Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

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Virginie Despentes, Vernon Subutex (1)

Ich hasse ja Hypes. Ich kann es nicht anders sagen. Aber manche Hypes haben Hand und Fuß. Der Despentes-Hype ist zurzeit so ein Hand-und-Fuß-Hype.

Während die Bücher der Französin in Frankreich für viel Wind sorgen, rollt in Deutschland von ihrer Trilogie bisher nur der erste Band den Markt auf.* Und ich muss sagen, sie rollt ihn zu Recht auf.

Im ersten Band präsentiert sie ein spannendes Spektrum der aktuellen französischen und im Prinzip kontinentaleuropäischen Gesellschaft. Die Hauptfigur ist Vernon, ein ehemaliger Schallplattenverkäufer, der mit seinem Geschäft leider nicht bis zum wiedererstandenen Plattenrevival durchgehalten hat. Er wird nach dem eigenen wirtschaftlichen Scheitern auf die Straße gesetzt und stratzt fortan durch Paris, zunächst von Freundinnen zu Freunden. Nach und nach sinkt er Stufe für Stufe in der gesellschaftlichen Hierarchie und landet schließlich auf der Straße. Aufgrund seines Marschs durch die Gesellschaft wirkt Vernon wie ein moderner Simplicissimus. Obwohl er eigentlich noch selbst handelt, obwohl er von Helfer zu Helfer tingelt, verweigert er sich lange der EInsicht, dass es von allein nicht aufwärts gehen kann. Diese Passivität durchbricht er maximal mit der Nutzung von Social Media und auch nur, solange er Möglichkeiten hat, bei Freunden, in der Bibliothek oder anderen Plätzen ins Internet zu gehen. Als ihm auch diese Möglichkeit genommen wird, ist er komplett aus der Gesellschaft ausgeschlossen.

Dabei sitzt Vernon gleichzeitig eigentlich auf einem Schatz, ohne das ihm das bewusst ist. Aus seiner früheren Clique hatte es einer seiner Freunde geschafft und konnte Superstar werden: Alex Bleach. (Die Namensanleihe an Nirvanas erstes lahmes Album ist bei Albumfachfrau Despentes sicher kein Zufall.) Obwohl Vernon kaum rechten Kontakt zu ihm hatte, finanzierte Bleach die letzten Jahre sporadisch Vernons Leben – bis er schließlich starb. Zuletzt hatte er Vernon ein paar Bänder hinterlassen, auf denen der Künstler sich selbst interviewt hatte. Vernon besitzt die Bänder, hat sie aber bei einer seiner Stationen als Pfand zurückgelassen. Als über einen seiner Freunde bekannt wird, dass solche Bänder existieren, beginnt im großen Business eine Jagd darauf – ohne dass der Inhaber auch nur einen blassen Schimmer davon hat.

Aus dieser eingedampft vielleicht platt klingenden Geschichte zaubert Despentes nun ein absolut kenntnisreiches Wissen über die Generation, die in den späten 80ern und 90ern aufgewachsen ist und in den letzten Jahrzehnten mit ihren Träumen auf die Nase fiel. Sie zeigt uns ein Paris zwischen Elend, Faschisten, Ausländern und (Pseudo-)Eliten, nach deren Meinung die Elenden ausschließlich selbst schuld am Scheitern tragen. Die Sprache, derer Despentes sich bedient, zieht enorm. Sie ist schnell, farbenreich, wo nötig, auch vulgär, insgesamt stark und durchweg ziehend. Ihr reichen nur wenige Striche bei einer Personenbeschreibung und man versteht sofort, welcher Typ Mensch da vor einem steht, ohne dass sie dabei in Klischees oder pauschalen Kategorisierungen versinkt.

Bisher ist in Deutschland leider nur der erste Band erhältlich, aber wenn Anfang des Jahres Band 2 erscheint, gehöre ich definitiv zu den Menschen, die ihn lesen wird.

* Ja, ich weiß, dass schon früher Bücher von ihr erschienen sind, auch auf Deutsch.

Hendrik Dorgathen, Space Dog

Dem Zeichner Dorgathen gelang Anfang der 90er mit diesem Comic eine kleine Sensation: Die kleine Geschichte um einen Hund, der zum heldenhaften Astronauten wird, und die dabei komplett ohne jedes Wort auskommt (abgesehen vom Buchtitel) war beim Erscheinen ein recht bekannter Knaller. Damals gefiel mir die Idee, sich auf Bilder zu beschränken, dabei eine nette kleine Geschichte zu erzählen und dazu grafische Mittel zu verwenden, wie ich sie gerade damals auch in eigenen Arbeiten gern genutzt habe. Genau genommen würde ich vieles sogar heute noch nutzen, wenn ich denn wieder mehr Zeit für eigene Arbeiten fände – aber das ist ja wieder ein anderes Thema.
Trotz des Lobs muss ich allerdings einräumen, dass ich Space Dog heute irgendwie recht lahm finde. Vielleicht ist die Geschichte einfach zu klein, um über Jahre zu leben. Aus grafischen Gründen ist der Band aber weiterhin dem zu empfehlen, der ihn noch nicht kennen sollte.

Hugleikur Dagsson, Finden Sie DAS etwa komisch?

Ich möchte wetten, dass die Mehrheit die Cartoons von Dagsson ohne Nachdenken einfach geschmacklos nennen würde. Zwischen Tod, Sex aller Arten (wirklich ALLER Arten), Folter, seltsamen Zärtlichkeiten und Brutalitäten lotet Dagsson hier Untiefen aus, die als Lackmustest für den eigenen Humor dienen können. Dazu finden sich sehr einfache, aber auf den Punkt genaue Zeichnungen. Kurz: Nicht jeder wird darüber lachen können, ich kann es. Und amüsiere mich darüber. (Ein Beispiel, die Durchsage in einem Flugzeug: „Hier spricht ihr Kapitän. Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass ich Sie ausnahmslos hasse!“)

Georgi Dimitroff, Schlussrede vor Gericht

Hans-Dietrich Genscher erzählte vor vielen Jahren mal im Fernsehen einen DDR-Witz (und ich meine mich erinnern zu können, dass er ihn wiederholt erzählte, weil er ihn so lustig fand). Da fragt ein Junge in der DDR seinen Vater, warum eine Brücke in seiner Stadt Dimitroffbrücke heiße. Der Vater – der natürlich wenig von der sozialistischen Regierung hält – weiß aber zu antworten, dass das schon ein ganz alter Name der Brücke sei, nämlich von August dem Starken. Der sei nämlich immer mit seiner Kutsche über die Brücke gefahren und habe im Angesicht all der schönen sächsischen Mädchen zum Kutscher gerufen: „Die mit roff! Die mit roff!“

Nun gut. Man mag von Genscher und seinem Schenkelklopfer halten, was man mag, aber es lockert das Thema fraglos etwas auf. Denn die Nazis wollten Georgi Dimitroff beim Prozess in Leipzig zum Reichstagsbrand in eine große kommunistische Verschwörung mit einbinden. Aber dem glänzenden Rhetoriker Dimitroff gelang es, den Prozess zumindest teilweise zu wenden und die Nazis als das zu entlarven, was sie waren (weshalb die anfängliche Öffentlichkeit des Prozesses nach und nach zurückgeschraubt wurde).

Ein Beispiel für dieses Talent ist nun Dimitroffs Schlussrede vor Gericht, die ich hier in meinem kleinen DDR-Bändchen vorliegen habe. Wiederum ein historisch spannendes Dokument, und wie ich meine: in diesem Fall wirklich jedem Antifaschisten zu empfehlen.

Gerard Donovan, Winter in Maine

Ein Tipp eines Freundes. Und kaum erzähle ich einer Freundin davon, sagt die mir, dass sie das Buch zu Hause stehen hat. So war es schnell ausgeliehen und ähnlich schnell ausgelesen. Es handelt sich um die Geschichte eines Einsiedlers in Nordmaine, dessen Hund brutal erschossen wird. Der Einsiedler, der auf diese Weise das Letzte verliert, was ihm noch an Gemeinschaft geblieben ist, verliert nun jede Hemmungen und beginnt, sich an den Menschen zu rächen, die er schuldig sieht an diesem Verbrechen. (Mehr möchte ich nicht schreiben, weil ich anderenfalls zu viel verrate.)

Alles in allem schnelle, gute Unterhaltung, die sogar eine Reihe von nachdenkenswerten Sätzen enthält. Lediglich der Schluss stimmte mich etwas unzufrieden, wenngleich ich einräume, dass Donovan einen Punkt erreicht, an dem es schwierig wird, noch sinnvoll weiterzuschreiben.

Gogols Mantel – Erzählungen aus Russland

Eine nette kleine Anthologie russischer Autoren durch etliche Jahrzehnte russischer Kultur. Gogol, Dostojewskij und Tolstoj dürften noch die meisten kennen, aber hat hier wer schon Babel, Charms und Terz gelesen? Also ich abgesehen von der Anthologie jedenfalls noch nicht. Und ich finde es durchaus spannend, welche Wege sich intelligente Autoren suchten, um in der sozialistischen Diktatur überleben zu können. Die Texte muten bisweilen an wie Schachspiele mit dem FSB. Die Autoren, die das Spiel gewannen, brauchten nicht nach Sibirien.
Hier einmal die Liste der einzelnen Texte:

  • Nikolaj Gogol, Der Mantel
  • Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Die Sanfte
  • Lew Tolstoj, Der Tod des Iwan Iljitsch
  • Anton Tschechow, Die Dame mit dem Hündchen
  • Isaak Babel, Es waren ihrer neun
  • Daniil Charms, Störung
  • Iwan Bunin, In Paris
  • Abram Terz, Pchenz

Karlheinz Deschner, Oben ohne. Für einen götterlosen Himmel und eine priesterfreie Welt.

Deschner vereint in diesem Taschenbuch „Zweiundzwanzig Attacken, Repliken und andere starke Stücke“, also eine Reihe von Essays, die teils bitter, teils amüsant, auch (unfreiwillig) komisch, teils aber auch einfach erschreckend sind.
Ich führe die Titel kurz auf:

  • Warum ich Agnostiker bin
  • Ich brauche kein Gottesbild
  • Was wir von Jesus wirklich wissen und was dann kam
  • Kaiser Julian, 332–363
  • Überfahrt ins Himmelreich
  • Reliquien oder Das Volk gläubet jetzt so leichthin, wie eine Sau ins Wasser brunzet … Ein lückenreiches Panorama – von den hochheiligen Vorhäuten Jesu bis zum Kot des Palmesels
  • Wir brauchen keine Menschen, die denken können, oder: Dicke Finsternis ruht über dem Lande
  • Lauter Lügen hat dein Mund mir erzählt …
  • Replik auf eine Erklärung des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz
  • Die Frommen und die Freudenmädchen. Warum CSU-Politiker, wünschen sie in München Bordelle, christliche Traditionen fortsetzen
  • Antwort auf die Frage: Sind wir Deutsche noch Christen?
  • Kruzifix noch mal. Rhapsodisches zum Jahresende 1995
  • Der Papst
  • An König David
  • An Michael Kardinal Faulhaber
  • Ist Kirchenbeschimpfung überhaupt möglich? Ein Gutachten
  • Hammers Tiefschlag gekontert
  • Pars pro toto: Bericht für eine katholische Akademie
  • Wes Brot ich ess’ oder Vor jeder Form von Macht auf dem Bauch
  • Interview mit Anselmo Sanjuán für die Madrider Zeitung «El Independiente» im Sommer 1990
  • Interview mit Claudio Pozzoli für die Turiner Zeitung «La Stampa» im Sommer 1990
  • Interview mit Michael Meier für die «Sonnags-Zeitung», Zürich, im Frühjahr 1996

Besonders amüsant ist natürlich der Teil über die albernen Reliquien mit fliegenden Krippen (übers Mittelmeer und zweimal über die Adria), Heiligen mit zahlreichen Köpfen und Armen und so vielen Holzsplittern aus dem heiligen Kreuz, dass man damit wohl mehrere Archen nachbauen könnte. Ja, so unterhaltsam kann Kirchenbeschimpfung sein.

Friedrich Dürrenmatt, Die Physiker

Ein weiteres Buch aus meiner Schulsammlung. Man könnte fast glauben, dass meine Deutschlehrerin Dürrenmatt besonders schätzte. Das würde nebenbei erklären, warum die Frau mich mit ihrem Unterricht am allermeisten gelangweilt hat. Die Physiker braucht man wirklich nicht gelesen zu haben, obwohl ich mich dunkel daran erinnere, dass das Thema so unwichtig nicht ist.

Karlheinz Deschner, Abermals krähte der Hahn. Eine Demaskierung des Christentums von den Evangelisten bis zu den Faschisten

Ein Rundumschlag durchs waffenstarrende, blutlüsterne, raffgierige und moralisch verkommende Christentum bietet einmal mehr Karlheinz Deschner mit dieser Abhandlung. Angefangen bei dem Sammelsurium, aus dem sich die „Lehre“ des Möchtegernzauberers aus Nazareth über weltliche Machtpolitiker, die die Chance in diesem System erkannten und ergriffen, und sich des Glaubens der Massen nach Herzenslust bedien(t)en, wenn es ihren Schachzügen zupass kam. Deschner ist eben immer eine Empfehlung wert!

Alfred Döblin, November 1918. Eine deutsche Revolution

Döblins Krönung ist und bleibt der Alexanderplatz. Trotzdem möchte ich November 1918, dieses Ungetüm von einem Vierbänder, mit stärkstem Nachdruck empfehlen. Döblin schafft es in einem Mix aus zeitgeschichtlichem Roman, Zeitkolorit, seiner unnachahmlichen Schreibe und intelligenten Kommentaren, ein Panorama aufzufalten, dass man nur dastehen und mit großen Augen staunen kann. Was ich auf diesen vielen, vielen Seiten gelernt habe, das konnte mir kein Geschichtsleistungskurs, kein Fachbuch so nahebringen. Man riecht die Revolution, man schmeckt die Revolution, man ist mittendrin und sieht, an welch kleinem Unsinn sie scheitern musste. Man sieht die übermächtigen Gegner, gegen die nichts auszurichten war. Für mich einer der wichtigsten deutschsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts!

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