Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: Drama (Page 1 of 2)

Michael Kohlhaas

So ungewöhnlich ich die Kombination Mikkelsen als Kohlhaas anfangs fand, so sehr möchte ich einräumen, dass hier ein passender Charakter in diese Rolle schlüpft, um die von Kleist dramatisierte Geschichte zu neuem Leben zu erwecken.

Fazit: angenehm zurückhaltende Verfilmung mit leisen Tönen

Max Frisch, Andorra

Es gibt ja Lesedramen und Spieldramen (und den ganz seltenen Fall von Dramen, die sowohl gelesen als auch gespielt Vergnügen bereiten). Ich möchte nicht ausschließen, dass Andorra auf der Bühne gut funktioniert, zu lesen fand ich es ehrlich gesagt weniger schön. Dieses recht wenig bewegte Hin und Her, ob die Hauptfigur jetzt Jude ist oder nicht oder wer mit wem warum verwandt ist oder wer wen warum gesteinigt hat – es ist zu früh durchschaubar und dementsprechend öde.

Flann O’Brien, Durst

Ja, ich meckere oft darüber, was aus dem Haus Zweitausendeins geworden ist, weil das Angebot längst viel zu viel Mist auf Weltbild-Niveau bietet. Aber ich gestehe auch, dass es hin und wieder Perlen gibt, die zum Kauf mehr als einladen.

Aktuell ist diese Perle die achtbändige Ausgabe der gängigen Werke O’Briens (im Schuber). Leider ist sie nicht vollständig, wie selbst ich als O’Brien-Laie weiß, da die Myles-na-gCopaleen-Kolumnen „Trost und Rat“ bis heute nur bruchstückhaft in Deutschland bekannt und erhältlich sind.

Sei es, wie es sei. Dieses Paket ist eine wunderbare Gelegenheit, die derzeit auf Deutsch erhältlichen O’Briens zu einem günstigen Preis geschlossen zu erhalten, daher habe ich sie auch sofort bestellt, obwohl ich die Hälfte der Texte längst besaß (interessanterweise wirklich jedes Buch in einer eigenen Ausgabe, die nichts mit den anderen zu tun hatte).

Kommen wir zum eigentlichen Thema: Durst. Durst ist nicht nur ein amüsanter Text, in dem O’Brien mit einer sehr trockenen Geschichte einen Sergeant dazu bringt, über die Polizeistunde hinwegzusehen, sondern auch der Name einer Sammlung kürzerer Texte und Fragmente. Darunter Slatterys Sago-Saga, Die Krone des Märtyrers, John Duffys Brüder, Faustus Kelly und der Essay Wie man im Tunnel ein Faß aufmacht.

So manches enthält lustige Ideen und zeigt die typischen O’Brien-Schrullen. Anderes wie Faustus Kelly machte mir deutlich, dass der Mann zwar so einiges konnte, aber keine Bühnenstücke.

Aber unabhängig davon, was O’Brien konnte oder nicht konnte, sei an dieser Stelle noch einmal die Werksausgabe empfohlen. Günstiger geht zurzeit nicht und es ist für jeden Irlandfan ein wunderbares Weihnachtsgeschenk.

Thomas Bernhard, Elisabeth II.

Als ich das letzte Mal in Wien war, erzählte ich meinen Gastgebern, dass ich mir eigentlich als Mitbringsel einen Bernhard genehmigen wollte, was ich leider zeitlich nicht geschafft habe. Da meldete sich die Gastgeberin und erzählte davon, dass sie mal im Burgtheater ein Spiel von ihm gesehen hatte, bei dem es den Volltext im Programmheftchen gab. Kaum in ihrer Wohnung angekommen grub sie den Text aus und gab ihn mir mit (ich muss gestehen, dass mir noch nicht ganz klar ist, ob es ein Geschenk oder leihweise war, das muss ich noch klären). Nach meinen ersten Bernhard-Erfahrungen war ich hochgespannt, ob diese Qualitäten auch hier erfüllt würden, wurde aber zunächst etwas enttäuscht. Gut, die Hauptfigur der Nichtkomödie ist Menschen gegenüber zwar ähnlich freundlich gestimmt, wie Bernhard an sich, aber mir war es doch etwas zu milde im Vergleich zu dem, was ich bereits von ihm kannte. Aber zum Glück gab es zusätzlich zum Theatertext hinten auch ein paar Seiten, auf denen Bernhard ein wenig aus seinem philosophischen Schatzkästlein plaudert. Und hier dreht er wieder hübscht auf. Also ein nettes Geschenk (oder Leihexemplar, siehe oben), aber ich erwarte doch etwas mehr von Bernhard.

Friedrich Schiller, Don Carlos

Zu Schulzeiten war mir dieses Drama ein ziemliches Rätsel. Ich konnte überhaupt nichts mit irgendeinem Konflikt zwischen Spaniern und Niederländern anfangen. Klarer wurde es mir später im Nachhinein; ich glaube, das hing auch mit dem Verständnis von Dantons Tod zusammen. Und wenn man dann 15 Jahre später als Archäologe auch noch in Geldern in einem Brunnen der spanischen Besatzer herumgräbt – dann wird es richtig interessant, was man doch „irgendwann“ mal über diesen Vater-Sohn-Konflikt über Rebellion und Aufstand gelesen hat.

Friedrich Schiller, Kabale und Liebe

Und noch ne Reclam-Nummer. Wobei ich mit diesem Band etwas besonders Amüsantes verbinde. Gelesen habe ich das Drama nämlich auf dem Gymnasium. Damals hatten wir einen Deutschlehrer, dessen Unterricht ungelogen zu 90 % daraus bestand, dass er uns – vorgelesen hat. Und das war nicht etwa in der ersten Klasse, nein, das war in der 12. und 13. Stufe. (Bei dem Lehrer hab ich sogar meine Abiklausur geschrieben, übrigens über Homo Faber.) Sei’s drum. Schiller. Hm. Damals fand ich Schiller relativ doof. Heute, viele Jahre später bin ich von Jahr zu Jahr mehr davon überzeugt, dass er schreiben konnte. Und zwar besser als Goethe. (Siehe hier.)

J.M.R. Lenz, Der Hofmeister

Ein Buch, das ich zwar zur Ausbildung brauchte, interessanterweise aber nicht zu Schulzeiten, sondern in der Literatureinführung an der Uni. Das war damals vielleicht eine seltsame Veranstaltung. Eingepfercht zwischen Kommilitonen, die kaum mehr als die Anleitung zur Brigitte-Diät lesen, und anderen, die Mollys Monolog aus Ulysses fast auswendig konnten. Ach ja, der Hofmeister. Hm. Ein für mich ungewöhnliches Stück. Ich möchte es nicht wiederlesen, fand es aber wenigstens insofern interessant, als ich natürlich Büchners Auseinandersetzung mit Lenz kannte. Im Ganzen war es son bisschen Kabale und Liebe für Arme.

Carl Zuckmayer, Der Hauptmann von Köpenick

Kommen wir mal wieder zur Abteilung Schullektüre. Dieses Buch habe ich zwar ausgerechnet bei der Deutschlehrerin gelesen, mit der ich ansonsten lediglich die Wertschätzung von Trakl geteilt habe. Aber ich tendenziell fand ich den Hauptmann durchaus interessant. Wenn man mal von der Geschichte als solchen absieht (die Zuckmayer ja nun nicht erfunden hat), haben mich damals vor allem die verschiedenen Schattierungen des Dialekts interessiert, die mit der gesellschaftlichen Stellung der jeweiligen Figur einhergeht. Ja, ich möchte davon ausgehend fast die Behauptung aufstellen, dass es sich hier um den ersten von mir gelesenen Roman handelt, bei dem ich eine literaturwissenschaftliche Herangehensweise gelernt und deren Sinn begriffen habe.

Zuletzt eine Frage: Hat irgendeiner meiner Leser eine Ahnung, warum ich seit Jahren schon immer das Gefühl habe, Zuckmayer ohne e schreiben zu wollen?

Johann Wolfgang von Goethe, Faust I. Faust II

Wer sich nicht zum ersten Mal hierher verirrt, der weiß längst, dass ich Goethe deutlich kritischer sehe als die Mehrheit der Deutschen. Wobei ich auch mal behaupten möchte, dass die Mehrheit der Deutschen vermutlich nicht mehr als zwei, drei Sachen von ihm kennt – wenn überhaupt. Trotzdem möchte ich, um Befürchtungen zu widersprechen, ich läge in einer persönlichen Fehde mit dem Manne, gern einräumen, dass Goethe eine wichtige historische Gestalt, meinetwegen auch für unsere Sprache war. Nur eine gute Schreibe, die spreche ich ihm rundherum ab. Das gilt genauso für diesen furchtbar aufgeblähten und exaltierten Faust. Die beiden Dramen sind wie fünf übereinandergelegte Barockbilder. Sie sind so fritzelig ausgemalt, dass man nicht mehr erkennen kann, was auf den Bildern zu sehen ist (ganz besonders auf den unteren). Und das macht den Text – hier als Band 3 der Gesamtausgabe: Dramatische Dichtungen I – stinkeöde.

Früher zu Schulzeiten habe ich nie verstanden, was diese Dichotomie Schiller–Goethe sollte, die in der Darstellung ein wenig an den Kampf Beatles–Stones erinnerte. Spätestens nach der Lektüre des Faust weiß ich aber, dass Schiller der geschliffenere Schreiber war.

Gerhart Hauptmann, Der Biberpelz

Mal eine kleine Variation der Musste-ich-lesen-Lektüre: Der Biberpelz stand im Literaturkurs an der Uni an. Und geriet so in meine Bibliothek. Hier bleibt er ziemlich einsam, denn auch wenn ich Hauptmanns Werk historisch zu schätzen weiß, wird seine Welt doch nie meine sein. Der Naturalismus, mit dem er arbeitete, hatte sich schon lange überlebt und mir scheint gerade darum die Würze im Text zu fehlen, auch wenn die Sozialkritik in dieser Diebeskomödie fraglos ihre Berechtigung hatte.

Page 1 of 2

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén