Leser schon anders. Und das meine ich nicht einmal weltanschaulich, nein. Schon Farben sieht jeder von uns anders. Musik hört (und empfindet!) jeder anders, und das nicht einmal nur auf kulturelle Aspekte bezogen. Zwischenmenschliches – und hier wird es besonders spannend! – kommt bei jedem anders an. Was mir als harmlose Blödelei erscheint, vermag andere in ihren Grundsätzen zu erschüttern. Das ausgeschüttete Herz kann beim Gegenüber wie ein endloser Schwall unerträglicher Wortkotze ankommen.

Das gemeinte Schema sollte klar sein, detaillierter braucht es kaum ausgeführt werden zu müssen.
Kurz: Meine Welt ist nicht deine Welt ist nicht eure Welt.

Diese in sich abgeschlossene Eigenrealtität bezeichne ich als Realitätsblase. Wie sieht es nun außerhalb unserer Blasen aus? Es scheint nahezuliegen, dass unsere Blasen andocken können, dass sie sich treffen und überschneiden, zumindest zeitweise. Im Extremfall vielleicht wie ein Teppich ähnlich einem Teppich aus Seifenschaum.

Aber was gibts darüber hinaus, wurde ich gefragt? Ist jenseits unserer Blasen eine weitere Realität, eine objekte Realtität? Ist da etwas, das objektiv gleich ist, uns schlimmstenfalls durch die Krümmung unserer Blase individuell verzerrt erscheint?

Hier liegt der Casus knacksus, denn ich für mich muss feststellen, dass ich es nicht sagen kann. Ich kann es nicht wissen, es ist objektiv für mich in meiner Blase nicht messbar. Schlimmer! Um genau zu sein, kann ich nicht einmal sicher sein, ob es eure Realitätsblasen wirklich gibt. Sie könnten genausogut Projektionen eines mal besser, mal schlechter gelaunten Unbewusstseins sein, die mir auf die Haut meiner eigenen Realitätsblase geworfen werden. Das würde natürlich – ich bitte um Pardon, falls ich damit Unrecht habe – bedeuten, dass es euch nur dann und nur so lange gibt, wie ihr und eure Äußerungen mir gegenüber an die Wand meiner Blase geworfen würden. Bevor ihr euch über diesen schrecklichen Gedanken aufregt, habe ich aber gleich eine gute Nachricht: Da die „Projektionen“ an der Wand meiner Blase unzweifelhaft der Zeit unterworfen sind, auf die ich weder bewusst noch unbewusst Einfluss habe, da es also eine Abfolge gibt, muss es mindestens eine externe Dimension geben, der meine Blase untergeordnet ist: Zeit.

Wenn es aber unabhängig von meiner subjektiv verzerrten Blasenwelt mindestens einen Aspekt gibt, der von außen wirkt, ist es zumindest möglich, dass auch eure Blasen für sich und unabhängig von meiner existieren.

Wenn das keine gute Nachrichten sind! Ihr seid also nicht einfach weg, sollte meine Blase eines Tages kollabieren und im Nirwana verschwinden.

Weitergeführt bedeutet es zugleich, dass es natürlich auch eine objektive Realität jenseits unserer Blasen geben könnte. Ich betone allerdings, dass aus dem Zeitaspekt lediglich die Möglichkeit, nicht die Notwendigkeit für eine solche Annahme herzuleiten ist.

In diesem Sinne – schöne Grüße aus der Blase.

Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum

Ich möchte behaupten, dass es nur wenige Bücher gibt, die mich so geprägt haben, wie dieses Werk des Individualismus. Dabei feiert Stirner als Ursprung der Denkweise Nietzsches nur scheinbar den Egoismus. In Wirklichkeit geht es mehr um den Realismus, um das, was dem Einzelnen möglich ist und was nicht.

Das Buch war übrigens eine Leseempfehlung eines norddeutschen Expunks, der sich nach einer extrem unglücklichen Jugend und Jahren der Sozialhilfe irgendwann zu berappeln wusste, mit Ende 30 eine Lehre in der Gastronomie begann und schon bald eine eigene sehr gut laufende Studentenkneipe (mit sehr guter Musik) aufbauen konnte. An Mario – oder Mary-Joe, wie er aus seinen Straßentagen auch genannt wurde – denke ich immer wieder gern zurück, nicht nur wegen Stirner.

Obwohl die Lektüre Jahre her ist, vergeht praktisch kein Jahr, in dem ich nicht aus dem Einzigen zitiere. Gerade wenn man regelmäßig als Ratgeber gefragt ist – und ich finde es erschreckend und amüsant zugleich, wie viele Menschen mich als weisen Mann zu betrachten scheinen – ist dieses Vademecum daher dringend zu empfehlen. Vielleicht sollte ich mir aber einmal eine schönere Ausgabe als die gelbe Reclam-Version zulegen. Das Buch hätte es verdient.

Platon, Phaidon. Politeia

Ich gestehe es, ich habe lediglich die Politeia gelesen. Und genau genommen auch nur deshalb, weil ich den Vergleich zur Dya-na-sore haben wollte. (Wir erinnern uns daran.). Tja, ehrlich gesagt, werde ich nicht warm mit dem Text. Inhaltlich ein tyrannischer Graus, stilistisch öde (zumindest in der Übersetzung, ich kann nämlich leider kein Griechisch und werde es sicher auch nicht mehr lernen, weil ich andere Sprachen deutlich bevorzugen würde, wenn ich doch einmal irgendwann in meinem Leben Zeit zum Erwerb weiterer Zungen finden sollte).

Nur für Hartgesottene oder Leute, die mal wieder sowas richtig Langweiliges lesen wollen.

Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse

Dieses kleine Bändchen enthält neben dem Text „Jenseits von Gut und Böse“ auch die Schriften: Der Fall Wagner, Götzen-Dämmerung, Ecce homo und Dionysus-Dithryamben. Auch hier möchte ich allgemein bleiben und Nietzsche einfach zum Wiederentdecken empfehlen. Sinnvoll ist seine Lektüre jedenfalls für jeden denkenden Menschen.

Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra

Der zweite Band meiner Nietzsche-Ausgabe enthält neben dem titelgebenden Klassiker schlechthin auf den Text „Die fröhliche Wissenschaft“. ich will gar nicht mehr viel Worte verlieren, das Wichtigste hatte ich im letzten Eintrag bereits angemerkt. Ich möchte angesichts der Gelegenheit Zarathustra allerdings betonen: Beschränkt euren Blick auf Nietzsche nicht auf die Peitsche beim Weibe. Ihr würdet euch selbst schaden, weil ihr klugen und kraftvolle Gedanken unnötig überblenden würdet.

Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches

Nietzsche ist übel mitgespielt worden. Vom Leben. Von seiner reaktionären Schwester. Vor allem aber von der Rezeption in den Jahrzehnten nach seinem Tod. Spätestens seit den Nazis war der Schöpfer des Übermenschen erst mal diskreditiert. Betrachtet man seine Texte nüchtern, kann man sich darüber nur wundern. Klar, Bösartigkeit kann überall für Schaden sorgen. Bei Nietzsche ist es aber vor allem schade, was da verbockt wurde. Meine Ausgabe „Menschliches, Allzumenschliches“ enthält vielerlei Spannendes: Die Geburt der Tragödie, das zweite Stück der unzeitgemäßen Betrachtungen (Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben) sowie den ersten Band von Menschliches, Allzumenschliches, der wunderbare Aphorismen sowie nachdenkenswerte Versuche enthält. Nietzsche bleibt auf jeden Fall lesenswert!

Friedrich Nietzsche, Chronik in Bildern und Texten

Ein sehr hübscher Band über das Leben des großen Philosophen, in dem ich hin und wieder blättere und stöbere und staune. Angenehmes Beiwerk, wenn man sich mit Nietzsche beschäftigt.

Ludger Lütkehaus, Nichts

Es gibt sie noch, die Fälle, in denen die Werbung die Wahrheit spricht. Dieser Band ist ein Beispiel dafür. Es ist auf den allermeisten Seiten ein großes Vergnügen, zu erfahren, was die intelligentesten Köpfe der Welt sich so seit der Antike (natürlich kommt auch der Osten vor) über das Nichts haben einfallen lassen. Welche Sorgen es bringt und nimmt, welchen Sinn es hat – wenn überhaupt … Eben alles, was man sich so übers Nichts vorstellen kann. Und es sei gesagt: Das ist wirklich alles andere als nichts.

Theodor W. Adorno, Minima Moralia

Ein Buch, das ich vor längerem empfohlen bekommen hatte, aber geraume Zeit liegen blieb. Die Sammlung kurzer Essays ist insgesamt auf jeden Fall interessant und anregend. Sie lohnt auch in Zukunft mit Sicherheit immer wieder die Lektüre.

Lieblingssatz: Es gibt kein richtiges Leben im falsch.

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