Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

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Micky Remann, Somnamboulevard

Bisweilen erhält man Besuch von ganz besonderen Überaschungen. Eine solche war dieser vorbildliche „Raubdruck“, in dem die Somnamboulevard-Kolumnen Micky Remanns versammelt sind, die von November 1991 bis September 1993 in der taz erschienen sind.

Ich gebe es frank zu: Ich habe so meine Probleme mit der taz. Das hat wenig mit der Ausrichtung zu tun, sondern mehr mit dem Vermögen oder vielmehr Unvermögen, der deutschen Sprache adäquat gerecht zu werden. Ich habe keinen blassen Schimmer, woran es liegt, aber vielen Menschen mit Linksdrall, die sich berufen fühlen, zu Stift oder Tastatur zu greifen, wünsche ich einen chronischen Dauerkrampf in die Griffel (und Zunge, damit sie auch nicht diktieren können). Aus unerfindlichen Gründen halten sie Text ausgerechnet dann für stilistisch gut, wenn er besonders wurstig und holprig klingt. Rhythmus ist dann ein Fremdwort. Genug des Exkurses!

Denn – aufgepasst! – all das gilt nicht bei Remanns Kolumnen!

Bon, man mag sich darüber streiten, ob jede Kolumne für sich ein grandioses Werk ist. Aber zwischendurch blinzeln in seinen Überlegungen aus & über die Klarträumerei Ideen durch, die eines Flann O’Briens würdig wären.Da kann ich allen, die keinen Zugriff auf die Kolumnen (mehr) haben, nur sagen: Schade, dass es ein seltener Raubdruck ist. Aber gut, dass wenigstens ich ein Exemplar habe. Ich gebe ab in den Traumzauberwald.

Doug Niven, Chris Riley (Hrsg.), Ein anderes Vietnam. Bilder des Krieges von der anderen Seite

Ich hatte schon mal bei Marlantes’ Matterhorn erwähnt, dass ich mich ein wenig mit Vietnam und in Sonderheit mit den militärischen Aktionen während der 60er- und 70er-Jahre beschäftigt habe.

Als ich daher zufällig über das Buch gestoßen bin, das Doug Niven und Chris Riley herausgegeben haben, griff ich gleich zu. Ich kann sagen, ich habe es noch keine Sekunde bereut. Sicher, fast jeder kennt das ein oder andere (amerikanische) Foto über den Vietnamkrieg. Und fraglos finden sich dabei bereits Bilder, die deutlich machen, warum die USA hier nichts gewinnen konnten. Aber in dieser Menge hatte ich noch keine Bilder von vietnamesischen Fotografen versammelt gesehen. Bilder, die den Stolz, den Willen und die Kraft der Vietnamesen zeigen. Die die Umstände zeigen, unter denen sie kämpften. (Richtig, ich enthalte mich mit Absicht einer Bewertung der Sache, für die sie damals kämpften und was sie heute davon haben.)

Es sind allesamt beeindruckende Zeugnisse eines unbarmherzigen Krieges und dabei handelt es sich in den seltensten Fällen um Propagandafotos. Dieser Band ist wirklich sehr zu empfehlen!

Alastair Reynolds, Revelation Space

Dieses Buch war ein sehr hübsches und für mich total überraschendes Geschenk eines Blogfreundes, nachdem ich ihm ein paar Hinweise über Ravi Shankar gegeben habe. Es ist ein Science-Fiction-Roman, der sich von meiner sonstigen Lektüre stark abhebt. Er verknüpft zahlreiche gute Ideen und Themen mit einer philosophisch-logischen Überlegung, die wirklich sehr spannend war. Und nicht zuletzt gehören zu den Themen Dinge wie Archäologie (in der Zukunft) und eine Figur, die gewisse Ähnlichkeiten mit meinem Avatar aufweist.

Abgesehen von Büchern von Philip K. Dick mache ich eigentlich einen großen Bogen um Science-Fiction-Lektüre, seit ich 15 bin. Aber dieses Buch hat ich mich wirklich sehr angenehm unterhalten.

Arthur Rimbaud, Sämtliche Werke

Im Film „Les Micmacs“ gibt es einen kleinen Scherz. Ein Vater erzählt seinem Sohn etwas von Rimbaud und der Sohn denkt an Rambo. Und bei der Gelegenheit fällt mir ein, dass bei „Täglich grüßt das Murmeltier“ auch Witze über die französische Lyrik des 19. Jahrhunderts gemacht werden.

Seltsam, vor allem dass mir das ausgerechnet bei Rimbaud einfällt. Denn im Gegensatz zu Baudelaire oder Verlaine gehört Rimbaud mit Lautréamont zu den wenigen Glanzlichtern, denen der Zahn der Zeit einfach nichts anhaben kann. Meine Lieblingssentenz von Rimbaud bleibt:

J’ai tendu des cordes de clocher à clocher; des guirlandes de fenêtre à fenêtre; des chaînes d’or d’étoile à étoile et je danse.

Französische Dichtung, zweisprachige Ausgabe.

Eine sehr interessante Sammlung, die ich mal in einem Kieler Antiquariat entdeckt habe. Leider hatten sie nur drei Bände da:

  • Band 1: Von Villon bis Théophile de Viau
  • Band 2: Von Corneille bis Gérard de Nerval
  • Band 4: Von Apollinaire bis zur Gegenwart

Der Band 3 (von Baudelaire bis Valéry) fehlt mir noch und ich würde ihn wirklich gern eines Tages mein eigen nennen. Gut, es ist jetzt hier nicht der Platz ausführlich die Bände zu besprechen, zumal ich sie nur sehr fragmentarisch konsumiert habe. Aber solche Anthologien dürften ja meist so verwendet werden; dass man sich das herauspickt, was man als Rosine betrachtet. In meinem Fall war das neben Villon u.a. der großartige Henri Michaux. Apropos: Ich sollte die Bände mal wieder in die Hände nehmen und ein wenig blättern. Irgendwas Neues, irgendwas Gutes findet man da stets.

Kim Stanley Robinson, Die Romane des Philip K. Dick

Zur Abwechslung mal echte Sekundärliteratur. Es ist sogar die Dissertation von Robinson, der seines Zeichens selbst Science-Fiction-Autor ist. (Wobei ich einräume, aus dieser Gattung nichts von ihm zu kennen.)

Robinson gliedert die Schaffensperioden Dicks in verschiedene Teile. So hat Dick laut Robinson realistisch begonnen, mangels Erfolgs schwenkte er dann aber zur Science-Fiction über. Hier liegt ein nicht unwichtiger Bruch in Dicks Leben. Denn der Realismus war eigentlich das, was ihn lange interessierte (und was er am Ende auch wiedergefunden hat). Robinson arbeitet sich schließlich durch die einzelnen Schreibphasen hindurch, stellt vor, erklärt und bindet ein. Das tut er auf eine Weise, die das Buch für Dick-Fans sehr spannend macht.

Bernd Rauschenbach (Hrsg.), Arno Schmidt für Boshafte

Ein kleines Bändchen voller Schmidt-Zitate für den Fall, dass man mal auf Schmidt-Niveau aufdrehen möchte. Ehrlich gesagt ein Fehlkauf, da ich praktisch nichts Neues erfahren habe. Am besten sollte ich es als Geschenk zweitverwenden – ich frage mich nur, für wen.

Jan Philipp Reemtsma, Bernd Rauschenbach (Hrsg.), „Wu hi?“ Arno Schmidt in Görlitz Lauban Greiffenberg

Diese Sammlung war ein erster Versuch, biografisches Material über den frühen Arno Schmidt zu sammeln. Es sind etliche kleine, fast durchweg interessante Einzelheiten, die dabei helfen, sich ein Bild von den frühen Jahren dieses Mannes zu machen, dessen Leben höchstwahrscheinlich schon damals nicht anders als seltsam bezeichnet werden kann. Besonders schön finde ich die eponyme Geschichte: Der junge Schmidt fuhr erstmals mit der Bahn in Schlesien zur weiterführenden Schule und wurde von einem alten Schlesier gefragt: „Wu hi?“ Schmidt, damals des Schlesischen nicht mächtig, deutete die Frage („Wo geht’s hin?“) fehl, nämlich als Frage nach seinem Namen. Daher stand der gut erzogene Junge auf, verbeugte sich und stellte sich höflich vor.

Solange Bernd Rauschenbach seine Schmidt-Biografie noch nicht vollendet hat, müssen wir uns hinsichtlich der Frühzeit u.a. hiermit begnügen.

Albert Knorr, Marlen Raab, Thorsten Michel, Sacer Sanguis Evolution

Okay, es ist ein bisschen Reklame in eigener Sache, das gebe ich zu. Aber genau genommen folge ich nur meiner Regel: hier zu besprechen, was in meinem Regal steht und was ich gelesen habe. Dieses Werk über die erste Marsmission in 20 Jahren, bei dem ich als Coautor mitgewirkt habe, gehört nun einmal eben dazu. Um nicht einfach doof zu werben, möchte ich aber hier ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern.

Der Band Evolution sticht aus der Wiener Thrillerreihe Sacer Sanguis besonders heraus. Anders als die bisherigen Bücher von Albert Knorr wird hier die Zukunft behandelt. Da sich zur Grundgeschichte inhaltliche Fragen stellten, die der Hauptautor Knorr aus zeitlichen Gründen nicht zu recherchieren vermochte (er schrieb zur selben Zeit an einem weiteren Roman und einem Kinderbuch), suchte er Hilfe.

Marlen Raab und meine Wenigkeit boten sich aus verschiedenen Gründen an. So diskutierten wir also die Grundidee der Geschichte, recherchierten aktuelle Erfindungen, die für eine Marsexpedition eine Rolle spielen werden, überlegten Motivationen der einzelnen Figuren, dachten uns Rätsel aus und sponnen auf diese Weise die Geschichte.
Wenn das Thema angesprochen wird, folgt oft der Reflex: „Ach, ne Science-Fiction-Geschichte, sowas les ich nicht.“
Aber genau das ist es aufgrund unserer Arbeitsweise eben nicht. Alles, was in dem Buch steht, vor allem hinsichtlich der Marsexpedition ist eben gut recherchiert. Hier ist viel Fachwissen von Experten mit eingeflossen (dafür vor allem großes Lob an Marlen Raab, die inzwischen ein Netzwerk aufgebaut hat, über das sie sogar Jesco von Puttkamer kennenlernen und interviewen durfte).

Deshalb legen wir drei großen Wert darauf, dass es ein unterhaltsamer Thriller ist, der auf wissenschaftliche Hintergründe und Fakten aufbaut.

Harry Rowohlt, Pooh’s Corner. Sämtliche Meinungen und Deinungen eines Bären von geringem Verstand

Ein Mann wie ein Bär: Harry Rowohlt. Er spricht so, er sieht so aus und vermutlich würden Bären auch lesen und schreiben, was Harry Rowohlt liest und schreibt.
Nicht alles ist erste Sahne, vieles aber sehr amüsant und nachdenkenswert. Eine ganze Zeit lang kolumnierte er so vor sich hin in der Zeit. Diese Kolumnen sind dann gesammelt erschienen, erst in zwei Bänden, später auch zusammengefasst. Meine Einzelbände hab ich mal irgendwann verschenkt, jetzt nenne ich diesen Doppelband mein Eigen. Bisweilen hab ich Phasen, in denen ich lieber sehr kurze Texte lese. Dafür sind solche Bücher perfekt. Zumal man immer etwas Feines findet.

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