Essays, Skizzen und Gedanken

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Christoph Kolumbus, Bordbuch

Ich besitze ja etliche Bücher über die Entdeckungen und Eroberung der Welt – sei es Marco Polo, Cortés und Co. So seltsam diese Einblicke in andere Welten sind, finde ich doch, dass das Bordbuch des Columbus am seltsamsten ist. Es ist eine ganz kuriose Mischung aus Selbstbewusstsein, Größenwahn und doch schimmert auch Unsicherheit hindurch bei der Schilderung einer der für Europa größten Entdeckungen. Jedenfalls kann man spätestens aus heutiger Sicht zum Jahr 1492 sagen, dass nichts mehr wie vorher war; weder für die Ureinwohner des „neuen“ Kontinents noch für Europa und Afrika.

Ernst Ludwig Kirchner, Gemälde 1908–1920

Ich besitze eine ganze Reihe Kunstbücher, die meisten davon habe ich gesondert untergebracht (und werden vielleicht in der Zukunft noch kurz angesprochen, mal schauen). Dieser kleine Band steht aber vor allem wegen seiner Größe bei den normalen Taschenbüchern. Es handelt sich um eine Übersicht über die Ölgemälde eines Künstlers, den ich ganz besonders schätze. Für die Eingeweihten: Ich besaß sogar einmal einen winzigen Druck von ihm, der mir bei einem Umzug geklaut wurde. (Ich finde es bis heute bezeichnend, dass jemand in einem unbeobachteten Moment aus einem Stapel Bilder ausgerechnet das eine gefischt hat, das tatsächlich etwas wert war; hier war also jemand mit Ahnung unterwegs, der mir nie über den Weg laufen sollte.)

Ich betrachte bis heute gern immer wieder die Bilder, ich liebe die Kanten, die sehr bewussten Bögen und Ecken und vor allem – Kirchners Farben.

Hatte ich bereits erzählt, dass ich in der Phase, als ich mich ernsthaft damit trug, Kunst zu studieren, auch ein paar Bilder verkaufen konnte und eines davon eine – ähem – Anleihe an ein Kirchner-Werk war? Gut, ich hab es nicht gefälscht, sondern Farben geändert und auch selbst signiert, aber die Käuferin und ich mochten das Motiv einfach sehr.

Ich sehe schon, ich sollte die anderen Kunstbücher definitiv ansprechen, auch wenn es sich eigentlich selten um Bücher handelt, die man im eigentlichen Sinne von vorn bis hinten liest.

Franz Kafka, Sämtliche Erzählungen

Ja, wer kennt sie nicht, die Klassiker des Versicherungsjuristen Kafka? Ich will es kurz machen: Nicht alles gefällt, aber vieles ist sehr gut. Und auch, wenn ich hier vermutlich längst offene Türen des Mainstreams einrenne, möchte ich betonen, dass Kafka mindestens aus literaturhistorischer Sicht in den Kanon der zu kennenden deutschsprachigen Literatur gehört.

Franz Kafka, Das Schloss

Zu Kafka habe ich eine ungewöhnliche Verbindung. In der Schule, wo Kafka vermutlich bis heute gern missbraucht wird, konnte ich überhaupt nichts mit ihm anfangen, verweigerte mich auch durch die Bank den Interpretationsansätzen meiner Lehrer (was mir sogar einmal eine 5 einhandelte). Wie dem auch sei. Nach der Schule und vor allem während des Studiums fand ich besseren Zugang zum Werk des wohl berühmtesten Autors aus Böhmen.

Das Schloss ist nun einer der Romane – kann man es wirklich Roman nennen? –, das nicht abgeschlossen wurde und in dieser Form eigentlich nicht zur Veröffentlichung gedacht war. So gesehen ist es praktisch ein Über-die-Schulter-Gucken ins Kafkaeske. Leider nimmt diese Perspektive aber auch eine Portion Qualität. Es fehlen Überarbeitungen; das was man hier bekommt, ist noch nicht rund. Umso ärgerlicher, wenn man weiß, was Kafka woanders auf die Beine gestellt hat. Dennoch möchte ich das Schloss empfehlen, zumal es wohl bei nur wenigen Autoren so einfach ist, sich einen Überblick über das Gesamtwerk zu verschaffen wie bei Kafka.

Anna Kim, Anatomie einer Nacht

Die Geschichte, wie ich über Anna Kim gestolpert bin oder vielmehr sie über mich, besitzt einen ganz eigenen amüsanten Charakter. Sie spielt hier aber eine untergeordnete Rolle, wenn man mal davon absieht, dass ich deswegen überhaupt erfahren habe, dass es sie gibt. Nach dieser Begegnung befragte ich jedenfalls das Internet und erfuhr Wundersames über ihre literarischen Fähigkeiten. Insbesondere ein gewisser Vergleich mit dem von mir hochgeschätzten Raoul Schrott überzeugte mich, mir ihr neustes Buch zu kaufen.

And now the tricky part …

Als gelernter Skandinavist habe ich natürlich ein besonderes Verhältnis zu Skandinavien. Das gilt fürs Festland, für die Inseln, aber auch für die dänische Kolonie Grönland, die ich leider selbst noch nicht besuchen durfte. Vielleicht war ja auch der ein oder andere Leser meines Blogs schon einmal in Norwegen oder auf Island und kennt von daher diese tiefen Fjorde mit ihren hohen Bergen und abrupten Ufern. Diese Ufer sind bisweilen sehr eigen, beispielsweise kenne ich aus den isländischen Westfjorden so eine ganz bestimmte Art von Stränden, die aus vielen, vielen runden Steinen bestehen, die total vollgealgt und vollgetangt sind (nicht vollgetankt!).

Was das mit Anna Kims Buch zu tun hat? Gemach, gemach!

In ihrem Buch beschreibt sie die Abläufe einer Nacht in einem grönländischen Kaff an der besonders unwirtlichen Ostküste. Zehn Menschen, so erfährt man bereits im Klappentext, werden sich in dieser Nacht das Leben nehmen. Und ehrlich gesagt ist es mehr als sinnvoll, dass das im Klappentext so deutlich gesagt wird. Im Buch nun sollen die Lebenssituationen, zum Teil auch die Geschichten dieser zehn und manch anderer Menschen dargestellt werden. Und jetzt beginnen die Probleme.

Ich habe keine Strichliste geführt, glaube daher einfach mal, dass in dieser Nacht wirklich zehn Menschen gestorben sind. Aber zusätzlich werden die Lebensläufe oder einzelne Schlaglichter vieler, vieler anderer Menschen geschildert, die sich auch fast alle umgebracht haben. Wenige werden von Dritten abgemurkst, aber Suizid ist das Grundthema, das auf jeder Seite den Ton angibt. Dafür sorgt die Autorin stellenweise mit einer Detailliebe (und Recherchearbeit bei einer Gerichtsmedizinerin), die zwischen fast schon pervers und schnarchlangweilig angesiedelt ist. Das allein ist sicher keine Bewertungsgrundlage für das Buch. Die Art und Weise, wie Kim diesen suizidalen Ton angibt, dagegen schon.

Ich komme noch mal auf die runden Steine aus den Fjorden zurück. Wer so einen Strand schon mal gesehen hat, weiß, dass man kaum zwei Steine auseinanderhalten kann. Und genau das ist das Problem im Buch. Kim hält keine zwei Figuren auseinander. Eine ist wie die andere. Sie unterscheiden sich in dermaßen uninteressanten Details (mal halbgrönländisch, halbdänisch, mal Lehrer, Obdachloser, Jäger), dass sie schon für sich genommen stinkelangweilig sind. Wenn man diese Steinpersonen dann aber auch noch durcheinanderrührt wie mit einem Mixer, mehreren Figuren dieselben(!) Namen verabreicht, dann ist das Chaos perfekt. Sie springt durch Gegenwart und Vergangenheit. Sie hopst von Grönland nach Dänemark und zurück. Von der West- zur Ostküste. Von jenem Haus zu diesem. Von einem Besäufnis zu einem Selbstmord …

Kurz: Es gibt keine, wirklich keine einzige Figur, mit der man sich auch nur mal im Ansatz identifizieren mag. Dementsprechend schnuppe bleibt es dem Leser auch, ob sie sich erschießen, erdrosseln, aufhängen, ersäufen oder sonst wie draufgehen.

Das ist besonders ärgerlich, weil es zwei Elemente gibt, die zeigen, dass Kim durchaus schreiben kann. Das sind erstens einige sehr gute Kapiteleinleitungen. Hier breitet sie wie in einem langen, ruhigen Lied die Szenerie vor den Augen des Lesers auf, dass es Spaß macht, im Text zu versinken (bis dann eben die erste Figur in einer Szene auftritt). Zum anderen sind es einige kluge Gedanken über das Leben sowie über das Verständnis davon im Allgemeinen und im Besonderen auf Grönland.

Ich mag mich täuschen, aber dieses Buch hätte ein besseres Lektorat verdient. Und zwar nicht bezüglich Fehler, sondern hinsichtlich des Aufbaus. Hier hätte jemand kräftig wegstreichen und einen roten Faden herausarbeiten müssen, bevor der Text gedruckt wurde.

Zuletzt bekäme ich gern ein Rätsel gelöst: Ich selbst kenne Islands Augustnächte aus eigener Anschauung. Obwohl die Insel zu 99 % südlich des Polarkreises liegt, bleibt es im Hochsommer durchweg dämmerig, wird praktisch nicht richtig dunkel. Wenn ich bei der Lektüre des Buchs nicht eine ganz brisante Stelle überlesen habe, wird nie gesagt, welche Jahreszeit genau ist. Man weiß aber, dass es nicht der Winter sein kann (die Mädels laufen in dünnen Kleidern herum, immer wieder werden Pflanzen angesprochen, Schnee und Eis dagegen lediglich in der Erinnerung). Gleichzeitig betont Kim unablässig, wie schrecklich finster die Nacht sei. Nun frage ich mich: In welcher Jahreszeit spielt das Buch? Der arktische Winter fällt aus, der Sommer vermutlich auch, weil es dann nicht so dunkel sein dürfte. Hat wer eine Idee? Oder kann wer von einem eigenen Besuch Grönlands berichten?

Elisabeth Lenk, Katharina Kaever, Peter Kürten, genannt der Vampir von Düsseldorf

Serienmörder, ihr meist unauffälliges Verhalten innerhalb der Gesellschaft, das Entsetzen und die Hatz unterliegen meist sehr ähnlichen Abläufen. Der Fall des „Vampirs von Düsseldorf“, der fünf Erwachsene und vier Kinder umgebracht und zum Ende der Weimarer Republik geschnappt wurde, scheint für uns deutsche dennoch ein besonders typischer Fall zu sein. Die beiden Autorinnen haben für den Band aus der Reihe der anderen Bibliothek zahlreiche Unterlagen gewälzt und gut lesbar aufbereitet. Sie lassen ein Bild der Gesellschaft im Rheinland der späten 20er Jahre entstehen, das gut nachvollziehbar ist.
Übrigens hat es bereits früher, quasi zeitgleich eine kulturelle Auseinandersetzung mit diesem Fall gegeben: in dem Film „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ von Fritz Lang.

Stephen Kinzer, Putsch! Zur Geschichte des US-amerikanischen Imperialismus

Wenn es eine Konstante in der amerikanischen Geschichte gibt, dann ist es die Intervention im Ausland. Während der Imperialismus in Form direkter Landgewinne von Beginn an Leitfaden US-amerikanischer Politik war, wurde Ende des 19. Jahrhunderts eine neue Technik entwickelt, sich Einflüsse zu sichern: der Putsch, der „Zwang“ zu intervenieren. Erstmals bei Hawaii angewandt, funktioniert die Technik des Täuschens und Eingreifens immer wieder. Ob Panama, Korea, Kuba, Chile, Vietnam, Laos, Kambodscha, Irak, Afghanistan – immer ging es vorgeblich um Menschenrechte und Demokratie. Hinter den Türen wurschteln aber auffallend wirtschaftliche Interessen von Plantagenkonzernen bis hin zur Ölindustrie herum, um mit militärischen Mitteln Rohstoffe und Einfluss zu sichern. Die Arten des Eingriffs sind zum Teil verschieden voneinander. Die Ziele sind stets dieselben: Einfluss, also der klassische imperialistische Hintergrund.
Stephen Kinzner, seines Zeichens Reporter der New York Times, hat in diesem Buch sehr schön diesen ewig gleichen Mechanismus aufgezeigt und Strukturen freilegt. Sehr empfehlenswert zum Verständnis moderner Zeiten.

Albert Knorr, Marlen Raab, Thorsten Michel, Sacer Sanguis Evolution

Okay, es ist ein bisschen Reklame in eigener Sache, das gebe ich zu. Aber genau genommen folge ich nur meiner Regel: hier zu besprechen, was in meinem Regal steht und was ich gelesen habe. Dieses Werk über die erste Marsmission in 20 Jahren, bei dem ich als Coautor mitgewirkt habe, gehört nun einmal eben dazu. Um nicht einfach doof zu werben, möchte ich aber hier ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern.

Der Band Evolution sticht aus der Wiener Thrillerreihe Sacer Sanguis besonders heraus. Anders als die bisherigen Bücher von Albert Knorr wird hier die Zukunft behandelt. Da sich zur Grundgeschichte inhaltliche Fragen stellten, die der Hauptautor Knorr aus zeitlichen Gründen nicht zu recherchieren vermochte (er schrieb zur selben Zeit an einem weiteren Roman und einem Kinderbuch), suchte er Hilfe.

Marlen Raab und meine Wenigkeit boten sich aus verschiedenen Gründen an. So diskutierten wir also die Grundidee der Geschichte, recherchierten aktuelle Erfindungen, die für eine Marsexpedition eine Rolle spielen werden, überlegten Motivationen der einzelnen Figuren, dachten uns Rätsel aus und sponnen auf diese Weise die Geschichte.
Wenn das Thema angesprochen wird, folgt oft der Reflex: „Ach, ne Science-Fiction-Geschichte, sowas les ich nicht.“
Aber genau das ist es aufgrund unserer Arbeitsweise eben nicht. Alles, was in dem Buch steht, vor allem hinsichtlich der Marsexpedition ist eben gut recherchiert. Hier ist viel Fachwissen von Experten mit eingeflossen (dafür vor allem großes Lob an Marlen Raab, die inzwischen ein Netzwerk aufgebaut hat, über das sie sogar Jesco von Puttkamer kennenlernen und interviewen durfte).

Deshalb legen wir drei großen Wert darauf, dass es ein unterhaltsamer Thriller ist, der auf wissenschaftliche Hintergründe und Fakten aufbaut.

Johann Michael Kühn u. a., Gefangen unter Korsaren. Deutsche Seeleute in der Gefangenschaft algerischer Seeräuber

Bereits des Öfteren habe ich von Büchern aus der Edition Erdmann berichtet. Hier handelt es sich um einen Sammelband, der drei Geschichten deutscher Seefahrer enthält, die im 18. bzw. 19. Jahrhundert in die Hände von Korsaren gekommen und teils erst nach Jahren wieder in die Freiheit gelangen konnten. Oft sehr spannend und eine gute Ergänzung zu Oppermanns Hundert Jahre.
Die Texte beinhalten Erzählungen aus dem Leben von Johann Michael Kühn, Johann Friedrich Keßler und Simon Friedrich Pfeiffer.

Jónas Kristjánsson, Eddas und Sagas

Das ist die Bibel für jeden, der sich für Sagatexte interessiert. Jónas hat akribisch die mittelalterlichen Texte Islands und Festlandskandinaviens zusammengetragen, beschrieben, besprochen und erklärt. Ein Muss, wenn man mehr über die Materie erfahren möchte. Obwohl ich längs damit begonnen habe, Fachbücher aus der Studienzeit zu veräußern, werde ich dieses Buch fraglos noch ein wenig weiter in meinen Regalen wohnen lassen.

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