Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

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Hendrik Dorgathen, Space Dog

Dem Zeichner Dorgathen gelang Anfang der 90er mit diesem Comic eine kleine Sensation: Die kleine Geschichte um einen Hund, der zum heldenhaften Astronauten wird, und die dabei komplett ohne jedes Wort auskommt (abgesehen vom Buchtitel) war beim Erscheinen ein recht bekannter Knaller. Damals gefiel mir die Idee, sich auf Bilder zu beschränken, dabei eine nette kleine Geschichte zu erzählen und dazu grafische Mittel zu verwenden, wie ich sie gerade damals auch in eigenen Arbeiten gern genutzt habe. Genau genommen würde ich vieles sogar heute noch nutzen, wenn ich denn wieder mehr Zeit für eigene Arbeiten fände – aber das ist ja wieder ein anderes Thema.
Trotz des Lobs muss ich allerdings einräumen, dass ich Space Dog heute irgendwie recht lahm finde. Vielleicht ist die Geschichte einfach zu klein, um über Jahre zu leben. Aus grafischen Gründen ist der Band aber weiterhin dem zu empfehlen, der ihn noch nicht kennen sollte.

Hugleikur Dagsson, Finden Sie DAS etwa komisch?

Ich möchte wetten, dass die Mehrheit die Cartoons von Dagsson ohne Nachdenken einfach geschmacklos nennen würde. Zwischen Tod, Sex aller Arten (wirklich ALLER Arten), Folter, seltsamen Zärtlichkeiten und Brutalitäten lotet Dagsson hier Untiefen aus, die als Lackmustest für den eigenen Humor dienen können. Dazu finden sich sehr einfache, aber auf den Punkt genaue Zeichnungen. Kurz: Nicht jeder wird darüber lachen können, ich kann es. Und amüsiere mich darüber. (Ein Beispiel, die Durchsage in einem Flugzeug: „Hier spricht ihr Kapitän. Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass ich Sie ausnahmslos hasse!“)

Georgi Dimitroff, Schlussrede vor Gericht

Hans-Dietrich Genscher erzählte vor vielen Jahren mal im Fernsehen einen DDR-Witz (und ich meine mich erinnern zu können, dass er ihn wiederholt erzählte, weil er ihn so lustig fand). Da fragt ein Junge in der DDR seinen Vater, warum eine Brücke in seiner Stadt Dimitroffbrücke heiße. Der Vater – der natürlich wenig von der sozialistischen Regierung hält – weiß aber zu antworten, dass das schon ein ganz alter Name der Brücke sei, nämlich von August dem Starken. Der sei nämlich immer mit seiner Kutsche über die Brücke gefahren und habe im Angesicht all der schönen sächsischen Mädchen zum Kutscher gerufen: „Die mit roff! Die mit roff!“

Nun gut. Man mag von Genscher und seinem Schenkelklopfer halten, was man mag, aber es lockert das Thema fraglos etwas auf. Denn die Nazis wollten Georgi Dimitroff beim Prozess in Leipzig zum Reichstagsbrand in eine große kommunistische Verschwörung mit einbinden. Aber dem glänzenden Rhetoriker Dimitroff gelang es, den Prozess zumindest teilweise zu wenden und die Nazis als das zu entlarven, was sie waren (weshalb die anfängliche Öffentlichkeit des Prozesses nach und nach zurückgeschraubt wurde).

Ein Beispiel für dieses Talent ist nun Dimitroffs Schlussrede vor Gericht, die ich hier in meinem kleinen DDR-Bändchen vorliegen habe. Wiederum ein historisch spannendes Dokument, und wie ich meine: in diesem Fall wirklich jedem Antifaschisten zu empfehlen.

Gerard Donovan, Winter in Maine

Ein Tipp eines Freundes. Und kaum erzähle ich einer Freundin davon, sagt die mir, dass sie das Buch zu Hause stehen hat. So war es schnell ausgeliehen und ähnlich schnell ausgelesen. Es handelt sich um die Geschichte eines Einsiedlers in Nordmaine, dessen Hund brutal erschossen wird. Der Einsiedler, der auf diese Weise das Letzte verliert, was ihm noch an Gemeinschaft geblieben ist, verliert nun jede Hemmungen und beginnt, sich an den Menschen zu rächen, die er schuldig sieht an diesem Verbrechen. (Mehr möchte ich nicht schreiben, weil ich anderenfalls zu viel verrate.)

Alles in allem schnelle, gute Unterhaltung, die sogar eine Reihe von nachdenkenswerten Sätzen enthält. Lediglich der Schluss stimmte mich etwas unzufrieden, wenngleich ich einräume, dass Donovan einen Punkt erreicht, an dem es schwierig wird, noch sinnvoll weiterzuschreiben.

Gogols Mantel – Erzählungen aus Russland

Eine nette kleine Anthologie russischer Autoren durch etliche Jahrzehnte russischer Kultur. Gogol, Dostojewskij und Tolstoj dürften noch die meisten kennen, aber hat hier wer schon Babel, Charms und Terz gelesen? Also ich abgesehen von der Anthologie jedenfalls noch nicht. Und ich finde es durchaus spannend, welche Wege sich intelligente Autoren suchten, um in der sozialistischen Diktatur überleben zu können. Die Texte muten bisweilen an wie Schachspiele mit dem FSB. Die Autoren, die das Spiel gewannen, brauchten nicht nach Sibirien.
Hier einmal die Liste der einzelnen Texte:

  • Nikolaj Gogol, Der Mantel
  • Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Die Sanfte
  • Lew Tolstoj, Der Tod des Iwan Iljitsch
  • Anton Tschechow, Die Dame mit dem Hündchen
  • Isaak Babel, Es waren ihrer neun
  • Daniil Charms, Störung
  • Iwan Bunin, In Paris
  • Abram Terz, Pchenz

Karlheinz Deschner, Oben ohne. Für einen götterlosen Himmel und eine priesterfreie Welt.

Deschner vereint in diesem Taschenbuch „Zweiundzwanzig Attacken, Repliken und andere starke Stücke“, also eine Reihe von Essays, die teils bitter, teils amüsant, auch (unfreiwillig) komisch, teils aber auch einfach erschreckend sind.
Ich führe die Titel kurz auf:

  • Warum ich Agnostiker bin
  • Ich brauche kein Gottesbild
  • Was wir von Jesus wirklich wissen und was dann kam
  • Kaiser Julian, 332–363
  • Überfahrt ins Himmelreich
  • Reliquien oder Das Volk gläubet jetzt so leichthin, wie eine Sau ins Wasser brunzet … Ein lückenreiches Panorama – von den hochheiligen Vorhäuten Jesu bis zum Kot des Palmesels
  • Wir brauchen keine Menschen, die denken können, oder: Dicke Finsternis ruht über dem Lande
  • Lauter Lügen hat dein Mund mir erzählt …
  • Replik auf eine Erklärung des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz
  • Die Frommen und die Freudenmädchen. Warum CSU-Politiker, wünschen sie in München Bordelle, christliche Traditionen fortsetzen
  • Antwort auf die Frage: Sind wir Deutsche noch Christen?
  • Kruzifix noch mal. Rhapsodisches zum Jahresende 1995
  • Der Papst
  • An König David
  • An Michael Kardinal Faulhaber
  • Ist Kirchenbeschimpfung überhaupt möglich? Ein Gutachten
  • Hammers Tiefschlag gekontert
  • Pars pro toto: Bericht für eine katholische Akademie
  • Wes Brot ich ess’ oder Vor jeder Form von Macht auf dem Bauch
  • Interview mit Anselmo Sanjuán für die Madrider Zeitung «El Independiente» im Sommer 1990
  • Interview mit Claudio Pozzoli für die Turiner Zeitung «La Stampa» im Sommer 1990
  • Interview mit Michael Meier für die «Sonnags-Zeitung», Zürich, im Frühjahr 1996

Besonders amüsant ist natürlich der Teil über die albernen Reliquien mit fliegenden Krippen (übers Mittelmeer und zweimal über die Adria), Heiligen mit zahlreichen Köpfen und Armen und so vielen Holzsplittern aus dem heiligen Kreuz, dass man damit wohl mehrere Archen nachbauen könnte. Ja, so unterhaltsam kann Kirchenbeschimpfung sein.

Friedrich Dürrenmatt, Die Physiker

Ein weiteres Buch aus meiner Schulsammlung. Man könnte fast glauben, dass meine Deutschlehrerin Dürrenmatt besonders schätzte. Das würde nebenbei erklären, warum die Frau mich mit ihrem Unterricht am allermeisten gelangweilt hat. Die Physiker braucht man wirklich nicht gelesen zu haben, obwohl ich mich dunkel daran erinnere, dass das Thema so unwichtig nicht ist.

Karlheinz Deschner, Abermals krähte der Hahn. Eine Demaskierung des Christentums von den Evangelisten bis zu den Faschisten

Ein Rundumschlag durchs waffenstarrende, blutlüsterne, raffgierige und moralisch verkommende Christentum bietet einmal mehr Karlheinz Deschner mit dieser Abhandlung. Angefangen bei dem Sammelsurium, aus dem sich die „Lehre“ des Möchtegernzauberers aus Nazareth über weltliche Machtpolitiker, die die Chance in diesem System erkannten und ergriffen, und sich des Glaubens der Massen nach Herzenslust bedien(t)en, wenn es ihren Schachzügen zupass kam. Deschner ist eben immer eine Empfehlung wert!

Alfred Döblin, November 1918. Eine deutsche Revolution

Döblins Krönung ist und bleibt der Alexanderplatz. Trotzdem möchte ich November 1918, dieses Ungetüm von einem Vierbänder, mit stärkstem Nachdruck empfehlen. Döblin schafft es in einem Mix aus zeitgeschichtlichem Roman, Zeitkolorit, seiner unnachahmlichen Schreibe und intelligenten Kommentaren, ein Panorama aufzufalten, dass man nur dastehen und mit großen Augen staunen kann. Was ich auf diesen vielen, vielen Seiten gelernt habe, das konnte mir kein Geschichtsleistungskurs, kein Fachbuch so nahebringen. Man riecht die Revolution, man schmeckt die Revolution, man ist mittendrin und sieht, an welch kleinem Unsinn sie scheitern musste. Man sieht die übermächtigen Gegner, gegen die nichts auszurichten war. Für mich einer der wichtigsten deutschsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts!

Karlheinz Deschner, Der Moloch. Eine kritische Geschichte der USA

Ich war überrascht, als ich das Buch las, da ich den Eindruck hatte, dass Deschner noch verbissener schrieb als bei seinen Kirchenbüchern. Und obwohl man zwischendurch den Schaum vor Deschners Mund zu ahnen glaubt, möchte ich dieses Buch als Ergänzung zu Kinzers Putsch! empfehlen. Deschner zeigt nämlich über den späteren Imperialismus hinaus, wie sehr schon in den ersten Dekaden die Geschichte der USA von Eroberung und Rücksichtslosigkeit geprägt ist. Politische Entscheidungen fallen durch sämtliche Jahrhunderte ganz danach, wie sich das Fähnchen im Wind gerade drehen soll. Fast ist man geneigt zu glauben, dass Angela Merkel das Buch kennt und die beschriebene machtgeile Beliebigkeit als einzige Richtschnur ihres Handelns nimmt.

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