Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: Essays Seite 3 von 7

Daniel Paul Schreber, Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken

Ein ganz besonders spannendes Werk. Verfasst vom Sohn des Schrebergartenschrebers beschreibt es aus der Ichsicht, wie ein im Prinzip normal in die Gesellschaft integrierter Mensch nach und nach durchknallt und immer wahnhaftere Züge annimmt. Es geht um pseudoaltreligiösen Unsinn, Strahlen, die mich an Außerirdische erinnerten (wenngleich ich mich zu erinnern glaube, dass Schreber nicht von Extraterrestrischen spricht), es geht darum, wie er sich in eine Frau verwandelt bzw. verwandeln kann (er bräuchte nur ein Korsett und einen Spiegel und schwups, sei er eine Frau). Für psychologisch interessierte Leser hochinteressant und äußerst empfehlenswert!

Ich erinnere mich an eine Frage Schrebers, die auch für die „normale“ Welt zum Nachdenken anregt: Wenn meine ganze Umgebung meinem Wahnsystem entspringt – woher weiß ich dann, dass der Therapeut, der mir das erzählt, nicht auch ein Teil eben dieses Systems ist?

Eckhard Henscheid, Dummdeutsch

Henscheid hat hier eine Sammlung all jener Begriffe zusammengetragen, welche von Politik, Werbung und Journalistentum missbraucht werden, um Dinge zuzukleistern und zu übertünchen. Dem Wortmetz zweifellos zu Nutz und Frommen, bisweilen stecken natürlich auch bittere Erkenntnisse darunter.

Mitgewirkt haben bei diesem Bändchen, der übrigens auch in einer Reclam-Ausgabe erhältlich ist (war?), Carl Lierow und die allseits bekannte Elsemarie Maletzke, Letztere ihres Zeichens bekannt für ihre Biographien über die Brontës, Jane Austen und George Eliot – wenn ich auch einräumen muss, keins dieser Werke von ihr gelesen zu haben.

Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum

Ich möchte behaupten, dass es nur wenige Bücher gibt, die mich so geprägt haben, wie dieses Werk des Individualismus. Dabei feiert Stirner als Ursprung der Denkweise Nietzsches nur scheinbar den Egoismus. In Wirklichkeit geht es mehr um den Realismus, um das, was dem Einzelnen möglich ist und was nicht.

Das Buch war übrigens eine Leseempfehlung eines norddeutschen Expunks, der sich nach einer extrem unglücklichen Jugend und Jahren der Sozialhilfe irgendwann zu berappeln wusste, mit Ende 30 eine Lehre in der Gastronomie begann und schon bald eine eigene sehr gut laufende Studentenkneipe (mit sehr guter Musik) aufbauen konnte. An Mario – oder Mary-Joe, wie er aus seinen Straßentagen auch genannt wurde – denke ich immer wieder gern zurück, nicht nur wegen Stirner.

Obwohl die Lektüre Jahre her ist, vergeht praktisch kein Jahr, in dem ich nicht aus dem Einzigen zitiere. Gerade wenn man regelmäßig als Ratgeber gefragt ist – und ich finde es erschreckend und amüsant zugleich, wie viele Menschen mich als weisen Mann zu betrachten scheinen – ist dieses Vademecum daher dringend zu empfehlen. Vielleicht sollte ich mir aber einmal eine schönere Ausgabe als die gelbe Reclam-Version zulegen. Das Buch hätte es verdient.

Mark Leyner, Billy Goldberg, Warum haben Männer Brustwarzen?

Ich rate mal, dass die wenigsten erwarten, hier von einem Buch zu lesen, dessen Untertitel lautet: „Drängende Fragen, die Sie Ihrem Arzt erst nach dem dritten Martini stellen würden“. Ich räume auch ein, dass ich es mir selbst vermutlich nicht gekauft hätte. Richtig, es war ein Geschenk. Und ich muss einräumen, dass ich die Grundidee zum Buch gar nicht mal so doof finde, weil es für aufgeschlossene Menschen doch täglich Fragen gibt, auf die man keine Antwort bekommt. Zugleich möchte ich aber auch bemängeln: Dieses Buch beantwortet sie nicht und vor allem beantwortet es diese Fragen stilistisch recht rudimentär. Also gute Idee, aber bereits durch die unglückliche, weil unausgewogene Coautorenschaft herzlich missglückt. Eigentlich schade, aber in dieser Form möchte ich das Buch nicht empfehlen.

Hunter S. Thompson, Gonzo Generation

In diesem Band – untertitelt mit: das Beste aus den Gonzo Papers – sind zahlreiche kurze oder längere Texte von Thompson vereinigt, die zu einem guten Teil auch in anderen jüngst veröffentlichten Bänden publiziert sind. Nett für einen Rundumschlag durch die Jahrzehnte, amüsant in der Lektüre, aber eben auch viel Wiederholung, wenn man ohnehin Thompson-Fan ist. Kann man haben, muss man aber nicht.

Italo Svevo, Schriften über Joyce

Natürlich tut man Svevo unrecht, wenn man ihn auf seine Beziehung zu James Joyce beschränkt. Der Triestiner war eben auch literarisch eine wichtige eigenständige Persönlichkeit. Trotzdem kann man auch nicht ignorieren, dass die beiden sich kannten und miteinander befreundet waren. Diese Sammlung kleiner Schriften sind zwar nur eine Teil des Puzzles aus Dublin, aber dennoch interessante Lektüre für Freunde der Texte aus den Häusern Joyce und Svevo.

Carola Stern, Heinrich A. Winkler, Wendepunkte deutscher Geschichte 1848–1945

Ich glaube, das ist das einzige Buch, das ich noch aus meinem Geschichts-Leistungskurs aufbewahrt habe. Was irgendwie seltsam ist, denn damals fand ich das Buch nicht gerade brillant. Heute muss ich einräumen, dass ich es nicht mehr so schlimm wie früher finde. Denn die Wendepunkte, die hier dargestellt sind, sind natürlich enorm wichtig für die Entwicklung dieses Landes. Insofern ist das Buch eine Bereicherung für jede politische Bibliothek.

Ronald K. Siegel, Der Schatten in meinem Kopf

Halluzinationen haben nur Bekloppte? Das ist sehr kurzsichtig gedacht, wie Ronald Siegel in diesem Buch zeigt. Stimmen, Visionen, Käfer unter der Haut – Siegel beschreibt und erklärt, was das Unbewusste mit unseren scheinbar bewussten Sinnen so anstellen kann. Zum Teil verursacht durch den Abusus von Drogen.

Ein empfehlenswertes Buch und insbesondere eine lesenswerte Ergänzung zu Siegels Halluzinationen!

Ronald K. Siegel, Halluzinationen

Von Siegel hab ich zwei Bücher in einem modernen Antiquariat entdeckt. Das hier ist das erste, das ich vorstelle. Ich hab schon vielfach erwähnt, dass ich ein gewisses Interesse daran hege, wie Substanzen auf die Biologie der Nervenzellen wirken können. Ich finde es faszinierend, wie einfach man das System der Wahrnehmung zerschießen und damit deutlich machen kann, wie fragil unsere „Realität“ doch ist. Und bevor wir hier eine zu tiefe Diskussion starten, fasse ich den aktuellen Forschungsstand einfach zusammen: Unsere Realität ist nicht mehr als das, was wir uns selbst vorgaukeln. So gesehen hatte Schopenhauer mit der Welt als Wille und Vorstellung mehr recht, als ihm das damals klar gewesen sein dürfte. Oder sind wir heute vielleicht nur Ergebnis seiner Welt?

Kurz zu Siegels Buch: Er stellt hier in einer Reihe Essays die Erfahrungen mit verschiedenen Drogen oder Bewusstseinszuständen dar. Darunter sind spannende Geschichten, erschreckende Storys, neugierig machende Experimente … es ist wirklich ein toller Fundus, der nebenbei zeigt, dass Siegel selbst ein wenig derangiert zu sein scheint. Ein Beleg dafür? Halluzinationen können auch ohne Substanzen in bedrohlichen Situationen wie Isolationshaft entstehen. Wie viele Menschen würden sich aber zum Zweck des Beweises und um diese Erfahrung selbst zu machen allein in einen Käfig in einer alten Fabrik einsperren lassen, um Halluzinationen zu bekommen, und nur ein Freund weiß, wo man ist?

Noch Fragen?

Heinrich Mann, Der Hass. Deutsche Zeitgeschichte. Essays

Eine wunderbare Zusammenstellung von Essays, die Heinrich Mann 1933 über die Nazi-Deutschland verfasst hat. Besonders auffallend ist, dass er schon im Jahr der „Machtergreifung“ – die dank rechter und liberaler Parteien sowie Parteien der Mitte bekanntermaßen besser Machtübergabe genannt werden sollte – im Prinzip vorhersieht, was passieren wird.

Dazu wird das Ganze aufgelockert durch Infos, die allzu gern in der Geschichtsschreibung untergehen, wie zum Beispiel die Tatsache, dass Goebbels vor seiner Parteikarriere Autor schmieriger und erfolgloser Theaterstücke war. Auf jeden Fall sehr empfehlenswert und meiner Meinung nach besser, weil schärfer als Sebastians Haffners Essays.

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén