Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: Lyrik

Paul Zech (Nachdichtung), Die lasterhaften Balladen und Lieder des Francois Villon

Was hab ich sie gern gelesen, einzelne sogar auswendig gelernt (den Erdbeermund natürlich, den kleinen Herrn Ranunkel, Wer’s lang hat und die Lästerzungen …). Anfangs amüsierte ich mich noch darüber, sie in einem Klaus-Kinski-Imitat zu sprechen, erst später „erfand“ ich meine eigene Form der Aussprache und Betonung. Ja, Villon ist mitteleuropäisches Kulturgut. Geboren im spätmittelalterlichen Frankreich, wiedergeboren in der deutschsprachigen Moderne dank der genialen nachgedichteten Übertragung von Zech. Ein Buch, das wohl zu den letzten 20 Büchern gehören würde, wenn ich mich von den meisten meiner Bücher trennen müsste. Einfach weil so dicht gedrängt so viel darin steckt. Lesen und behalten, sag ich!

Paul Verlaine, Poetische Werke

Wer kennt sie nicht, die Beziehung zwischen Verlaine und Rimbaud? Höchst ungleich, diese Beziehung, nicht nur in Alter, sondern auch im poetischen Ausfluss. Witzigerweise sind es aber gerade die Texte des jüngeren Dichters, also von Rimbaud, die mit Abstand die besseren sind. Ob das daran liegt, dass der jüngere eher in der Lage war, sich „revolutionär“ von alten Zöpfen zu verabschieden und frei zu schreiben, während Verlaine viel stärker an den alten Formalien kleben blieb – ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass ich einen Satz von Rimbaud dem Gesamtwerk von Verlaine vorziehe.

Georg Trakl, Abendländisches Lied

Ich glaube, Trakl war so ziemlich der einzige Nenner, auf den ich mich mit meiner jahrelangen Deutschlehrerin auf dem Gymnasium verständigen konnte. Von all den Autoren, die sie uns aufgetischt hat, konnte ich mit Trakl am meisten anfangen. Später überraschte sie mich sogar damit, dass sie uns verriet, Trakl sei einer ihrer Lieblingsautoren überhaupt. Nennt mich milzsüchtig, nennt mich Melancholiker, Pessimist, was auch immer – aber Trakl gelingt es, in mir Saiten anzuschlagen, die ganz besonders nachhaltig klingen.

Arthur Rimbaud, Sämtliche Werke

Im Film „Les Micmacs“ gibt es einen kleinen Scherz. Ein Vater erzählt seinem Sohn etwas von Rimbaud und der Sohn denkt an Rambo. Und bei der Gelegenheit fällt mir ein, dass bei „Täglich grüßt das Murmeltier“ auch Witze über die französische Lyrik des 19. Jahrhunderts gemacht werden.

Seltsam, vor allem dass mir das ausgerechnet bei Rimbaud einfällt. Denn im Gegensatz zu Baudelaire oder Verlaine gehört Rimbaud mit Lautréamont zu den wenigen Glanzlichtern, denen der Zahn der Zeit einfach nichts anhaben kann. Meine Lieblingssentenz von Rimbaud bleibt:

J’ai tendu des cordes de clocher à clocher; des guirlandes de fenêtre à fenêtre; des chaînes d’or d’étoile à étoile et je danse.

Friedrich Nietzsche, Gedichte

Gut, Nietzsche mag man oder mag man nicht. Dazwischen gibt es nix. Seine Gedichte finde ich qualitativ stark schwankend, obwohl ich als ehemaliger Archäologe dennoch ein Lieblingsgedicht von ihm aufzusagen weiß:

Wo Du stehst, grab tief hinein!
Drunten ist die Quelle!
Lass die dunklen Männer schrein:
„Stets ist drunten Hölle!“

Jim Morrison & The Doors, Die Songtexte der Studio-LPs

Eine Zeitlang habe ich mal sehr, sehr intensiv Doors gehört. In dieser Zeit war es noch nicht so simpel, mal eben per Suchmaschine an Texte zu kommen, also war mir dieses Buch sehr recht. (Genau genommen gab es damals noch gar keine Suchmaschinen, obwohl ich sehr wohl schon im Netz war, sogar noch mit Vorläufern des WWW beschäftigt: Telnet, Gopher, Newsgroups …) Insgesamt eine nette Zusammenstellung, die Übersetzungen sind größtenteils okay, stellenweise aber auch fehlerhaft. Trotzdem ein praktisches Beiwerk zu jeder Doors-Sammlung.

Gregor Laschen, Wolfgang Schiffer (Hrsg.), Ich hörte die Farbe Blau

Aus der Phase, als ich noch gern privat Lyrik las. Irgendwie ist das inzwischen auch verflogen. Mag aber daran liegen, dass man für Lyrik Zeit mitbringen muss, die mir heute leider an allen Ecken und Enden fehlt.

Der Band vereint einen Querschnitt durch die moderne isländische Lyrik und war nicht nur für mich selbst eine angenehme Zusammenstellung, sondern kam auch als Geschenk bei solchen Menschen gut an, die noch den Wert eines guten Gedichts zu schätzen wissen.

Französische Dichtung, zweisprachige Ausgabe.

Eine sehr interessante Sammlung, die ich mal in einem Kieler Antiquariat entdeckt habe. Leider hatten sie nur drei Bände da:

  • Band 1: Von Villon bis Théophile de Viau
  • Band 2: Von Corneille bis Gérard de Nerval
  • Band 4: Von Apollinaire bis zur Gegenwart

Der Band 3 (von Baudelaire bis Valéry) fehlt mir noch und ich würde ihn wirklich gern eines Tages mein eigen nennen. Gut, es ist jetzt hier nicht der Platz ausführlich die Bände zu besprechen, zumal ich sie nur sehr fragmentarisch konsumiert habe. Aber solche Anthologien dürften ja meist so verwendet werden; dass man sich das herauspickt, was man als Rosine betrachtet. In meinem Fall war das neben Villon u.a. der großartige Henri Michaux. Apropos: Ich sollte die Bände mal wieder in die Hände nehmen und ein wenig blättern. Irgendwas Neues, irgendwas Gutes findet man da stets.

Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen

Ach ja, auch ich hatte mal eine Phase, in der ich französische Lyrik des 19. Jahrhunderts gelesen habe (täglich grüßt das Murmeltier). Baudelaire interessierte mich dabei mehr wegen des Hintergrunds, dass er ein Haschischesser war. Soll ich ehrlich sein? Tja, ist wohl am besten. Baudelaire ist schnarchlangweilig. Zumindest in der Übersetzung. Und um das Original womöglich genießen zu können, ist mein Französisch leider nicht gut genug. Wobei ich lustigerweise weiß, dass es gut genug ist, um Rimbaud und Lautréamont zu genießen. Vermutlich liegt Baudelaires Wert bestenfalls darin, dass er in einer neuen Weise provoziert hat, dass er neue Maßstäbe gesetzt hat. In der Leistung selbst waren andere dann allerdings besser. Zum Glück.

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