Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: 2010 gelesen Seite 2 von 3

William Gurstelle, Messerwerfen und Absinth

In dem Buch für totaaal risikobereite Menschen findet sich eine lustige Ansammlung an gefährlichen Tätigkeiten und Hobbys. Seltsam erschien mir, dass ich nach dem anfänglichen Fragebogen als eher risikoscheu gelte, obwohl ich viele der gefährlichen Sachen längst hinter mir habe: Die eponymen Handlungen Messerwerfen und Absinthtrinken gehören genauso dazu wie Experimente mit Schwarzpulver und Spielereien mit dem Zippo. Schlimmer: Bei Dingen wie Absinth spreche ich Gurstelle nach der Lektüre sogar grundsätzliche Ahnung ab, die ein Connaisseur des Absinths haben sollte.

Bezeichnend die US-amerikanische Bigotterie und Doppelmoral: Gurstelle mokiert sich, für die deutsche Ausgabe auf Erklärungen zur Herstellung von Schwarzpulver verzichten zu müssen. Er notiert aber im selben Werk ohne besondere Kommentare, dass Websites, die Schnapptricks mit dem Zippo zum Thema hatten, regelmäßig auf Druck von US-Seite abgeschaltet werden. Es könnte so ein Ding ja zu Boden fallen, die Auslegware entzünden und so das Haus abfackeln. Also etwas, was mit Schwarzpulver natürlich nicht passieren kann. Manchmal ist Denken eben auch schon ein Risiko. 😉

Trotzdem vergnügliche Unterhaltung, durchaus auch für eher harmlose Zeitgenossen.

Chuck Palahniuk, Fight Club, Snuff

Den Film kannte ich – natürlich – schon lange. Ich muss aber sagen, dass es mehr Spaß macht, Fight Club zu lesen, als den Film zu sehen.

Snuff ist dagegen ein recht interessantes Experiment, das in der Pornoszene spielt: Palanhniuk schaut den Darstellern beim größten Gang Bang aller Zeiten über die Schulter. Das tut er auf eine Weise, die so amüsant wie spannend ist. Kein großer Text, aber sehr angenehme Kost. Und nicht wegen, sondern trotz des Themas.

Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus

Vielleicht konnte Weber gut denken. Gut schreiben konnte er jedenfalls nicht. Miesester Text des Jahres 2010. Besonders nervig: Ständig hervorheben zu müssen, dass Kapitalismus eigentlich ein Superding ist, dass nur das, was wir erleben, kein Kapitalismus ist. So was nennt man dann Dialektik. Das Buch gibt aber ein tolles Klopapier ab.

Der Traum der Roten Kammer

Beim Traum handelt es sich um den dritten großen Text der chinesischen Klassik zusammen mit den Räubern vom Liang Schan Moor und dem Kin Ping Meh. Der Traum ist zwar ein hochinteressantes Sittengemälde seiner Zeit, inhaltlich aber eindeutig der schwächste Text in diesem Trio. Schön, dass ich ihn gelesen habe, muss ich aber nicht noch mal haben.

Gustav Meyrink, Der Golem

Das war eindeutig die Überraschung des Jahres: Ein Text wie aus der Romantik, stilistisch um Längen besser als Meyrinks Dickens-Übersetzungen. Viele Einzelheiten erinnerten in der Art und Qualität an die besten Stellen bei Hoffmann. Davon hätte ich gern mehr!

PS: Übrigens nicht mit dem bekannten Film zu vergleichen. Der hat auf seine Art zwar auch Charme, ist aber nur ein ganz blasser Abklatsch des Buches!

Heinrich Mann, Die kleine Stadt

Bis letztes Jahr war ich ein großer Heinrich-Mann-Fan. Aber dann wurde ich zweimal enttäuscht. Die kleine Stadt, so erfuhr ich im Nachwort, soll quasi das Pendant zu Thomas’ Buddenbrocks sein. Vermutlich ist es daher so sterbenslangweilig. Da nützt es auch nix, wenn Heinrich die Partei der Künstler ergreift. Wer kein Narkotikum sucht, sollte auf dieses Buch verzichten.

Walter Serner, Die Betörung der Excentrique Fanouche

Diese Sammlung von Ganoven- und ähnlichen Geschichten war ein Überraschungsgeschenk eines lieben Freundes. Die Texte selbst sind oft lokal eingefärbt – von Wien bis Berlin – und erheitern mit etlichen Lichtblicken innerhalb des weiten Mittelmaßes. Durchaus kurzweilig, das Ganze.

Kim Stanley Robinson, Die Romane des Philip K. Dick

Als großer Fan der irren Dick-Welt wollte ich mir zwischendurch mal etwas Sekundäriges gönnen. Es war recht genehm zu lesen, lief fast ab wie der Besuch bei lieben Verwandten. Man erkannte das eine Bild und hatte jene Geschichte schon mal gehört. Ein regelrechter Spaziergang durch liebgewonnene Texte. Trotzdem gab es auch manches Neues.Dick-Fans werden ihre Freude daran haben.

August Lafontaine, Quinctius Heymeran von Flaming

Natürlich, es ist nicht schwer auszumachen, dass ich mir diesen jüngsten Neuzugang aus der Reihe „Heidnische Altertümer“ als Schmidtist zugelegt habe. Aber das tut nix zur Sache des Inhalts.

Das Buch selbst war, vor allem zu Beginn, recht amüsant, erinnert mich gerade in diesen Teilen wiederholt an den Shandy. Der Rest, was bei einem Buch dieser Länge nicht wenig ist, war aber weitgehend belangloses Gequatsche mit den üblichen Topoi des 18.-Jh.-Romans: Sie finden sich, sie verlieren sich, sie finden sich wieder. Die eine stirbt, der andere türmt – alles wie gehabt. Gähn.

Bleibt die Hoffnung, dass die Bände als Geldanlage etwas taugen. Denn die Preisentwicklung der Reihe ist bei ZVAB ja durchaus hoffnungstimmend.

William S. Burroughs, Ghost of Change

Aufgrund früherer Liebhaberei mal günstig bei Zweitausendeins geschossen. Nach guter Ablagerung in den Bücherregalen hab ich’s dann endlich gelesen – und für durchaus gut befunden. Viel mehr aber auch nicht. Zwar typisch Burroughs, aber nicht so kraftvoll wie seine frühen Arbeiten.

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