Doc Tottes Welt

Essays, Skizzen und Gedanken

Kategorie: Essays Seite 2 von 7

Wladimir Iljitsch Lenin, Die große Initiative

Auch dieses Bändchen ist aus meiner Reihe DDR-Miniaturbücher und insofern eher ein historisches Propagandadokument als ein interessanter Text. Es enthält Lenins Artikel über die „Heldentaten der Arbeiter“ zu Beginn der UdSSR (aus Anlass der kommunistischen Subbotniks, also der Gratisarbeitsdienste).

Zugegeben, es wird bei diesem Bändchen höchstwahrscheinlich bei einer einmaligen Lektüre im Sinne einer Kenntnisnahme bleiben, aber es darf als historische Propaganda weiter in meiner Bibliothek hausen.

Michio Kaku, The Physics of Impossible

Die Welten der Physik und der Science-Fiction haben nicht nur zahlreiche Berührungspunkte, sondern befruchten sich seit Jahrzehnten immer wieder massiv. Man braucht kein großer Science-Fiction-Fan zu sein, um zu wissen, dass es dort zahlreiche Ideen gibt, bei denen Otto Normalmensch sich hin und wieder fragt: „Wäre das physikalisch möglich?“ Gibt es z.B. grundsätzliche physikalische Gesetze, die Reisen durch die Zeit verhindern? Kann es Außerirdische geben? Oder Paralleluniversen?

Ich vermute, den meisten Physikern werden immer wieder solche und ähnliche Fragen gestellt. Kaku hat versucht, sie nach dem aktuellen Stand (das Buch ist von 2008, also auch nicht mehr ganz frisch) zu beantworten.

Dazu hat er die typischen Fragen gesammelt, sortiert und in ein dreigliedriges System geordnet: theoretisch möglich, vielleicht theoretisch möglich, nach heutigem Stand sehr wahrscheinlich auf ewig unmöglich. Letzteres ist natürlich besonders amüsant, wie Kaku im Epilog selbst zugibt. Denn wenige Jahre bevor Einstein seine Relativitätstheorie vorstellte, erklärte Nobelpreisträger Albert A. Michelson feierlich, dass eigentlich schon die gesamte Physik erforscht sei.

Aufgrund ungewöhnlicher Umstände gelangte das Buch in englischer Originalfassung in meine Hände. Das machte es insbesondere bei manchen Fachbegriffen nicht immer ganz einfach, dennoch ließ es sich eigentlich ganz gut lesen. Geärgert habe ich mich dagegen wiederholt über eine Perspektive, die bei Kaku immer wieder durchbricht und von der ich schon durch Freunde erfahren habe, die andere Bücher von ihm gelesen haben. Kaku bastelt sich aus seiner physikalischen Weltsicht eine historische Weltsicht, die meines Erachtens nicht nur unscharf ist, sondern in ihrer Überbewertung der westlichen Zivilisation lächerlich wirkt. Gut, diese Sichtweise ist bei einem US-amerikanischen Autor sicher nicht überraschend, aber sie nervt in ihrer Überheblichkeit. Zumal sie aus Sicht des Historikers so offensichtlich falsch ist, dass es schon weh tut. Denn weder ist die westliche Zivilisation die Krone der Schöpfung noch ist sie das Ende der Zivilisation.

Alles in allem war die Lektüre trotz dieses Mankos anregend. Ja, zwischendurch hatte ich sogar den Eindruck, endlich wenigstens ansatzweise die Stringtheorie zu verstehen, ohne sie aber gut erklären zu können.

Arno Schmidt, Deutsches Elend

Mein letzter kleiner Arno-Schmidt-Band umfasst „13 Erklärungen zur Lage der Nation“, also wiederum eine Reihe von Essays, in denen Schmidt sich diesmal über den Adenauerstaat auslässt, und was es daran auszusetzen gab (ich setze als bekannt voraus, dass es da einiges gab; der Interessierte google zum Anfang einfach mal nach „Die schwarzen Kassen der CDU“; dieses System geht nämlich weit über Flick und Kohl hinaus).

Wie bei den anderen kleinen Bändchen kann ich daher auch dieses hier sehr empfehlen, wobei es in dieser Ausgabe nur mit Glück antiquarisch erhältlich sein dürfte.

Alois Bauer, Elektromobilität. Realität und Chancen

Nur wer total ignorant ist, kann noch glauben, dass klassischen Verbrennungsmotoren die Zukunft gehört. Und wenn die großen Automobilkonzerne gerade die Entwicklung verpennen, dann brauchen wir uns dem ja nicht anzuschließen. Vor allem darf die Lösung sich nicht darauf beschränken, einfach einen Verbrennungsmotor mit einem Elektromotor auszutauschen. Deshalb ist es in der aktuellen Phase so eminent wichtig, neu zu denken. Das zeigen Menschen wie Elon Musk. Das zeigen aber auch weniger bekannte Menschen wie Alois Bauer.

Bauer ist gelernter Kfz-Mechaniker und Karosseriebauer und entwickelt derzeit mit seinem Unternehmen Spezialfahrzeuge mit Elektroantrieb. Er hat verstanden, über die Notwendigkeiten neuer Antriebe hinauszudenken. Deshalb schaut er nach den Möglichkeiten und was daraus folgt.

Ein ganz einfaches Beispiel: Ein befreundeter Weinbauer gibt bei Bauer einen Traktor für die Weinberge in Auftrag. Bauer, der sich bislang eher wenig damit beschäftigt hat, wundert sich über den großen Wendekreis eines solchen Traktors. In der bisherigen Form, so bemerkt er, kann der Traktor nicht von einer Weinreihe zur anderen fahren.
Wer den Weinbau schon in Aktion erlebt hat, wundert sich so wenig wie der Auftraggeber: Der Traktor überspringt einfach eine Reihe und fährt daher immer jede zweite Reihe ab. Die jeweils fehlende Reihe wird eben auf dem Rückweg bearbeitet.

Bauer hingegen sagt sich: Das Wendekreisproblem interessiert in der Elektrofahrzeugtechnik an sich gar nicht. Da die Antriebe viel einfacher und sogar radgenau genutzt werden können, sind durchgehende Achsen nicht notwendig. Räder können sich praktisch in jede gewünschte Richtung drehen. Also kann ich auch einen Traktor bauen, der einen Wendekreis hat, mit dem ich jede Reihe nacheinander abfahren kann.

Dieses Beispiel zeigt sehr schön, wie sehr wir im Denkschema hergebrachter Technik gefangen sind. Wir müssen neu lernen, was geht und was nicht geht. Und um es kurz zu machen: Abgesehen von der derzeit noch geringeren Reichweite geht mit der Elektromobilität einiges mehr.

Nicht ganz folgen möchte ich Bauer bei seinen Überlegungen, wie sich Autokonzerne in den kommenden Jahren aufstellen. Es sind zwar sympathische Gedanken darunter, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die Konzerne lieber in ihrer jetzigen Form untergehen, als sich so radikal zu verändern, wie er es vorschlägt.

Alles in allem dennoch ein hübsches kleines E-Book, das ein paar Denkanstöße gibt, wie unsere Zukunft aussehen könnte. Vor allem erinnert es an die größte Gabe, die dem Menschen zur Verfügung steht: sein Erfindungsgeist.

Das große Dummy-Buch

Das Buch ist untertitelt mit „Das Beste und Schlimmste aus 30 mal Magazinmachen“ und kündigt an, dass es bei der Lektüre schön wird „und anstengend. Politisch und traurig. Forsch, rechtlich fragwürdig, poetisch und ekelig“.

Dem kann ich mich nur anschließen. Aber ich fang mal von vorn an. Ihr kennt sicher alle die dollen Bahnhofsläden mit all ihren Zeitschriften. Immer wieder stand ich da und wunderte mich, dass in diesem Wust an Heften, Zeitungen und bedrucktem Papier nichts war, das mich auch nur irgendwie angesprochen hat. Bis ich eines Tages über einen Umweg auf die Zeitrschrift Dummy gestoßen wurde. Dummy ist anders. Dummy ist ein kranker Bastard. Dummy ist jedes Mal anders. Dummy ist Zeitschrift im besten Sinne. Es ist ein monothematisches Heft. Also monothematisch pro Ausgabe. Die Themen sind so wild wie sonderbar, von Sex über Scheiße, Schweizer, Schmerz bis zu Frauen oder Polizei. Dabei wird jede Zeitschrift von einem anderen Art Director gestaltet – das finde ich einerseits fachlich sehr interessant, weil ich immer neue Ideen entdecke, die ich gern aufnehme und weiterverarbeite. Andererseits macht lädt auch jedes Heft zu einer neuen Entdeckungsreise ein zwischen spannenden Reportagen und Fotoserien.

Ja, ich mag das Heft. Und habe es deshalb inzwischen abonniert. Und wer es gleich für zwei Jahre abonniert, der bekommt sogar das hier vorgestellte Dummy-Buch. Und ich kann sagen: Es lohnt sich. Wer neugierig ist, dem rate ich dazu, sich einfach mal ein Heft zu kaufen und reinzuschnuppern. Es lohnt sich (fast) immer!

Arno Schmidt, Der Platz, an dem ich schreibe. 17 Erklärungen zum Handwerk des Schriftstellers

Ein weiteres kleines lustiges Bändchen aus der praktischen Haffmans-Reihe. Hier sind Schmidts Essays versammelt, in denen er sich mit seiner Rolle als Schriftsteller in der (frühen) Bundesrepublik auseinandersetzt. Oft ist es ein seltsamer Mix aus Anspruchsdenken und Verachtung des Staats, von dem er sich wünschte, durchgefüttert zu werden, um Kultur zu erschaffen. Der Band ist ein angenehmer Einstieg in Schmidts Werk, weil man Einblicke in die Eigensicht des Autors bekommt, die beim Verständnis mancher Texte gut weiterhilft. Für den Anfänger ist dieser Band also durchaus zu empfehlen – vorausgesetzt, man findet das Buch noch irgendwo im Antiquariat.

Arthur Schopenhauer, Eristische Dialektik – oder die Kunst, Recht zu behalten

Ein Buch, das schon im Titel Freude macht. Ja, die Beschäftigung mit der eristischen Dialektik ist nicht nur theoretisch ein amüsanter Spaß. Man kann sie darüber hinaus auch selbst aktiv anwenden oder bei – zumindest rhetorisch besser geschulten – Politikern beobachten. Putin zum Beispiel macht sich hin und wieder gegenüber Journalisten den Spaß, genau so mit ihren Fragen umzugehen, wie es Schopenhauer vor bald 180 Jahren für Diskussionen geraten hat.

So gesehen ist es also auch ein praktischer Ratgeber für den Fall, dass man sich hin und wieder argumentativ mit anderen Menschen auseinandersetzen muss. Es sei allerdings nicht verschwiegen, dass es dabei weniger darum geht, wirklich das Richtige zu sagen, sondern einen bestimmten Disput, eine einzelne Diskussion zu gewinnen. Aber dafür ist es wirklich ein empfehlenswerter Spaß!

Arno Schmidt, Griechisches Feuer

Erinnerungen sind schon eine ungewöhnliche Sache. Das eine ist abgespeichert wie in Stein gemeißelt und Bernstein gegossen. Das andere ist so flüchtig wie ein mikrosopischer Tropfen Spiritus auf einem Glastisch.

Die „13 historische Skizzen“, wie das vorliegende Büchlein untertitelt ist, waren tatsächlich mein erster richtiger Schmidt. Ich hatte damals zwar schon einiges Schmidt-Namedropping und den ein oder anderen kurzen Auszug in den Fingern gehabt. Aber erst als ich dieses Hafmanns-Bändchen bekam, in dem dreizehn kurze Essays versammelt sind, die sich mit historischen Begebenheiten beschäftigen, konnte ich richtig reinschnuppern. Ich fand die Ausgabe in einem Antiquariat in Kiel, das ich wiederholt besuchte, wenn ich mittags Zeit hatte. Nach dem stolzen Kauf marschierte ich zu einer Dönerbude in einer Parallelstraße. Die Bude war wie ein langer Schlauch gestaltet, ganz hinten nahm ich Platz und ließ mich hier von TRT Int oder irgendeinem anderen mir unverständlichen Quark beschallt. Dann packte ich die Beute aus, und verliebte mich auf Anhieb in diese Sprache. Ich weiß nicht, ob es jetzt eher überheblich oder verstörend wirkt, aber ich erkannte meine Gedankengänge und -sprünge in diesen verschachtelten, verwurstelten Sätzen wieder.

Männern wird gern nachgesagt, dass sie des Multitaskings nicht fähig seien. Ich möchte nicht beurteilen, wie das in offensichtlicher Hinsicht bei mir ist. Aber ich weiß, dass meine Gedanken eben genau das tun: wildestes Multitasking. Das geht so weit, dass ich bei Alltagsgeplapper meist über ganz andere Dinge nachdenke, als ich gerade rede – und zwar nicht nur über ein ganz anderes Ding, sondern über zig andere Dinge. Deshalb macht es manchmal auch den Eindruck, dass ich stottere, wenn ich nur so nebenher nuschle. Es ist kein Stottern im eigentlichen Sinne, nein, mein Mund kommt nur meinen Gedanken absolut nicht hinterher. Und während ich in Gedanken schon fünf Kapitel weiter bin, verbiegt sich die Zunge noch bei den einleitenden Sätzen.

Ich schweife aus. Aber vielleicht erklärt dieser Kleinversuch meiner verkorksten Gedankenwelt, warum ich dermaßen entzückt war, während ich mir diesen verbrannten Haufen toten Tiers einverleibte. Nur kurz darauf besorgte ich mir eine stärkere Dosis Schmidt.

Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei

Man kann ja über Marx und Engels sagen, was man will. Aber mit der Analyse im Kommunistischen Manifest haben sie bis heute Recht behalten. Und ich räume ein, dass ich es schon etwas erschreckend finde, dass sich das System praktisch seit anderhalb Jahrhunderten nicht wesentlich verbessert hat. Kaum weniger erschreckend ist allerdings die Tatsache, dass in derselben Zeit keine wirklich funktionierende Lösung gefunden wurde. Denn die sozialistischen Diktaturen kann man beim besten Willen nicht als solche betrachten – und ehrlich gesagt habe ich sogar meine Zweifel, dass der Mensch für einen wie auch immer gearteten Sozialismus überhaupt geeignet ist. Aber wer weiß, vielleicht werde ich ja auch noch eines Tages eines Besseren belehrt.
Das ändert aber nichts daran, dass das Manifest aus Gründen der Analyse auch weiterhin eine hochwichtige Quelle bleibt, deren Lektüre jedem politisch interessierten Menschen dringend zu empfehlen ist – sofern er es nicht sowieso kennt.

Edgar Allan Poe, Der Rabe

In diesem Band aus der Haffmans-Ausgabe sind neben Poe-Gedichten – der Titel verrät es bereits – drei Essays versammelt: Heureka, die Methode der Komposition und Maelzels Schachspieler.

Ich mach es kurz: Poes Gedichte sind nicht meine Welt. Mit Ausnahme des Raben finde ich sie alle, sagenwirmalfreundlich: öde. Interessanter sind da die Essays, auch wenn es leider nur drei Stück sind.

Die Methode der Komposition ist bekanntlich eng mit dem Raben verbunden – schildert Poe hier doch, wie er angeblich das Gedicht entwickelt hat. Mehr zum Thema hier.

Malezels Schachspieler gehört meiner Erinnerung nach zu den frühesten Texten, die ich überhaupt von Poe gelesen habe. Warum auch immer. Ich glaube, der Text war mal irgendwo abgedruckt.

Heureka – der Versuch, den Kosmus und seine Entstehung zu erklären – ist durchaus die Lektüre wert, auch wenn er mir stellenweise wie Kraut und Rüben erscheint.

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