Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

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Hunter S. Thompson, Königreich der Angst

Hier ist eine Reihe von kürzeren Texten aus dem Leben Thompsons versammelt. Viel deutlicher als bei den Romanen wird hier sein Interesse an der amerikanischen Politik deutlich. Thompson war früh ein Warner, blieb damit aber praktisch bis zu seinem Tod ein einsamer Rufer in der geistigen Wüste USA. Son fundiert und amüsant seine Kritik klingt, so folgenlos ist sie – leider! – auch geblieben. Trotzdem tolle Texte!

PS: Seit ein paar Monaten gibt es eine Textsammlung „Die Rolling Stone Jahre“. Ich fürchte, dass darin weitgehend Texte versammelt sind, die ich bereits kenne bzw. vorliegen habe. Leider hatte ich in keiner Buchhandlung die Chance, einmal reinzugucken. Falls hier jemand liest, der das Buch besitzt, würde ich mich freuen, Hinweise auf den Inhalt zu bekommen. Danke!

Hunter S. Thompson, Angst und Schrecken in Las Vegas

Es gibt zwei Filme, die als wegweisend in der Darstellung von Drogenmissbrauch gelten. Der eine ist Trainspotting, der andere ist Fear and Loathing in Las Vegas.

Ich weiß nicht, wer von meinen Lesern sich Trainspotting schon mal mit jemandem angeschaut hat, der einen (Ex-)Junkie in der Familie hat. Ich hab das mal getan und wurde auf scheußliche Details hingewiesen, die mir vorher nicht aufgefallen sind, die dem Film aber eine sehr krasse Realitätsnähe auf den Weg geben.

Dasselbe lässt sich von Fear and Loathing wohl nur teilweise behaupten.

Terry Gilliam orientierte sich zwar an echten Fotos von Thompson und dessen Anwalt, folgte in der Verfilmung aber den den bewusstseinserweitenden und gedanklichen Ausschweifungen, die Thompson in seinem Meisterwerk in einem wahren Feuerwerk abfackelt. Doch so vordergründig die Darstellung der exzessiven Dauerparty erscheint, so nachhaltig rechnet Thompson mit dem american way of life ab. Und weil er nur in großen Dimensionen dachte, nimmt er sich dazu natürlich die scheußliche Überzeichnung dieser Lebensart vor – Las Vegas.

Das Buch ist ein großes Buch. Es ist das Opus magnum Thompsons und es ist das Opus magnum seiner Generation. Absolut lesenswert für jeden, dessen Literaturhorizont über Dan Brown oder Thomas Mann hinausgeht!

Hunter S. Thompson, Hell’s Angels

Das war der furiose Durchbruch Thompsons!

Der Expilot, der den Geschwindigkeitsrausch auf Motorrädern liebte und ein Auge für die Outsider hatte, kam in den 60ern in Kalifornien an dem ersten großen Zweiradklub einfach nicht vorbei. Überhaupt stellt sich die Frage: Hat Thompson die Nähe gesucht, weil er von den Angels fasziniert war, und dann über sie geschrieben? Oder ist er wirklich von vornherein mit dem Ziel sie auszuforschen auf sie zugegangen?

Wie dem auch sei. Thompson schildert ungeschönt, aber auch ehrlich (wirkend), was es mit dieser stinkenden Horde auf sich hat, die sämtliche gesellschaftlichen Konventionen ablehnt. Abgesehen von ihrem eigenen Ehrenkodex. Viele Horrorstorys, die sich um die ersten Jahrzehnte der Angels drehen, kann Thompson als blühende Fantasien kleinbürgerlicher Hobbyredakteure enttarnen. Dafür tischt er Storys auf, die seinerzeit neu waren. So zeichnet sich bereits in den 60ern sehr deutlich ab, wie der Club sich mit der aufkommenden kalifornischen Drogenszene vermischt.
Letztlich fand ich es besonders interessant, wie Thompson aufzeigt, was für ein reaktionärer Haufen sich da um Sonny Barger verschweißt.

Ein spannendes Buch, das ich zur Lektüre jedem empfehlen kann, der einmal hinter die Kulissen linsen möchte oder der gern Thompson liest.

PS: Über zehn Ecken kenne ich einen Exbandido, der mir Geschichten erzählt hat, bei denen Thompson bis über beide Ohren rot geworden wäre. Und jetzt kommt’s: Einerseits würde der Exbandido seine Erlebnisse gern veröffentlichen, andererseits fürchtet er, dass er danach endgültig untertauchen müsste. Aber wer weiß, vielleicht werde ich ja noch Ghostwriter.

Hunter S. Thompson, The Rum Diary

Damit hat er angefangen, der gute Hunter, und lange hatte er es gut in der hinterletzten Schublade versteckt. Eigentlich schade. Aber wenigstens ist es überhaupt aufgetaucht.

Das Buch ist zwar nicht so ein Knaller wie seine späteren Texte, zeigt aber bereits schön, was da schlummert. Ein Trauerspiel ist dagegen die unsägliche Verfilmung, auf die ich jahrelang gewartet habe. Da konnte sich jemand nicht so ganz entscheiden, ob es jetzt lustig oder tragisch werden soll – dabei ist das Buch in dieser Frage recht eindeutig. Die Experimente mit Rum und Eis an einsamen Stränden, die Schlägereien und Knastaufenthalte, das alles ist so amüsant, wie es nur geht. Wer Thompsons Stil und Schreibe bereits kennt, sollte es unbedingt lesen. Als Einstieg ist es aber zugegebenerweise vielleicht nicht das Beste.

Gogols Mantel – Erzählungen aus Russland

Eine nette kleine Anthologie russischer Autoren durch etliche Jahrzehnte russischer Kultur. Gogol, Dostojewskij und Tolstoj dürften noch die meisten kennen, aber hat hier wer schon Babel, Charms und Terz gelesen? Also ich abgesehen von der Anthologie jedenfalls noch nicht. Und ich finde es durchaus spannend, welche Wege sich intelligente Autoren suchten, um in der sozialistischen Diktatur überleben zu können. Die Texte muten bisweilen an wie Schachspiele mit dem FSB. Die Autoren, die das Spiel gewannen, brauchten nicht nach Sibirien.
Hier einmal die Liste der einzelnen Texte:

  • Nikolaj Gogol, Der Mantel
  • Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Die Sanfte
  • Lew Tolstoj, Der Tod des Iwan Iljitsch
  • Anton Tschechow, Die Dame mit dem Hündchen
  • Isaak Babel, Es waren ihrer neun
  • Daniil Charms, Störung
  • Iwan Bunin, In Paris
  • Abram Terz, Pchenz

Jurij Trifonow, Das Haus an der Moskwa

Ein kleiner, aber durchaus interessanter Roman, der anhand allerlei Zeitsprünge durch die UdSSR wunderbar das in sich verdorbene Funktionärswesen sammelt, schildert und auf den Punkt bringt. Manchmal war mir die Hüpferei durch die Kapitel etwas zu wild (vor allem wenn dann auch noch die Perspektive gewechselt wurde), aber ich möchte nicht ausschließen, dass ich damit weniger Probleme gehabt hätte, wenn ich das Buch schön ausgeschlafen im Park gelesen hätte und nicht zu unmöglichen Zeiten in der sich ewig verspätenden Bahn (womit wir wieder beim Thema wären).

Mark Twain, Kannibalismus im Zug und andere Erzählungen

Eine wunderbare kleine Neuerwerbung ist dieses Buch. Es enthält folgende Twain-Erzählungen: Eine burleske Autobiographie, Wie man eine Erkältung kuriert, Der berühmte Springfrosch von Calaveras County, Kannibalismus im Zug (super Bahnlektüre!), Ein Tag an den Niagara-Fällen, Die Wahrheit über den großen Rindfleischvertrag, Wie ich einmal eine landwirtschaftliche Zeitung herausgab, Ein geheimnisvoller Besuch, Meine Uhr, Die Geschichte des Vertreters, Der gestohlene weiße Elefant, Die Eine-Million-Pfund-Note, Der Mann, der Hadleyburg korrumpierte, Das Dreißigtausend-Dollar-Vermächtnis, Das Tagebuch von Adam und Eva.

Nicht alles ist zum Schreien komisch, durchweg kann man aber Twains Technik der schamlosen Übertreibung und Zuspitzung beobachten. Meine Favoriten sind vor allem der Springfrosch, die Million-Pfund-Note, der Hadleyburg korrumpierende Mann und natürlich – das Tagebuch von Adam und Eva. Gerade beim Tagebuch habe ich mich sehr über Adams Nöte im Paradies amüsiert, nachdem ihm ein Wesen an die Seite gestellt wurde („Mein Leben ist nicht mehr so schön wie früher“, „Fühle mich hier eingeengt. Brauche Ortswechsel.“, „Ich wünschte, es [das neue Wesen] würde nicht reden. Es redet pausenlos.“, „Wenn sie anfängt zu erklären, hört sie nicht mehr auf.“)

Mein aktueller Sommertipp!

Kurt Tucholsky, Sudelbuch

In der Tradition von Lichtenberg kritzelte auch Tucholsky über Jahre seine Einfälle und Aphorismen in eine Kladde. Er hat zwar deutlich weniger notiert als sein Vorgänger, aber trotzdem finden sich viele interessante und nette Ideen darunter. Beispielsweise ist mir in Erinnerung geblieben, dass Tucholsky schildert, in Schweden gäbe es einen Ausdruck „Kuchen auf Kuchen“, der Pleonasmen umschreibt.

J. R. R. Tolkien, Der Herr der Ringe

Ich habe den Herrn der Ringe Jahre vor meinem Studium gelesen und erst später verstanden, was da wirklich alles drinsteckt – oder besser: Teile von dem verstanden, was da alles drinsteckt.
Denn klar, wer sich in der Sprachwissenschaft herumtreibt, wird Tolkien schon wegen seiner Leistungen auf diesem Feld wertschätzen. Wer sich dann auch noch mit allerlei nordischen Erzählungen, Märchen und Geschichten beschäftigt, hat erst recht Vergnügen an der Geschichte um den einen Ring.
Ich weiß noch, wie sehr ich mich bei der Lektüre unterhalten habe, auch wie schnell ich dieses Ungetüm verschlungen habe. Ich habe diese Spannung aber relativ schnell wieder abgelegt und spätestens als ich mehr über die Hintergründe erfuhr, wurde die Geschichte für mich eher eine sehr technische Sache.

Tacitus, Sämtliche Werke

Ein etwas unüblicher Band in der bisherigen Reihe, zumal es sich eigentlich um ein Fachbuch handelt, dass ich für meine Diss genutzt habe. In der Hauptsache habe ich mich dabei mit der Germania beschäftigt, aber ab und zu auch in den Annalen reingeschaut. Die Germania kann ich jedem empfehlen, der einen (verfälschten) Blick von außen auf die Vorfahren unserer Vorfahren werfen möchte.

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