Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Jeffrey Eugenides, The Virgin Suicides

Ein lieber Münchner Freund* versorgt mich bisweilen mit englischsprachigen Buchpäckchen. So kam erst die Tage eine neue Zusammenstellung an, auf die ich schon sehr gespannt bin. Besonders amüsiert mich, dass dieses neue Päckchen ausgerechnet dann ankam, als ich das letzte Buch seines letzten Carepakets beendet hatte. Und dieses Buch war The Virgin Suicides.

Ich muss gestehen: Ja, das Cover, die ganze Aufmachung haben mich nicht vom Hocker gerissen, weswegen ich das Buch auch etwas stiefmütterlich im Regal liegen hatte und andere Bücher gern vorgezogen habe. Als ich es nun aber doch in die Hand nahm, war ich begeistert.

Ihr wisst ja: Ich mag Geistergeschichten. Allein deshalb muss ich dieses Buch schätzen. Ob es um Geister geht? Im eigentlichen Sinne nicht, auch wenn eine der Hauptfiguren eine seiner Töchter in einer Szene für das Gespenst einer anderen, bereits verstorbenen Tochter hält. Aber dennoch ist es praktisch ein Buch über Seelen aus dem Jenseits.

Das beginnt bereits mit dem ersten Satz. Sofort verrät Eugenides die Pointe: Die letzte Tochter der Familie Lisbon wählt den Freitod. Ab da schildert der Wir-Erzähler, was in diesem einen Jahr passiert ist, in dem sich fünf Töchter auf verschiedene Art und Weise das Leben nehmen und was dazu geführt hat. In dieses Wir-Erzählen bindet er „Beweisstücke“, Aussagen von Nachbarn, Mitschülern und auch spätere Aussagen mit ein. Das ist ein besonderer Kniff, weil Eugenides sehr einfach auf verschiedene Perspektiven eingehen kann, sich dabei aber auch immer wieder auf das Hörensagen beschränken muss.

Das Leben der Töchter wird fremdbestimmt vor allem durch die Mutter, in Teilen auch durch den Vater. Bei dem einzigen Schulball, den die Töchter gemeinsam besuchen dürfen, tragen sie sackartige Kleider, die mich in der Form bereits an Gespensterlaken erinnerten. Die ganze Familie isoliert sich immer stärker, zieht vor allem die Töchter massiv aus dem öffentlichen Leben zurück. Und spätestens hier setzt der Punkt ein, an dem ich die Geistergeschichte sehe. Die Töchter sind kaum noch zu sehen, tauchen – immer abgemagerter und vor allem bleich – nur noch hinter total verdreckten, beinah blinden Fensterscheiben auf. Überhaupt verkommt das ganze Haus der Familie, wird selbst zu einem Haunted House, zu dem sich kaum noch jemand traut.

Trotz der Isolation gelingt es den Jugendlichen aus dem Örtchen, mehrfach mit den Töchtern zu telefonieren. Aber was tun sie? Sie spielen sich gegenseitig Lieder vor, um sich mit den Titeln Nachrichten zu übermitteln. Schon das erinnert an Versuche, mit dem Jenseits in Kontakt zu treten. Schließlich erscheinen die Töchter nachts an den Fenstern, geben Lichtzeichen, zünden Kerzen und Räucherware an. Und die Kinder und Jugendlichen aus der Nachbarschaft hängen wie gebannt davor, versuchen das Rätsel dieser Zeichen zu lösen. Sie bekommen sogar Nachrichten per Post, die die Töchter nachts in der Straße verteilen, ohne dass sie jemals dabei beobachtet werden. Auch dies eine Art der Kontaktaufnahme derjenigen, die bereits im Jenseits sind, auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt juristisch noch leben.

Das ganze Buch behält von Anfang bis zum Ende einen atemlosen Tonfall bei, der dafür sorgt, dass man es kaum weglegen möchte. Jetzt habe ich nur noch einen Wunsch: Es gibt eine Verfilmung von Sofia Coppola, deren Fähigkeiten als Regisseurin ich bislang für äußerst mau gehalten habe. Ich hoffe, dass sie wenigstens dieses gute Buch nicht auch versemmelt hat, werde es aber definitiv überprüfen.

* Wie der Historiker weiß, ist in der Völkerwanderungszeit so ziemlich jeder Stamm durch das heutige Bayern gezogen, weswegen ich sehr lange die berechtigte Vermutung hegte, dass die jeweils ihre größten Trottel dort zurückgelassen haben, bevor es über die Alpen ging. Frühere Bekanntschaften bestätigten diese Vermutung massiv. Erst der besagte Freund bewies mit Nachdruck, dass es auch von dieser Regel Ausnahmen gibt. (Und inzwischen gesellten sich ein paar weitere Ausnahmen hinzu.)

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Aus der Werkstatt

  1. Besagter Freund, der mir überhaupt nicht bekannt ist, feiert zwar bald einen runden Geburtstag, hat jedoch – Gerüchten zum Trotz – die Völkerwanderung nicht selbst erlebt. Desweiteren ist er ja auch nicht indigen, sondern nur als Opfer trügerischer Emotionen hier seßhaft geworden. Was ich ja nicht wissen kann, aber ich kann es mir denken.
    Jedenfalls könnte ich mir vorstellen, daß dieser Freund sich freut über das Wohlgefallen. Er wusste ja, daß die dieses Buch gefallen würde. Also das sagt mir mein gesunder Menschenverstand, dazu muß ich ihn nicht kennen. Dich auch nicht. Wo bin ich hier?

    • Ich finde es echt nur schade, dass ich mich vom Cover dazu hab verleiten lassen, es völlig falsch einzuschätzen. Aber gut, Angelsachsen und die Gestaltung von Büchern, das ist ja ne Welt für sich. Nicht umsonst gibt es das englische Sprichwort: Don’t judge a book by it’s cover. (Wenn ich an den Satz denke, hab ich übrigens immer Tim ”Frank ’n’ Furter“ Curry im Ohr.)

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